KZ Buchenwald: Wo Frauen für Hitler ausgebeutet wurden, trainieren heute Neonazis

Extreme Rechte verüben Attacken auf KZ-Gedenkstätten. Täter-Ideologie findet zurück an Opferorte. In Leipzig ist die Lage besonders brisant.

Es soll im Juli vergangenen Jahres gewesen sein, als extreme Rechte hier in der Kamenzer Straße, Hausnummer 10 und 12, den Geburtstag eines Kameraden feierten. Rund 80 Personen waren vor Ort, es spielten Szene-Bands. Ein Treffpunkt für Neonazis, mitten in Leipzig, eine Immobilie im Besitz eines Rechten, der Konzerte und Kampftrainings veranstaltet – das gibt es nicht nur hier, sondern an mehr als 200 Orten in Deutschland, wie die Bundesregierung angibt. Doch dieser Ort ragt heraus. Dass ein bekannter Rechtsextremer das Gebäude seit Jahren besitzt, ist besonders brisant.

Denn in der Kamenzer Straße waren im Hitlerdeutschland mehrere Tausend Gefangene untergebracht. Sie produzierten im nahegelegenen Rüstungsbetrieb HASAG Panzerfäuste, Munition und Granaten für den Angriffskrieg der Wehrmacht. Das Areal im Leipziger Nordosten war eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald.

Hier lebten 5.000 Frauen in Baracken, auf engstem Raum, schliefen auf mehrstöckigen Holzpritschen, bewacht von SS-Männern. Im Keller des Außenlagers gab es kleine, fensterlose Kammern, in die die Frauen zur Bestrafung eingesperrt wurden. Gewalt, Hunger, Krankheiten und Erschöpfung prägten den Alltag. Viele der Frauen wurden bis 1945 nach Auschwitz deportiert.

Wo früher Menschen ausgebeutet wurden, liegt heute ein Gewerbegebiet. Das Haus, das seit 2008 einem bekannten Rechtsextremen gehört, sieht marode aus. Viele Fenster sind kaputt, die Fassade bröckelt, der Haupteingang ist von dichtem Buschwerk versperrt. Der Rest des Geländes ist eingezäunt. Vor einem der rostigen Zäune steht eine Gedenktafel. Als Reporter sich nähern, regt sich auf einmal etwas im Hinterhof des Gebäudes. Einige Männer mit Hoodies und Sonnenbrillen bewegen sich Richtung Zaun, rufen, dass wir uns „verpissen“ sollen. Mit der Presse sprechen will an diesem Tag niemand.

„Das ist wie ein Schlag ins Gesicht“

Mehrfach sollen hier Neonazi-Events stattgefunden haben, Konzerte, Box-Trainings, Feiern. Der Besitzer nennt sich „Ludwig Prinz von Preußen“, soll Vermieter für die Veranstaltungen der Szene sein. Verfassungsschutz und Bundesregierung stufen das Gebäude als „rechtsextrem genutzte Immobilie“ ein.

Einige Gehminuten durch das Gewerbegebiet entfernt liegt das ehemalige Hauptgebäude des HASAG-Rüstungsbetriebs, eine große, rotbraune Ziegelsteinfabrik. Heute ist dort das Umweltforschungszentrum. Direkt daneben befindet sich die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig.

„Wenn wir mit Überlebenden oder Angehörigen zum ehemaligen Außenlager in der Kamenzer Straße gehen, ist das sehr unangenehm“, erzählt Mitarbeiterin Julia Schmidt im Gespräch mit dieser Redaktion. „Man muss ihnen dann erzählen, dass das Gebäude seit Jahren von Rechtsextremen genutzt wird. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht.“
Schmierereien, Beleidigungen, Neonazi-Propaganda – das erleben KZ-Gedenkstätten

Sie und ihre Mitarbeiterin, mit denen wir uns vor Ort in Leipzig treffen, möchten weder mit ihrem richtigen Namen benannt noch fotografiert werden. Zu groß ist die Sorge vor Personen, die in der Kamenzer Straße einkehren.

Die Gedenktafel am ehemaligen Außenlager wurde mehrfach zerstört. Mittlerweile habe das Ordnungsamt große Veranstaltungen untersagt und die Polizei bestreife die Straße täglich, erzählt Schmidt. Diese und viele andere Informationen werden ihr von Aktivisten und antifaschistischen Initiativen zugetragen.

Jeder Vorfall ist eine Straftat – aber auch ein Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur

Was Schmidt und ihre Kolleginnen und Kollegen in Leipzig erleben, ist besonders. Einerseits. Dass ein Rechter den Grund eines Zwangsarbeiterlagers besitzt, ist ein Einzelfall. Andererseits ist die Lage in Sachsen nicht anders als an anderen Orten der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten: Schmierereien, Beleidigungen, Neonazi-Propaganda – das erleben KZ-Gedenkstätten in Deutschland immer wieder. Und in einigen Fällen auch immer häufiger. Jeder Vorfall ist eine Straftat – aber auch ein Angriff auf die deutsche Erinnerungskultur.

„Die Fälle reichen von Sachbeschädigung über geschichtsrevisionistische Äußerungen in der Gedenkstätte oder in deren digitalem Umfeld bis hin zum Tragen entsprechender Kleidungsstücke“, antwortet die Gedenkstätte Sachsenhausen in Brandenburg. Also etwa Pullover oder T-Shirts bekannter Neonazi-Marken.

Fotos zeigen Gedenktafeln, die mit Hakenkreuzen oder „SS“-Runen beschmiert sind. Manchmal entdecken Mitarbeiter Aufkleber von rechtsextremen Gruppierungen, so wie einmal ein Sticker mit einem NS-Symbol und dem Slogan: „In uns brennt die schwarze Sonne“. Andere wieder schicken Postkarten mit menschenverachtenden Botschaften. Sogar zu Brandanschlägen sei es gekommen, hält die Bundesregierung fest.

Unsere Redaktion hat bei den großen Gedenkorten nachgefragt. Im Jahr 2025 hat Sachsenhausen 75 Vorfälle registriert, die aus rechtsextremen Motiven verübt wurden. Auch die Gedenkstätte Buchenwald, zu der das Außenlager in Leipzig gehört, hat für vergangenes Jahr 50 Fälle dokumentiert, mehr als 2023 und 2024 zusammen. Die Gedenkstätten in Hamburg verzeichnen nach eigenen Angaben einen sprunghaften Anstieg für 2025 – 24 Vorfälle, doppelt, teils dreifach so viel wie in den Vorjahren.

Immer häufiger werde versucht, „die NS-Geschichte umzudeuten, Gedenkstätten zur Erinnerung an die NS-Verbrechen und das Opfergedenken als Ganzes zu delegitimieren“, hält das gerade erst von der Regierung beschlossene „Gedenkstättenkonzept des Bundes“ fest. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten, Überlebende der Verbrechen oder deren Angehörige würden provoziert, verunsichert oder bedroht. Die Regierung spricht von einer „neuen Qualität der Respektlosigkeit, ja Verachtung gegenüber den Orten des Terrors und der Entrechtung“. Die meisten Täter demnach: extreme Rechte.

„Insbesondere über die Sozialen Medien werden Geschichtsmythen verbreitet sowie antisemitische und menschenverachtende Äußerungen getätigt“, heißt es. Auf einem Beitrag auf der Plattform „Instagram“ posieren rechte Jugendliche vor den Öfen eines Krematoriums im früheren KZ Buchenwald. Sie kommentieren: „War ein mega Tag“, dazu Trommel-Symbol, Blitz, Deutschland-Fahne. Und Musik einer Rechtsrockgruppe, Songtitel: „Früher war alles besser“.

Vor allem seit 2020, Beginn der Corona-Pandemie, hätten die Aggressionen und Grenzüberschreitungen von Besuchern zugenommen, sagt Sven Riesel, stellvertretender Geschäftsführer Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Was Riesel noch abstrakt umschreibt, benennt Julia Schmidt von der Leipziger Gedenkstätte so: Sie würden teilweise mit Klassen zusammenarbeiten, in denen viele Schülerinnen und Schüler „rechte Einstellungen“ hätten. „Da nehmen uns Lehrerinnen zur Seite, um uns vorzuwarnen, dass drei ihrer Schüler offen rechts sind.“ Doch nicht nur aus Schulklassen, auch aus Erwachsenengruppen kämen zunehmend Provokationen, Gleichsetzungen, Holocaust-Verleumdungen. „Das ist Ausdruck des Rechtsrucks in unserer Gesellschaft“, so Schmidt.

Tatsächlich wachsen die von der Polizei registrierten rechtsextremen Straftaten in Deutschland – auch die Gewalt. Junge Neonazi-Gruppen mobilisieren so stark wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr auf deutschen Straßen. Und mit der AfD wird eine Partei immer mächtiger, in der einzelne Politiker öffentlich die deutsche Erinnerungskultur an den Holocaust angreifen.

Hinzu kommt: steigender Antisemitismus. Judenfeindlichkeit kommt dabei nicht nur von rechtsaußen. Nach dem Terrorangriff auf Israel und den Vergeltungsschlägen im Gazastreifen radikalisiert sich der Protest gegen die israelische Regierung, verhärten sich Aggressionen gegen Juden. Der Soziologe Heitmeyer spricht von einer „Durchrohung der Gesellschaft“, die Kulturforscherin Kohlenberger von einer „neuen Härte“ – und die erreicht auch viele KZ-Gedenkstätten.

Manche Gedenkstätten antworten auch: „Wir haben keine besondere Bedrohungslage“

Nicht im gleichen Maße, wie die Umfrage unserer Redaktion zeigt. Große und etablierte Einrichtungen verzeichnen wachsende Übergriffe und bemerken vor allem ein anderes politisches Klima bei Besuchen und Diskussionen über den Holocaust. Andere sehen keine Veränderungen, manche registrieren nicht einmal Sachbeschädigungen oder Schmierereien. „Wir haben keine besondere Bedrohungslage zu verzeichnen“, schreibt etwa die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

Bayern registriert von 2019 bis 2024 insgesamt 57 antisemitische Vorfälle an KZ-Gedenkstätten. 16 Vorfälle hat die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern als „rechtsextrem“ eingeordnet. Der Großteil wurde mit „politischer Hintergrund unbekannt“ bewertet, da es keine genauen Angaben über die Täter und die Motive der Tat gebe. Manchmal handele es sich um „reinen Vandalismus“, wie eine Gedenkstätte schreibt.

Es geht den Stätten auch um eine intensivere Erinnerungsarbeit etwa an Schulen

Die Einrichtungen fordern mehr Hilfe von der Politik in diesen Zeiten. Und damit verbunden auch mehr Fördermittel. Es geht nicht nur um besseren Schutz der Gedenkorte, wie etwa durch Wachdienste, auch nachts. Es geht den Stätten auch um eine intensivere Erinnerungsarbeit etwa an Schulen oder sozialen Brennpunkten. Das helfe, die verrohten Debatten gerade unter einigen jungen Menschen besser abzufedern.

In Leipzig, wo der Rechte die Immobilie des KZ-Außenlagers besitzt, hat sich der Stadtrat derweil für den Erhalt der Gedenkstätte eingesetzt. Mit einem externen Gutachten wurde das Außenlager in der Kamenzer Straße vor wenigen Wochen unter Denkmalschutz gestellt. Die Besitzer der Liegenschaften sind verpflichtet, den Zustand des Gebäudes zu erhalten, und können ohne Genehmigung keine Veränderungen an der Immobilie vornehmen. Im Besitz des Extremisten bleibt das Haus dennoch vorerst.