Das große Verlernen: Die wahre Geschichte der Polizei

Warum die Polizei nicht erfunden wurde, um Verbrechen zu bekämpfen – und warum wir unser gesamtes Verständnis von Sicherheit radikal dekonstruieren müssen.

Wir alle wachsen mit demselben gesellschaftlichen Märchen auf: Die Polizei wurde erschaffen, um uns vor Verbrechen zu schützen. Dieses Narrativ beginnt im Kinderzimmer mit Playmobil, setzt sich in Schulbüchern fort und wird jeden Abend in Krimis wie dem „Tatort“ zementiert. Die Polizei gilt als neutraler Schiedsrichter, als der „Freund und Helfer“, der anrückt, wenn das Böse zuschlägt. Dieses Bild ist so übermächtig, dass wir bei jedem Konflikt völlig reflexartig nach dem Staat und der „110“ rufen.

Doch wenn wir die Realität betrachten – die täglichen rassistischen Kontrollen, die Kriminalisierung von Armut, die tödlichen Schüsse auf Menschen in psychischen Ausnahmesituationen wie Mouhamed Dramé in Dortmund –, klafft eine gewaltige Lücke zwischen Mythos und Wirklichkeit.

Um diese Lücke zu verstehen, müssen wir etwas extrem Unbequemes tun: Wir müssen verlernen. Wir müssen die Ursprünge der Polizei betrachten. Denn ein Blick ins 19. Jahrhundert offenbart: Die Polizei wurde nie dafür entworfen, die Sicherheit aller Menschen zu garantieren. Sie wurde erfunden, um Herrschaft, Eigentum und Rassismus abzusichern.

1. Die Erfindung der „Crowd Control“: London und der frühe Kapitalismus

Entgegen der gängigen Meinung war der Auslöser für die Erfindung der modernen Polizei nicht eine plötzliche Welle von Morden oder Diebstählen. Der Auslöser war der Aufstieg des Industriekapitalismus.

Vor der Gründung der London Metropolitan Police durch Sir Robert Peel im Jahr 1829 gab es keine professionelle, staatliche Polizei. Wenn es zu Aufständen, Lebensmittelunruhen oder den ersten Arbeiterstreiks kam, schickte der Staat das Militär. Doch für die neue Klasse der Fabrikbesitzer und Kapitalisten war das Militär ein massives Problem. Das Militär kannte nur zwei Modi: in den Kasernen abwarten oder in die Menge schießen.

Wenn Soldaten aber das Feuer auf streikende Arbeiter eröffneten, erschufen sie Märtyrer. Blutbäder (wie das Peterloo-Massaker 1819) führten zu noch massiveren, wütenderen Aufständen und legten die Produktion tagelang lahm. Die herrschende Klasse brauchte dringend eine neue Technologie der sozialen Kontrolle: Eine zivile, kontinuierlich präsente Kraft, die als Puffer zwischen der Elite und den Massen fungierte.

Die Erfindung der Polizei war die Erfindung der modernen Crowd Control (Massenkontrolle). Die Beamten waren mit Holzknüppeln ausgestattet – Waffen, die Schmerzen zufügten und disziplinierten, aber (meistens) keine Märtyrer produzierten. Ihre Aufgabe war es, den Widerstand gegen die brutalen Bedingungen der neuen Lohnarbeit im Keim zu ersticken, Streiks zu brechen und die neue, verarmte Arbeiterklasse zu kontrollieren.

2. Die Disziplinierung der Armen: Der Norden der USA

In den rasant wachsenden Industriestädten des US-Nordens (wie New York oder Chicago) verlief die Entwicklung Mitte des 19. Jahrhunderts ähnlich. Durch die Industrialisierung und massenhafte Einwanderung entstanden gigantische Slums. Die Eliten entwickelten eine panische Angst vor den sogenannten „gefährlichen Klassen“ – den armen Arbeiter:innen, Migrant:innen und Arbeitslosen.

Die frühen US-Polizeieinheiten verbrachten ihre Zeit fast nie mit detektivischer Verbrechensaufklärung. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die öffentliche Ordnung im Sinne der Fabrikbesitzer durchzusetzen. Das bedeutete konkret: Die Kriminalisierung von Armut. Wer sich der ausbeuterischen Fabrikarbeit entzog, wurde zur Zielscheibe. Die Polizei setzte rigoros Gesetze gegen „Vagabundieren“ (Obdachlosigkeit, Betteln, Herumlungern) durch. Der Staat nutzte die Polizei, um Menschen physisch von der Straße in die Fabriken zu zwingen. Armut wurde nicht als soziales Problem gelöst, sondern als ordnungspolitisches Problem mit dem Schlagstock bekämpft.

3. Herrschaft durch Terror: Die „Slave Patrols“ im US-Süden

Die wohl brutalste historische Wurzel der modernen Polizei liegt in den US-Südstaaten. Hier ging die institutionelle Polizei nahtlos aus den Slave Patrols (Sklavenpatrouillen) hervor.

In der Agrarökonomie des Südens waren versklavte Schwarze Menschen das wertvollste „Eigentum“ der weißen Plantagenbesitzer. Um dieses auf extremer Ausbeutung basierende System aufrechtzuerhalten, brauchte es organisierten, allgegenwärtigen Terror. Die Slave Patrols waren staatlich legitimierte Milizen mit einem klaren Auftrag: Entflohene Sklaven jagen, Sklavenaufstände (aus Angst vor einer Revolution wie in Haiti) präventiv verhindern und jede Bewegung von Schwarzen Menschen außerhalb der Plantagen strengstens kontrollieren.

Nach der formellen Abschaffung der Sklaverei übernahmen die neu gegründeten Polizeibehörden im Süden fast 1:1 das Personal und die Aufgaben dieser Patrouillen. Sie setzten nun die rassistischen „Jim Crow“-Gesetze durch. Das moderne Racial Profiling – die ständige Überwachung, Verdächtigung und Einschränkung der Bewegungsfreiheit von BIPoC – ist kein Betriebsunfall heutiger Polizeiarbeit. Es ist die historische DNA der Institution.

4. Die deutsche Sonderrolle: Statthalter des Kaisers und NS-Terror

Hierzulande halten wir uns oft zugute, eine besonders zivile und „rechtsstaatliche“ Polizei zu haben. Doch die deutsche Polizeigeschichte ist nicht weniger autoritär – sie folgte nur einer etwas anderen, staatszentrierten Logik.

Der bewaffnete Arm des Kaisers Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland die Idee der Polizei als bürgernaher Dienstleister schlichtweg nicht. Der Schutzmann war der bewaffnete „Statthalter des Kaisers“. Er war eine autoritäre Respektsperson, deren Kernaufgabe es war, den unbedingten Gehorsam der Untertanen gegenüber der Monarchie zu erzwingen.

Wen jagte diese Polizei? Weniger Taschendiebe, sondern vor allem politische Feinde. Unter den Sozialistengesetzen Bismarcks baute die Polizei riesige Überwachungsapparate auf, führte schwarze Listen und drangsalierte systematisch Sozialdemokraten, Gewerkschafter und im Zuge des „Kulturkampfs“ auch Katholiken. Gesinnungskontrolle war ihr Kerngeschäft.

Weimar und die Militarisierung nach innen Nach dem Ersten Weltkrieg reagierte der Staat auf die Novemberrevolution und die Aufstände der Arbeiterklasse mit massiver Repression. In der Weimarer Republik wurde die kasernierte „Schutzpolizei“ aufgebaut. Aus Angst vor der eigenen Bevölkerung wurde eine inländische Armee erschaffen – ausgestattet mit Maschinengewehren, Handgranaten und Panzerwagen –, um soziale Proteste notfalls blutig niederzuschlagen.

Der Nationalsozialismus und die Lebenslüge der BRD Dann folgte das dunkelste Kapitel: Die deutsche Polizei musste 1933 nicht erst mühsam durch die Nazis „erobert“ werden. Der ohnehin autoritäre, antikommunistische und antisemitisch durchsetzte Apparat ging willig und nahtlos im NS-Terrorregime auf. Die Kriminal- und Ordnungspolizei war maßgeblich an Deportationen und als Reserve-Bataillone direkt an den Massenerschießungen des Holocausts in Osteuropa beteiligt.

Die größte Lebenslüge der Bundesrepublik ist die der sauberen „Stunde Null“. Eine echte Entnazifizierung fand in den Polizeibehörden nach 1945 faktisch nicht statt. Zehntausende Beamte, die tief in NS-Verbrechen verstrickt waren, zogen einfach eine neue Uniform an und machten in der jungen Demokratie Karriere. Dieses toxische, autoritäre Mindset spürte man sofort: In den 50er, 60er und 70er Jahren drangsalierte die BRD-Polizei wieder genau jene Gruppen am härtesten, die schon immer im Fadenkreuz standen – Linke, Streikende, Sinti und Roma, queere Menschen und später Gastarbeiter:innen.

5. Die Polizei heute: Die Verwaltung des „Überschusses“

Wenn wir diese Geschichte verinnerlicht haben, betrachten wir die Gegenwart mit anderen Augen. Wir verstehen plötzlich, warum die Polizei heute das tut, was sie tut.

Nach der Deindustrialisierung in Regionen wie dem Ruhrgebiet wurden unzählige Arbeiter:innen auf dem Arbeitsmarkt aussortiert. Wir leben in einem System, das massenhaft Menschen produziert, die aus kapitalistischer Sicht „überflüssig“ sind – Arbeitslose, Geflüchtete, Menschen in prekären Lebenslagen oder psychischen Krisen. Die Aufgabe der modernen Polizei ist es, diesen sogenannten „relativen Überschuss“ zu verwalten und räumlich zu kontrollieren. Das geschieht durch das Stigmatisieren ganzer Stadtviertel (wie der Dortmunder Nordstadt) als „gefährliche Orte“, durch Racial Profiling und durch die Erfindung rassistisch aufgeladener Begriffe wie „Clan-Kriminalität“. So rechtfertigt der Staat organisierte Gewalt gegen ohnehin marginalisierte Gruppen.

Fazit: Der Systemfehler ist das System

Die wichtigste Erkenntnis aus dem großen Verlernen lautet: Die Polizei ist nicht kaputt. Sie hat keinen Systemfehler. Sie funktioniert exakt so, wie sie entworfen wurde. Die Polizei versagt nicht, wenn sie Armut kriminalisiert, Klimaproteste räumt oder rassistische Kontrollen durchführt. Verbrechensprävention war nie ihr Hauptzweck. Ihr Zweck war und ist die Absicherung der herrschenden Ordnung, des Privateigentums und rassistischer Hierarchien.

Deshalb laufen kosmetische Reformen stets ins Leere. Bodycams, 16 Stunden Diversity-Training oder interne Beschwerdestellen ändern absolut nichts an der gewaltvollen Kernfunktion dieser Institution. Ein System, das für Herrschaftssicherung gebaut wurde, lässt sich nicht in ein Instrument der sozialen Fürsorge umbauen.

Die Antwort auf diese historische Erkenntnis kann nur Abolitionismus sein. Das bedeutet nicht, dass morgen alle Wachen schließen und Chaos ausbricht. Es ist ein Prozess der radikalen Ressourcen-Umverteilung (Defund the Police). Wenn wir aufhören, Armut, Wohnungslosigkeit und psychische Krisen mit Schlagstöcken und Tasern zu beantworten, und die freiwerdenden Milliarden stattdessen in Housing First, flächendeckende Sozialarbeit und Gesundheitsversorgung stecken, entziehen wir der Polizei schrittweise ihre Grundlage.

Wir müssen verlernen, dass Gewalt Sicherheit schafft. Echte Sicherheit entsteht nicht durch mehr Polizei. Sie entsteht durch soziale Gerechtigkeit.

Quelle: https://gegennarrative.substack.com/p/das-groe-verlernen-die-wahre-geschichte