Der Server namens Paranoia: Verteidigt Autistici/Inventati vor dem 25.9.

Seit fünfundzwanzig Jahren baut ein italienisches Hackerkollektiv eine Kommunikationsinfrastruktur auf, die Zensur, Überwachung und Polizeirazzien überstehen soll. Am 26. August stuften es die Vereinigten Staaten als terroristische Organisation ein. Am 25. September endet die Frist der Abwicklung.

Dieser Text ist eine Übersetzung von «The Server Called Paranoia: Defend Autistici/Inventati Before September 25», vom 27. August 2026, von Sabot Media. Mit kurzem Kommentar und weiterführenden Ressourcen.

Es hätte eine dunkle und stürmische Nacht in einem italienischen Hacklab sein sollen.

Es war, ärgerlicherweise, ein schöner sonniger Sonntag.

Am 3. März 2001 versammelten sich rund zehn Personen im LOA Hacklab in Mailand um einen Computer, der aus ausrangierten Teilen zusammengebaut war. Eine Bank hatte ihnen einen alten Server zum symbolischen Preis von 15.000 Lire, etwa acht Dollar, verkauft. Sie bauten ihn mit ausgeschlachteten Komponenten, auch mit einer Festplatte von einem Heimcomputer, weiter aus. Niemand kam mit einem fertigen Bauplan.

Softwarepakete wurden einzeln in Betracht gezogen. Jede Entscheidung wurde besprochen, bis alle einverstanden waren. Sie setzten bewusst die technisch am wenigsten erfahrene Person an die Tastatur. Der Prozess dauerte viel länger als nötig, weil Effizienz nicht das einzige Ziel war. Alle sollten verstehen, was sie bauten. An diesem Tag, erinnerte sich eine teilnehmende Person später, stellten sie fest: «A/I existiert jetzt.»

Sie nannten den Computer Paranoia. Im darauffolgenden Monat ging er online. Mit zwei Domains und zwei miteinander verflochtenen Geschichten: Autistici.org und Inventati.org. Fünfundzwanzig Jahre später, am 26. August 2026, stuften die Vereinigten Staaten Autistici/Inventati als Specially Designated Global Terrorist (ausgewiesene globale Terroreinheit) ein und setzten sie auf die Liste der Specially Designated Nationals and Blocked Persons (mit dieser SDN-Liste setzt die USA Sanktionen durch. Sie landet global in automatischen Screening-Listen und blockiert und erschwert Geschäfte).

Die Strecke zwischen diesen beiden Ereignissen – von einem recycelten Computer in einem Mailänder Hacklab zu den Mühlen des amerikanischen Sicherheitsstaates – ist die Geschichte eines Kollektivs, das ein Vierteljahrhundert damit verbrachte, auf einem gefährlichen Unterfangen zu beharren:

Personen sollten kommunizieren können, ohne sich zuvor Konzernen oder Regierungen zu unterwerfen.

Die unmittelbare Bedrohung hat jetzt ein Datum. Am 25. September läuft die Frist des US-Befehls aus. Institutionen müssen ihre Beziehungen zu A/I bis dann herunterfahren. Banken, Technologieunternehmen, Hosting-Anbieter und andere Institutionen werden angewiesen, verbleibende Beziehungen zu kappen. A/I baute seine Infrastruktur so, damit sie das Verschwinden eines Servers überlebt. Die Vereinigten Staaten versuchen nun, das Kollektiv wirtschaftlich und technologisch unberührbar zu machen.

Bleib dabei: Wir vertiefen, was A/I ist, zeichnen die Geschichte des autonomen Tech-Kollektivs nach und erkunden, was dieser neueste Angriff für Kollektiv und die breitere radikale Bewegung bedeuten könnte.
Vor A/I: Italiens Internet im Untergrund

Autistici/Inventati erschienen nicht aus dem Nichts. Seine Wurzeln liegen in mehr als einem Jahrzehnt italienischem autonomem Organizing, Piratenradio, Bulletin-Board-Systemen, besetzten sozialen Zentren, antikapitalistischen Bewegungen und Experimenten mit Computern als politischem Werkzeug. In den 1990er Jahren boten Netzwerke wie das European Counter Network und Isole nella Rete sozialen Bewegungen Online-Räume, als das Internet einem Grossteil der Öffentlichkeit noch unbekannt war.

Italiens Hackmeetings brachten Programmierer*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen und technologisch Neugierige in selbstverwalteten Räumen zusammen. Hacklabs ploppten in besetzten Sozialzentren auf, wo die Menschen Linux lernen, Netzwerke aufbauen und technisches Wissen als etwas anpacken konnten, das geteilt und nicht verkauft werden sollte.

Die künftigen Mitglieder von A/I kamen aus verschiedenen Teilen dieser Welt. In Mailand verwendeten die mit dem LOA Hacklab verbundenen Personen den Namen Autistici, um ihre intensive Faszination für Technologie und ihren Wunsch, die darin verborgene Politik aufzudecken, zu beschreiben. In Florenz war das Inventati-Projekt mehr auf Kommunikation, Veröffentlichung und Bewegungsorganizing ausgerichtet. Zu den Projekten gehörten Stampa Clandestina, eine Zeitung, die direkt an die Stadtmauern geklebt werden sollte, und Spia la Spia, ein Versuch, Überwachungskameras an öffentlichen Orten zu kartieren.

Beteiligt waren auch Menschen aus Bologna und anderswo. Viele nahmen an der frühen Entwicklung von Indymedia Italy teil, einem Teil des internationalen Open-Publishing-Netzwerks, das es Demonstrant*innen und gewöhnlichen Personen ermöglichte, über Ereignisse zu berichten, ohne auf professionelle Journalist*innen zu warten, die diese verbreiten. Die verschiedenen Gruppen teilten ein Problem. Bewegungen benötigten zunehmend Websites, Mailinglisten und private E-Mails, aber eine unabhängige Infrastruktur war knapp. Das bestehende European Counter Network trug zu viel von dieser Last.

Kommerzielle Anbieter boten grössere Kapazitäten, aber zum Preis von Geld, Abhängigkeit, Überwachung und drohender Zensur. Im November 2000 schickte Inventati den Mailänder Hacker*innen eine verschlüsselte E-Mail mit der Bitte, sich zu treffen. Die Nachricht war wie aus einem Amateur-Spionagefilm: PGP-Schlüssel, sorgfältig arrangierte Erkennungsmerkmale, eine geheime Zeit und ein geheimer Ort. Dann kamen die Florentiner*innen zwei Stunden zu spät in einem legendären Rostkübel namens General Lee an und hupten vor dem Squat, während die Polizei das Gebäude verwirrt beobachtete.

Als historische Tatsache gilt, dass danach alle in einer Pizzeria namens La Balena assen. Beim Abendessen enthüllten die Personen aus Florenz ihren vermeintlich aufrührerischen Plan:

Einen weiteren autonomen Server bauen.

Es war nicht die Absicht, die bestehende Bewegungsinfrastruktur durch einen neuen zentralen Anbieter zu ersetzen. Sie sollte sich vervielfachen. Wenn es Tausende von autonomen Servern gäbe, so argumentierten sie, könnte kein einziger Überfall oder keine einzige Beschlagnahme die Kommunikation aller beenden. Autistici lieferte einen Grossteil des technischen Wissens.

Inventati brachte Erfahrungen mit dem Publizieren, mit Kulturarbeit und Bewegungskommunikation ein. Zusammen wurden sie zu Autistici/Inventati, in der Regel abgekürzt als A/I. Der juristische anerkannte Verein des Kollektivs hiess Investici, aber A/I wurde nie zu einer konventionellen Organisation. Es gab keinen Koordinator, offiziellen Leader oder ständigen Sprecher.

Beschlüsse wurden kollektiv und nicht per Mehrheiten gefasst. Niemand wurde bezahlt. Ihre Ressourcen stammten aus freiwilligen Spenden, Benefizveranstaltungen und der Arbeit der Menschen, die sie unterhalten. Der Doppelname war beabsichtigt. A/I war eine Kreatur mit Janusgesicht: ein Gesicht technisch, das andere kommunikativ; eines mit Blick auf die Computer, das andere mit Blick auf die Bewegungen, die diese brauchten.

Der Server, der sich aussperrte

Die Geburtsstunde war nicht wirklich glorreich. Am zweiten Tag der Existenz von Paranoia gab wer einen verkehrten Firewall-Befehl ein und befahl dem Computer versehentlich, alle Verbindungen abzulehnen, die nicht von ihm selbst stammten.

Der Server konnte nur mit dem Server kommunizieren.

Das Kollektiv fand dies so passend, dass es den Fehler auf ein T-Shirt druckte. Diese Kombination aus technischer Sorgfalt und gleichzeitiger Weigerung, sich selbst zu ernst zu nehmen, wurde Teil des Charakters von A/I. Spätere Server erhielten Namen wie Tschernobyl, Astio (Groll), Rivolta (Revolte), Contumacia (Versäumnis) und Latitanza (Leben auf der Flucht). Hinter den Witzen steckte eine entwickelte politische Position. Kommunikation soll frei und zugänglich sein. Wissen wächst, indem es geteilt wird.

Software ist nicht neutral, nur weil sie in einer vermeintlich virtuellen Welt steckt. Die Systeme, durch die Menschen sprechen, bestimmen, wer sprechen kann, wer zuhören kann, wem die Aufnahme gehört und wer zum Schweigen gebracht werden kann. A/I begann mit der Bereitstellung von Websites, privaten E-Mails, Mailinglisten, Newslettern und Chats. Seine Dienstleistungen wurden schliesslich um Noblogs, File-Sharing, Audio- und Videokonferenzen, Streaming, anonyme Remailing und andere Kommunikations-Tools erweitert – alles ohne Werbung oder kommerzielle Datenextraktion.

A/I’s Manifest beschreibt das Projekt explizit politisch. A/I ist antifaschistisch, antikapitalistisch und antimilitaristisch. Es fördert Freie Software, Verschlüsselung, Pseudonymität und die unabhängige Zirkulation von Wissen und Kulturarbeit. Es beschränkt seine limitierten, von Freiwilligen betriebenen Ressourcen auf Menschen und Projekte, die im Grossen und Ganzen mit diesen Grundsätzen vereinbar sind, und nicht für Unternehmen, politische Parteien, organisierte Religionen oder Institutionen, die bereits über die Mittel verfügen, sich Gehör zu verschaffen.

A/I war nie ein politisch neutraler kommerzieller Host. Aber Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, ist nicht dasselbe, wie alle Inhalte, die damit übertragen werden, zu erstellen. Politische Nähe ist nicht operative Kontrolle. Einer Person ein E-Mail-Konto zu geben, bedeutet nicht, jede Nachricht zu schreiben, die diese später verschickt. Dieser Unterschied ist von zentraler Bedeutung für den Angriff, der jetzt gegen A/I unternommen wird.

Genua: Infrastruktur unter Beschuss

Nur Monate nachdem Paranoia online ging, kam der G8-Gipfel nach Genua. Viele A/I-Mitglieder waren auch an Indymedia Italien beteiligt. Sie halfen beim Bau des Bewegungs-Medienzentrums, verlegten Kabel, konfigurierten Server und bauten Arbeitsplätze, wo Demonstrierende berichten konnten, was in der ganzen Stadt vor sich ging. Was folgte, war historisch: enorme Demonstrationen, die Ermordung von Carlo Giuliani durch die Polizei, wahllose Schläge auf den Strassen, Folter und Missbrauch in den Barracken von Bolzaneto und der nächtliche Überfall auf die Diaz-Schule.

Offizielle Erzählungen konkurrierten mit Fotos, Aufnahmen und Berichten aus erster Hand, die über eine unabhängige Infrastruktur übermittelt wurden. Genua wurde zu einer der frühesten grossen Demonstrationen, die von ihren Teilnehmer*innen aus fast allen Blickwinkeln dokumentiert wurden und nicht ausschliesslich durch institutionelle Medien.

Für A/I war es auch das, was das Kollektiv später eine «traumatische Taufe» nannte. Seine Mitglieder erlebten gemeinsam die gleiche Gewalt, während sie Systeme aufrechterhielten, dank denen die Beweise für diese Gewalt entkommen konnten. Nach Genua war A/I nicht mehr nur ein interessantes technisches Experiment. Es war zu einer vertrauenswürdigen Bewegungsinfrastruktur geworden.

Die Nachfrage wuchs rasant. Bis 2003 beherbergte A/I mehr als 2.000 User, 205 Websites und 269 Diskussionslisten. Das kostenlose Hosting dieser Dienste wurde untragbar, während kommerzielles Hosting jährlich Tausende von Euro gekostet hätte. Das Kollektiv antwortete mit den KAOS-Touren: reisende Treffen, die Benefizveranstaltungen, Partys, öffentliche Diskussionen und praktische Workshops kombinieren. A/I-Mitglieder brachten den Menschen bei, wie man Server konfiguriert, die Kommunikation verschlüsselt, Videos bearbeitet und verteilt, digitale Archive erstellt und Audio streamt.

Die Touren brachten Geld ein, aber ihr eigentlicher Zweck war die politische Bildung. Das Kollektiv wollte nicht zu einer Gruppe von unsichtbaren Expert*innen werden, die für passive User zaubern. Es wollte, dass die Community die Maschinerie versteht, von der sie zunehmend abhängig war.

Alle nachfolgenden Angriffe auf A/I riefen eine Variation dieser Reaktion hervor:

Enthülle, was passiert ist. Repariere den Schaden. Teile die Lektion. Baue etwas, das noch schwerer zu zerstören ist.
Trenitalia entdeckt den Streisand-Effekt

Die erste grosse rechtliche Konfrontation von A/I fand 2004 statt. Ein Designkollektiv namens Zenmai hatte eine Website erstellt, die die italienische Eisenbahngesellschaft Trenitalia parodiert. Es kopierte das Erscheinungsbild der Website des Unternehmens und prangerte gleichzeitig die Beteiligung von Trenitalia am Transport von Panzern und anderen militärischen Hilfsgütern während der Invasion des Irak an. Trenitalia verlangte die Entfernung der Seite, Schadensersatz und die Veröffentlichung von Mitteilungen in zwei grossen Zeitungen zu einem prognostizierten Preis von etwa 20.000 €. Ein Gericht ordnete zunächst A/I an, die Parodie zu entfernen. Das Internet reagierte, indem es sie überall reproduzierte.

Trenitalia verlangte dann, dass A/I auch Links zu den Kopien entfernt – ein Argument, das die absurde Möglichkeit aufwirft, dass jede Suchmaschine nur schon für die Verlinkung von umstrittenem Material verantwortlich gemacht werden könnte. A/I hat Berufung eingelegt. Am 14. September 2004 entschied das Gericht, dass die Website eine geschützte Satire sei, die in einer sachlichen Kontroverse begründet sei. Die Webseite kehrte zurück, und Trenitalia wurde angewiesen, die Rechtskosten von A/I zu tragen. Es war ein aussergewöhnlicher Sieg für ein kleines freiwilliges Kollektiv. Aber während A/I vor Gericht gegen sichtbare Zensur kämpfte, fand eine gefährlichere Operation ohne seinem Wissen statt.

Die Aruba-Razzia

Zu diesem Zeitpunkt war der Server von A/I beim kommerziellen Anbieter Aruba in Arezzo untergebracht. Am 15. Juni 2004 traf die italienische Polizei auf Befehl eines Staatsanwalts in Bologna in Aruba ein. Die Techniker*innen des Unternehmens schalteten die A/I-Maschine ab und erlaubten der Polizei, Material von den Datenträgern zu kopieren. Die Ermittler*innen kamen zu kryptografischen Zertifikaten und installierten möglicherweise Geräte, die Datenverkehr abfangen können. A/I wurde gesagt, dass die Unterbrechung auf ein elektrisches Problem zurückzuführen ist. Das Kollektiv entdeckte die Wahrheit fast ein Jahr später, und das nur durch Zufall.

Im Mai 2005 wurde A/I angewiesen, den Posteingang des italienischen anarchistischen Schwarzen Kreuzes, Crocenera Anarchica, mitten in einer weitreichenden Untersuchung mit Vorwürfen anarchistischer Verschwörung und Subversion, zu schliessen. A/I hat den Gerichtsbeschluss befolgt und forderte die zugrunde liegenden Falldokumente an. Diese Dokumente enthielten Nachrichten, die die Ermittlung nicht hätten besitzen dürfen. In einer Fussnote war die Erklärung vergraben: Die Polizei war im Vorjahr nach Aruba gegangen und hatte sich Zugang zum Server von A/I verschafft.

Eine Operation, bei der es angeblich um einen Posteingang ging, hatte möglicherweise Tausende von Konten und Zehntausende von Mailinglisten-Abonnent*innen kompromittiert. Unter den Betroffenen waren Anwält*innen und technische Expert*innen, die mit dem Genua Legal Forum zusammenarbeiteten.

Die Polizei könnte daher Zugang zu vertraulichem Austausch über die Strafverfolgung, die sich aus polizeilichem Verhalten beim G8 ergab, erhalten haben. Dieser Verstoss enthüllte eine brutale Wahrheit. A/I konnte seinen eigenen Server betreiben, ihn sorgfältig konfigurieren und sich weigern, Identifizierungsprotokolle aufzubewahren – aber der physische Computer war im Gebäude anderer. Ein kommerzieller Anbieter konnte die Tür öffnen, Inhalte herausgeben und verbergen, was gerade passiert war.

A/I hat den Computer von Aruba entfernt, gereinigt und wesentliche Dienstleistungen wiederhergestellt. In Italien und auf europäischer Ebene wurden Parlamentarische Anfragen gestellt. Das Kollektiv reiste durch Italien und Europa, um das Daten-Leck zu erklären. Am allerwichtigsten: es hat das Netzwerk wieder aufgebaut.
Plan R*: Repression wird Architektur

Das Ergebnis war Plan R*, der im Oktober 2005 ins Leben gerufen wurde: ein Netzwerk „resistenter Kommunikation“. Anstatt die Dienste von A/I auf einen Computer zu konzentrieren, verteilte das Kollektiv verschlüsselte Daten und Funktionen über Server in mehreren Ländern. Öffentlich zugängliche Computer könnten ausgetauscht werden. Dienste könnten sich bewegen, sollte Hardware beschlagnahmt oder ein Anbieter feindselig werden.

Der Verlust eines Knotens würde nicht mehr die gesamte Community blossstellen oder zum Schweigen bringen. R* bedeutete Replikation, Redundanz, Widerstand und andere mit R beginnende Begriffe. Die Architektur wurde nicht nur konzipiert, um mechanisches Versagen zu überleben, sondern auch, um politischen Angriffen standzuhalten. A/I hat nicht behauptet, dass es perfekte Sicherheit garantieren könnte.

Im Gegenteil, sie warnten die User wiederholt, ihre Sicherheit niemals blind einem Anbieter, auch nicht A/I, anzuvertrauen. Sie minimierten Protokolle und identifizierende Informationen, da Informationen, wenn sie gar nicht erst vorhanden sind, schwer beschlagnahmt werden können. Das Kollektiv ermutigte die User, ihre eigene Kommunikation zu verschlüsseln, da selbst die stärkste Serverarchitektur unsichere Einzelpraktiken nicht wettmachen konnte.

Das Kollektiv verwandelte eine verdeckte Überwachungsoperation in eine Infrastruktur-Lektion.

Aus Repression wurde Architektur.
Der Vatikan, ein satirisches Videospiel und Norwegen

Der Druck setzte sich fort. Im Jahr 2007 forderte ein italienischer Politiker Massnahmen gegen _“Operation: Pedopriest“_, ein satirisches Browserspiel, das die Bemühungen der katholischen Kirche, sexuellen Missbrauch durch Geistliche zu verbergen, kritisiert. Die Person, die das Spiel entwickelt hat, entfernte es vorübergehend, um das Hosting-Kollektiv zu schützen. A/I hat dann eine Kopie gehostet.

Nach einer Beschwerde einer nicht identifizierten Kinderschutzorganisation hat ein amerikanischer Provider den gesamten Noblogs-Server abgetrennt. Nach Rücksprache mit Anwält*innen kam dieser Provider zu dem Schluss, dass die Satire in den Vereinigten Staaten rechtmässig sei, und stellte den Server wieder her. Plan R* sorgte dafür, dass das umstrittene Material an anderer Stelle zugänglich blieb und begrenzte die breitere Unterbrechung. Zu diesem Zeitpunkt war A/I zu einem wichtigen Zufluchtsort vor dem aufkommenden kommerziellen sozialen Web geworden. Noblogs bot unabhängiges Publizieren ohne Werbung, Data Mining oder Forderungen, nach Verknüpfung von rechtlicher Identität und allen Aussagen von Menschen.

Zu den Usern gehörten Bewegungsorganisationen, persönliche Schriftsteller*innen, Dissident*innen, Künstler *innen und NGOs, die in gefährlichen Feldern tätig sind. Im Jahr 2008 erhielt A/I den italienischen Winston Smith „Privacy Hero“ -Award für die Schaffung einer freien Kommunikationsinfrastruktur, die trotz knapper Ressourcen, technischer Angriffe und wiederholter gerichtlicher Eingriffe gegen Zensur resistent ist. Dann, am 6. November 2010, kopierte die norwegische Polizei auf Anfrage Italiens die Festplatten eines A/I-Servers.

Die Untersuchung stammte von Drohungen und antifaschistischen Graffiti, die sich gegen Mitglieder der neofaschistischen CasaPound-Organisation richteten. Die Behörden suchten Informationen zu einem einzelnen Posteingang. A/I hatte bereits erklärt, dass es weder Identitätsprofile noch Aktivitätsprotokolle besass, aber die Ermittlung wollten offenbar feststellen, ob dies der Fall war.

Tausende von Konten wurden dabei kopiert.

Plan R* stellte die betroffenen Dienste innerhalb von etwa zwei Stunden an anderer Stelle wieder her. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden funktionierte das Netzwerk wieder wie gewohnt. Die beschlagnahmten Datenträger waren verschlüsselt und lieferten keine nützlichen identifizierenden Informationen. Die Operation wurde in Norwegen zu einem öffentlichen Skandal.

Anwält*innen, Journalist*innen und Technologieorganisationen fragten, warum die norwegische Polizei als Reaktion auf eine spärlich erklärte ausländische Anfrage private Kommunikation von Tausenden Menschen kopiert hatte. Die zugrundeliegende italienische Untersuchung wurde schliesslich fallen gelassen. Wo eine andere Organisation wiederholte Razzien als Beweis für die Unmöglichkeit des Projekts gedeutet hätten, interpretierte A/I sie als Bestätigung für die Notwendigkeit des Projekt. Seine Geschichte ist im Buch des Kollektivs, +KAOS: Ten Years of Hacking and Media Activism, und in der eigenen Geschichte des Kollektivs dokumentiert.
26. August 2026

Der neueste Angriff ist von anderer Dimension. Am 26. August erklärte das US-Aussenministerium Autistici/Inventati als Specially Designated Global Terrorist. Gleichzeitig setzte das Office of Foreign Assets Control (OFAC) des Finanzministeriums A/I unter Executive Order 13224 auf die Liste der Specially Designated Nationals and Blocked Persons.

Dies ist nicht nur eine verdammende Erklärung einer Regierung. Es aktiviert eines der weltweit mächtigsten Systeme der wirtschaftlichen Ausgrenzung. Die Vereinigten Staaten behaupten, dass A/I spezialisierte digitale Architektur, verschlüsselte Kommunikation und Hosting an antifaschistische Gruppen und andere radikale Bewegungen liefert, einschliesslich Organisationen, die bereits von den Vereinigten Staaten eingestuft wurden.

Die öffentliche Ankündigung des Finanzministeriums konzentriert sich auf die Dienstleistungen, die A/I anbietet: im Ausland gehostete Websites, verschlüsselte E-Mails, Chats, Videokonferenzen und die digitale Architektur, die Noblogs unterstützt. Es beschreibt die antifaschistische und antimilitaristische Politik von A/I, seine Praxis der Auswahl von Projekten, die mit dieser Politik vereinbar sind, und die Bereitstellung der von der PKK genutzten Infrastruktur.

Das Finanzministerium behandelt die Bereitstellung dieser Infrastruktur dann als materielle oder technologische Unterstützung für Terrorismus. (Ankündigung des US-Finanzministeriums) Der begleitende Fall des Aussenministeriums geht noch weiter und beschreibt Angriffe, Communiqués und Veröffentlichungen, von denen es sagt, dass sie durch die A/I-Infrastruktur liefen. Zu den Beispielen gehören angebliche Eisenbahn- und Pipeline-Sabotage in Europa, Angriffe auf die Energieinfrastruktur, Rose City Antifa, Widerstand gegen Atlantas vorgeschlagenes Polizeischulungszentrum, Jane’s Revenge und Veröffentlichungen mit Aussagen, die bewaffneten Organisationen zugeschrieben werden. (Bestimmung des Aussenministeriums)

Die öffentlichen Erklärungen der Regierung beweisen nicht, dass A/I diese Aktionen geplant, Ziele ausgewählt, Waffen transferiert, die erwähnten Gruppen geleitet oder das auf seinen Systemen gehostete Material verfasst hat. Sie legen nicht dar, wann A/I von einer bestimmten Handlung erfahren hat oder ob es davon wusste, bevor sie stattfanden.

Stattdessen bringt die Bestimmung ein folgenschwereres Unterfangen voran:

Der Aufbau von Kommunikationsinfrastruktur für radikale Bewegungen kann an sich als Terrorismus behandelt werden.

Diese Theorie zerstört die die Unterscheidung zwischen Anbieter*in und Benutzer*in ; zwischen politischer Affinität und operativer Kontrolle; zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Verschleierung eines Verbrechens; zwischen der Aufrechterhaltung einer Veröffentlichungsplattform und der Erstellung aller damit veröffentlichten Inhalte. A/I hat nie behauptet, politisch neutral zu sein. Es baute Infrastruktur auf, gerade weil radikale Bewegungen irgendwo sprechen, veröffentlichen und sich ausserhalb der Kontrolle von Unternehmen und Staaten organisieren mussten. Die Vereinigten Staaten verwenden diesen Zweck nun als Beweismittel.
Was passiert am 25. September

Da A/I jetzt auf der SDN-Liste steht, muss sein gesamtes Eigentum (oder Eigentumsanteile) innerhalb der Vereinigten Staaten – oder unter Kontrolle einer Person der USA – eingefroren und dem OFAC gemeldet werden. Sofern keine Ausnahme oder Lizenz gilt, ist es US-Bürgern und -Institutionen im Allgemeinen untersagt, Gelder, Waren oder Dienstleistungen im Zusammenhang mit A/I bereitzustellen oder zu erhalten. Die Beschränkungen können Transaktionen betreffen, die durch die Vereinigten Staaten gehen, auch wenn sich die Beteiligten an einem anderen Ort befinden.

OFAC hat eine befristete Erlaubnis erteilt, die noch Transaktionen ermöglicht, die üblicherweise erforderlich sind, um die bestehenden Beziehungen zu A/I bis zum 25. September 2026 um 00:01 Uhr Eastern Time abzubauen. Zahlungen, die dem Kollektiv geschuldet werden, können ihm nicht einfach freigegeben werden; sie müssen auf gesperrten Konten verbucht werden. Nach Ablauf der Frist benötigen betroffene Transaktionen eine zusätzliche gültige Genehmigung. Der 25. September ist daher das Datum, an dem sich amerikanische Unternehmen und Einzelpersonen voraussichtlich von A/I trennen werden.

Zu den Folgen könnten gehören: Der Verlust von

– Bankkonten und Zahlungsabwicklung.
– Mit den USA verbundene Spenden und Fundraising-Dienste.
– Hosting, Cloud-Infrastruktur und Upstream-Netzwerkdienste.
– Domain-Registrierung und damit verbundene technische Dienstleistungen.
– Zertifikats-, Sicherheits- und E-Mail-Zustellungskonten.
– Software und Kommunikationsdienste.
– Beziehungen zu Anbietern ausserhalb der USA, die Angst vor amerikanischen Sekundärsanktionen haben.
– Zugang für Personen in den Vereinigten Staaten, die derzeit die Dienste von A/I nutzen.

Ausländische Unternehmen unterliegen nicht automatisch jedem Verbot, das Amerikaner*innen auferlegt wird. Das OFAC warnt jedoch davor, dass ausländische Finanzinstitute mit Sekundärsanktionen rechnen müssen, wenn sie wissentlich einer eingestuften juristischen Person bedeutende Transaktionen ermöglichen. Diese Warnung kann genauso viel Schaden anrichten wie die direkte Durchsetzung. Eine europäische Bank, ein Registrar oder ein Hosting-Unternehmen weiss möglicherweise nicht genau, was das amerikanische Recht verlangt.

Die Compliance-Abteilung kann einfach entscheiden, dass die Aufrechterhaltung einer Beziehung zu einem kleinen italienischen anarchistischen Kollektiv das wahrgenommene Risiko nicht wert ist. Institutionen orientieren sich häufig über das geforderte Mass hinaus an Vorschriften. Anbieter können Konten schliessen oder Infrastrukturen zurückziehen, auch wenn das Gesetz dies nicht eindeutig vorschreibt. Unternehmen könnten Links entfernen, Korrespondenz vermeiden oder, auch unzusammenhängende, Beziehungen beenden, nur weil der Name von A/I jetzt auf einer schwarzen Liste für Terrorismus erscheint.

So gewinnen amerikanische Sanktionen weltweite Kraft: nicht nur durch Rechtsprechung, sondern auch durch institutionelle Angst.

Diese Einstufung richtet sich an A/I, aber ihre Wirkung wird nicht bei diesem Kollektiv stoppen. Die Infrastruktur von A/I wird von Autor*innen, Organizer*innen, Forscher*innen, Künstler*innen, Bewegungspublikationen und Personen genutzt, die sie gerade deshalb gewählt haben, weil kommerzielle Plattformen unsicher, politisch feindselig oder dazu bestimmt waren, ihre Daten zu extrahieren.

Diese User werden nicht automatisch sanktioniert, weil sie eine A/I-Adresse haben oder auf Noblogs veröffentlichten. Aber sobald der Anbieter selbst auf eine schwarze Liste für Terrorismus gesetzt wird, kann nur schon eine gewöhnliche Verbindung zu einem Risikosignal werden.

Eine Bank könnte eine Zahlung genauer prüfen. Eine E-Mail-Anbieterin könnte die Zustellung zurückstufen oder blockieren. Ein Arbeitgeber, eine Grenzbeamtin oder Ermittler*innen könnten eine Adresse als verdächtig behandeln. Ein*e Journalist*in könnte zögern, sich an eine Quelle zu wenden. Ein*e Forscher*in könnte ein Archiv vermeiden. Eine neue Userin könnte entscheiden, dass es zu gefährlich ist, ein Konto zu eröffnen. Nichts davon verlangt von der Regierung, jede beteiligte Person strafrechtlich zu verfolgen. Die Einstufung kann ihre eigene Atmosphäre der Angst erzeugen.

Das ist ein Grund, warum dieser sonst unerklärliche Schritt für den Staat nützlich sein kann, selbst wenn A/I online bleiben sollte. Frühere Angriffe versuchten, das Kollektiv über bestimmte Computer, Posteingänge und Provider zu erwischen. A/I antwortete, indem es seine Systeme verteilte, seine Festplatten verschlüsselte und weniger Informationen speicherte. Diese Praktiken machten die konventionelle Beschlagnahme und Überwachung weniger produktiv.

Sanktionen greifen eine andere Ebene an: die Beziehungen, die das Bestehen einer Infrastruktur ermöglichen. Anstatt die Verschlüsselung zu durchbrechen, kann die Regierung Banken, Registrare, Rechenzentren, Softwareunternehmen und User unter Druck setzen, die Personen, die sie betreiben, zu isolieren. Anstatt vor Gericht zu beweisen, dass jeder Nutzer eine Straftat begangen hat, kann es die anhaltende Beziehungen kostspielig und rechtlich unsicher machen.

Dies ist eine überwachungsstaatliche Macht, die über private Zwischenhändler*innen durchgesetzt wird. Die Regierung muss nicht in jedem Serverraum einen Beamten platzieren, wenn Compliance-Abteilungen, Zahlungsabwickler und Plattformen dazu veranlasst werden können, das Netzwerk selbst zu überwachen.

Jede Institution zieht ihre eigene schützende Grenze, die oft über das hinaus geht, was das Gesetz vorschreibt. Einige können mehr Ausweisdokumente verlangen, mehr Protokolle aufbewahren, politische Inhalte überwachen oder Projekte zum Schutz der Privatsphäre grundsätzlich ablehnen. Andere schliessen möglicherweise stillschweigend Konten und bieten keine sinnvolle Möglichkeit, Einspruch einzulegen. Die Durchsetzung wird über Unternehmen verstreut, deren Entscheidungen schwer zu sehen, anzufechten oder sogar zu dokumentieren sind.

Der daraus resultierende Schaden beschränkt sich nicht auf Zensur. Es kann die Architektur der Bewegungskommunikation verändern. Kleine autonome Provider können zu dem Schluss kommen, dass die Betreuung kontroverser Communities ein existenzielles Risiko darstellt. Grössere Plattformen können auf die Einstufung als weiteren Grund verweisen, die Identitätsprüfung, automatisierte Moderation und Datenaufbewahrung auszubauen.

User könnten von einer vertrauenswürdigen Bewegungsinfrastruktur zu kommerziellen Systemen migrieren, die einfacher zu überwachen, vorzuladen und zu kartieren sind. Der Staat gewinnt auch dann an Einfluss, wenn er keinen Klartext von den verschlüsselten Datenträgern von A/I erhält: Menschen trennen sich, Provider sammeln mehr Informationen und die sozialen Beziehungen rund um Widerstand werden leichter zu überwachen.

Der Präzedenzfall reicht auch über explizit anarchistische oder antifaschistische Projekte hinaus. Wenn politische Nähe zu Usern, der Schutz von Privatsphäre und das Hosting umstrittener Publikationen zu einem Fall zusammengeführt werden können, wo Infrastruktur an sich Unterstützung darstellt, dann haben verschlüsselte E-Mail-Anbieter, radikale Verlage, Community-Archive, VPNs, föderierte soziale Netzwerke, Rechtshilfeprojekte und andere unabhängige Hosts Grund zur Sorge.

Die unmittelbaren Tatsachen und Gesetze würden sich von Fall zu Fall unterscheiden. Die Gefahr liegt in der Normalisierung der Kategorie: Ein Kommunikationsprovider wird nicht mehr als Vermittler*innen oder Herausgeber*innen mit eigenen Rechten und Pflichten behandelt, sondern als Beteiligte an allen Handlungen, welche die Regierung irgendwem zuschreibt, der*die ihre Systeme nutzt.

Das bedeutet nicht, dass die Einstufung insgeheim alle A/I-User betrifft oder dass alle denkbaren Konsequenzen eintreten werden. Die Regierung hat ihre interne Strategie, die über diese Anschuldigungen hinausgeht, in ihren Ankündigungen nicht öffentlich erklärt.

Aber die Struktur der Handlung ist sichtbar. Sie ersetzt eine eng gefasste Anklage wegen konkret nachweisbarer Handlungen durch eine weit gefasste Sanktion gegen Infrastruktur; verlagert die Durchsetzung vom Gerichtssaal auf ein globales Netzwerk vorsichtiger Institutionen; und macht die Ungewissheit selbst zu einem Kontrollinstrument. Das unmittelbare Ziel mag darin bestehen, A/I auszuschalten. Der breitere Effekt besteht darin, alle, die Kommunikation ausserhalb der Unternehmens- und Staatsaufsicht aufbauen, zu warnen, dass der von ihnen bereitgestellte Unterschlupf als Beweismittel auf sie zurückfallen könnte.
Kann A/I dies überleben?

A/I hat die staatliche Repression schon von weitem kommen sehen.

Die gesamte Infrastruktur des Kollektivs geht davon aus, dass:

– Server beschlagnahmt werden.
– Die Provider mit der Polizei zusammenarbeiten.
– Die Regierungen Informationen über die User verlangen.
– Unternehmen umstrittenes Material entfernen.
– Einzelne Computer und Standorte nicht mehr verfügbar sind.
– Daten und Dienste müssen daher verschlüsselt, verteilt und austauschbar sein.

Diese Vorbereitung ist wichtig. A/I hat seinen Sitz in Italien, nicht in den Vereinigten Staaten. Die Infrastruktur ist international verteilt. Die Dienste werden von technisch versierten Freiwilligen gepflegt. Es vermeidet die Abhängigkeit von einem einzelnen Provider, minimiert identifizierende Informationen und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung bei der Wiederherstellung von Diensten in Notfällen.

Es hat keine Aktionäre, Hauptsitze oder konventionelle Gehaltsabrechnungen. Die relativ bescheidenen Betriebskosten und die Freiwilligenstruktur geben dem Staat weniger der üblichen Angriffspunkte. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass die Website, das Mailsystem oder Noblogs am 25. September einfach verschwinden werden. A/I hat vermutlich die besseren Voraussetzungen, um einen beschlagnahmten oder abgetrennten Computer zu überleben, als fast jedes Kommunikationsprojekt vergleichbarer Grösse.

Aber das ist keine weitere Server-Beschlagnahmung.

Plan R* wurde gebaut, um das Verschwinden von Computern zu überleben. Das allein kann nicht verhindern, dass Banken Gelder sperren, Registrare Domains aussetzen oder Unternehmen weltweit ihre Dienstleistungen einstellen, weil sie Sanktionen seitens der USA befürchten.

Die Einstufung zielt auf das Bindegewebe um die Server herum ab:

– Banken.
– Spenden.
– Domain-Namen.
– Verträge mit Rechenzentren.
– Bandbreite.
– Zertifikate.
– Softwareabhängigkeiten.
– Internationale institutionelle Beziehungen.

A/I hat die technische Isolation schon einmal überlebt. Die Vereinigten Staaten versuchen nun, eine finanzielle und institutionelle Ächtung zu verhängen. Die Kern-Dienste mögen resilient sein. Die Fähigkeit, diese zu finanzieren, die Infrastruktur zu erneuern und am übergeordneten technologischen System teilzunehmen, ist einem erheblich grösseren Risiko ausgesetzt. Was nach dem 25. September passiert, hängt daher nicht nur von der Architektur ab, die die Daten von A/I umgibt, sondern auch von der Solidarität, die A/I selbst umgibt.
Der 25. September ist keine Frist für das Schweigen

Die Einstufung soll isolieren. Die Antwort muss informierte, eigenständige und disziplinierte Solidarität sein. Menschen in den Vereinigten Staaten sollten nicht Spenden improvisieren, Zahlungen verschleiern oder Ressourcen über eine andere Person, Organisation, Währung oder ein anderes Land weiterleiten. Das könnte zu Sanktionen für die Unterstützenden, Vermittelnden und A/I selbst führen. Die Einschränkungen können auch über Geld hinausgehen. Koordinierte technische Unterstützung, Übersetzung, Interessenvertretung, Organisation von Veranstaltungen oder andere Dienstleistungen, die einer eingestuften Organisation zur Verfügung gestellt werden, können ein rechtliches Risiko darstellen.

Aber der 25. September ist keine Frist für das Schweigen. Unabhängige Berichterstattung, Kritik, Protest, Aufklärung und politisches Engagement bleiben möglich. Menschen können die Geschichte von A/I erzählen, die Behauptungen der Regierung prüfen und anfechten, Journalisten und Organisationen der Zivilgesellschaft kontaktieren, öffentliche Materialien bewahren und sich unabhängig gegen die Kriminalisierung resistenter Kommunikationsinfrastrukturen organisieren.
Personen können die Geschichte von A/I erzählen, die Behauptungen der Regierung hinterfragen und anfechten, Kontakt zu Journalist*innen und Bürgerrechtsorganisationen aufnehmen, öffentlich zugängliche Materialien sichern und sich eigenständig gegen die Kriminalisierung widerständiger Kommunikationsinfrastrukturen organisieren.

In der Praxis wird unterschieden zwischen dem eigenständigen Sprechen und Handeln in Bezug auf A/I und der Bereitstellung von Finanzmitteln oder koordinierten Dienstleistungen für A/I. Die genauen Abgrenzungen können kompliziert sein. Alle die Fundraising, Ersatzinfrastruktur, öffentliche Kopien oder direkte technische in Betracht ziehen, sollten qualifizierte Sanktionsberatung hinzuziehen. Ein im Februar 2025 veröffentlichter Leitfaden zu Bürgerrechten, der sich mit materieller Unterstützung) und OFAC-Beschränkungen befasst, warnt zudem davor, dass rechtmässige oder geschützte Aktivitäten dennoch zu Überwachung, Ermittlungen, einwanderungsrechtlichen Konsequenzen oder zivilrechtlichen Verfahren führen können. Unterstützende, die von Strafverfolgungsbehörden angesprochen werden, sollten es ablehnen, Fragen zu beantworten und mit Anwält*innen sprechen.

Dieser Artikel ist Berichterstattung und politische Analyse, keine Rechtsberatung.
Was Unterstützer*innen vor dem 25. September tun können

Erzählt die Geschichte. Teilt die Geschichte von A/I: die Hacklabs, Paranoia, Genua, die Kaos-Touren, den Trenitalia-Sieg, den Aruba-Bruch, Plan R*, Noblogs und die norwegische Beschlagnahmung. Lasst nicht zu, dass die Einstufung der Regierung zum einzigen öffentlich zugänglichen Bericht darüber wird, was A/I ist.

Baut eine öffentliche Koalition zur Verteidung auf. Fordert unabhängige Serverkollektive, Organisationen für digitale Rechte, Hacklabs, Freie-Software-Projekte, radikale Bibliotheken, unabhängige Verlage, Journalist*innenen, Anwält*innen, Forscher*innen und ehemalige User dazu auf, öffentlich zu reagieren.

Sichert das Archiv. Server können beschlagnahmt werden. Domains können ausgesetzt werden. Hosts können in Panik geraten. Erstellt Sicherungskopien der öffentlich zugängliche und historisch wertvolle Noblogs sowie von Manifesten, technischen Dokumenten, rechtlichen Unterlagen und der Bewegungsgeschichte von A/I. Haltet Quell-URLs, Autor*innenschaft, Veröffentlichungsdaten und Abrufdaten fest. Respektiert Datenschutzbestimmungen, Urheberrechte und Löschungsanträge. Greift nicht auf private Konten zu und umgeht keine Sicherheitsvorkehrungen. Die Sicherung von persönlichen Daten, die Archivierung von Forschungsmaterialien und gewöhnlicher Journalismus sind nicht dasselbe wie der öffentliche Betrieb einer Ersatzinfrastruktur; wer die Betreibung einer öffentlichen Kopie in Betracht zieht, sollte sich zunächst qualifiziert beraten lassen.

Dokumentiert over-compliance (Übergehorsam). Dokumentiert Firmen, Banken, Registrare, Plattformen und Institutionen, die Dienstleistungen kündigen oder Material entfernen. Bewahrt Mitteilungen und Korrespondenz auf. Aus den öffentlichen Unterlagen sollte hervorgehen, wie die Einstufung über ihren Wortlaut hinausgeht.

Fordert Antworten. Hakt bei Grundrechtsorganisationen, europäischen Institutionen und Amtsträger*innen nach, ob sie zulassen werden, dass amerikanische Sanktionen ein italienisches Kommunikationskollektiv demontieren. Fragt, welchen Schutz es für europäische Infrastruktur, User und Archive gibt.

Organisiert euch selbstständig. Führt öffentliche Diskussionen über autonome Infrastruktur, Sanktionen, Überwachung und das Terrorismusunterstützungs-Gesetz. Veröffentlicht Erklärtexte. Bringt einander Verschlüsselung bei. Unterstützt Engagement für Grundrechte und gegen Terrorismus-Einstufungen.

Bereitet rechtsmässige materielle Unterstützung vor. A/I hat in der Vergangenheit dank freiwilligen Spenden überlebt, aber US-Unterstützer*innen sollten, solange die Einstufung gilt, ohne klare Genehmigung kein Geld senden oder umleiten. Organisationen, die sich für digitale Grundrechte einsetzen oder Rechtsberatungen machen, können unabhängig rechtsmässige Unterstützungsmechanismen, Lizenzen und mögliches Vorgehen zur Entfernung von Sanktionslisten untersuchen.

Hört aufmerksam auf die öffentliche Reaktion von A/I, aber behaltet eure Unterstützungsarbeit rechtlich eigenständig und unabhängig. Die Statements des Kollektivs sollten die Grundlage für die Beschreibung seiner Geschichte und Umstände sein. Jede koordinierte Kampagne, jeder Fundraising-Kanal oder jede direkte Unterstützung erfordert eine separate rechtliche Einschätzung. Das unmittelbare Ziel ist es, zu verunmöglichen, dass A/I leise verschwindet.
Das Netzwerk namens Solidarität

A/I hat Zensur-Forderungen, verdeckte Polizei-Angriffe, beschlagnahmte Festplatten, feindselige Provider, parlamentarische Angriffe und internationale Ermittlungen überlebt. Der Fall Trenitalia brachte Kopien und einen juristischen Sieg hervor. Das Aruba-Datenleck führte zu Plan R*. Zensur von Providern hat Redundanzen angestossen.

Die norwegische Beschlagnahmung zeigte, dass sich das Netzwerk innerhalb von Stunden erholen konnte. Jeder Versuch, das Kollektiv zu isolieren, hat Wissen über die Funktionsweise von Zensur und Überwachung weiter verbreitet. Jeder Angriff wurde zu einer Gelegenheit, mehr Menschen beizubringen, sich gegenseitig zu schützen. Die Vereinigten Staaten haben diese Geschichte nun in einen globalen Test verwandelt. Es geht nicht nur um das Überleben eines italienischen Hackingkollektivs. Es geht darum, ob der Betrieb der Infrastruktur für radikale Bewegungen an sich als Terrorismus behandelt werden kann; ob Privatsphäre als Verschleierung umdefiniert werden kann; ob die Weigerung, identifizierende Informationen zu sammeln, als Behinderung einer Amtshandlung dargestellt werden kann; und ob ein Provider politisch und rechtlich für jeden Text, jede Taktik und jede Behauptung, die über ihre Computer übermittelt werden, verantwortlich gemacht werden können.

A/I hat fünfundzwanzig Jahre damit verbracht, sich auf den Tag vorzubereiten, an dem ein Server verschwindet. Es weiss, wie man einen Computer ersetzt, einen Dienst verschiebt, verschlüsselte Daten wiederherstellt und wie die Arbeit weitergeht, nachdem die Polizei oder Provider einen Stecker gezogen haben. Die Vereinigten Staaten versuchen gerade etwas anderes. Sie versuchen, Banken, Hosts, Registrare, Infrastrukturanbieter und Unterstützer*innen auf der ganzen Welt dazu zu bringen, das Kollektiv aufzugeben. Ob das gelingt, hängt zum Teil von der Architektur von A/I ab.

Es wird auch von uns abhängen.

Bis zum 25. September: haltet Geschichte fest. Teilt die Geschichte. Baut die Koalition auf. Dokumentiert die Isolationsversuche. Bringt einander Tools bei. Bereitet eine Rechtsverteidung vor. Lasst nicht zu, dass der Staat im Stillen etabliert, dass der Aufbau einer Infrastruktur zum Schutz der Privatsphäre für abweichende Meinungen als Terrorakt gilt. Vor fünfundzwanzig Jahren versammelten sich zehn Leute um einen recycelten Computer und nahmen sich absichtlich zu lange Zeit – weil alle Anwesenden etwas lernen sollten. Das bleibt die Lektion. Überlasst das Wissen nicht den Expert*innen.

Lasst die Infrastruktur nicht an einem einzigen Ort. Lasst die Angegriffenen nicht im Stich.

Der erste Server hiess Paranoia.

Das Netzwerk, das er schuf: Solidarität.
P.S.

Öffentliches Statement von Autistici/Inventati:

Heute wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass die US-Regierung ein kleines, von Freiwilligen geführtes Technologiekollektiv aus Italien mit unverhältnismässigen Sanktionen belegt hat, wie alle in der Erklärung des Finanzministeriums, der Erklärung des Aussenministeriums und im damit verbundenen Executive Order nachlesen kann.

Wir weisen alle in den Erklärungen enthaltenen Vorwürfe zurück und bekräftigen gleichzeitig nachdrücklich unser Bestreben, eine Plattform mit Tools zur digitalen Selbstverteidigung bereitzustellen, die dem Bedarf an freier Kommunikation von Aktivist*innen sowie anderen Einzelpersonen, Gruppen und Vereinen gerecht wird.

Wir werden nicht nachgeben, wir werden weiterhin das tun, was wir all die Jahre getan haben, und wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den falschen Anschuldigungen einer politisch verzweifelten Regierung entgegenzuwirken, welche die einzigen Absicht hat, die Aufmerksamkeit der Menschen und der Medien von ihrer eigenen Gewalt und Kriegstreiberei abzulenken.

Antifaschismus und Antikapitalismus sind kein Terrorismus. Protestieren ist kein Terrorismus. Und alle haben das Recht, sich zu äussern und für Menschlichkeit zu kämpfen.

Bleibt menschlich.

Autistici/Inventati Kollektiv — “Socializing knowledge without establishing power”
weitere Ressourcen

Erklärungen zur Situation vom Kollektiv (Medienmitteilung, Anleitung zur E-Mail-Wiederherstellung, Solidaritätsbekundungen: https://www.inventati.org/campaign

Mastodon-Profil des Kollektivs (für Updates): https://mastodon.bida.im/@cavallette

Status-Monitor der Dienste von A/I: https://kuma.accol.li/status/aimonitor
Zeit für mehr digitalen Internationalismus (Kommentar der Übersetzung

Dieser Angriff auf ein kleines Kollektiv ist unheimlich. Antifaschismus soll als Terrorismus gelten. Und eine Webseite zu ermöglichen, auf der Antifaschismus steht, wird als Terrorismus-Unterstützung behandelt. Diese Ausweitung vergrössert Repressionsgefahr dramatisch. Jetzt wurde A/I getroffen – gemeint sind wir alle.

Tech-Faschismus ernst nehmen
Dieser Angriff soll linke Bewegungen schwächen. Er greift unsere digitalen Abhängigkeiten an. Nehmen wir in als Gelegenheit, um diese Abhängigkeiten sorgfältig anzuschauen. Das sind auch Hausaufgaben auf persönlicher Ebene und für die Zusammenhänge, in denen wir organisiert sind: Wer kann unsere Social-Media-Profile oder Webseiten jederzeit abstellen? Wo können wir uns nicht mehr einloggen, wenn der Mail-Account gesperrt ist? Wo könnten wir auf eine Cloud verzichten? Wo gibts dezentrale Alternativen? Wo sollten wir verschlüsseln? Funktionieren die Backups?

Support your local IT-Kollektiv
Der Angriff zeigt auch, wie wichtig die Arbeit von linken IT-Kollektiven ist. Wir brauchen viele, kleine und spezialisierte aber gut vernetzte solcher Kollektive. Unterstützt eure Kollektive. Gründet 1000 neue.

Für einen digitalen Internationalismus
Die Dienste von A/I werden weltweit genutzt. Sollten sie nicht mehr funktionieren, trifft es gerade Aktivistis in Südostasien besonders empfindlich. Koordinierte Zensur, Überwachung und Angriffe werden weltweit zunehmen. Unsere digitale Verteidigung und Solidarität muss besser und internationaler werden.

Quelle: https://barrikade.info/article/7678