Todesopfer rechter Gewalt – Das Leben danach
Auch zu einem rassistischen Mord bei Leipzig wird hier berichtet:
13 Angehörige und Freunde von Todesopfern rechtsextremer Gewalt erzählen von Trauer, Wut, Schmerz und dem Kampf gegen das Vergessen.
Ilona Platzer. Đô˜ Anh Lân. Bernd Köhler. Ramazan Avcı. Als der Fotograf Jasper Kettner 2017 begann, sich mit Todesopfern rechtsextremer Gewalt zu beschäftigen, fiel ihm vor allem eines auf: wie viele dieser Namen er nicht kannte.
Kettner, 45, hatte auf einer Versammlung von Angehörigen der Mordopfer des NSU fotografiert und dort auch andere Angehörige von Opfern weiterer rechtsextremer Morde und Anschläge kennengelernt.
Zusammen mit Ibrahim Arslan, der als Kind 1992 den Brandanschlag von zwei Neonazis auf das Haus seiner Familie in Mölln überlebte und dabei seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter verlor, begann er, nach Angehörigen zu suchen und sie zu porträtieren.
Eine Suche, die nicht ganz leicht war – denn es ist nicht mal klar, wie viele Todesopfer rechtsextremer Gewalt es in Deutschland überhaupt gibt. Die Bundesregierung hat 85 Opfer seit 1990 anerkannt, Recherchen von ZEIT ONLINE und dem Tagesspiegel kommen für den gleichen Zeitraum (Stand 2018) auf 169 Fälle. Für die Todesfälle vor 1990 in der BRD gibt es keine Statistik.
Recherchen über Opfer in der DDR sind noch komplizierter, weil es dort Rechtsradikalismus offiziell nicht geben durfte. In dem Fotobuch Die Angehörigen, das Kettner gemeinsam mit Ibrahim Arslan herausgegeben hat, hat er 37 Angehörige porträtiert.
„Vor allem die Menschen, die in den Achtzigerjahren Freunde oder Familienmitglieder verloren haben, waren froh, dass sich jemand für ihre Geschichte interessierte“, sagt Kettner, „während viele Angehörige der NSU-Opfer sich wünschen, endlich zur Ruhe zu kommen.“
Was die meisten eint, ist der Wunsch nach einem angemessenen Gedenken an die Opfer. Und dass sie selbst, die ihre Partner, Kinder, Geschwister, Freunde verloren haben, zu Wort kommen. Wir haben 13 von ihnen besucht und ihnen zugehört.
„Meine Schwester ist der Mensch, den ich immer noch am meisten liebe.“
Arbnor Segashi, 24, Bruder von Armela Segashi
Am 22. Juli 2016 versucht der 18-jährige Schüler David Sonboly, Jugendliche über soziale Medien nachmittags in das Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München zu locken. Um 17.50 Uhr holt er in einer McDonald’s-Filiale im OEZ eine Waffe aus dem Rucksack und erschießt in dem Restaurant und in unmittelbarer Umgebung des OEZ neun Menschen, alle mit Migrationshintergrund, darunter die 14-jährige Armela Segashi.
Dann tötet er sich selbst. Als Tatmotiv wird zunächst Rache angenommen, da Sonboly, der unter psychischen Störungen litt, gemobbt worden war. Insbesondere Spuren im Internet belegen aber auch seine rechtsextreme Haltung. Seit Oktober 2019 wertet das Bayerische Landeskriminalamt die Tat als politisch rechtsextrem motiviert.
Armela war ein liebevoller Mensch, immer in Bewegung, immer positiv. Egal wie stressig ein Tag war, ich wusste, wenn ich nach Hause komme, ist sie da, und aller Mist ist vergessen. Trotz unseres großen Altersunterschieds von sieben Jahren konnte ich ihr meine Probleme anvertrauen. Sie ist der Mensch, den ich immer noch am meisten liebe.
Und auch wenn ich ihr die Liebe nicht mehr zeigen kann, ist es etwas, das mir bleibt.
An dem Tag, an dem sie gestorben ist, waren wir alleine zu Hause. „Wir gehen gleich ins OEZ“, sagte sie zu mir. Als sie später einfach so gehen wollte, fragte ich sie: „Willst du dich nicht von mir verabschieden?“ Sie meinte: „Ach komm, wir sehen uns heute Abend doch eh wieder“, und lachte. Ich habe sie umarmt, und dann ist sie gegangen.
Ich bin vor dem Fernseher eingeschlafen. Als ich aufgewacht bin, hatte ich Nachrichten auf meinem Telefon, ich solle nicht ins OEZ gehen. Viele wissen ja, dass wir in der Nähe wohnen. Ich habe sofort versucht, Armela zu erreichen, und als das nicht klappte, bin ich sofort los. Da war aber rund um das OEZ schon alles abgesperrt, und ich habe dann auch im Radio gehört, dass geschossen wird. Ich habe Panik bekommen. Du kannst ja nichts machen. Ich bin die Krankenhäuser abgefahren, die ganze Nacht, habe Freunde angerufen, aber niemand konnte was sagen.
Um sechs Uhr morgens ist die Polizei zu uns nach Hause gekommen. Da war ich noch unterwegs, um Armela zu suchen. Mein Vater rief mich an und sagte, ich soll nach Hause kommen, weil es jetzt vorbei ist. Dann hat er aufgelegt. Ich wusste nicht, was das heißt, ich habe es aber irgendwie geahnt. Und als ich nach Hause kam und die ganzen Polizisten gesehen habe, war mir klar, was passiert ist.
Die Zeit danach war die schlimmste Zeit meines Lebens und wird es immer sein. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass dieser Mensch jetzt nicht mehr da ist, von heute auf morgen. Es war ein Kampf, das zu akzeptieren, ein Kampf gegen die Trauer, ein Kampf, meinen Eltern beizustehen.
Uns war anfangs nicht klar, dass der Täter auch rechtsextreme Motive hatte. Einmal habe ich meine Mutter beruhigt, als sie weinte und sagte: „Das waren irgendwelche Nazis.“ Ich habe da nicht daran geglaubt. Ich dachte, wir sind in München, ich werde hier sehr selten mit Ausländerfeindlichkeit konfrontiert. Ich habe versucht, meiner Mutter das auszureden. Aber im Prozess wurde die ausländerfeindliche Gesinnung des Täters ja klar.
Unser Verhältnis zu Deutschland hat sich trotzdem nicht verändert. Meine Eltern sind Deutschland sehr dankbar. Sie sind aus dem Kosovo hierhergekommen und haben sich ein Leben aufgebaut. Ich liebe München, wie ich München vorher geliebt habe. Meine Freunde sind hier, meine Familie ist hier.
Meine Schwester ist hier gestorben. Ich verbinde viel mit diesem Land und werde es immer lieben. Was sich verändert hat, ist dieser Gedanke: Es gibt rechtsextreme Gewalt, jetzt und hier. So etwas kann jeden Tag passieren, und es gibt Menschen, die diese Gewalt befürworten. Ich wünsche mir, dass dieser Hass verschwindet.
Von der Polizei und dem LKA wurden wir nach dem Attentat gut behandelt. Das waren empathische Beamte, sie haben Kontakt gehalten, sind zu uns nach Hause gekommen und haben uns auf den neuesten Stand gebracht. Und uns gefragt, wie es uns geht und ob sie uns helfen können. Da haben wir Glück gehabt.
Mittlerweile geht es uns als Familie besser. Wir haben verstanden, dass wir kaputtgehen, wenn wir nicht weitermachen. Im ersten Jahr ist nichts vorwärtsgegangen. Die ganze Welt um uns herum ist weitergelaufen, und wir standen einfach da. Bis wir entschieden haben, dass es weitergehen muss. Ich habe mit meinem besten Kumpel eine Bar aufgemacht. Wir sind dieses Risiko zusammen als Familie eingegangen, und Gott sei Dank läuft es ziemlich gut.
Armela fehlt mir, jeden Tag. Wenn ich aufstehe. Wenn wir beim Essen am Tisch sitzen und ein Stuhl leer bleibt. Wenn ich heimkomme und mir fast die Frage rausrutscht: „Wo ist Armela?“ Wir reden jeden Tag über sie. Es vergeht auch keine Woche, in der wir nicht weinen oder auch mal lachen, weil wir uns an irgendwelche Situationen erinnern. Wir haben viele schöne Erinnerungen an sie, die wir miteinander teilen. Das verbindet uns noch mehr.
Ich träume noch von ihr, ab und zu. Manchmal sehe ich sie einfach nur im Vorbeigehen, laufe ihr hinterher und erwische sie nicht. Manchmal quatschen wir nur. Im letzten Traum habe ich sie gefragt, warum ich sie so lange nicht gesehen habe. Das fühlt sich so echt an, und dann wache ich auf und bin dann noch kurz in diesem Loch und frage mich: „Warum habe ich nicht weitergeträumt?“
„Ich habe gesagt: ‚Mama, guck mich an, der Stefan kommt nicht wieder.‘ Dann ist sie zusammengebrochen.“
Petra Grage, 55, Schwester von Stefan Grage
Am 19. Februar 1997 schießt der 24-jährige Neonazi Kay D. in Berlin auf den 62-jährigen Klaus Baltruschat, dessen linker Buchladen im gleichen Haus liegt wie die Büros der Marzahner PDS und des damaligen PDS-Politikers Gregor Gysi. Baltruschat verliert durch den Anschlag später seinen linken Unterarm. D. flüchtet.
Als vier Tage später zwei Polizisten seinen Wagen auf einem Autobahnparkplatz kontrollieren wollen, schießt D. und verletzt den 34-jährigen Polizisten Stefan Grage tödlich, seinen Kollegen schwer. D. wird vom Landgericht Lübeck zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gerichtssaal verhöhnte er die Opfer.
Der 23. Februar 1997 war ein schöner, eiskalter Tag mit einem sehr blauen Himmel und Raureif an den Bäumen. Nachdem ich in der Klinik angerufen hatte, setzte ich mich ins Auto und fuhr los zu meiner Mutter. Es war die längste Fahrt meines Lebens, obwohl sie nur eine halbe Stunde dauerte. Trotzdem wäre ich gerne noch jahrelang weitergefahren, damit ich es ihr nicht sagen muss. Ich hatte solche Angst, dass sie mich dann hasst. Kind, hatte sie am Telefon gesagt, dein Bruder ist angeschossen worden, kannst du mal im Krankenhaus anrufen?
Ich bin ein gutes Jahr jünger als mein Bruder, als Kinder haben wir uns oft gezankt, aber ich habe ihn geliebt. In dem Jahr, als er starb, hatten wir gerade angefangen, uns wieder anzunähern. Drei Wochen vor seinem Tod hat er mich besucht. Ich habe Sandwiches für ihn gemacht, die fand er sehr gut. Ich komme bald mal wieder, hat er gesagt. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Er wollte immer Verbrecher jagen. An jenem Tag ist er für jemand anderen eingesprungen. Von dem haben wir nie etwas gehört, dabei muss er doch im Nachhinein sehr froh gewesen sein, dass mein Bruder mit ihm den Dienst getauscht hat.
Mein Vater und der Notarzt waren schon bei meiner Mutter, als ich dort eintraf. Ich sagte: Mama, guck mich an, der Stefan kommt nicht wieder. Dann ist sie zusammengebrochen. Wir haben beide Beruhigungsspritzen bekommen. Wie ich nach Hause gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe nur im Bett gelegen und geheult. Nach einer Woche hat mein damaliger Freund gesagt, jetzt ist es mal gut. Aber nichts war gut. Jeder trauert doch anders. Dafür gibt es keine Anleitung.
Ich bin mit meiner Mutter zusammen dann zum Prozess gefahren. Ich war voller Hass. Ich habe mir vorgestellt, wie ich mit einer Wumme vor dem Gefängnis stehe, wenn der Täter aus dem Knast entlassen wird. Ich musste meine Wut in diese Vorstellung packen, um nicht daran zu ersticken.
Meine Mutter hat viel mit sich alleine ausgemacht, sie hatte kaum Freundinnen. Sie hat nie rumgeheult und sagte, mir geht’s gut, ich hab meinen Fernseher. Aber ich konnte 17 Jahre lang dabei zuschauen, wie sie langsam einging. Jeden Tag war sie am Grab, es ging nur noch um Stefan. Noch Anfang 2014, da hatte sie schon Lungenkrebs, fragte sie mich: Meinst du, ich schaffe es noch, sein Grab zu pflegen, bis es abläuft?
Ich kann mich nicht erinnern, dass mich mal jemand gefragt hat, wie es mir geht. Von meinem damaligen Lebensgefährten habe ich mich getrennt. Einige „Freunde“ haben mir vorgeworfen, dass ich nur noch jammere. Meinen Beruf als Kinderkrankenschwester konnte ich nicht mehr ausüben. Ich habe dann auf einer Pflegestation gearbeitet.
Als sie Kay D. entlassen haben, hat mir keiner Bescheid gesagt. Zum Glück ist meine Mutter vorher gestorben. Sie fehlt mir sehr. Ihre Urne ist jetzt bei Stefan im Grab. Einmal im Monat versuche ich, ihr Grab in Ordnung zu bringen. Doch dann stehe ich davor und kriege keine Luft, ich sage, Mama, ich kann nicht. Und ich schäme mich, dass ich das nicht im Griff habe, es ist schließlich meine Pflicht, ich habe es ihr versprochen.
Zehn Wochen nach ihrem Tod ist auch noch mein neuer Lebensgefährte gestorben. Ich habe alle verloren. Kurz danach bin ich 50 geworden. Ich hatte keinen Durst mehr, keinen Hunger, ich wog nur noch 44 Kilo. Ich habe öfter überlegt, ob ich noch weitermachen soll. Bis heute bin ich krankgeschrieben.
Mit den Antidepressiva kann ich nachts ein bisschen schlafen. Aber ich bin sehr vergesslich. Den Fernseher lasse ich den ganzen Tag laufen. Ich kann die Stille nicht ertragen. Die Ärzte nennen es psychosomatisch. Ich sage, ich habe den Teufel im Leib. Selbst in schönen Situationen wird der Teufel plötzlich wild.
Ich habe Angst vor Menschen. Ich komm aus der Wohnung gar nicht mehr raus. Ich bin gefangen. 22 Jahre war ich nicht mehr auf dem Weihnachtsmarkt oder auf dem Flohmarkt, den ich immer so geliebt habe. Manchmal kommen die Panikattacken erst hinterher, etwa wenn ich es geschafft habe, zum Zahnarzt zu gehen, und wieder zu Hause bin. Dann geht es los: Ich kriege keine Luft mehr, fange an zu zittern, mir wird schlecht. Es ist, als ob das Böse direkt hinter mir steht. Dann fange ich an, um den Wohnzimmertisch herumzurennen. Immer linksherum.
Mein Leben war nach Stefans Tod nie wieder so wie vorher. Da war auch nicht alles super. Aber da hatte man doch ein bisschen Ehre und Würde. Ich verstehe nicht, warum sie es lebenslänglich nennen, wenn sie ihn nach 19 Jahren entlassen. Ich habe lebenslänglich.
„Wir hatten uns bis dahin in der DDR zu Hause gefühlt.“
Jaime Don Antonio, 50, Freund und Schulkamerad von Carlos Conceição
Am 19. September 1987, einem Samstag, kehrt der 18-jährige Mosambikaner Carlos Conceição spätabends aus Magdeburg nach Staßfurt in Sachsen-Anhalt zurück. Sein Heimweg führt am Jugendfreizeitzentrum vorbei, wo an dem Abend Disco ist. Dort ist es zu einem Streit zwischen deutschen Jugendlichen und Mosambikanern gekommen, der sich draußen mit rassistischen Beleidigungen und körperlichen Angriffen fortsetzt.
Conceição gerät in den Streit hinein, und einer oder mehrere der deutschen Jugendlichen werfen ihn über die Brücke in die Bode. Verurteilt wird im Januar 1988 Michael K. zu fünf Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge.
Carlos und ich haben uns schon in Mosambik kennengelernt. Wir lebten damals in einem Übergangsheim für Kinder, ausgewählt aus allen Teilen des Landes, die in der DDR ausgebildet werden sollten. An dem Tag, an dem er mich ansprach, wurden wir gerade von Ärzten aus Mosambik und aus der DDR untersucht. Als ich aus der Untersuchung kam, fragte Carlos mich: „Wie war’s?“ So begann unsere Freundschaft. Dabei hatten wir noch nicht mal dieselbe Muttersprache: Er sprach Changana, ich Sena. Wir verständigten uns auf Portugiesisch. Carlos war ein ruhiger Typ, vielleicht der ruhigste von meinen Freunden aus der Zeit.
Das Austausch-Projekt war eine Idee des damaligen Präsidenten. Nach der Unabhängigkeit brauchte Mosambik junge, gut ausgebildete Menschen. So kam es, dass 900 Kinder ausgewählt wurden, um in der DDR zu leben und zu lernen. Es gab damals in Mosambik viel zu wenig Lehrer und Schulen, ich habe in der dritten Klasse unter einem Baum gelernt, meine Lehrer waren ältere Schüler. Die DDR bedeutete für Carlos und mich eine Chance. Am 19. August 1982 flogen wir dann nach Ost-Berlin. Ich war 13 Jahre alt. Carlos auch.
Wir lebten in Staßfurt in Wohnblöcken, drei für Jungs, einer für Mädchen. Unsere Tage waren komplett verplant, von morgens früh um halb sieben bis abends. Carlos und ich waren nicht in einer Klasse, deshalb sahen wir uns am Wochenende, wenn wir frei hatten. Meistens auf dem Fußballplatz. Wir liebten Fußball.
Unser Leben in der DDR beschränkte sich zunächst auf das Gelände des Internats, das komplett eingezäunt war. Ich erinnere mich, wie anfangs Kinder aus der Stadt am Zaun standen und sehen wollten, wer wir sind. Aber wir durften nicht raus zu ihnen, und sie durften nicht rein zu uns.
Der einzige Austausch, den es gab, waren Klassenpatenschaften, später gab es Patenfamilien, bei denen wir Ostern oder Weihnachten verbringen konnten, um deutsche Traditionen kennenzulernen. Aber einen natürlichen, unüberwachten Kontakt, der auf Neugier basierte, den gab es nicht. Das ist bis heute mein größter Schmerz, wenn ich an die Zeit zurückdenke. Wenn es anders gewesen wäre, würde Carlos vielleicht noch leben.
So aber entstanden absurde Gerüchte in der Stadt. Dass wir Bananen und Apfelsinen bekämen, dass wir Essen wegwerfen, das uns nicht schmeckt. Dazu kam, dass die Versorgung in der DDR mit Kleidung miserabel war, und in den Lieferungen an die Konsumhalle waren wir 900 Kinder nicht miteingerechnet. Aber später, als wir in Betrieben in der Umgebung Ausbildungsplätze bekamen und Ausgang hatten, kauften wir dort auch ein. Es gab immer zu wenig, sodass die Leute Sachen sagten wie: „Ich muss mein Kind wohl schwarz anmalen, damit ich ihm auch eine Jacke kaufen kann!“ Die Atmosphäre wurde immer feindseliger.
An dem Samstag war Carlos in Magdeburg gewesen. Auf dem Heimweg vom Bahnhof kam er an dem Jugendfreizeitzentrum am Ufer der Bode vorbei, wo Disco war, auch einige von uns waren dort. In dem Moment kamen Jugendliche aus dem Club, deutsche und mosambikanische, sie stritten, es fielen rassistische Wörter. Carlos war erst gar nicht involviert, aber es kam zu einem Handgemenge, an dem mehr als 20 Personen beteiligt waren.
Als einer der Deutschen Carlos über das Brückengeländer in die Bode warf, kam ihm niemand zu Hilfe. Seine Leiche wurde erst am nächsten Tag gefunden. Es hieß, er sei ertrunken, aber ich glaube, er hat sich durch den Sturz das Genick gebrochen. Die Bode war an der Stelle nur 90 Zentimeter tief.Uns hat danach niemand richtig informiert. Wir haben angefangen zu rebellieren, wir wollten natürlich wissen, was passiert war. Als dann endlich Vertreter der Stadt zu uns kamen, war die Stimmung sehr schlecht. Wir haben nur noch durcheinandergeschrien.
Später durfte ich mit ein paar anderen bei dem Prozess gegen den Täter zuschauen. Wir machten uns Notizen, aber als wir in die Schule zurückkamen, wurden sie uns abgenommen. Ich habe auch mit Freunden einen Brief an Carlos’ Eltern geschrieben, um sie zu informieren. Aber wir haben keine Antwort bekommen. Ich denke, die Briefe wurden abgefangen. Über den Tod von Carlos wurde einfach geschwiegen.
Wir hatten uns bis dahin in der DDR zu Hause gefühlt. Ich weiß noch, einmal schauten wir im Internat ein Fußball-Länderspiel, DDR gegen Portugal. Die DDR führte 1 : 0, als ein Erzieher reinkam und fragte: „Na, wer gewinnt?“ Und wir riefen: „Wir! Wir führen!“ Nach Carlos’ Tod hat sich das verändert. Das „wir“ war weg. Es fühlte sich an, als sei man ein Kind, das seinen Eltern vertraut, und dann erhebt der Vater plötzlich die Hand und schlägt zu.
„Ich hätte nur einmal sagen müssen: ‚Ja, ist okay.‘ Aber vielleicht wäre dann jemand anderes gestorben.“
Micha*, 45, Freund von Torsten Lamprecht
Am 9. Mai 1992 fahren gegen 23 Uhr circa 60 Besucher eines Magdeburger Skinhead-Treffpunkts zum Restaurant Elbterrassen, wo eine Feier der Punker-Szene stattfindet. Unter dem Ruf „Heil Hitler!“ stürmen sie, bewaffnet unter anderem mit Baseballschlägern, Gaspistolen und Zaunlatten, das Gelände. Dabei wird Torsten Lamprecht, 23, genannt „Lampe“, durch Schläge auf den Kopf so schwer verletzt, dass er stirbt. Andere erleiden zum Teil schwere Verletzungen.
Wer den tödlichen Schlag führte, kann nicht geklärt werden. Die höchste Freiheitsstrafe, vier Jahre wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung, erhält der 24-jährige Frank F.
Lampe lebte bei mir im Viertel. Er war fünf Jahre älter als ich und gehörte schon zu DDR-Zeiten zu den Punks in Magdeburg. Als ich selbst Punker wurde, in der Wendezeit, so mit 15, sprach er mich in der Kaufhalle an: „Ey, du, willst du nicht mal grüßen, oder was?“
Das war typisch für ihn. Seine Sprüche waren seine Weise, die Dinge leichtzunehmen. Lampe war groß und breitschultrig, aber eine zarte Seele. Er gab sich gern als großer alter Punk. Dabei war er noch so jung.
Von da an sahen wir uns regelmäßig. In dieser Zeit änderte sich was in Magdeburg. Innerhalb weniger Wochen waren plötzlich viele meiner Freunde Nazis. Nazi zu sein war die moderne Jugendkultur. Wir Punks versuchten, möglichst normal auszusehen. Wobei: Normal hätte bedeutet, wie ein Skin auszusehen. Neutral trifft es besser. Ich bin meist nur noch einkaufen gegangen, wenn Fußball war, weil die Skins im Stadion waren und die Gefahr eines Überfalls geringer war.
Es war normal, dass abends auf der Straße ein Auto neben einem hielt und vier Leute raussprangen. Dann war man entweder schnell genug weg, oder man war dran. Auch mir ist das passiert. Nach den Wochenenden haben wir uns nicht gefragt, ob es einen von uns getroffen hat, sondern wie viele und in welchen Krankenhäusern sie liegen.
An dem Tag des Überfalls waren Lampe und ich zu einer Geburtstagsfeier in den Elbterrassen eingeladen. Die Feier sollte groß werden, daher hatte ich keine Angst, dass die Nazis kommen. Lampe dagegen hatte ein komisches Gefühl. Er wollte nicht mit. Aber ich hatte keine Lust, allein hinzugehen.
Ich musste ihn richtig überreden. Es war dann auch eine schöne Feier, wir haben getrunken und getanzt. Irgendwann sagte Lampe, lass uns gehen, hier stimmt was nicht. Aber ich wollte nicht. Und er wollte nicht allein nach Hause laufen. Also blieb er. Und dann kam der Angriff.
Es hat gedauert, bis ich kapiert habe, was los war. Das waren wahrscheinlich nur wenige Sekunden, aber mir kam es endlos vor. Ich war mit Lampe und einem Freund auf der Tanzfläche, als ich plötzlich niedergeschlagen wurde. Ich dachte erst etwas erstaunt, der Freund habe mich umgeboxt. Auf einmal lag Lampe neben mir, und als ich aufschaute, sah ich einen Skinhead vor mir, mit einer Eisenstange über dem Kopf.
Ich konnte ihn wegstoßen und bin wohl nach hinten raus. Was dann genau passierte, kann ich nicht mehr sagen. Als ich wieder bei dem Lokal der Elbterrassen ankam, war der Krankenwagen schon da, und Lampe wurde medizinisch versorgt. Ich habe noch kurzzeitig seinen Kopf gehalten. Er war völlig zertrümmert.
Einige von uns gingen nach dem Begräbnis zu Lampes Mutter. Ich konnte es nicht. Ich hätte ihr nicht in die Augen sehen können. Ich hatte Lampe überredet. Diesen Vorwurf habe ich mir immer gemacht. Das war tief in mir. Ganz, ganz lange. Ich hätte einfach nur einmal sagen müssen: Ja, ist okay. Aber vielleicht wäre dann jemand anderes gestorben.
Wir Punks sagten uns danach: Wir haben uns jahrelang die Fresse einhauen lassen. Es reicht. Wir sind von da an offensiver geworden. Wenn uns die Nazis entgegenkamen, haben wir sie angegriffen. Die Nazi-Szene war kleiner geworden, viele hatten Angst, die Polizei ermittelte in ihren Reihen. Wir hatten Oberwasser, bis zu den Himmelfahrtskrawallen 1994, als rechtsextreme Jugendliche Afrikaner durch die Stadt gejagt haben. Das war der erste große Auftritt der Rechtsextremen nach den Elbterrassen.
Ich war noch lange in der Szene. Mit Ende 20 habe ich eine Ausbildung zum Erzieher gemacht, und während eines Praktikums in einer Kita war ich mit einer Gruppe Kinder unterwegs, als mich zwei betrunkene Skins anpöbelten. Einer wollte mich umhauen, der andere hat ihn mit Blick auf die Kinder zurückgehalten. Abends saß ich zu Hause und dachte: Okay, ich kann weiter Punk sein, aber dann komme ich nicht voran und gefährde sogar andere damit, vierjährige Kinder! Diese Verantwortung wollte ich nicht tragen. Oder nein: Ich wollte Verantwortung tragen, für mich, mein Leben und für andere Menschen. Am selben Abend noch habe ich meinen Iro abgeschnitten.
Ich möchte hier anonym bleiben. Die Gesellschaft entwickelt sich in eine Richtung, in der ich Angst vor der Zukunft bekomme. Mich wundern die Wahlergebnisse im Osten nicht. Mich wundert, dass die Medien erst jetzt eine Verrohung des Diskurses entdecken. Diese Verrohung war hier immer da.
In jeder Kneipe, in jeder Frühstückspause, auf jeder Familienfeier hat man Sprüche gehört wie „Wir brauchen wieder einen Führer“ oder „Früher wären die ins Lager gekommen“. Damals blieb das im Frühstücksraum, jetzt schreiben sie es auf Facebook. Das ist der einzige Unterschied.
* Name von der Redaktion geändert
„Es war schrecklich, den Tätern während des Prozesses in die Augen zu schauen.“
Noémia Fontinha, 67, Witwe von Nuno João Fontinha Lourenço
Nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Kroatien bei der WM fahren am 4. Juli 1998 acht Männer durch Markkleeberg, Sachsen, weil sie sich durch Prügeleien mit Ausländern abreagieren wollen. Einer äußert, „Ausländer hacken“ zu wollen.
Sie bemerken fünf portugiesische Bauarbeiter, die auf dem Weg zum Arbeiterwohnheim Großdeuben sind, und schlagen mit Rufen wie „Die schnappen wir uns!“ auf sie ein. Der 21-jährige Andreas S. reißt Nuno Lourenço zu Boden und tritt mit seinen mit Stahlkappen verstärkten Springerstiefeln mehrmals kräftig gegen seinen Oberkörper und seinen Kopf. Nuno Lourenço stirbt am 29. Dezember an den Spätfolgen der Tat. Andreas S. wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Jugendstrafe von vier Jahren verurteilt.
Den Angriff auf meinen Mann habe ich am Telefon miterlebt. Ich war zu Hause in Portugal und er in einer Telefonzelle in Deutschland. Wir sprachen über die bevorstehende Kommunion unserer ältesten Nichte. Plötzlich hörte ich übers Telefon laute Geräusche und grölende Stimmen. „O mein Gott, sie bringen mich um!“, hörte ich meinen Mann sagen. Und dann war es still.
Mein Mann hieß Nuno João Fontinha Lourenço und wurde im Mai 1949 in Mondrões geboren, im selben Dorf, in dem auch ich geboren bin und bis heute lebe. Wir kommen beide aus armen Familien. Meine Schwiegermutter hatte meinen Mann unehelich zur Welt gebracht, in der damaligen Zeit eine sehr schwierige Ausgangslage für alle Beteiligten.
Schon mit zehn Jahren verließ mein Mann unser Dorf, um zum Arbeiten nach Lissabon zu gehen. Er kam nur noch zu Weihnachten und im Sommer für ein paar Tage ins Dorf zurück. Von Anfang an schickte er seiner Familie Geld, übernahm Verantwortung für seine Mutter und seine vier jüngeren Geschwister, die einen anderen Vater haben. Auch nach unserer Hochzeit war er immer ein verantwortungsvoller, liebevoller Ehemann und für unsere beiden Söhne ein fürsorglicher Vater.
Kennengelernt habe ich meinen Mann bereits als Kind, sonntags in der Kirche. Viel mehr als unsere Vornamen wussten wir aber nicht voneinander. Irgendwann, kurz vor seinem Militärdienst in Angola, bekam ich einen ersten Brief von ihm aus Lissabon, in dem er mich fragte, ob er mich von der Kirche nach Hause begleiten dürfe, wenn er nach Mondrões käme. So begann unsere Beziehung. Eine Fernbeziehung. Ich war damals 17 und er 19. Ich war sehr angetan von ihm. Er war ein schöner Mann mit braunen Haaren und blauen Augen. Er war der erste und einzige Mann, den ich in meinem Leben hatte.
Dann wurde er zum Militärdienst nach Angola eingezogen. Dort tobte der Unabhängigkeitskrieg. 36 Monate blieb er in Angola. Jede Woche schrieb er mir. Es waren sehr zärtliche, süße Briefe. Damals konnten Soldaten über den staatlichen Rundfunk ihren Familien Grüße von der Front schicken. Dann schaltete ich das Radio ein und hörte seine Stimme. Das war für mich wie ein Feiertag. Bei dem Gedanken daran muss ich heute noch schlucken. Ich vermisse ihn sehr.
Geheiratet haben wir am 29. Dezember 1973. Mein Mann war immer wieder als Bauarbeiter für ein paar Monate im Ausland. Eigentlich reichte es mir, ich wollte nicht, dass er nach Deutschland ging, als er das Angebot bekam, dort als Bauarbeiter zu arbeiten.
Während des Prozesses in Leipzig habe ich den Richtern gesagt: „Mein Mann hat den Krieg in Angola überlebt, aber nicht seinen Einsatz als Bauarbeiter in Deutschland.“ Den Prozess habe ich als Nebenklägerin verfolgt. Es war schrecklich, den Tätern in die Augen zu schauen. Wie können Menschen so grausam sein?
Nach dem Telefongespräch, in dem ich den Angriff mitbekommen hatte, schnürte sich mein Hals zu. Ich wusste: Etwas Schlimmes war passiert. Was aber tatsächlich geschehen war, erfuhr ich erst Tage später.
Als mein Mann zurückkam, litt er unter Depressionen und Ängsten, sagte immer wieder: „Sie töten mich, sie töten mich! Lass mich bitte nicht allein!“ Wir mussten ihn mehrfach in die Psychiatrie einweisen, er hatte Schlaf- und Essstörungen, ich musste ihn wie ein Baby mit dem Löffel füttern. Schließlich konnte er sich gar nicht mehr bewegen.
Seine Bettlägerigkeit führte zu einer Lungenentzündung, an der er am 29. Dezember starb. Es war der Tag unserer Silberhochzeit. Pater João Parente, der uns getraut hatte, nahm die letzte Salbung vor. Danach weinte er. Ich hatte Pater João nie zuvor weinen sehen.
Wir sind eine katholische Familie. Unsere Liebe Jungfrau und Jesus Christus haben uns immer wieder beschützt und Kraft gegeben. Aber der Tod meines Mannes hat unseren Glauben auf eine Probe gestellt. Meine Söhne und ich selbst sind immer wieder in schwere Depressionen verfallen. Wir nehmen seit Jahren Antidepressiva.
Mein jüngerer Sohn Marco ist jetzt 40. Sein Vater ist in seinen Armen gestorben. Seitdem zieht er sich zurück. Er hat Schwierigkeiten, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Geheiratet hat er nie. Er will allein sein, allein schlafen, allein leben.
„Geh doch mal wieder in die Kirche, da bist du doch früher auch immer hingegangen“, sage ich ihm immer. Doch er antwortet: „Was soll ich da? Wenn es Gott gäbe, hätte er nicht zugelassen, dass mein Vater umgebracht wird.“
Ich bitte darum, dass Gott uns beisteht und unserer Familie Kraft spendet. Ich will den Glauben nicht verlieren. Wenn ich Gott nicht mehr habe, was bleibt mir dann noch?
„Mein Bruder hat mir, das sage ich mir immer wieder, das Leben gerettet.“
Robert Höckmayr, 51, Bruder von Ilona und Ignaz Platzer
Am 26. September 1980, neun Tage vor der Bundestagswahl, explodiert am späten Abend in einem Abfalleimer am Eingang des Oktoberfests in München eine Bombe. Die Explosion tötet zwölf Menschen, darunter die 7-jährige Ilona Platzer und ihren ein Jahr jüngeren Bruder Ignaz. Mehr als 200 Menschen werden verletzt, viele verlieren Gliedmaßen.
Auch der Attentäter, der 21-jährige Gundolf Köhler, stirbt. Köhler war Mitglied der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ gewesen, einer rechtsextremen Vereinigung, die Anfang 1980 wegen Verfassungsfeindlichkeit verboten worden war. Trotz Spuren in rechtsextreme Kreise und Hinweise auf Mittäter wird die Tat lange als alleinige Tat Köhlers gewertet. 2014 ordnet der Generalbundesanwalt die Wiederaufnahme der Ermittlungen an, die noch nicht abgeschlossen ist.
Meine Geschwister und ich haben eine strenge, aber schöne Kindheit gehabt. Wir konnten uns frei bewegen, haben viel gemeinsam gespielt, im Hof oder im Wald. Willi war der Älteste, dann kam ich, die anderen riefen mich Robbie. Dann meine Schwester Elisabeth, gerufen Sissi, dann Ilona und dann Ignaz. Mein Vater war Schrotthändler, meine Mutter Hausfrau und hat nebenbei geputzt. Mit fünf Kindern in München-Hasenbergl, auf der untersten sozialen Stufe, ist man froh, wenn man über die Runden kommt.
Während einer Kindheit in so einem Ghetto sieht man viele Schlägereien. Wenn Betrunkene sich gestritten haben, hat man Abstand gehalten. Wenn einer am Boden lag, wollte ich immer helfen. Aber als Kind kann man nicht helfen. Aus dieser Erfahrung heraus wollte ich Feuerwehrmann werden. Weil ich Menschen helfen wollte. Aber nach dem Attentat konnte ich nicht mehr Feuerwehrmann werden.
Unsere Eltern hatten gespart, um uns den Abend auf dem Oktoberfest zu ermöglichen. Um fünf Uhr sind wir hingefahren. Wir sollten die Wiesn bei Nacht sehen, durften Fahrgeschäfte fahren und haben sogar Zuckerwatte bekommen. Als wir zum Ausgang gehen und dort nur schnell noch Papier am Abfalleimer wegschmeißen wollten, gab es auf einmal einen Knall. Eine Stichflamme ging nach oben weg, dann war alles totenstill. Ich wurde durch die Luft wegkatapultiert und bin auf meinen Brustkorb aufgekracht. Dass ich schwer verletzt war, habe ich nicht gespürt. Ich hatte kein Körpergewicht mehr, wie ein Astronaut, schwerelos.
Ich sah überall nur diese Menschen daliegen, habe aber nicht verstanden, was da passiert ist. Eine Frau, die mit ihrem Hund im Arm dalag. Einen Mann mit abgetrennten Gliedmaßen. Ich habe beiden gesagt, ich hole Hilfe. Dann sah ich meine Schwester Ilona. Ihr Körper war aufgerissen, vom Hals bis zum Unterleib.
Sie sagte zu mir: „Es tut so weh.“ Ich habe versucht, ihren Körper zusammenzuhalten, aber es rutschte mir alles durch die Finger. Sie ist direkt verstorben. Dann sah ich Ignaz, er hatte oben in der Stirn ein Loch, der hat nur in den Himmel gestarrt und sich nicht mehr bewegt. Er hat mir, das sage ich mir immer wieder, das Leben gerettet. Wenn er nicht vor mir gestanden wäre, hätte mir ein Splitter die Brust kaputt geschlagen. So hat der Splitter mich zwar getroffen, aber nicht mit dieser Wucht. Die hat mein Bruder abgefangen.
Ich wurde zu einem Sammeltransporter gebracht. Zuerst wurden diejenigen mit abgetrennten Gliedmaßen abtransportiert. Bei mir hat man nichts gesehen, weil alles unter der Kleidung war. Und so lag ich da und habe alles gesehen. Betrunkene sind über uns drübergestolpert und haben gesagt, wir sollen gefälligst daheim pennen. Die merkten gar nicht, dass der Mensch tot ist. Denen kann ich nicht bös’ sein, die wussten gar nicht, was da abgegangen ist.
Ich konnte das erst verarbeiten, als ich erwachsen war. Man kann das nicht für immer verdrängen. Ich wollte gesund werden und mein Leben selber gestalten. Ich habe da einen Stolz entwickelt. Egal was passiert ist, ich lasse mich von niemandem runtermachen.
Leider musste ich mich lange als Hilfsarbeiter durchschlagen, weil mir aufgrund meiner kaputten Füße, einer Folge des Anschlags, niemand Arbeit geben wollte. Erst seit 2009 habe ich einen geregelten Job, im Stadtarchiv. Ich bin mit meiner Frau seit über 30 Jahren zusammen, wir haben auch drei Kinder großgezogen. Ich habe das getan, was ich machen konnte, in meinem Leben.
Meine andere Schwester hat sich 14 Jahre nach der Tat das Leben genommen. Und 2008 mein Bruder Willi, an seinem Geburtstag. Beide haben zu mir gesagt, sie können nicht mehr. Ich habe gesagt, sie sollen aufhören mit dem Schmarrn, das Leben geht weiter. Aber für sie ging es nicht weiter. Man kann da nicht helfen. Wie soll man über ein Thema reden, das einen aus dem Leben geschossen hat?
Ich musste allein dieses Jahr zweimal operiert werden, Folgen meiner Verletzungen. Obwohl ich beim Versorgungsamt wegen der Spätfolgen immer wieder Anträge auf Anerkennung der Verschlimmerung meines Zustands gestellt habe, um einen finanziellen Ausgleich zu erhalten, steht mir laut Aktenlage angeblich nicht mehr zu. Dabei dokumentieren Atteste alle Verschlimmerungen genau.
Es ist ein Desaster, dass man für jeden Kleinkram wie zum Beispiel orthopädische Schuhe streiten musste. Ich habe dennoch aus eigener Initiative und Kraft viel erreicht, ich arbeite Vollzeit, ich zahle Steuern wie jeder normale Mensch. Warum kann man mich dann nicht fair behandeln?
Ich wünsche mir, dass man mit uns Überlebenden anders umgeht. Uns zuhört und nicht als Menschen zweiter Klasse abstempelt. Wir haben Handicaps und körperliche und seelische Gebrechen, aber wir wollen am Leben teilhaben.
„Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich nicht meinen Sohn gehabt.“
Gülüstan Avcı, 57, Witwe von Ramazan Avcı
Am späten Abend des 21. Dezember 1985 wartet der 26-jährige Ramazan Avcı zusammen mit seinem Bruder und einem Freund in Hamburg an einer Bushaltestelle, als Skinheads aus einer nahe gelegenen Kneipe die drei bemerken, beleidigen und angreifen. Avcı und die beiden anderen flüchten.
Fünf Skinheads verfolgen sie in einem Auto. Avcıs Bruder und der Freund können sich in einen abfahrenden Bus retten. Avcı wird rennend von dem Auto erfasst und liegt am Boden, als die Skinheads auf ihn eintreten und mit verschiedenen Waffen auf ihn einprügeln. Er erliegt am 24. Dezember seinen schweren Verletzungen. Die Täter werden zu Haftstrafen zwischen einem Jahr und zehn Jahren verurteilt.
An dem Abend wollten wir Ramazans 26. Geburtstag feiern. Es war kurz vor zehn, als er noch mal losging, mit seinem Bruder und zwei Freunden. Er wollte am nächsten Tag sein Auto auf dem Gebrauchtwagenmarkt verkaufen und es abends dort abstellen, um einen guten Platz zu haben. Mit dem Geld, sagte er, kaufe ich ein Bett für unser Baby.
Ich habe durchs Fenster geschaut, als er rausging. Er hat sich umgedreht und mir gewunken.
Ich war gerade aus Heidelberg nach Hamburg gezogen, als wir uns bei der Arbeit kennenlernten. An meinem ersten Tag kam Ramazan auf mich zu und begrüßte mich. Als wie Feierabend hatten, fragte er mich, ob er mich nach Hause fahren dürfe, aber es wäre mir nie eingefallen, mit einem fremden Mann mitzufahren.
Doch ich mochte ihn, und er sah gut aus. Irgendwann habe ich mich dann von ihm nach Hause fahren lassen. Er fragte mich nach meiner Telefonnummer, und wir haben jeden Abend telefoniert, oft bis spät in die Nacht. Drei Monate später waren wir ein Paar und zogen zusammen.
Als ich erfuhr, dass ich schwanger bin, bin ich gleich zur nächsten Telefonzelle und habe ihn angerufen. Er war so glücklich. Wir wollten heiraten, hatten alle Dokumente in der Türkei beantragt. Dazu kam es nicht mehr. Aber eigentlich hätte ich seinen Nachnamen tragen sollen. Er war mein Mann. Deshalb möchte ich hier auch Avcı genannt werden.
Nach Mitternacht war Ramazan an dem Abend noch nicht zurück. Dann kam sein Bruder und sagte mir, Ramazan habe einen Unfall gehabt, sein Bein sei verletzt. Ich wollte ins Krankenhaus, aber er ließ mich nicht, aus Angst um mich und das Baby. Erst am nächsten Tag habe ich die Wahrheit erfahren. Ramazan war nicht ansprechbar.
Er lag da, um ihn herum all die Maschinen. Ich habe seine Hand gehalten. Komm, steh auf, habe ich gesagt, wir gehen nach Hause. Zwei Tage später war er tot. Am 24. Dezember.
Eine Woche später habe ich entbunden. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte ich nicht meinen Sohn gehabt. Es gab eine Zeit, da habe ich nur noch 45 Kilo gewogen. Ich habe keine psychologische Unterstützung bekommen oder Hilfe von den Ämtern. Der Einzige, der sich um mich gekümmert hat, war Wolfgang Kramer, ein CDU-Politiker hier aus der Stadt. Er hat uns jeden Monat 200 Mark überwiesen, 17 Jahre lang, und mich besucht.
Einmal, als in der Schule Elternabend war, hat mein Sohn gefragt: Wo ist mein Papa? Da habe ich ihm gesagt, es gab einen Streit, man hat ihm auf den Kopf geschlagen, er ist tot. Die Wahrheit konnte ich ihm erst viel später erzählen.
Lange konnte ich über das alles nicht reden. Aber zum 25. Jahrestag hat sich eine Initiative gebildet, die an Ramazan erinnern wollte, denn die Stadt hatte in all den Jahren nichts dergleichen unternommen. Diese Menschen haben mich sozusagen aufgeweckt. Ich schweige nicht mehr. Mittlerweile wurde der Platz, an dem Ramazan starb, nach ihm benannt, und es gibt einen Gedenkstein. Ich gehe oft dorthin, mache den Stein sauber oder lege Blumen hin. Das tut mir gut.
Neulich ist dort eine ältere Frau neben mit stehen geblieben. Wir sind ins Gespräch gekommen. Ich habe ihr meine Geschichte erzählt, und dann haben wir beide ein bisschen geweint.
„Diese Gewalt, diese Brutalität ist für mich heute noch unfassbar.“
Waltraud Krüger, 75, und Gabriela Krüger, 54, Schwester und Nichte von Bernd Köhler
In der Nacht zum 22. Juli 2008 trinkt der wohnungslose 55-jährige Bernd Köhler mit zwei Männern, 18 und 21 Jahre alt, auf dem Templiner Marktplatz. Die beiden Männer gehören zur rechtsradikalen Szene. Später begleiten sie ihn zu der Werkstatt, die Bernd Köhlers Schlafplatz ist, und beschimpfen ihn als „Asi“ und „Drecksvieh“.
In der Werkstatt treten sie mit voller Wucht auf sein Gesicht und zertrümmern die Knochen dabei vollständig. Später zünden sie seinen leblosen Körper an. Beide werden vom Landgericht Neuruppin zu neun Jahren Haft verurteilt. Das Gericht geht davon aus, dass es dem jüngeren Angeklagten darauf ankam, einen Menschen umzubringen und sterben zu sehen, und dass die Auswahl des Opfers auf seinem neofaschistischen Menschenbild beruhte.
Waltraud Krüger: Ich weiß gar nicht mehr, wie mein Bruder zu seinem Spitznamen Stippi kam – vielleicht weil er so ein Nachzügler war und Stippi ein bisschen wie Steppke klingt. Wir waren acht Geschwister, und als er 1952 geboren wurde, war mein jüngster Bruder schon sieben Jahre alt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie wir Kinder versucht haben, aus dem Fenster der Werkstatt meines Vaters im Hinterhof einen Blick in das Schlafzimmerfenster zu werfen, um bei seiner Geburt zuzuschauen.
Mein Vater war Böttcher, und wir Kinder haben viel im Hof und in der Werkstatt gespielt, sind in die riesigen Sauerkrautfässer reingehopst, die die Russen vorbeibrachten, damit mein Vater sie reparierte.
Stippi ist nach der 8. Klasse von der Schule abgegangen und hat eine landwirtschaftliche Lehre im Meliorationskombinat gemacht, wo er lernte, wie man Boden nutzbar macht und be- und entwässert. Er hat viel Musik gemacht, Gitarre gespielt und ist gern mit seinem Motorrad gefahren, das unsere Mutter ihm geschenkt hatte.
Eines Abends, da war er ungefähr 18, hatte er einen Unfall mit dem Motorrad, er war alkoholisiert gefahren, und sein Beifahrer, ein Freund von ihm, kam dabei ums Leben. Stippi musste zwei Jahre ins Gefängnis.
Gabriela Krüger: Ich glaube, der Unfall und die Folgen haben ihn traumatisiert. Er hätte damals früher auf Bewährung rausgekonnt, aber er wollte die ganze Zeit absitzen. Nach der Haft arbeitete er wieder bei der Melioration, später als Fahrer in einem Getränkekombinat.
Nach der Wende wurde er arbeitslos. Er heiratete und bekam zwei Töchter. Aber die Ehe scheiterte. Er hauste schließlich hier im Hinterhof in der alten Werkstatt meines Großvaters und trank sehr viel. Das war schon ein ziemlicher Abstieg. Oft genug haben wir mit ihm geredet, aber er ließ sich nicht helfen. Und ein Alkoholiker muss den Entzug selber wollen.
Der Unfall, die gescheiterte Ehe, die Arbeitslosigkeit – er war ein introvertierter Typ, er hat nicht drüber gesprochen, wie es ihm geht. Er hat es in sich reingefressen. Und ich glaube, er hat dann versucht, mit dem Alkohol alles zu vergessen.
Waltraud Krüger: Stippi kam oft morgens zu mir zum Frühstück. Da haben wir dann hier zusammen am Küchentisch gesessen. Aber eines Morgens kam mein Mann rein und sagte: „In der Werkstatt liegt Stippi. Er ist tot.“
Gabriela Krüger: Ein Freund hatte ihn gefunden. Die Polizei war schon da. Wir haben ihn nicht mehr gesehen, und im Prozess hat der Richter uns davon abgeraten, uns die Bilder anzuschauen. Weil er im Gesicht nicht mehr erkennbar war. Diese Gewalt, diese Brutalität ist für mich heute noch unfassbar.
Und wenn man weiß, dass die Täter Turnschuhe anhatten, keine Springerstiefel mit Stahlkappen oder so, dann kann man sich gar nicht vorstellen, mit welcher Gewalt die zugetreten haben müssen.
Die Polizei hat die beiden Täter schnell gefasst. In meinen Augen waren die Strafen, die die beiden bekommen haben, nicht hoch genug. Der jüngere Täter war 18 Jahre alt, und das Gericht hat sich entschieden, Jugendstrafrecht anzuwenden, deshalb bekam er eine Freiheitsstrafe von nur zehn Jahren. Aber mein Onkel steht nach zehn Jahren auch nicht wieder auf.
Und was mich auch gestört hat: Ich habe das Gefühl, die Täter werden mehr geschützt als die Opfer. Als wir in das Gericht reinkamen, hing da ein Zettel, auf dem stand, dass die beiden Täter nur verpixelt gezeigt werden dürfen. Aber auf uns wurde immer die Kamera gehalten. Mir sind Reporter im Gericht bis auf die Toilette gefolgt. Und auch hier vor unserer Haustür standen Reporter, damit wurden wir alleingelassen.
Templin ist eine kleine Stadt, und manchmal haben wir damals das Gefühl eines Spießrutenlaufs gehabt. Wenn wir auf einer Straßenseite liefen, haben die Leute auf der anderen Seite geredet, einige haben sogar mit dem Finger auf uns gezeigt. Und hintenrum hörten wir Sachen wie: Anstatt dauernd Blumen zum Friedhof zu bringen, hätte meine Mutter doch lieber Stippi was zu essen kaufen sollen. Das alles sitzt immer noch tief.
Waltraud Krüger: Zwei Jahre nach Stippis Tod wurde Detlef Tabbert Bürgermeister, und der kam zu mir und fragte mich, ob wir nicht an Stippis Todestag gemeinsam zum Friedhof gehen wollten. Er kannte Stippi aus der Schule. Bis zum zehnten Todestag im vergangenen Jahr waren wir seitdem immer an Stippis Grab.
Gabriela Krüger: Dieses Jahr wollten wir das nicht mehr. Unsere Erinnerungen an Stippi haben wir im Kopf und im Herzen. Aber wir möchten zur Ruhe kommen.
„In dieser Nacht endete meine Kindheit.“
Ibrahim Arslan, 34, Enkel von Bahide Arslan, Bruder von Yeliz Arslan, Cousin von Ayşe Yilmaz
In der Nacht zum 23. November 1992 werfen die Neonazis Michael P., 25, und Lars C., 19, in Mölln, Schleswig Holstein, Molotowcocktails in zwei Häuser, die von türkischen Familien bewohnt werden. Im ersten Haus entkommen die Bewohner zum Teil schwer verletzt. Im zweiten sterben die zehnjährige Yeliz Arslan, ihre 51-jährige Großmutter Bahide Arslan und ihre 14-jährige Cousine Ayşe Yilmaz. Michael P. wird zu einer lebenslangen, Lars C. nach Jugendstrafrecht zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.
Es ist mein Glück, dass ich mich an kaum etwas erinnere. Nicht daran, wie meine Mutter meinen sechs Monate alten Bruder aus dem Fenster in die Arme von Helfern werfen musste. Wie sie selbst, meine Tante und mein Cousin aus dem Fenster sprangen. Wie meine Oma in das Zimmer kam, in dem die Mädchen und ich schliefen. Wie sie sich das erstbeste Kind griff. Das war ich. Wie sie mich in nasse Handtücher wickelte und in die Küche brachte. Wie sie versuchte, auch die Mädchen zu retten. Wie meine Oma, meine Schwester und meine Cousine starben.
Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich neben einem Kühlschrank saß oder lag und auf Flammen und Töpfe blickte. Und dass Feuerwehrmänner mich rausholten. Mehr als vier Stunden muss ich so dagesessen oder gelegen haben, denn die Löscharbeiten haben lange gedauert, und die Feuerwehrmänner haben mich erst danach gefunden, als meinem Onkel auffiel, dass ich fehlte.
Mölln war meine Heimat. Wir lebten alle zusammen in einem Haus: Im ersten Stock meine Urgroßmutter und meine Oma mit ihrem Mann, und im zweiten Stock mein Onkel, meine Tante und ihre Kinder und meine Eltern, meine ältere Schwester, mein kleiner Bruder und ich. Wir Kinder waren oft allein, weil alle Erwachsenen so viel gearbeitet haben. Deshalb war, als es passierte, auch meine Cousine Ayşe aus der Türkei da, um auf uns aufzupassen.
Heute lebt niemand von uns mehr in Mölln. Mölln ist für uns eine Horrorstadt geworden. Und das nicht nur wegen dieser einen Nacht.
In dieser Nacht endete meine Kindheit. Ich war sieben Jahre alt. Wir hatten alles verloren. Was meine Familie hart erarbeitet hatte, war verbrannt. Nicht nur materielle Dinge, auch unsere Papiere und Ausweise. Wir mussten alles neu beantragen, diese Bürokratie ist nach so einem Anschlag eigentlich unzumutbar. Heute gibt es Opferberatungsstellen, aber wir mussten alles ganz alleine wieder aufbauen.
Die Stadt hat Wohnraum für uns gesucht, aber nur Absagen bekommen. Angeblich war nichts frei. Ich glaube, niemand wollte uns haben. Am Ende mussten wir in unser altes Haus zurück. Fünf Jahre lang habe ich in dem Zimmer, in dem meine Schwester und meine Cousine starben, geschlafen.
In dieser Zeit hat man uns das Gefühl gegeben, dass wir der Grund sind, dass Mölln zu einem Synonym für rechtsextreme Morde wurde. Als wären Mölln und die Möllner die Opfer. Weil ihr Image gelitten hatte. Weil wir sie immer an den rassistischen Anschlag erinnerten. Unsere Anwesenheit war unerwünscht. Nach fünf Jahren mussten wir wegziehen, in eine andere Stadt, in der uns niemand kannte.
Ich wusste lange nicht, dass das ein rassistisch motivierter Anschlag von Neonazis war. Ich konnte mir als Kind ja unter Rassismus nichts vorstellen. Was ist das überhaupt? Und warum gibt es das? Ich suche immer noch nach einer Antwort. Aber ich will nicht immer an die Täter denken. Sonst wäre ich voller Hass, und das möchte ich nicht sein. Ich habe meine Gefühle ihnen gegenüber ausgeschaltet. Ich konzentriere mich auf die Opferperspektive, und die will ich stark rüberbringen, nicht schwach.
Ich bin heute mit vielen Betroffenen von Rassismus vernetzt. Das gibt mir Halt und Kraft. Mit Angehörigen von NSU-Opfern zum Beispiel oder mit einer Familie, die 1996 den rassistischen Brandanschlag in Lübeck überlebt hat, bei dem zehn Menschen starben, mit einer Familie, die 1984 den rassistischen Anschlag in Duisburg überlebt hat, bei dem sieben Menschen starben.
Wir haben alle nach den Taten dieselben Erfahrungen mit Medien, Polizei, Politik und Gesellschaft gemacht. Wenn ein Kind sich verletzt, macht man ein Pflaster auf die Wunde. Unsere Wunden wurden aufgerissen. Das macht die Menschen krank.
Gerade hat sich der Anschlag zum 27. Mal gejährt. Seit 2012 gibt es neben der Gedenkveranstaltung der Stadt Mölln auch unsere eigene Veranstaltung, bei der allein wir entscheiden, wer redet. Gedenken ist nur authentisch, wenn es den Betroffenen gehört. Alles andere ist eine Inszenierung.
Ich möchte eine neue Gedenkkultur schaffen, bei der die Betroffenen nicht von Institutionen instrumentalisiert werden, sondern selbst reden und gehört werden. Sie sind keine Statisten, sondern Hauptzeugen des Geschehenen.
An Schulen rede ich als Zeitzeuge und gebe auch Workshops zum Thema Rassismus. Was ich bemerkenswert finde: Wenn ich Namen nenne wie Enver Şimşek, Theodoros Boulgarides oder Süleyman Taşköprü, geht kein Finger hoch. Aber wenn ich Beate Zschäpe sage, gehen alle Finger hoch. Wir kennen die Namen der Täter, aber nicht die Namen der Opfer. Wir sind eine Tätergesellschaft. Das muss anders werden. Und das ist meine Aufgabe.
„Ich wünsche mir einen Platz, an dem ich um ihn trauern kann.“
Đô Mùi, 80, Mutter von Đô Anh Lân
Am 21. August 1980 spätabends sprühen Heinz C., Sibylle V. und Raymund H. mit roter Farbe „Ausländer raus!“ an die Mauer eines von Asylbewerbern bewohnten Heims in der Hamburger Halskestraße. Anschließend zündet H. die Lunte einer mit Benzin gefüllten Saftflasche an und wirft diese und zwei weitere, die V. ihm reicht, durch ein Fenster in das Zimmer 34, in dem die vietnamesischen Flüchtlinge Đô Anh Lân, 18, und Nguyên Ngoc Châu, 22, schlafen. Nguyên Ngoc Châu stirbt am 22. August, drei Viertel seiner Körperoberfläche waren verbrannt. Đô Anh Lân stirbt am 31. August.
Die Tat gilt als erster rassistischer Mord von Deutschen an Ausländern in der BRD. Die Täter bilden mit ihrem Anführer, dem Rechtsextremen Manfred Roeder, die Terrorzelle „Deutsche Aktionsgruppen“, die 1980 fünf Sprengstoff- und zwei Brandanschläge verübte, unter anderem auf drei weitere Unterkünfte für Asylbewerber. 1982 werden Roeder zu 13, Heinz C. zu sechs Jahren und Raymund H. und Sibylle V. zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.
Ich wurde 1939 in einem Dorf in der Provinz Bac Liêu geboren, ganz im Süden von Vietnam. Meine Familie gehört zu einer chinesischen Minderheit, meine Muttersprache ist Chinesisch. Später, als Erwachsene, bin ich zum Arbeiten nach Saigon gegangen, das war fast 300 Kilometer entfernt. Dort habe ich auf dem Großmarkt Kleider aus Thailand und Hongkong geholt und an Geschäfte weiterverkauft. Meinen Sohn Lân habe ich bei meiner Mutter gelassen.
Nachdem Saigon 1975 im Vietnamkrieg an die Kommunisten gefallen war, wurde die Situation dort sehr schwierig. Der Süden des Landes hatte den Krieg ja verloren, viele Menschen kamen in Umerziehungslager, die Angst vor Repressionen war groß. Ich habe mich als Sympathisantin ausgegeben, um keine Probleme zu bekommen. Als mein Sohn zur Armee eingezogen werden sollte, wollte ich das unbedingt verhindern.
Ich habe ihn zum Meer gebracht, damit er fliehen konnte. Die Flucht habe ich in Gold bezahlt, das war die einzige stabile Währung damals. Ich weiß nicht mehr, was wir uns zum Abschied gesagt haben. Er musste einfach gehen. Alle Eltern wollten, dass ihre Kinder gehen.
Ich selbst hatte keine Kraft, mitzukommen. Danach bin ich fast jeden Tag zu der Familie gegangen, die die Flucht organisiert hatte, und ich habe sie gefragt, ob mein Sohn in Sicherheit sei. Irgendwann bejahten sie. Lân ist dann über ein Flüchtlingslager in Malaysia nach Deutschland gekommen. Später erhielt ich noch einen Brief von ihm. Er schrieb, er sei in Deutschland und habe viel zu tun.
Ich erhielt erst einen Monat nach der Tat die Nachricht, dass Lân durch einen Brandanschlag gestorben war. Freunde mussten mir das vorlesen, ich kann kein Vietnamesisch lesen. Ich bin fast ohnmächtig geworden. Meiner Mutter, die Lân großgezogen hat, konnte ich es erst gar nicht erzählen. Die beiden hatten ein sehr enges Verhältnis.
Ich habe aufgehört zu arbeiten. Es ging nicht. Ich wollte nur noch sterben. Ich wollte auch mit niemandem darüber reden. In Deutschland hatte dann das Rote Kreuz meine Ausreise beantragt. Ich war sehr glücklich, als das geklappt hat. Mich hat nichts mehr in Vietnam gehalten, und ich wollte verstehen, warum mein Sohn gestorben ist. Er dachte, er sei in Deutschland sicher vor Bomben. Und dann töteten sie ihn in Deutschland mit einer Bombe?
Ich bin mit meiner Mutter nach Deutschland geflogen. Wir hatten eine kleine Wohnung in Hamburg. Hier musste ich von vorn anfangen, aber ich hatte keine Kraft. Ich hatte keine Freunde, ich konnte auch nicht Auto fahren, ich schaffte es nicht, die Sprache zu lernen. Es gab einen Deutschkurs, aber ich kann die lateinischen Buchstaben nicht, nur die chinesischen Schriftzeichen.
Danach habe ich als Näherin gearbeitet. Ich habe Taschen und Rucksäcke genäht. Es war keine schwere Arbeit, ich musste ja nicht sprechen. Nur arbeiten. Wegen Schmerzen am Handgelenk habe ich nach 15 Jahren aufgehört.
Bei dem Prozess gegen die Mörder meines Sohnes in Stuttgart wäre ich gern dabei gewesen. Aber ich habe erst einen Tag vorher davon erfahren und wusste nicht, wie ich nach Stuttgart kommen sollte, wie man ein Zugticket kauft.
In Hamburg bin ich so lange zum Grab meines Sohnes gegangen, bis es nach 25 Jahren aufgelöst wurde. Ich hätte es verlängern können, aber ich wusste nicht, wie. Eines Tages war es einfach nicht mehr da. Ich wünsche mir einen Platz, an dem ich um ihn trauern könnte. Irgendeinen Ort der Erinnerung. Vielleicht bekommen wir ein Denkmal am Friedhof. Das fände ich richtig.
Für die Zukunft wünsche ich mir nichts. Ich bin krank, ich habe Schmerzen, ich will, dass sie aufhören. Ich würde gern einmal noch nach Vietnam reisen. Wut habe ich keine in mir. Das ist ja alles schon so lange her.
„Wir hatten gehofft, dass wir ihnen helfen können, sich hier einzuleben.“
Gisela und Heribert von Goldammer, 85 und 77, Paten von Đô Anh Lân und Nguyên Ngoc Châu
Heribert von Goldammer: Das Sozialamt suchte damals Paten für Flüchtlinge. Wir haben einfach beschlossen, das zu machen. Châu sprach nur Vietnamesisch, wir konnten uns gar nicht verständigen, aber gleich zum ersten Treffen brachte er seinen Zimmerkameraden mit, Lân.
Gisela von Goldammer: Lân sprach Chinesisch. Ich kann Chinesisch, weil mein Vater als Kaufmann nach China gegangen war und ich dort geboren bin. Wir sind mit den beiden chinesisch essen gegangen oder mal in einen Jazzclub, haben ihnen Stadt und Hafen gezeigt. Sie waren auch oft bei uns zu Hause. Es waren so offene Jungs.
Heribert von Goldammer: Wir hatten gehofft, dass wir dabei helfen können, dass sie sich hier einleben. Aber schon wenige Wochen nach unserem Kennenlernen waren sie tot.
Gisela von Goldammer: Es war furchtbar. Bei der Trauerfeier haben wir viele andere Vietnamesen aus dem Heim kennengelernt. Sie sind mit ihren Ängsten ganz allein gelassen worden. Von den Behörden hat die niemand richtig informiert. Viele mussten auch noch lange dort wohnen bleiben. Wir haben dann Kontakt gehalten, viele von ihnen kamen danach oft zu uns und wir zu ihren Feiern.
Heribert von Goldammer: Das Heim ist mittlerweile zu einem Hotel umgebaut worden. Jedes Jahr um den Todestag herum machen wir dort eine Kundgebung. Und mit einer Initiative setzen wir uns dafür ein, dass dort ein Gedenkort errichtet wird für die beiden und dass ein Teil der Straße umbenannt wird in Châu-und-Lân-Straße.
Letzteres hat die Stadt schon mal abgelehnt, diese fremden Namen seien zu kompliziert. Als gäbe es hier in Hamburg nicht auch eine Godeffroystraße und eine Chateauneufstraße! Als 2011 der NSU aufflog, waren viele schockiert, dass es rechtsextreme Morde in Deutschland gibt.
Uns hat das nicht überrascht. Die Gruppe um Manfred Roeder gehörte erwiesenermaßen sogar zu den Vorbildern des NSU. Rechtsextreme Morde gibt es in der Bundesrepublik seit 40 Jahren. Lân und Châu waren die ersten Opfer.
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Tom Sundermann 22. Juli 2017
„Ihr werdet exekutiert“
Vor einem Jahr erschoss der 18-jährige David S. in München neun Opfer und sich selbst. Was ging in dem Menschen vor, der glaubte, er dürfe sich an der Welt rächen?
Am 22. Juli 2016 betritt der 18-jährige David S. eine McDonald’s-Filiale nahe dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum. Ohne jede Vorwarnung schießt er mit einer Pistole, Modell Glock 17, auf mehrere Gäste. Vor der Tür eröffnet er das Feuer auf mehrere Passanten. Weitere Schüsse fallen im Einkaufzentrum selbst. Neun Menschen zwischen 14 und 45 Jahren sterben. Fünf erleiden Verletzungen.
In der Stadt bricht Panik aus, viele, anfangs auch die Polizei, fürchten einen Terroranschlag. Nach mehreren Stunden stellen Polizisten den Täter in einem nahegelegenen Wohnblock. Er tötet sich mit einem Kopfschuss.
Einen Tag zuvor fahren zufällig Polizeiautos durch die Dachauer Straße, an der die Wohnung von Familie S. liegt. David S. nimmt sein Smartphone und filmt die Fahrzeuge von seinem Kinderzimmer aus. Dabei spricht er: „Und hier sehen Sie die schöne Glock, hier sehen Sie dieses Biest, was eure Köpfe ausrotten wird.“ Die Pistole, von der er spricht, sei eine „Exekutionswaffe, sozusagen, ihr werdet mit dieser Waffe exekutiert“.
Mindestens 59 Schüsse gibt S. bei seinem Amoklauf ab. Gekauft hatte der Deutsch-Iraner sie rund zwei Monate zuvor in einem Park im hessischen Marburg. Verkäufer war der heute 32 Jahre alte Philipp K., den S. im Darknet kennengelernt hatte, einem abgeschotteten Teil des Internets. Ab Ende August muss sich K. in München vor Gericht verantworten.
Um Erklärungen für die Tat wird es in dem Verfahren nur am Rande gehen. Für die Justiz ist der Fall David S. erledigt. Der Täter ist tot, deshalb kann es nach deutschem Recht keine Ermittlungen gegen ihn mehr geben. Aber nicht für die Angehörigen der Opfer. Für sie bleibt die Frage: Was geht vor in jemandem, der plötzlich und ungezügelt seinen Hass entlädt, indem er Menschen wie in einem Computerspiel erschießt?
Natürlich gibt es nicht nur eine Erklärung. Und schon gar keine einfache. Doch S. hinterließ, wie die meisten Amokläufer, umfangreiche Bekenntnisse: Manifeste, Nachrichten, Videos. Alle enthalten fremdenfeindliche Äußerungen. S. hetzt gegen Jugendliche türkischer oder balkanischer Herkunft. Auch Rechtfertigungen gibt er immer wieder von sich: Er spricht von Demütigungen in der Schule, von Ablehnung und Ausgrenzung. Die ziellose Gewalttat soll seine Rache sein.
Über 4.000 Euro hatte S. für die Pistole und Munition bezahlt. Zuvor hatte er mit Waffen nichts zu tun. Er übt das Schießen im Keller seiner Eltern. Der ist sehr gut isoliert. In dem Mehrfamilienhaus ist kaum zu hören, wie S. immer wieder auf Zeitungsstapel ballert. Auch bei den Probeschüssen lässt er die Kamera laufen.
„Ich ficke euch, ihr verdammten Deutsch-Türken, ihr Hunde, ihr Nichtsnutze“, sagt er. Dann kündigt er seine Tat an: „Ihr habt mein Leben zerstört und diese Glock wird euer Leben auch zerstören, nämlich mit einem Kopfschuss. Hirnstamm, Gehirnareale werden damit getroffen, zerfetzt, bombardiert.“
„Was habe ich falsch gemacht?“
Das letzte der neun Todesopfer trifft S. im Inneren des Einkaufszentrums. An einer Rolltreppe feuert er mehrmals auf einen 20-Jährigen. Als der zu Boden gegangen ist, tritt S. an ihn heran und schießt noch einmal in seinen Kopf.
Die Suche nach den Wurzeln dieser Gewalttat reicht weit zurück, vor allem in die Schulzeit von S. Nach den umfangreichen Ermittlungen gilt als gesichert, dass er gemobbt wurde. Täter waren auch, aber nicht nur, Mitschüler mit ausländischen Wurzeln. Die Ermittler finden daher in einer sogenannten operativen Fallanalyse zu einer überraschend einfachen Antwort. S. habe demnach den Hass auf die Mobber auf alle Menschen übertragen, die seiner Meinung nach Ähnlichkeit mit diesen hatten. S., mit frühkindlichem Autismus diagnostiziert, hätten Strategien gefehlt, mit der Frustration umzugehen.
Anders gesagt: S. war das Opfer, das sich mit falschen Mitteln wehrte. Für Angehörige und Überlebende muss diese Schlussfolgerung ein Affront sein.
War der Täter des 22. Juli 2016 wirklich nicht auf ideologischer Mission? Zurück bei den Schießübungen im Keller von Familie S. Die Handykamera läuft weiter. „Ihr habt hier in Deutschland nichts zu suchen, die AfD wird euch alle ausschalten“, sagt S. Und weiter: „Ihr seid Kakerlaken, ihr seid hierhergekommen, um die Leute zu verunsichern. Ich verunsichere euch, ihr Hunde!“
Unzweifelhaft ist, dass sich hinter den harten Drohungen ein tief verunsicherter, vom Leben enttäuschter junger Mann verbirgt. Doch seine Gefühle offenbaren, Hilfe annehmen, das konnte oder wollte David S. nicht. Nur selten blitzt in den Hinterlassenschaften die schwache Seite des Amokläufers auf.
Fünf Tage vor der Tat spricht er eine neunminütige Sprachnotiz in sein Handy. „Warum diese Depressionen, jeden Tag, jeden verdammten Tag und das über Monate hinweg, das über Jahre hinweg, immer vertuschen. Den Eltern nichts davon sagen, weil man sonst die Sorgen hat, dass die Eltern traurig werden, sich schlecht fühlen, sich die Schuld zuschieben. Was habe ich falsch gemacht?“, fragt er. Und denkt über einen düsteren Ausweg nach: „Warum erschieße ich mich nicht einfach oder springe von der Brücke oder hör einfach mit alles auf?“
S. entschied sich anders. Er verband seinen Selbstmord mit dem, was er für einen Vergeltungsschlag hielt. Es war einer der ganz wenigen Momente seines Lebens, in denen David S. sich stark fühlte.
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23. April 1998 ZEIT
Der zweite Frühling der NPD
Ein Altherrenklub wird zur jüngsten Partei Deutschlands. Halbstarke Nazis verhelfen den Nationaldemokraten zum Aufschwung Ost. Sie wollen als braune Apo den Staat angreifen. Am 1. Mai marschieren sie
Wenn das Hinterzimmer von „Peters Gasthof“ im Dresdner Arbeiterviertel Cotta überquillt, ist Kameradschaftsabend. Dicht an dicht sitzen sie auf ihren Holzschemeln, ein paar Alte und viele Junge. Die Jungen hören brav zu, wenn Kamerad Hermann das Wort ergreift. Er spricht über Gemeinschaftssinn.
Zu DDR-Zeiten war er Lehrer, jetzt ist er arbeitslos, malt und schreibt „kleine Sachen“, zum Beispiel diese Rede. Sein Fazit: Wahren Gemeinschaftssinn gab es früher mal bei den Indianern und bei der Reichsbahn der DDR, jetzt gibt es ihn nur noch bei der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands.
Zum Kameradschaftsabend sind an diesem Dienstag 32 Anhänger der rechtsextremen Partei gekommen, die meisten jünger als dreißig, viele arbeitslos oder Lehrlinge, also bald arbeitslos. Auf dem T-Shirt eines Neonazis prangt der Kopf von Rudolf Heß, des Stellvertreters von Adolf Hitler. Mit Bier stoßen die Jugendlichen auf „White power Germany“ an.
„Politik und Alkohol passen nicht zusammen“, sagt der arbeitslose Jürgen Schön, Geschäftsführer der NPD Sachsen. Die sechs Skinheads nicken und bestellen jeder noch ein Pils. „Skinhead ist man, wenn man jung ist“, sagt Schön. „Das wächst sich aus.“ Langsam werden die jungen Zuhörer unruhig. Sie brennen auf das wichtigste Thema des Abends: die Vorbereitungen der NPD-Parade am 1. Mai in Leipzig. Dann soll mit 15 000 Marschierern deutsche Arbeitergeschichte geschrieben werden.
Hinter den schwarzweißroten Fahnen der NPD wächst zusammen, was ohne die Partei nie zusammengefunden hätte: Altnazis aus dem Westen und radikale Ostalgiker, die bei der PDS den Stolz auf die Heimat vermissen, westdeutsche Führer-Figuren des „nationalen Widerstandes“ und pubertierende Skinheads aus Wurzen oder Leipzig, frustrierte Antikapitalisten von rechts und links, Jugendliche, die so rebellisch wie resigniert sind, Schlägertrupps mit glänzenden Schädeln.
Bis vor zwei Jahren dämmerte die NPD als sektiererisches Altherrenklübchen von Auschwitz-Leugnern vor sich hin. In sieben Landtagen vertreten gewesen zu sein, so wie Ende der sechziger Jahre, das war bloß noch Stoff für die Anekdoten während der Parteiabende.
Schließlich mußte auch noch der Vorsitzende Günter Deckert wegen Volksverhetzung ins Gefängnis. Die Parteiführung übernahm Hauptmann der Reserve Udo Voigt. Seither kommt wieder Leben in die tote Partei. Statt kruder Holocaust-Lüge pflegt Voigt ein ignorantes Verhältnis zur Geschichte. Auschwitz? Na und?
Die Frischblutzufuhr für die Partei stammt vor allem aus dem Osten. Neue sozialpopulistische Parolen („Das Volk blutet, das Kapital kassiert“) ziehen ebendort besonders, ein Drittel der 4300 NPD-Mitglieder kommt aus den neuen Bundesländern. 1997 sind 1600 Menschen in die Partei eingetreten, 70 Prozent davon unter 30. Ende 1994 zählte man 100 Mitglieder im Freistaat Sachsen, jetzt sind es 1200 – mehr als bei den Grünen. Einer Studie des sächsischen Kultusministeriums zufolge würden sieben Prozent der Dreizehn- bis Achtzehnjährigen der NPD ihre Stimme geben, wären sie wahlberechtigt.
Was kommt da auf Deutschland zu? Schlägt sich die NPD vom Osten eine Schneise durch das Land? Wie ist es ihr, der Partei der ultrarechten Kleingeister, gelungen, in die Jugendklubs vorzudringen? Wird sie zu jener Sammlungsbewegung am rechten Rand, vor deren Erwachen sich die Republik seit Jahren fürchtet?
Der Stratege der Partei lebt im bayerischen Sinning und heißt Holger Apfel.
Er ist der Vorsitzende der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) und der Motor der Mutterpartei. Er führt der NPD die Jugend zu er ist selber jung, 27 Jahre. Seine Kader organisieren Massenaufmärsche und Demonstrationen. Für die „Mobilmachung“ nutzt der NPD-Nachwuchsführer das Internet.
Über einen rechten Computer-Verbund, die Thule-Mailboxen, trommelte die JN im März 1997 für den größten Neonaziaufmarsch seit Ende der sechziger Jahre: „Komm auch Du zur Demonstration gegen die antideutsche Schand-Ausstellung!“ Über 5000 alte, junge und ganz junge Nazis marschierten daraufhin in Achterreihen durch Münchens Innenstadt und schmetterten gegen die Wehrmachtsausstellung: „Deutsche Solda-ha-ten. Helden-ta-haten“.
Vor zwei Monaten gelang der JN in der Passauer Nibelungenhalle die größte rechtsextreme Saalveranstaltung der vergangenen 25 Jahre. Mehr als 4000 Alt- und Neonazis aus Europa und Übersee kamen zum „Tag des nationalen Widerstandes“.
Aus dem dahindämmernden Jugendverband hat Holger Apfel Deutschlands schlagkräftigste Neonaziorganisation gemacht. „Wer in diesem Staat will uns in Zukunft daran hindern“, fragt er, „mit konspirativ geplanten Aktionen auf regionaler Ebene im überraschenden Moment zuzuschlagen?“ Jahrelang hat er sein Können vorgeführt, indem er, an Polizei und Verfassungsschutz vorbei, den verbotenen „Rudolf-Heß-Gedenkmarsch“ auf den Weg brachte. Immer dieselbe Masche: Um die Verfolger zu verwirren, melden mehrere JN-Mitglieder als Privatpersonen für den 17. August, den Todestag, irgendwo Veranstaltungen an.
Sie nennen Stichworte wie „Bürgerrecht“ oder „Systemalternative“ als Themen.
Den tatsächlichen Veranstaltungsort kennen nur zwei oder drei Funktionäre, die per Mobiltelephon und über einen szeneeigenen Ansagedienst die Massen am „Aktionstag“ zum geheimen Einsatzort dirigieren.
Holger Apfel ist kein charismatischer Typ. Wer ihn kennenlernt, glaubt kaum, daß es ihm gelingt, Massen zu lenken. Er erinnert eher an einen Verlierer: Er ist dick, wirkt unbeholfen, lispelt. Und doch hat er es geschafft, die NPD zur einzigen Partei Deutschlands zu machen, die von ihrem Jugendverband gesteuert wird.
Im Juni 1995 änderte die Partei ihre Satzung. Seitdem ist die JN Bestandteil der Mutterpartei. Zuvor hatte ihr der Exitus gedroht: Als das Bundesinnenministerium nach den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock dreizehn rechtsextreme Organisationen verbot, krochen die Mitglieder dieser Gruppen bei der JN unter. Sie wurde zu einem Sammelbecken für Neonazis aus verbotenen Haufen wie der Wiking-Jugend oder der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Seither schützt das Parteienprivileg die JN.
„Wir sind doch bloß eine Jugendorganisation“, frohlockt ein JN-Funktionär. „Solange unsere Mutterpartei nicht verboten wird, kann uns nichts passieren.“
Und Holger Apfel ist es auch, der den politischen Köder auswirft, den die Jugend schluckt: den Sozialpopulismus. „Der arbeitenden Bevölkerung wird immer mehr Geld aus der Tasche gezogen, damit die Politiker Privilegien erhalten können und Schmarotzer durchgefüttert werden“, posaunt er.
Der Verlagskaufmann hievte mehrere radikale JN-Mitglieder in den Bundesvorstand der Mutterpartei: Heute ist jedes dritte Vorstandsmitglied unter dreißig. Die NPD sei nun keine „revisionistische Altherrenpartei“ mehr, registriert der sächsische Verfassungsschutzpräsident Eckehardt Dietrich, sie werde von unten erneuert, von den Jungen, inhaltlich und personell.
Die Neonazis aller Lager werden stramm auf Linie gebracht. In „Führungsrundschreiben“ fordert Apfel: „Seid diszipliniert. Wir wollen bei der Bevölkerung um Vertrauen für eine bessere Politik werben, dazu gehört zunächst einmal sauberes und korrektes Auftreten. Auch gilt striktes Alkoholverbot während unserer Aktionen!“ Apfels strategisches Konzept führt vom Rand in die Mitte der Gesellschaft: „Erst erfolgt die Schlacht um die Köpfe, dann die Schlacht um die Straße und letztlich die Schlacht um die Wähler.“
In einem „Kampf-Papier“ der NPD wird vermerkt, daß beim „Kampf um die Straße“ vorzugsweise Skinheads für die Ziele der Partei eingesetzt werden sollen: „Die NPD hat keine Probleme, mit solchen Gruppen zusammenzuarbeiten, wenn sie bereit sind, als politische Soldaten zu denken und zu handeln.“
Der wahre „nationale Revolutionär schwimmt in einem Meer der Sympathie“, heißt es in einem Strategiepapier über „befreite Zonen“. Der Begriff, der erstmals 1991 in einer NPD-Hochschulzeitung auftauchte, meint Jugendklubs, Sportplätze oder ganze Straßenzüge, in denen selbsternannte rechte Kämpfer die „kulturelle Hegemonie“ errungen haben. Sie bestimmen hier, wer demonstrieren darf, welche Musik in der Disco gespielt wird, wer Zutritt zum Freizeitheim hat – und zwar nicht gegen den Willen der „normalen Bevölkerung“, sondern ganz in ihrem Sinne.
Ein „nationaler Revolutionär“ soll ein bißchen Pfadfinder sein und ein bißchen Blockwart. „Man kann alten Leuten beim Ausfüllen von Formularen helfen, sie beim Einkauf unterstützen, man kann Babysitter bei arbeitenden Ehepaaren oder alleinstehenden Müttern spielen, man kann die Straßen sauber- und durch Nachtpatrouillen sicher halten“, heißt es in einer Anweisung, „man kann gegen die Vertreibung alteingesessener Mieter durch Miethaie, den Aufmarsch von Scheinasylanten oder den Bau einer Autobahn protestieren und agitieren.“
Mit „aufsuchender Sozialarbeit“ und Bürgerwehrmentalität versuchen die Jungen der NPD ein Loch zu stopfen, das Staat und Bürger gerissen haben: Ersterer, indem er sein Gewaltmonopol nicht beherzt wahrnahm und seine sozialen Aufgaben vernachlässigte letzterer, indem er es an Zivilcourage und demokratischem Bewußtsein fehlen ließ. Das Resultat ist auf Bahnhöfen zu besichtigen, die nach 20 Uhr kein Ausländer mehr zu betreten wagt, in Einkaufszentren, in denen kein Infostand an den Hunger in Afrika erinnern darf.
Jürgen Schön, der Geschäftsführer der NPD Sachsen, hat 1989 für die Wende demonstriert. Sein Staat war die DDR schon seit 1965 nicht mehr. Damals war er fünfzehn, trug lange Haare und hatte aus dem Neuen Deutschland ein verwackeltes Photo der Beatles ausgeschnitten, das er in sein Portemonnaie klemmte.
Er flog aus der FDJ und mußte zehn Monate in Jugendhaft, weil er mit seiner Beat-Band ein bißchen Randale gemacht hatte. Trotzdem sagt er heute: „Die DDR war das bessere Deutschland.“ Schön verlor nach der Wende seinen Job als Schriftsetzer. Als er erlebte, daß dem neuen System seine Biographie nichts galt, wurde er empfänglich für die Botschaft der Rechten.
Zweieinhalb Jahre lang bewachte er Banken für sieben Mark Stundenlohn – zusammen mit enttäuschten NVA-Offizieren und alten SED-Genossen. Viele von denen hätten „national und sozialistisch“ gedacht, so wie er, der „deutsche Sozialist“. Auch für diese Leute sei die NPD immer da. Schön, der – wie seine Partei – von Spenden kleiner Unternehmer lebt, hat auch Kontakte zur kommunistischen Plattform der PDS. „Die sind auch gegen das Großkapital“, sagt er. Überhaupt: „Wir haben im Moment ähnliche Probleme wie Nordkorea und stehen unter Druck des Weltimperialismus.“
Die markigen Parolen für das Volk der Wende-Verlierer wurden geboren in den Köpfen von ehemaligen Publizistikstudenten aus Leipzig. Deren Gedanken schmücken die Flugblätter der NPD. Sie setzen auf sozialistische Mythen („Volksfront“ gegen Kapital und Imperialismus) oder das Volksgenossendeutsch der dreißiger Jahre: „Jugendlicher! Du hast keine Lehrstelle? – Du mußt handeln!“ Die Strategie scheint aufzugehen. Nach Wurfsendungen und Flugblattaktionen gegen den Euro und für Arbeitsplätze für Deutsche sind die Postfächer der NPD voll. Und wieder sind es die Jungen, die anbeißen. Das durchschnittliche NPD-Mitglied in Sachsen ist 26 Jahre alt.
Die meisten jungen Mitglieder sind in der Ausbildung oder arbeiten auf dem Bau, wenn sie überhaupt einen Job haben. Jedes zweite Mitglied in Sachsen hat keinen. Glaubt man Oliver Händel, interessieren sich schon Zehnjährige für die JN. Der arbeitslose Maurer ist von Köln nach Dresden gekommen, um die Jugendorganisation aufzubauen.
Mitgliederzahlen verrät er nicht. Im Auftrag der Partei versucht der 22jährige, „bestimmte Skinheads herauszupicken und in die Organisation zu integrieren“. Am dankbarsten sei aber die Arbeit mit Kindern, vor allem aus Plattenbausiedlungen. „Die kann ich formen wie Knetmasse.“
In Neuberesinchen, der Platte von Frankfurt an der Oder, wo 24 000 Menschen noch acht Jahre nach der Wende hinter unverputztem Beton leben, sind Jörg Hähnel und seine Freunde aufgewachsen. Der Lehrling ist Wortführer der JN-Truppe am „Stützpunkt Frankfurt“. 1989, als der antifaschistische Staat seine Kinder entließ, war Hähnel vierzehn. Er dachte: „Wahnsinn.“ – „Das war wie auf einem Ufo“, sagt er. Doch in Neuberesinchen änderte sich nichts zum Guten.
„Es war alles noch leerer als in der DDR.“ Er sah, wie die Betriebe der Stadt starben und die Menschen zu trinken begannen. Hähnel begann zu singen. Lieder wie: „Wir seh’n uns wieder, mein Schlesierland, wir seh’n uns wieder am Oderstrand“. Hinter dem Fluß fängt für seine Eltern Polen an, für Jörg Hähnel „die Heimat“.
Nahe der Siedlung gießt Hähnel mit seinen Freunden ein paar Bäumchen. Er hat sie kürzlich gepflanzt, beim städtischen Frühjahrsputz, und neben die Bäumchen JN-Fähnchen gesteckt. Die örtliche Zeitung berichtete in Dreispaltern von der Aktion und der freudigen Mithilfe der Anwohner.
Deutschland, Arbeit, Kinder, Natur, das kommt an bei den Nachbarn. Hähnel und seine Jungs haben keine anderen Werte als ihre Eltern.
Bevor beim Kameradschaftsabend unter der NPD-Fahne gesungen wird, gibt Hähnel Nachhilfe. Er erklärt „Volksgemeinschaft“, „Reich“, „Volk“, „Nation“ und rät, Begriffe wie „arisch“ und „deutsche Rasse“ nicht zu verwenden, da sie schwammig seien. Bei den anschließenden Hymnen auf den Umsturz und die Legion Condor nicken die drei eingeladenen Skinheads nur mit dem Kopf, den Text können sie noch nicht. „Mit Musik kann man Leute zusammenführen“, sagt einer von Hähnels Freunden. Gegen Skinheadmusik habe er nichts. Nur, das Weihelied von Horst Wessel mit E-Gitarren zu verschandeln, das sei nicht gut.
Weil die Partei von „Stützpunkten“ wie Frankfurt, Leipzig oder Wurzen den „Aufschwung Ost“ erhofft, ist die Bundesgeschäftsstelle der NPD-Jugend von Bochum nach Dresden umgezogen. Vieles, was im Westen Empörung und Aufstand provoziert, gilt im Osten als normal – Alltag eben, der weder in der Polizeistatistik erscheint noch in der Lokalzeitung: der Musikladen in der Görlitzer Innenstadt, der das rechtsradikale Sortiment von Skinheadrock à la „Noie Werte“ bis zu den „Balladen des nationalen Widerstands“ verkauft die Hauptschulklasse in Neustrelitz, die den Einheitslook von Springerstiefeln und kahlrasiertem Schädel zur Schau trägt Bürgermeister, die nach der sechsten Gewalttat gegen Ausländer oder Behinderte immer noch behaupten, in ihrer Stadt gäbe es keine Rechtsradikalen neonazistische Computerspiele im Internet, wo man mit der Zahl 88 den imaginären rechten Arm zum Gruß erhebt.
88 steht für „Heil Hitler“. Das „H“ ist der achte Buchstabe im Alphabet.
Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus sind in den Augen vieler Jugendlicher keine politische Einstellung, sondern „Lifestyle“. Der Aufnäher „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ ist ebenso „angesagt“ wie andernorts die Plakette von Guildo Horn.
Zum Lifestyle gehört Musik. CDs rechtsradikaler Musiker – von Oi!-Musik bis zu „nationalen“ Balladen des Szene-Barden Frank Rennicke – werden ganz offiziell verkauft. Musik geht eindringlicher als jedes Flugblatt in den Kopf. Die Skinband Hart und Heftig aus Hoyerswerda dichtete folgende Strophe zum Mitgrölen:
„Saufen, prügeln, schlagen,
Wir bringen jeden Menschen um.
Wir sind die Radikalen,
Wir sind der Schrecken der Nation.“
Macht man die soziale zur nationalen Frage und rührt eine gehörige Portion antikapitalistischer Rhetorik hinein, findet man auch Anklang bei jungen Protestwählern, die vorher eine andere Partei abonnierten. Laut einer Studie des Leipziger Instituts für Marktforschung wollen derzeit vierzehn Prozent der Befragten zwischen fünfzehn und dreißig Jahren PDS wählen. 1993/94 waren es noch siebzehn Prozent. Doch im gleichen Zeitraum wuchs der Zuspruch für rechtsradikale Parteien von NPD über DVU bis zu den Republikanern von neun auf vierzehn Prozent.
Wohlstandschauvinismus samt Vorurteilen gegen Ausländer, aber zugleich „eine deutliche Abwehr gegen großdeutsche Rhetorik und Neonazismus“ fand der Berliner Parteienforscher Richard Stöss vor Jahren im Osten der Republik.
Letzteres sei unzweifelhaft ein Erbe des staatlich verordneten Antifaschismus. „Aber in den vergangenen Jahren ist diese Abwehr gegen Neonazismus bei den Jungen weggeschmolzen.“ Denn die Rechtsextremen bieten Gruppengefühl, das viele nach dem Ende von FDJ und Jungen Pionieren wärmt. So gesehen, knüpfen diese Strukturen an die alte DDR an.
Hans-Jürgen Förster, der oberste Verfassungsschützer Brandenburgs, sagt über die NPD nur ein Wort: „Rattenfängerpartei“. Aber eben eine, die im Aufwind ist. Keiner würde mehr behaupten, daß Rechtsextremismus bloß ein Wendephänomen oder Jugendproblem sei, das sich irgendwann „auswachse“. Für den Staat ist deshalb guter Rat teuer. Sechzig Millionen Mark hat das Bundesministerium für Jugend nach den Pogromen von Rostock und Hoyerswerda in die Jugendarbeit der neuen Bundesländer gesteckt: in Ferienreisen, Billardtische, Geschichtswerkstätten, Tischtennisplatten, Musikübungsräume und Workshops gegen Gewalt.
Zugesperrte Jugendklubs aus DDR-Zeiten machten wieder auf, neue Betreuer kamen – viele davon allerdings auf ABM-Basis, ohne die nötige Erfahrung. In den Augen der Halbstarken waren sie bessere Hausmeister, die nebenbei Bier zapften und den Musikraum für die Skinband aufschlossen. Jetzt proben die Skinbands dort, wo keiner sie kontrollieren kann. Denn die Geldhähne für die Jugendprojekte sind längst wieder abgedreht.
In Potsdam schlug Ende März die Industrieund Handelskammer Alarm.
Rechtsradikale schadeten dem Aufbau Ost: „Diese Aktionen haben für das ganze Land negative wirtschaftliche Konsequenzen.“ Ausländische Investoren sprängen ab, Touristen blieben weg, Konsulate und Botschaften siedelten sich nur zögerlich an.
Polizeibataillone allenthalben machen Brandenburg nicht verlockender. „Das Problem liegt mitten in der Gesellschaft“, sagt Uta Leichsenring, Polizeipräsidentin im brandenburgischen Eberswalde, wo 1990 der Angolaner Amadeu Antonio von Skinheads zu Tode getrampelt wurde. „Die Leute sind immer noch nicht soweit, solches Denken und Handeln zu ächten.“
Noch schrecken die Wähler zurück vor Parteien, die sich mit Gewalttätigen gemein machen. Deshalb hat die NPD noch wenig Chancen, die Fünfprozenthürde zu überspringen. Die meisten politisch Verbitterten im Osten reihen sich in die Mehrheit der Nichtwähler ein. Parteienforscher Stöss glaubt, daß die NPD das Unmögliche will: einerseits den verdrossenen Kleinbürger gewinnen, andererseits die Neonazis aus verbotenen Organisationen einfangen.
Das würde zur Zerreißprobe führen, und „am Ende machen die sich selbst fertig“. Der rechtsextremen DVU hingegen sind solche Konflikte fremd. Die gesichtslose Partei, die vom Geld eines Verlegers lebt, führt ihren Wahlkampf ausschließlich mit Wurfsendungen. Am Sonntag könnte sie in Sachsen-Anhalt erstmals in ein ostdeutsches Landesparlament einziehen. Die NPD ist zur Wahl nicht zugelassen, weil ihr Unterschriften von Unterstützern fehlten (siehe „Angriff von oben“, Seite 16).
Selbst wenn die NPD bei Wahlen nicht erfolgreich ist, könnte ihr Kalkül aufgehen. Parteienforscher Stöss meint: „Deutschland gewöhnt sich an wachsende rassistische Gewalt.“ Im Westen wie im Osten nimmt die Militanz unter Neonazis zu. Die Zahl fremdenfeindlicher Gewaltakte und rechtsextremer Straftaten ist im vergangenen Jahr sprunghaft nach oben geschnellt. Das BKA registrierte 11 720 Delikte, 3000 mehr als im Vorjahr. 791mal griffen Rechtsextreme Menschen an, 41 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Für viele dieser politischen Kriminellen haben NPD und ihre Jungen Nationaldemokraten die Arme geöffnet. Es wächst eine „nationale Apo“ heran, wie sie sich der NPD-Chef Voigt schon lange wünscht.
Vordenker dieser Außerparlamentarier ist Steffen Hupka, einst Kühnen-Weggefährte und Kader der verbotenen Nationalistischen Front (NF), heute sitzt er im Bundesvorstand der NPD und in dem ihrer Jugendorganisation.
Er ist extra aus Detmold nach Quedlinburg in Sachsen-Anhalt umgesiedelt. Dort bereitet der 35jährige seine Gefolgsleute in Kaderschulungen auf den Ernstfall vor: Wie verhält sich ein NPD-Mitglied zum Beispiel bei Hausdurchsuchungen? Außerdem empfiehlt er den braunen Kameraden „die Ausbildung bei der Bundeswehr oder der Polizei“. Weil man sich dort „in besonders qualifizierten Spezialeinheiten das nötige Wissen und Können“ aneigne.
In seinem Blatt Umbruch veröffentlicht Hupka persönliche Daten und Anschriften von mißliebigen Politikern, Journalisten und Strafverfolgern.
Dazu die Ermutigung: „Laßt euch nicht unterkriegen, greift an!“ Aber „nicht irgendwelche unbekannten Ausländer sollten das Ziel von phantasievollen Aktionen sein, sondern diejenigen, die in Wort und Tat verantwortlich sind für die derzeitige Lage“.
Klare Worte hört man gern in der Szene. Im Februar 1997 feuerte in Berlin der Neonazi Kay Diesner mit einer Pump-Gun auf einen sozialistischen Buchhändler.
Der 62jährige überlebte schwer verletzt. Vier Tage später erschoß Diesner einen Polizeibeamten. Und wurde überwältigt. 1994 war Diesner schon einmal festgenommen worden – zusammen mit einer Frau, die inzwischen „Bundesmädelbeauftragte der JN“ ist. Diesner ist ein von heutigen NPD-Ideologen geschulter Amokläufer.
Als die Polizei ihn 1997 verhaftete, fanden die Behörden jedoch: ein typischer Psychopath und Einzeltäter. Mit der NPD hatte das alles natürlich nichts zu tun. Dabei scheint Diesner nach einer Methode vorgegangen zu sein, die im Organ Umbruch des NPD-Vorstandes Steffen Hupka beschrieben ist: Diesner hatte sich aus der Szene zurückgezogen und lebte unauffällig, bevor er sich anschickte, „den Feind nachhaltig und schwer zu schädigen“.
Rechte Führer bauen lebende Zeitbomben wie Diesner. Jahrelang wird Menschen wie ihm, dumpf, aber loyal, beigebracht, wen sie zu hassen und wie sie zu töten haben. Nur wann die Zeitbomben hochgehen, haben die Ideologen nicht im Griff.
Mitarbeit: Anton Maegerle
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26. Februar 2015 Von Stefanie Waske
Wie war es wirklich?
35 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat werden endlich Zeugenaussagen und Akten neu geprüft.
Viel war von dem Mann nicht übrig geblieben: Beide Arme waren abgetrennt, ein Bein fehlte, der Körper war übersät mit Splittern. Als der Professor des Rechtsmedizinischen Instituts der Universität München am Morgen nach dem Attentat den Mann obduzierte, ließ sich nicht viel mehr feststellen, als dass er ganz nah am Ort gewesen sein musste, an dem die Bombe explodiert war.
Erst das zahnärztliche Gutachten brachte Tage später Klarheit: Der Tote war Gundolf Köhler, geboren am 27. August 1959, Student der Geologie in Tübingen. Vom ersten Moment an galt er als verdächtig, auf dem Münchner Oktoberfest am 26. September 1980 jene Bombe gelegt zu haben, die weitere 12 Menschen das Leben gekostet und mehr als 200 teils schwer verletzt hat.
1982 schloss der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann den Fall des schwersten Terroranschlags der Nachkriegsgeschichte und stellte fest: Gundolf Köhler habe den Sprengsatz gebaut und gezündet. Es hätten sich keine Mittäter finden lassen.
Köhler, der Alleintäter. Das sollte die endgültige Wahrheit sein. Man kann es angesichts der Aktenlage nicht anders formulieren: Die Entscheidung von Rebmann war ein derartiger Hohn, dass bis heute nach den Motiven gefragt werden muss, warum so schnell weitere Ermittlungen vermieden wurden.
33 Jahre später heißt der Generalbundesanwalt Harald Range, und er hat den Fall im Dezember 2014 wieder eröffnet. Dafür hätten schon die alten Zeugenaussagen gereicht, doch jetzt gibt es noch eine neue Zeugin, die die Thesen von jenen bestätigt, die schon immer am offiziellen Ergebnis der Ermittlungen gezweifelt haben wie der Journalist Ulrich Chaussy oder der Opferanwalt Werner Dietrich.
Nach Ansicht des Generalbundesanwalts weist vor allem diese neue Zeugin auf mögliche Mittäter Köhlers hin. Laut dem Opferanwalt Dietrich gab sie am Tag nach dem Anschlag einem Schüler aus Schlesien Sprachunterricht in einem Aussiedlerwohnheim. Er habe einmal kurz den Raum verlassen, um einen Tee zu kochen.
Während er in der Küche gewesen sei, habe sie ihre Jacke in seinen Spind gehängt und dort einen Stapel mit Flugblättern und zwei Pistolen gesehen. Dietrich, der mit der Zeugin gesprochen hat, gibt ihre Aussage wieder: „Sie überfliegt die Flugblätter, dort ist von dem Attentat die Rede, von Köhler, dass dieser als Märtyrer der Bewegung, als Opfer des Attentates verherrlicht wird.“ Zu diesem Zeitpunkt hat die Sonderkommission Theresienwiese noch nicht verkündet, dass Köhler der Täter gewesen sein soll.
Seit vergangenem Dezember kümmert sich nun erneut das Bayerische Landeskriminalamt um die Wahrheit. Und nach den Recherchen des ZEITmagazins und des Politik-Magazins Kontrovers des Bayerischen Fernsehens (BR) könnte das auch politisch eine brisante Angelegenheit werden: Wie sich nämlich bei der Einsicht von nun freigegebenen Akten herausstellte, hat der Verfassungsschutz einigen Rechtsextremen ein Alibi für den Anschlag verschafft, indem er sie an dem Tag observierte, an dem der Anschlag stattfand.
Und er hatte eigene V-Leute in der Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG), zu der der Täter Kontakt hatte. Vieles deutet darauf hin, dass der Verfassungsschutz einige dieser verdeckt arbeitenden Verbindungsleute vor weiteren Ermittlungen geschützt hat.
Das ZEITmagazin und der BR haben Akten im Bundesarchiv in Koblenz, in der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin und im Hauptstaatsarchiv in München gesichtet. Diese Unterlagen machen auch deutlich, dass Spuren von Verbindungen Köhlers ins rechtsextreme Milieu unter den Tisch gefallen sind.
Nach dem Anschlag bildeten die Beamten des Bayerischen Landeskriminalamtes eine Sonderkommission. Sie strömten aus in die Krankenhäuser der Stadt, befragten Opfer, die ansprechbar waren, überprüften, ob eines von ihnen bei der Polizei oder den Nachrichtendiensten bekannt war.
Einer der Verletzten war Hans Roauer. Die Explosion hatte seinen rechten Fuß schwer verletzt, lange musste er eine Amputation fürchten. Unter Schmerzen berichtete er den Ermittlern, er habe am Wies’n-Eingang einen Streit zwischen mehreren Männern vor einem Auto beobachtet. Einer habe eine schwere weiße Plastiktüte getragen, sei abrupt vom Fahrzeug weggegangen und habe den Beutel in den Papierkorb gelegt, wo die Bombe explodiert sei.
Roauer ist sich sicher: Der Mann mit dem Sprengsatz war Köhler, die anderen Männer waren Mittäter. Mittäter, die bis heute nicht gefasst sind. Das notierten die Beamten damals zwar, nur hörte Roauer nie wieder etwas von ihnen. Er sagt heute: „Es ist für mich eine Genugtuung, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden.“
Die Ermittler hörten damals verschiedene Versionen, wer Köhler begleitet haben sollte: Mal waren es einige Männer, mal waren es ein junger Mann und eine junge Frau. Zeugen erinnerten sich an kurze Haarschnitte, Jacken wie Bundeswehrparka mit schwarz-rot-goldenem Abzeichen am Ärmel. Roauer war nicht der Einzige, der eine weiße Plastiktüte gesehen haben will.
Bald kam ein Detail ans Licht, das dem Fall eine entscheidende Wendung gab: Im Informationssystem der Nachrichtendienste (Nadis) war vermerkt, dass Köhler Kontakt zur paramilitärischen, rechten Wehrsportgruppe Hoffmann hatte. Die Organisation hatte der Bundesinnenminister Anfang 1980 für verfassungswidrig erklärt und verboten.
Aus den jetzt zugänglichen Akten des Generalbundesanwalts lässt sich Köhlers Weg in die rechte Szene nachzeichnen: Mit 14 besuchte er NPD-Veranstaltungen, gleichzeitig erwachte sein Interesse an Raketen, Waffen und Sprengstoff. Zwei Jahre später hantierte er bereits mit hochbrisanten Chemikalien: Er bestellte ein Kilo Pikrinsäure, die im Ersten Weltkrieg in Granaten gefüllt wurde. Dazu orderte er im Sprengzubehör-Großhandel 100 Reißzünder, wie sie für Handgranaten verwendet werden, und 29 Meter Zündleitung. Zudem schwärmte der mittlerweile 16-Jährige für Karl-Heinz Hoffmann, den Chef der Wehrsportgruppe in der Nähe von Nürnberg.
Hoffmann, Jahrgang 1937, ist eine schillernde Gestalt. In der DDR aufgewachsen, verhinderte seine Herkunft – adelige Großmutter, Vater Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Mutter Nachfahrin der ortsansässigen Porzellan-Dynastie – einen Aufstieg. Hoffmann blieb die Lehre als Porzellanmaler im Kombinat Kahla. Im August 1953 verließ er die DDR und besuchte die Berufsoberschule für angewandte Grafik in Nürnberg, studierte danach Grafikdesign und reiste nach Persien und Indien.
Anfang der siebziger Jahre scharte Hoffmann junge Männer um sich, organisierte Wehrsportübungen. Ein Mitglied berichtete 1981 von 120- Kilometer-Märschen. Der Ort der Kriegsspiele, das Schloss Ermreuth bei Erlangen, das Hoffmanns Lebenspartnerin erworben hatte, war mit Bedacht gewählt: Das Anwesen war einst Sitz einer Gau-Führerschule der NSDAP. Ein Artikel im stern mit der Schlagzeile Heil Hoffmann machte die Gruppe 1974 bundesweit bekannt. Vor allem Jugendliche mit Interesse für Waffen und die NS-Zeit fühlten sich angezogen.
So war es auch bei Köhler, den viele als Einzelgänger schilderten. Er schrieb Hoffmann im November 1975 einen ersten Brief in krakeliger Schrift: „Ich besitze eine Ausrüstung vom Helm bis zum Knobelbecher und auch Waffen (selbstgebastelte Panzerfaust etc.).“
Am letzten Juli-Wochenende 1976 brachten ihn die Eltern zu einer Übung in Heroldsberg, nahe Nürnberg, wo die WSG damals trainierte. Scharfe Waffen und Hakenkreuze waren verboten, um den Behörden keine Angriffsfläche zu bieten. Köhler hatte jedoch eine selbst gebaute Handgranate im Gepäck. Ein Mitglied erinnerte sich 1981 gut an Köhler: „Er war ganz geil darauf, das Ding zu schmeißen. Wir sind alle hinter Holzstößen in Deckung gegangen.“
Das Mitglied erzählte auch, dass er neben dem 16-jährigen Köhler unter freiem Himmel im Biwak übernachtete – Zelte waren verpönt. Vor dem Einschlafen unterhielten sie sich über ihren Traum von der Machtergreifung und kamen zu dem Schluss, dass diese am besten durch einen Guerillakampf zu erreichen sei. Köhler wollte eine eigene Ortsgruppe in Donaueschingen aufbauen. In seinem Elternhaus hing über seinem Bett ein Hitler-Bild.
Köhlers Kontakte zu Hoffmann waren den Behörden schon vor dem Attentat aufgefallen: Eine Hausdurchsuchung bei dem WSG-Chef im Jahr 1979 hatte den Briefwechsel der beiden zutage gefördert. Als Generalbundesanwalt Kurt Rebmann am Tag nach dem Anschlag auf das Oktoberfest davon erfährt, übernimmt er das Verfahren. Die Ermittler der Soko Theresienwiese ahnen vermutlich nicht, dass sie nun den Nachrichtendiensten in ihre Pläne grätschen.
Hoffmann hatte sich nämlich auf Kontakte eingelassen, die die Geheimdienste in Ost und West interessierten: Laut Zeugenaussagen arbeitete er als militärischer Berater für die palästinensische Organisation Fatah, die zur PLO gehört. Eingefädelt hatte die Verbindungen in den Nahen Osten der Rechtsextremist Udo Albrecht, jahrelanger Kampfgenosse der PLO mit großem Vorstrafenregister in Deutschland. Dieser bot Hoffmann im Januar 1980 an, er könne mit ihm ausrangierte Bundeswehrfahrzeuge in den Libanon verkaufen. Parallel sollten einige von Hoffmanns Männern in Camps der PLO eine militärische Ausbildung erhalten.
Heimliche Akteure im Hintergrund waren außerdem Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes, die über ihre palästinensischen Genossen an Informationen zur ehemaligen Wehrsportgruppe und über ihren Chef Hoffmann gelangen wollen.
Just am Tag des Attentats plante Hoffmann wieder einen Fahrzeugkonvoi in den Libanon zu schicken – drei Unimogs mit je einem aufgeladenen VW-Kübelwagen.
»Nach der lehrhaft aufgebauten Art der Aufzeichnungen des Köhler waren diese offenbar als Darstellung für einen größeren Personenkreis bestimmt.«
— Bundesamt für Verfassungsschutz
Laut Unterlagen der Stasi hatte noch jemand den Transport im Visier: Mitarbeiter verschiedener Landesämter für Verfassungsschutz. Diese interessierte ebenfalls die Verbindung von Hoffmann und seinen Männern in den Libanon.
Das ist nicht verwunderlich, wusste das Bundesamt für Verfassungsschutz doch laut dem ZEITmagazin vorliegenden Unterlagen bereits, dass Albrecht Hoffmann das Fahrzeuggeschäft vermittelt hatte. In einem Stasibericht wurde festgehalten: Bereits in den frühen Morgenstunden am Tag des Anschlags, am 26. September, seien Mitarbeiter des bayerischen, des baden-württembergischen und des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Verfassungsschutz in Richtung Hoffmanns Schloss Ermreuth gereist, um das Anwesen zu beobachten und den geplanten Konvoi abzupassen.
Sicher ist, dass der Konvoi am darauffolgenden Tag gegen Mittag die österreichische Grenze erreichte. Seit dem Vormittag war der Kontakt zwischen Köhler und Hoffmann bekannt, der Generalbundesanwalt hatte bereits das Verfahren übernommen. Die neu aufgetauchten Akten zeigen, dass Rebmann den Transport zu diesem Zeitpunkt stoppen und die Begleiter vorläufig festnehmen ließ.
In einer Akte des Bundeskanzleramtes steht, warum diese wenige Stunden später schon wieder frei waren: „Nachdem das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz seine Beobachtungen über den Konvoi (Alibi für die betroffenen Personen) mitgeteilt hatte und die Durchsuchung der Konvoi-Fahrzeuge gegen 19.45 Uhr ergebnislos abgeschlossen worden war, erteilte Osta (Oberstaatsanwalt, Anm. der Red.) H. die Weisung, die vorläufig Festgenommenen frei zu lassen.“ Das überrascht auch, weil zur selben Zeit noch die Hausdurchsuchungen liefen – unter anderem bei den Begleitern des Transportes.
Was war am Transport derart interessant? Wer wurde wann und wie lange beobachtet? Auf Nachfrage des ZEITmagazins will sich kein Amt dazu äußern.
Mittlerweile durchsuchten sechs Kriminalbeamte Köhlers Elternhaus in Donaueschingen. Köhlers Zimmer mit Postern von Obelix, Dinosauriern und Planeten erinnerte mehr an das eines Teenagers als an das eines Studenten. Das Bild von Hitler hatte er auf Drängen der Familie abgenommen. Die Polizisten fotografierten einen Schrank, auf dem eine Granate aus Verdun, ein Stahlhelm und eine alte Handgranate lagen.
In der Schreibtischschublade fanden die Ermittler ein Waffenreinigungsgerät und eine Anwürgzange, wie man sie zum Scharfmachen von Sprengkapseln braucht. Ganz oben im Regal stand der Roman Der Wehrwolf, beliebte Lektüre in der Nazizeit. Die Beamten fanden auch die Abschrift eines Nazilieds: „Durch Groß-Berlin marschieren wir, für Adolf Hitler kämpfen wir. Die rote Front, brecht sie entzwei, SA marschiert, die Straße frei.“
Besonders aufschlussreich waren Köhlers Aufzeichnungen zu Waffen und Sprengstoff. Sie zeigten, dass er sich mit dem militärischen Sprengstoff TNT beschäftigte und wusste, wie Napalm wirkt. Zudem fanden sich Notizen zu CO₂-Treibgasflaschen und Feuerlöschern. All dies ist auch deshalb wichtig, weil die Oktoberfest-Granate wahrscheinlich mit TNT gefüllt war und außerdem in einem Metallbehälter gesteckt hatte.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz schlussfolgerte damals, Köhlers Anleitungen seien nicht für ihn allein gewesen: „Nach der lehrhaft aufgebauten Art der Aufzeichnungen des Köhler waren diese offenbar als Darstellung für einen größeren Personenkreis bestimmt.“ Doch wenn ja, für wen? Und warum wurde diesem Verdacht nicht nachgegangen? Dazu vermerken die Akten nichts.
Einen weiteren Hinweis übersahen die Kriminalbeamten bei ihrer Hausdurchsuchung am Tag nach dem Anschlag: Köhlers Ausweis der rechtsextremen Wiking-Jugend. Erst später fiel einem Beamten ein, dass es sich um eine rechtsextreme Organisation handelt.
Und laut einer erstmals zugänglichen Akte des Bundesministeriums des Innern gab es noch eine Spur: Die Beamten der Soko beschlagnahmten einen Schmalfilm, auf dem Köhler „als Fahrer eines Kübelwagens“ mit Stahlhelm zu sehen war.
Nachfrage beim ehemaligen WSG-Chef Hoffmann, der lange im Gefängnis saß und auch heute noch rechten Gruppierungen nahesteht. Er antwortet in einer Mail, der Film könne nicht bei ihm gedreht worden sein: „Köhler war zur Gelände-Übung einer Mannschaft zugeteilt worden, die auf einem Unimog ins Gelände gebracht wurde.“
In den Akten des Generalbundesanwalts findet sich nichts zu dem Schmalfilm. Wo ist er geblieben? Fanden die Ermittler ihn nicht relevant?
Er ist nicht das einzige Beweisstück, das verschwand. Etwas abseits vom Tatort fanden die Ermittler eine abgetrennte Hand, die keinem Opfer eindeutig zugeordnet werden konnte. Die Generalbundesanwaltschaft war sich 1982 sicher, dass sie Köhler gehört haben müsse, schließlich hätten sich identische Fingerabdrücke in seinem Studienordner gefunden. Von der Hand fehlt heute – wo neue Ermittlungsmethoden, wie DNA-Analysen, dies bestätigen oder revidieren könnten – seltsamerweise jede Spur.
Auch die Wohnungen der ehemaligen WSG-Mitglieder wurden damals untersucht. Bei Robert Christian F., einem Begleiter des Konvois in Richtung Libanon, entdeckten die Ermittler ein Kilo militärischen Sprengstoff und drei Granaten.
Daraufhin musste der Generalbundesanwalt den Konvoi ein zweites Mal stoppen und die Mitglieder erneut festnehmen lassen. Die Ausbeute auf Hoffmanns Schloss Ermreuth fiel mit zehn Zündkapseln eher mager aus. Der Grund: Die Kripobeamten übersahen den dortigen Sprengstoff. Das erfuhren sie erst ein Jahr später – von einem Mann, der aus Hoffmanns Camp im Libanon geflohen war und nun in deutscher Haft saß: Es gab auf dem Schloss einen Sprengsatz in einem Einmachglas und mehr als ein Kilo TNT-Sprengstoff in Form eines Blumentopfes.
Der Tippgeber berichtete, er sei aus Neugier kurz nach dem Anschlag zu Hoffmann gefahren. Bei der Gelegenheit habe Hoffmann ihn angewiesen, den Sprengsatz in den Hohlkörper eines Steins einzufügen und so zu verstecken. Mit dieser Beschreibung fanden die Beamten im Sommer 1981 ganz schnell, was sie suchten: Der Stein mit dem Sprengsatz lag mit anderen Steinen auf einem Haufen neben einem Baum. Den anderen Sprengstoff entdeckten sie in einer Scheune.
» Die Verfassungsschutz-Agenten konnten glaubhaft versichern, daß ihnen über Vorbereitungen des Anschlags nichts bekannt war. Sie konnten auch deutlich machen, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann mit dem Anschlag nichts zu tun habe.«
— Ein Stasi-Bericht
Hoffmann überzeugte die Ermittler trotzdem von seiner Unschuld. 1980 argumentierte er, er müsse ja „ein Blödian“ sein, wenn er einen ihm derart Unbekannten wie Köhler für ein Attentat einsetzen würde. Und er schilderte ausführlich sein Alibi.
Zudem hatten ihn die Verfassungsschützer am Tag der Tat observiert und damit entlastet. Und ein Jahr später erklärte Hoffmann, beide Sprengstoffe habe er einst „einem Jungen“ abgenommen. „Ich wollte dadurch verhindern, dass er damit Dummheiten macht.“ Außerdem sagte er: „Terroristische Anschläge – Mord, Sprengstoffexplosionen etc. – habe ich niemals geplant und hätte ich weder befohlen noch geduldet.“ Damit waren die Vorwürfe vom Tisch.
Nach kurzer Zeit war 1980 auch Robert Christian F. wieder frei – trotz des bei ihm gefundenen Sprengstoffs. Das Bundeskriminalamt teilte dem Bundesministerium des Innern den Grund mit: „Der aufgefundene Sprengstoff ist jedoch nicht mit dem bei dem Anschlag verwandten Sprengstoff vergleichbar.“ Er sei „stark verrottet“ und „vermutlich aus dem 2. Weltkrieg“. Die Erklärung ist verblüffend, ist doch nie zweifelsfrei geklärt worden, mit welchem Sprengstoff die Oktoberfest-Bombe gefüllt war. Wieso war sich das Bundeskriminalamt dann so sicher?
Ein ganz neues Licht auf den Fall wirft eine bisher nicht bekannte Akte der Stasi. Die Stasi will Ende November 1980 in Erfahrung gebracht haben, warum die Spur zur verbotenen Wehrsportgruppe so schnell vom Tisch war: Einige der Verhafteten seien am Tag des Anschlags nicht nur vom Verfassungsschutz beobachtet worden – sondern auch dessen V-Leute gewesen.
Sie hätten sich den Vernehmern nach ihrer Verhaftung zu erkennen gegeben. „Erst durch Einschaltung höherer Instanzen klärte sich die Angelegenheit“, heißt es im Bericht. „Die Verfassungsschutz-Agenten konnten glaubhaft versichern, daß ihnen über Vorbereitungen des Anschlags nichts bekannt war. Sie konnten auch deutlich machen, daß die Wehrsportgruppe Hoffmann mit dem Anschlag nichts zu tun habe.“ Der derzeitige Generalbundesanwalt sowie die beteiligten Dienste wollen sich auf Nachfrage des ZEITmagazins dazu nicht äußern. Auffallend ist, dass in den Unterlagen im Bundesarchiv nur eine Aussage der Verhafteten zu finden ist – die von Hoffmann.
Dass der Verfassungsschutz einige Informanten in der WSG gehabt haben muss, darauf weist eine nun freigegebene Kabinettsvorlage des Bundesministeriums des Innern vom 8. Oktober 1980 hin. Darin geht es um die Vermutung, Hoffmann könne Köhler vielleicht einen Sonderauftrag gegeben haben.
Darauf entgegnete das Ministerium: „Jedoch kann man nach Beurteilung des Bundesamts für Verfassungsschutz im Hinblick auf die gute Zugangslage bei der WSG nicht von entsprechenden Sonderaktionen ausgehen.“ Glaubte der Nachrichtendienst, dank seiner „guten Zugangslage“, also seiner vielen V-Leute, alles zu wissen?
Immer wieder führten Spuren in rechtsextreme Kreise und zugleich zu den Nachrichtendiensten, wurden aber nicht weiterverfolgt. Zufall? Wer schützte wen und warum? Das wird der Generalbundesanwalt nun herausfinden müssen.
Die Aktenlage der verschwiegen arbeitenden Nachrichtendienste soll nach Auskunft der Bundesregierung von Anfang Februar 2015 auf eine Anfrage der Linken hin verschwindend gering sein.
Mitarbeit Lisa Wreschniok
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Aus der ZEIT Nr. 28/1986
4. Juli 1986
Öfters mal ein Bier
Urteil im Mordfall Avci: Die Hintergründe bleiben unklar
Hamburg
Vor sechs Monaten wurde der 26jährige Türke Ramazan Avci in Hamburg auf offener Straße von rechtsgerichteten Skinheads erschlagen. Am Dienstag dieser Woche fällte die 13. Strafkammer des Landgerichts ihr Urteil über die fünf jungen Täter, die wegen gemeinschaftlichen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt waren: 10 Jahre Freiheitsstrafe für den 21jährigen Hauptbeschuldigten, für seine Gefährten abgestuft sechs Jahre, zweimal dreieinhalb Jahre, ein Jahr Gefängnis.
In der Begründung dieses Urteils spiegeln die häufigen Formulierungen „nicht sicher“, „möglich“, „nicht nachgewiesen“ den Grad der Aufklärung in diesem Verfahren wider. Warum die fünf jungen Männer zwischen 18 und 23 Jahren den völlig unbekannten Ausländer in jener Dezembernacht mit Axtstiel, Holzkeule und Gummiknüppel schlugen, bis seine Schädeldecke in Stücke sprang, diese Frage ist nach zwölf Verhandlungstagen immer noch unbeantwortet.
Richter Erich Petersen, Vorsitzender der Jugendkammer, bescheinigte den Skinheads, zu denen die fünf Angeklagten zählen, zwar ein „oberflächliches Nationaldenken“, verbunden mit einer „latenten Abneigung gegen Ausländer“, doch sei diese Gesinnung als tragendes Motiv der Mordnacht „nicht feststellbar“.
So bleibt Richter Erich Petersen nur das Bündel von Motiven, das die Staatsanwaltschaft schon vor sieben Wochen in ihrer Anklageschrift beschrieben hatte: Etwa die Wut der Skinheads darüber, daß sich der angegriffene und als „Kanake“ beschimpfte Türke mit Tränengas wehrte – oder das Bedürfnis, die eigene Entschlossenheit vor den Kameraden zu demonstrieren. Aber Entschlossenheit wozu?
Ralph L., der Hauptbeschuldigte, war in jener Nacht in der Skinhead-Stammkneipe am Tisch eingeschlafen, wachte auf, als es auf der Straße „gegen die Türken“ ging, schnappte sich einen Axtstiel und erschlug wenig später Ramazan Avci. In dem Urteil, das sich Ralph L. nun zehn Jahre lang im Gefängnis durchlesen kann, steht: Es müsse „ein deutliches Zeichen gesetzt werden gegen die Eskalation der Gewalt in Jugendgruppen“. Wem nützt dieses Urteil?
Dabei hätte es in diesem Prozeß die Chance der Aufklärung gegeben. Was über die Angeklagten in diesem Verfahren bekannt wurde, waren Anhaltspunkte, bei denen die Untersuchung hätte beginnen können, statt dort zu enden. Die jungen Männer waren Mitglieder der Skinhead-Gruppe „Lohbrügge Army“, kurz „LA“ genannt, in Hamburg-Bergedorf, wo früher Michael Kühnen Nachwuchs für seine „Aktionsfront Nationaler Sozialisten“ rekrutierte und heute die neonazistische „Freiheitliche Arbeiterpartei“ aktiv ist.
Einige der Angeklagten haben Vorstrafen, die ebenfalls in Richtung auf neonazistische Beeinflussung weisen: wegen Hitler-Gruß, „Sieg-Heil“-Brüllen in der Öffentlichkeit, Verwendung von „Türken raus“-
Aufklebern der FAP. In die Haft bekamen die Skinheads Rundbriefe einer „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene“ geschickt. Von dieser Post distanzierten sich die Adressaten zwar, doch zufällig bekamen sie sie wohl kaum.
In der Hamburger Skinhead-Szene kursierte ein Spendenaufruf für die angeklagten Kameraden, der die gegen Ausländer zu laschen Politiker als Schuldige am Tod Avcis bezeichnet und fragt: „Ist es da so unverständlich, wenn bei einem jungen Deutschen mal die Sicherung durchbrennt?“
Bei der ermittelnden Polizeibehörde, dem sogenannten Rockerdezernat, war dieser Spendenaufruf in den Papierkorb gewandert, wie ein Beamter vor Gericht freimütig bekannte: als „nicht erkenntnisrelevant“. Die Kollegen in der Staatsschutzabteilung hatten das Pamphlet sorgsam abgeheftet – aber sie waren ja nicht mit der Ermittlung betraut.
Am vierten Verhandlungstag hatte es so ausgesehen, als gebe es noch eine Wende in diesem Verfahren: Der mit der Aufklärung des Mordfalls Avci befaßte Beamte des Rockerdezernats mußte im Zeugenstand zugeben, daß sein eigener Sohn in der Skinhead-Szene aktiv ist; er mußte zugeben, daß er in jener Nacht einen der Tatverdächtigten, den er privat kannte, zunächst wieder laufen ließ.
Gegen den Beamten und einen Kollegen läuft nun ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung – doch im Gerichtssaal blieben die erwarteten Folgen dieses Eklats aus. Offensichtlich wurde nur, daß es bei Hamburgs Behörden eine Fülle von Informationen über die Skinhead-Szene geben muß – aber diese Informationen erreichten nicht den Gerichtssaal. Da kursierte intern eine Polizeiakte mit Schriftstücken, die sich in der Gerichtsakte nicht fanden.
Da blieb bei der Staatsschutzabteilung ein Bericht über die Bergedorfer Skinheads in der Schublade; da schwieg sich im Zeugenstand Hamburgs zweithöchster Verfassungsschützer, Ernst Uhrlau, aus über die Erkenntnisse seines Amts.
Anscheinend hatte der Hamburger Senat schon im Januar mehr Informationen, als das Gericht bis heute hat. Denn damals antwortete der Senat auf eine parlamentarische Anfrage zum Fall Avci und berief sich auf Ermittlungen, nach denen die Skinheads in jener Nacht mit einer Auseinandersetzung gerechnet und sich darauf vorbereitet hätten, nachdem es am Vorabend einen blutigen Streit in ihrer Stammkneipe gab. Über diese Ermittlungen ist in der Gerichtsakte nichts zu finden.
Der Verdacht drängt sich auf, daß die Polizei womöglich von der auffallend großen (und bewaffneten) Skinhead-Ansammlung in jener Nacht wußte, bevor es zu Avcis tragischem Tod kam – und nicht eingriff. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum die Behörden in diesem Verfahren „ihre Erkenntnisse verschwiegen bis an die Grenze der Strafvereitelung“, wie es der Nebenklage-Vertreter Uwe Maeffert nannte.
Vor einem halben Jahr, nach Avcis Tod, hatte Hamburgs Bürgermeister Klaus von Dohnanyi der ausländischen Bevölkerung der Hansestadt versichert, dieser Fall werde gründlich aufgeklärt. Eher das Gegenteil ist eingetreten. Nach diesem Prozeß weiß man, daß junge Leute, die einen Ausländer töten, aus ordentlichen Elternhäusern kommen, öfter mal einen trinken und am Wochenende zum Fußball gehen.
Die Vertreter türkischer Organisationen in Hamburg reagierten auf den Ausgang des Prozesses mit Wut und Enttäuschung. Ein Prozeßbeobachter der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (WN) sagte nach dem Urteil erbittert: „Die Justiz hat aus der Judenverfolgung nichts gelernt.“
Am Tatort, dem Hamburger S-Bahnhof „Landwehr“, haben Skinheads eine Parole an die Wand geschrieben: „Ramazan war erst der Anfang.“ Die Hoffnung, daß die juristische Bewältigung des Mordfalls Avci ein Schritt dahin sein könnte, künftige Wiederholungen der Tat unmöglich zu machen, wurde nicht erfüllt. Viele Ausländer in Hamburg werden ungern abends noch auf die Straße gehen.
Charlotte Wiedemann
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Eine Reportage von Vanessa Vu, Hamburg
21. Juni 2018
Warum hat Deutschland Do Anh Lan vergessen?
1980 wurden zwei Vietnamesen in Hamburg Opfer eines rassistisch motivierten Brandanschlags. Bis heute kämpft die Mutter eines der Opfer für einen Gedenkort – erfolglos.
Rassismus ordnet unser Denken und Zusammenleben. Mit der Serie „Alltag Rassismus“ wollen wir herausfinden, warum das so ist, was das für die Gesellschaft bedeutet und wie sich das verändern ließe. Mit einem Besuch bei der Rentnerin Do Mui wollen wir herausfinden, welche Folgen ein rassistisches Verbrechen auch noch Jahrzehnte später haben kann.
Wer sich in Do Muis Wohnung umblickt, sieht an fast jeder Wand Fotos von ihrem Sohn Do Anh Lan. Im hölzernen Wandschrank über dem Flachbildfernseher hat die Rentnerin ein Schwarz-Weiß-Porträt aufgestellt und links auf dem Familienaltar ein verblasstes Ganzkörperfoto: Sonnenbrille, Jeanshemd, Hände lässig auf die Hüften gestützt. Vor dem Foto: frisches Obst, Kekse und erloschene Räucherstäbchen. Do Anh Lan lebt nicht mehr, er starb vor 38 Jahren.
1980 wurden er und Zimmernachbar Nguyen Ngoc Chau Opfer eines Brandanschlags auf ihr Flüchtlingsheim. Es ist der erste dokumentierte rassistische Mord durch Deutsche an Ausländern in der Bundesrepublik nach 1945. Und Do Muis von Räucherstäbchenrauch vergilbtes Wohnzimmer ist der einzige Ort, der an den jungen Mann erinnert.
Am 21. August 1980 waren Heinz Colditz, Sibylle Vorderbrügge und Raymund Hörnle mit dem Auto nach Hamburg gefahren. Die drei hatten sich in der Arztpraxis von Colditz kennengelernt, sie waren gut in der rechtsextremen Szene vernetzt und zählten sich zur Terrorzelle Deutsche Aktionsgruppe. Nun waren sie auf Deutschlandtour.
An einer Tankstelle kauften sie eine Zeitung, das Hamburger Abendblatt. Einer der Artikel beschrieb, wie sich einige Hamburger ärgerten über die Umsiedlung von 29 Asylbewerbern aus einem Heim in Fulda nach Hamburg. Der Sprecher des SPD-geführten Senats, Manfred Bissinger, sprach von einem „unmöglichen und auf Dauer unerträglichen Zustand“. Die Stadt sei „schon mit 9.000 Asylbewerbern überlastet“, stand dort weiter. Weil es nicht genug Einrichtungen für die Flüchtlinge gab, bezögen einige „auf Staatskosten in Hotels und Pensionen Quartier“. Am Ende des Artikels stand auch die Adresse der provisorischen Unterkunft: Halskestraße.
Am nächsten Abend fuhren Colditz, Vorderbrügge und Hörnle mit drei Einliterflaschen voll Benzin und Putzwolle hin. Die brennenden Flaschen trafen das Zimmer von Nguyen Ngoc Chau und Do Anh Lan, die jungen Männer schliefen bereits. Nguyen Ngoc Chau stirbt noch am nächsten Morgen, Do Anh Lan erliegt seinen Verbrennungen neun Tage später im Krankenhaus. Am Morgen nach dem Anschlag steht auf der Fassade der Unterkunft in roter Farbe: „Ausländer raus!“
»Mein Sohn dachte, er sei in Deutschland sicher vor Bomben – und dann töteten sie ihn in Deutschland mit einer Bombe?«
—Do Mui
Do Mui erfuhr erst Wochen später vom Tod ihres damals 18-jährigen Sohnes. Er war wie Hunderttausende andere Menschen aus Südvietnam nach dem Krieg 1978 mit einem Boot aufs offene Meer geflohen – in der Hoffnung, dass vorbeiziehende Schiffe sie sehen und retten würden. Die meisten starben auf der Flucht, Do Anh Lan hatte Glück. Ein Schiff brachte ihn auf die malaysische Insel Pulau Bidong, von dort aus kam er dank eines Hilfsprogramms nach Deutschland.
Das Land nahm die sogenannten Boatpeople wohlwollend auf. Auch ZEIT-Reporter waren vor Ort, sie beschrieben ihn kurz nach seiner Ankunft als „verhaltensgestörten, alleinstehenden Jugendlichen“, wenig später als „den Junge mit der tonlos leiernden Stimme“, aber „wachen Augen und völlig normaler Sprache“. In Hamburg fand Do Anh Lan Paten, beziehungsweise fanden Heribert und Gisela von Goldammer ihn.
Das Ehepaar hatte in der Zeitung von den ankommenden vietnamesischen Flüchtlingen gelesen und wollte helfen. Für die Mutter Do Mui, die in Saigon zurückgeblieben war, stellten die Goldammers einen Antrag auf Familiennachzug. Mui wartete auf positive Nachrichten aus Deutschland, auf die Erlaubnis, zu ihrem Sohn zu kommen.
Aber sie sollte ihn nicht mehr wiedersehen. „Freunde hatten mir einen Zeitungsartikel zum Brandanschlag vorgelesen“, erinnert sich Do Mui, die zur chinesischen Minderheit gehört und die vietnamesische Schrift nicht beherrscht. Verstanden hatte sie die Nachricht trotzdem nicht. „Mein Sohn dachte, er sei in Deutschland sicher vor Bomben“, sagt sie.
Deutschland malten sie sich als ein Land aus, in dem er ein gutes, friedliches Leben führen könnte, und sie eines Tages vielleicht auch. „Und dann töteten sie ihn in Deutschland mit einer Bombe?“ Nach der Nachricht wollte sie auch sterben. Stattdessen weinte sie.
Keine Entschuldigung, keine Entschädigung
Auch vierzig Jahre später lässt sein Tod sie nicht los. Niemand habe sie darauf vorbereitet. Und: „Niemanden kümmert es“, sagt sie.
Das Mitleid der Bundesregierung beschränkte sich darauf, ihr trotz seines Todes den Nachzug nach Deutschland zu gewähren. Keine Entschuldigung, keine Entschädigung, nicht mal eine Erklärung.
Trotzdem ging Do Mui nach Deutschland. „Ich wollte verstehen“, sagt sie. Verstehen, warum ihr Sohn sterben musste, und wo er starb. In Vietnam habe sie ohnehin nichts gehalten. Sie hatte dort keine Familie mehr und was sie mit dem Straßenverkauf von Klamotten verdiente, reichte kaum zum Überleben. „Wir wollten alle nur noch raus“, sagt sie.
Do Mui rührt in ihrem Instantkaffee. Heute lebt die Frau ein bescheidenes Leben am Hamburger Stadtrand. Nach ihrer Ankunft in Deutschland arbeitete sie als Schneiderin, sie nähte Taschen und Rucksäcke. Die Sprache lernte sie nicht. „Ich hatte keine Kraft“, sagt sie.
Anfangs habe sie nur geweint, und wenn sie über ihren Verlust sprechen wollte, sagten die Kolleginnen ihr, sie solle weniger reden und mehr arbeiten. So ging das bis zur Rente. Seither besucht sie tagsüber Ärzte und abends Freunde. Zu Hause sei es so still, da wolle sie nicht allein sein, „ich hab hier ja keine Kinder und Enkel wie alle anderen“. In den vergangenen Wochen wurde zweimal bei ihr eingebrochen, die Diebe räumten ihre Wohnung noch leerer, als sie es bereits war.
Doch es ist nicht die kleine Rente oder das einsame Leben, das sie beklagt. Do Mui will nicht mehr allein trauern. Sie will einen öffentlichen Gedenkort für ihren Sohn.
Verbindungen zum NSU
„Die Türken bekommen doch auch Gedenkorte“, sagt sie und meint die Opfer des NSU. „Uns geben sie nicht mal eine winzig kleine Gedenktafel.“ Ihr Sohn und sein Mitbewohner seien ja nicht einfach nur gestorben. Sie seien auch nicht bei irgendwelchen Streitereien ermordet worden.
Sie wurden Opfer einer politischen und gesellschaftlichen Stimmung, die damals in Deutschland aufkochte – und die sich in den kommenden Jahrzehnten weiter entlud. Es gibt nämlich nicht nur abstrakte, ideologische Zusammenhänge zwischen den Tätern von 1980 und dem NSU.
Das Bindeglied zwischen den Fällen ist der Neonazi Manfred Roeder. Die Deutsche Aktionsgruppe, zu der sich die Mörder von Do Anh Lan und Nguyen Ngoc Chau zählten, wurde von Manfred Roeder mit aufgebaut. Roeder gilt als Vorbild für den späteren NSU:
Als er in den Neunzigern wegen eines Farbanschlags auf eine Wehrmachtsausstellung in Erfurt vor Gericht saß, nahmen auch Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Ralf Wohlleben und André K. am Prozess teil. Der V-Mann Tino Brandt soll ihnen mit Presseausweisen Zugang zum Gerichtssaal verschafft haben, das zeigen Recherchen von tagesschau.de. Später fanden Ermittler in der Wohnung der NSU-Terroristen eine Propagandaschrift von Roeder.
Das Schicksal der Familie Do ist also eng verwoben mit den rechtsextremen Akteuren der damaligen Zeit, es ist damit auch ein deutsches Schicksal. Das sieht aber kaum jemand so. Aktivisten hatten 2014 bei einer Gedenkveranstaltung ein Schild am Tatort, dem ehemaligen Flüchtlingsheim, angebracht, das heute ein Hotel ist.
Kurze Zeit später nahm das Hotelpersonal das Schild wieder ab. Mit dem Fall wollten sie nichts zu tun haben, mehrere Anfragen von ZEIT ONLINE ließ die Geschäftsführung unbeantwortet.
Auch der Hamburger Senat will keinen öffentlichen Gedenkort. 2015 reichte eine Gedenkinitiative den Vorschlag ein, einen Teil der Halskestraße umzubenennen, zum Beispiel in Do-Nguyen-Straße. Der Senat lehnte den Vorschlag ab: Das Bezirksamt schrieb der Initiative:“Benennungen in fremder Sprache sind unzulässig, wenn die Schreibweise zu falscher Aussprache führen kann.“
In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage von Mai 2017 heißt es zudem, der bestehende Straßenname gehöre zu den prägenden Namen im Stadtteil und sichere Orientierung und Auffindbarkeit. Außerdem habe sich der Hamburger Verein vietnamesischer Flüchtlinge von der Initiative distanziert und sich gegen die Umbenennung ausgesprochen.
Tatsächlich sind die vietnamesischen Boatpeople in Hamburg gespalten. Auf der einen Seite steht die kleine Initiative um die Mutter Do Mui. Etwa einmal im Monat treffen sich eine Handvoll Leute, um zu überlegen, wie sie Do Muis Wunsch erfüllen können.
Da sind Tung, Trong und Thoa, die damals in demselben Flüchtlingsheim gelebt hatten und heute graue Haare haben. Oder die Paten Heribert und Gisela, die die beiden Jungs nur wenige Male getroffen hatten. „Danach waren sie ja schon tot“, sagt Gisela mit brüchiger Stimme. Auch sie nimmt der Mord fast vierzig Jahre später noch sichtlich mit. Heute sind sie und ihr Mann in Rente. Und da ist der Student Lee, der die Gruppe über eine Gedenkveranstaltung fand und sich dazugesellte.
An einem Donnerstag im April sitzen sie im Aufenthaltsraum eines Seniorenheims, in der Ecke surrt ein alter PC, durch das offene Fenster hört man den Frühsommerregen, auf den langen Tischen stehen Plastikblumen und kleine Schneckenfiguren. Thoa hat einen Pudding aus Kochbananen, Kokosmilch und Erdnüssen mitgebracht, Gisela hat Chips und schwarzen Tee vorbereitet. „Wir könnten den Pastor von damals fragen, ob er uns unterstützen möchte“, sagt Thoa. „Oder vielleicht den früheren Bürgermeister“, wirft Heribert ein. Den Kontakt zu diesen Leuten hat aber niemand. Sie sehen schweigend in die Luft. Eigentlich kommen sie seit Jahren nicht weiter.
Widerstand aus der eigenen Community
Auf der anderen Seite steht der offizielle Hamburger Boatpeople-Verein. Die Leute dort sind Deutschland so dankbar für die Aufnahme und das damit verbundene neue Leben, dass sie das Bild ihrer Dankbarkeit durch nichts trüben wollen.
Als sie von der Gedenkinitiative erfuhren, schrieben sie einen Brief an den Senat. „Mit der Verurteilung der Täter wurde das Verbrechen gesühnt“, heißt es darin. Die Initiative zur Straßenumbenennung sei „befremdlich“. Sie sehen dahinter ein „Wiederaufleben des Hasses“ und ein „Rachegelüst“ der Angehörigen und früheren Freunde der Opfer. Das Wort Rachegelüst schrieben sie in roten Buchstaben. Am Ende des Briefes steht: „Wir lehnen es ab, Deutschland wegen dieser Tat zu verurteilen.“ Und: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von dieser Initiative.“
Der Bundesverband der Boatpeople unterstützt sie dabei. Ein öffentlicher Gedenkort sei eine „politische Provokation“, sagt Hoang Thi My Lam, Vorsitzende des Bundesverbands der vietnamesischen Flüchtlinge in der Bundesrepublik, auf Nachfrage von ZEIT ONLINE.
„Die Terroropfer sollten nicht als Mittel der politischen Agitation benutzt werden.“ Auf weitere Fragen gehen sowohl der Hamburger Verein als auch der Bundesverband nicht ein.
»Es geht doch nicht um Schuld. Wir wollen unserer Freunde gedenken und nicht Deutschland beleidigen.«
—Thoi Trong Ngu
Die Gedenkinitiative fühlt sich missverstanden. „Es geht doch nicht um Schuld“, sagt Trong. „Wir wollen unserer Freunde gedenken und nicht Deutschland beleidigen.“ Niemand hier hasse Deutschland, auch sie seien dankbar für ihre Aufnahme und Integration. Das Leben hier sei gut.
Ihnen gehe es darum, dass die Opfer nicht vergessen werden. Dass sie den Platz in der Gesellschaft bekommen, der ihnen nach ihrer Ankunft gewaltsam genommen wurde. Seit sie sich aber für den öffentlichen Gedenkort engagieren, würden die anderen Boatpeople ihnen aus dem Weg gehen: „Sie empfinden uns als Verräter.“
Die Initiative für das Gedenken an Do Anh Lan und Nguyen Ngoc Chau ist nicht die einzige, die in Deutschland auf Widerstand stößt. Mitte April hatten Aktivisten im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf eine Gedenkplatte für den 1992 von Neonazis ermordeten Nguyen Van Tu verlegt. Wenige Tage später wurde das Denkmal mit Schnellbeton übergossen, seit Mitte Mai ist es ganz verschwunden. Wer sie übergoss und entfernte, ist unklar.
Ebenfalls im April beschädigten Unbekannte mit Chemikalien ein kürzlich eingeweihtes Denkmal für Burak Bektaş. 2012 war der damals 22-Jährige in Berlin-Neukölln auf offener Straße erschossen worden. Es hatte laut Augenzeugen keinen Konflikt gegeben, der Täter sei aus dem Nichts gekommen, habe gezielt auf Bektaş geschossen und sei daraufhin geflohen. Der Mord ist bis heute ungeklärt, Angehörige und Zeugen gehen von einem rechtsextremen Tathintergrund aus.
Do Mui empfindet keinen Hass
In Bremen bemüht sich eine Initiative seit Jahren um ein Denkmal für Laye-Alama Condé. Der Westafrikaner starb 2005 in Polizeigewahrsam, nachdem ihm ein Arzt mit Gewalt über eine Nasensonde Brechmittel zugeführt hatte. Condé war wegen des Verdachts auf Drogenhandel festgenommen worden, Beamte vermuteten, dass er Ware verschluckt hatte.
Und in Kassel stößt der Vater des vom NSU ermordeten Halit Yozgat mit seinem Wunsch, eine Straße nach seinem Sohn zu benennen, auf Widerstand aus der Politik.
Do Mui macht der viele Streit müde. Manchmal glaubt sie selbst nicht mehr daran, dass es jemals einen öffentlichen Gedenkort für ihren Sohn und seinen Freund geben könnte.
Ob sie angesichts des Mordes, angesichts des Widerstands gegen ein Gedenken an ihn auch Wut oder Hass empfinde? „Ich hasse niemanden“, sagt sie und winkt ab. „Das ist doch schon alles so lange her. Warum sollte ich hassen?“ Dann lacht sie, als hätte man keine abwegigere Frage stellen können. Man muss sich erinnern an die Toten, sagt sie, das sei alles.
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Von G. V.
Aus der ZEIT Nr. 36/1980
29. August 1980
Sie haben wieder Angst
Angst haben 211 vietnamesische Flüchtlinge, die im Wohnheim Halskestraße im Hamburger Industrieviertel Billbrook untergebracht sind. Sie fürchten um ihr Leben, seit Donnerstagnacht vergangener Woche ein Brandanschlag mit drei Molotow-Cocktails auf ihr Haus verübt wurde.
Ein junger Mann starb an seinen fürchterlichen Wunden, ein anderer schwebt noch in Lebensgefahr. An der Hausfassade hinterließen die Täter in blaßroter, eilig hingesprühter Schrift ihre Forderung: „Ausländer raus“.
Die Vietnamesen sind ratlos: Man hat sie doch hierhergeholt, aus dem Meer gefischt, aus der tödlichen Enge der malaysischen Flüchtlingslager befreit. Die politischen Verhältnisse hierzulande, der wachsende Fremdenhaß angesichts einer großen Zahl von Asylanten sind ihnen unbekannt.
Nguyen Ngoc Chau, der Tote, war erst vor ein paar Monaten nach Hamburg gekommen. Er war 22 Jahre alt. Die Helfer auf der „Cap Anamur“, einem deutschen Rettungsschiff, hatten ihn aus dem Südchinesischen Meer aufgelesen. Der 18jährige Do Anh Lan war einer der. 276 Vietnam-Flüchtlinge, die wir vor einem Jahr dank der zahlreichen Spenden der ZEIT-Leser von der grausigen malaysischen Flüchtlingsinsel Pulau Bidong nach Hamburg holen konnten. Er war einer der sogenannten „Härtefälle“, einer der keine Chance hatte, von einem anderen Land aufgenommen zu werden. Denn er war krank.
Der damals 17jährige Chinese aus der Saigor er Zwillingsstadt Cholon hätte uns immer wieder am Ärmel gezupft: „Nehmen Sie mich, nehmen Sie mich mit.“ Stereotyp murmelte er stets den gleichen englischen Satz, tonlos, wie geistesabwesend. Und er sagte: „Ich bin krank, ich kann mich an nichts erinnern.“ Wir nahmen ihn mit.
Gleich hier in Hamburg begann die Veränderung. Während sich die meisten anderen nach dem Vierzehnstundenflug von Malaysia erschöpft niederließen, war Do Ann Lans erste Frage: „Wo ist ein Postamt?“ – Wozu? „Ich muß meiner Schwester ein Telegramm schicken, nach Stuttgart. Es ist mir wieder eingefallen.“
Seitdem ist es aufwärts gegangen mit Do Anh Lan. Vietnam hatte er verlassen, weil er leben wollte. Er hatte eine lebensgefährliche Flucht gewagt, hatte Dinge erlebt, die ihn zeitweise sein Gedächtnis verlieren ließen, hatte sich endlich bei uns in Sicherheit geglaubt. Eine Illusion, wie sich gezeigt hat. G. V.