Rückblick auf Erfurt 4.7. I: Scheinradikalität bei Widersetzen, Autoritäre Ansagen aus dem Westen, …

Da war doch was… Wir haben rumgefragt und Genoss*innen gebeten, ihren Eindruck vom vergangenen Wochenende aufzuschreiben, um die Deutungsmacht über den Tag nicht vollends der bürgerlichen Presse und Social Media zu überlassen. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen nach und nach die Zuschriften. Schreibt uns gerne weitere Eindrücke.

widersetzen zeichnet sich durch eine scheinbar radikale Praxis aus, während es versucht, eben diese im Mainstream der Gesellschaft zu verankern (vielleicht schon der erste Widerspruch). Sich Kaffee-trinkend in einer Warnweste auf strategisch unkluge (und von locals vorher abgelehnte) Plätze zu setzen und dort bis zu 7 Stunden sitzen zu bleiben, zeugt von grundlegendem Fehlverständnis politischer Aktionen. Vor allem, wenn nach der Hälfte der Blockade die Versammlungsleitung von der MLPD übernommen wird und man das nicht komisch findet lol. Aber zum Glück waren tanzende Omas und jonglierende Hippies mit dabei…

Autoritäre Ansagen (nur von Wessis, weil die wissen doch, wie es läuft), wo Menschen was auch immer blockieren sollen – das wussten die meisten Teilnehmenden bis zum Halt des Busses am Morgen des Geschehens selbst nicht und waren teils überhaupt nicht darauf vorbereitet -, Bestärkungen zum Sitzenbleiben á la „Ihr sitzt hier genau richtig!“ und Lügen darüber, die Messe sei noch leer (2 Stunden nachdem der mdr postete, dass der BPT starten konnte), können nicht darüber hinweg täuschen, dass die Blockaden unnütz waren. Schlichtweg zu spät. Wenn die Bullen dich nicht wegtragen, sitzt du falsch. So einfach ist es.

Wenn man die Blockaden dennoch als symbolischen Akt verstehen will, ist schwer zu begreifen, warum man nicht gemeinsam mit dem DGB Bratwurst auf dem Bürgi-Festival am Messeparkplatz gefressen hat. Hätte denselben politischen und symbolischen Mehrwert.

Stadtversammlungen, die inhaltlich in etwa so hilfreich waren wie ein Lied von Feine Sahne oder Irie Revolté, dafür aber tausende von Euros kosten, die lokalen Strukturen fehlen, bereiten junge Menschen nicht auf juristische Schwierigkeiten, Probleme mit Nazis oder grundlegende Prinzipien des politischen Protests vor. Folgendes Beispiel zeigt das ganz gut: Eine Aktivistin vermisste 2 Personen aus ihrer Bezugsgruppe – statt den EA anzurufen, meinte sie, sie würde „ja spätestens morgen sehen, ob die wieder mit nach Hause gekommen sind“. Aber vielleicht auch besser so – interne Unterstützungsstrukturen wussten nämlich teilweise nicht einmal, dass der BPT an der Messe stattfindet oder dass es das Bündnis zusammenstehen gab – wahrscheinlich sitzen nächstes Jahr noch ein paar Leute in irgendeiner Gesa, ups.

Durch die Blockade am Gothaer Platz wurde nicht nur die Barrierefreiheitsinfrastruktur von zusammenstehen blockiert, sondern auch die eigenen Busse von widersetzen. Deshalb liefen gegen 17 Uhr haufenweise enttäuschte Teenies, teils den Tränen nahe, 1,5 Stunden von der Messe zur Arnstädter Chaussee. Ob die sich das angekündigte Abenteuer in Erfurt so vorgestellt haben?

Zum Glück gab es auch ein paar unnötige Polizei-Spiränzchen – eine gelungene und theatralische Inszenierung, die zu aller Gunsten schöne Pressebilder gebracht hat. Für die Bullen eine weitere Drohgebärde gegen künftig Demonstrierende und der Beweis dafür, dass es keine substanzhaltigen Gründe für oder gegen polizeiliche Maßnahmen braucht; für widersetzen schöne Videos für Social Media, um die Opferrolle auszubreiten und sich märtyrerhaft darin zu suhlen. Da reichen sich die Demonstrant*innen und die Bullen doch gegenseitig dankbar die Hand.

Apropos Social Media: Wie radikal kann eine Struktur sein, die überall und immer von Berliner Verhältnissen ausgeht und nicht versteht, dass das Hochladen von Portraitaufnahmen Erfurter Aktiver ins Netz (ohne Einwilligung) eine reale Gefahr bedeuten könnte?

Wie radikal ist eine Struktur, die haufenweise junge Menschen für schöne Insta-Bilder verbrennt und sich selbst bei Pressekonferenzen profiliert (seit wann macht die Antifa überhaupt Pressekonferenzen)?
Wie radikal ist eine Struktur, die sowohl lokale Strukturen ignoriert und sabotiert als auch sich selbst im Weg steht, weil die fast krampfhafte Veröffentlichung von Uhrzeiten, Orten, Plänen und Zielen erst ermöglicht, dass AfD und Bullen sich nen entspannten Tag machen können?
Und wie radikal müsste die linke Bewegung eigentlich sein, um tatsächlich eine Veränderung anzustoßen? Unabhängig von der duckmäuserischen und Aktivismus verhohnepiepelnden Anbiederung an die „bürgerliche Mitte“ und deren Verständnis von Antifaschismus und Demokratie…

Antifaschismus ist nicht mehrheitsfähig – das ist die bittere Realität. Statt dem romantisch hoffnungsvollen Versuch der „Eroberung der Massen“ hinterherzulaufen, müssen wir lernen, uns zu schützen. Aber Hauptsache Gewaltfreiheit propagieren und fRIedLiCh BlEibEn, in einer Welt, in der faschistische Gewalt mal wieder Konjunktur hat. Stimmt. Wir jonglieren die Nazis einfach weg…

Grundsätzlich haben weder zusammenstehen noch widersetzen irgendetwas an der politische Gesamtsituation geändert. Manche Leute hatten nen schönen Tag und fühlen sich weniger alleine – fair. Andere haben nochmal geübt, wie man sitzt – toll. Ein Tag voller bürgerlichem Protest: Einer mit und einer ohne Warnweste. Einer mit Bratwurst und einer mit Beton in der Hand (was sollte diese würdelos dümmliche Hand-auf-Gleis-Festklebe-Aktion eigentlich?). Gestört wurde niemand, außer die eigenen Leute (sowohl am Tag selbst als auch kurz-, mittel- und langfristig die Erfurter Antifaschist*innen), die monatelang Energie, Kraft, Geld und Kopf in die Planung und Vorbereitung gesteckt haben. Die werden jetzt ein paar Monate zum Ausruhen brauchen oder nie wieder Bock auf Aktions-Orga oder -Teilnahme haben. Währenddessen machen CDU und SPD Regierungsdinge, Nazis bleiben Nazis, Kinder lernen auf TikTok, wie sie sich am coolsten anziehen sollen, wenn sie Fascho werden wollen und Zeitungen berichten von den bösen Linken. Glückwunsch!

Und abseits davon (für alle Proteste dieser Art): Was ist denn nur mit Leuten los, die sich nicht an nen Demokonsens halten können? Bleibt halt zuhause und löst da den Nahostkonflikt statt uns das Leben schwerer zu machen…

Rückblick auf Erfurt 4.7. I: Scheinradikalität bei Widersetzen, Autoritäre Ansagen aus dem Westen, …

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Rückblick auf Erfurt 4.7. II: Gegenseitiges Bestärken bei Zusammenstehen, Vernetzung im Norden, Versagen der Radikalen Linken

Da war doch was… Wir haben rumgefragt und Genoss*innen gebeten, ihren Eindruck vom vergangenen Wochenende aufzuschreiben, um die Deutungsmacht über den Tag nicht vollends der bürgerlichen Presse und Social Media zu überlassen. Wir veröffentlichen in den nächsten Tagen nach und nach die Zuschriften. Schreibt uns gerne weitere Eindrücke.

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Ich möchte gerne meine Eindrücke des Samstags und der Vorbereitung auf diesen teilen.

Im Vorfeld war ich auf einer großen widersetzen-Veranstaltung, die gut besucht war, aber außer Redebeiträgen und Parolen nicht viel zu bieten hatte.

Nach mehr als 20 Jahren sehr niedrigschwelliger politischer Arbeit meinerseits, die sich fast ausschließlich auf Sticker kleben beschränkte, habe ich beschlossen endlich wieder mehr zu tun. Die Veranstaltung im Kommarum schien mir der richtige Einstieg. Fehlanzeige. Ich habe dann beschlossen irgendwas zu tun, was irgendwie mehr Sinn ergibt als sich auf eine Strasse zu setzen, die im Zweifel sowieso die falsche ist. Was ja dann auch so war.

Ich war am Samstag Ordner im Backstage der Zusammenstehen Demo und das hatte für mich mehr Nachhall als Kamikazemäßiges Versperren von Strassen, die in keinster Weise eine Rolle für irgendwen gespielt haben. Mal abgesehen vom Festkleben auf Bahnschienen ins Nirgendwo. Dumm.

Die Masse an Menschen, die den Messeparkplatz aufgesucht haben hat mich überwältigt, auch wenn es ein bisschen Volksfestcharakter hatte. Aber man konnte sich bestärken in dem was man tut, wofür man einsteht. Und für mich, als quasi Anfänger, war es gut unter so vielen stabilen Leuten zu sein, sich auszutauschen und Input zu bekommen. Auch wenn nichts verhindert werden konnte, und das war mir auch von vornherein klar, habe ich jede Minute meines kleinen Beitrags zum Antifaschismus genossen.

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ich habe pennplätze betreut, hatte in dem zusammenhang zwei unterschiedliche erfahrungen mit leuten von widersetzen – der mensch aus Erfurt hatte offenbar zu viel um die ohren und die person der bundesorga war sehr zuverlässig.

die erste demo und die redebeiträge fand ich gut, war aber nur dort, um die zahl der teilnehmenden zu erhöhen und hatte keine kämpferische bezugsgruppe. leider.

später dann zum flyer und wasser verteilen im namen der FAU Erfurt war es eher anstrengend – es gab quasi von allem zu viel. die MLPD war auf dem Gothaer viel zu präsent, wie ansonsten auch alle anderen großen player. linksradikal war eigentlich nicht wahrnehmbar im verlauf des tages. ich fand es toll, dass so viele menschen meinen, die afd sei eine gefahr.

ich habe etliche leute von widersetzen, seawatch, küfa, trommler*innen und kleineren gruppen aus ganz D kennenlernen dürfen und das war cool. außerdem fand ich es cool, dass es eine kleine vernetzung in Erfurt Nord gab und zum beispiel übriges essen geteilt wurde. nachtrag: ich war allein und es hieß in der signal-gruppe, nazis würden sich am Ilversgehofener Platz sammeln. das war eine schrecksekunde und zum glück falscher alarm 😅

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Bewegungssimulation und Versagen der Radikalen Linke

1. Die nachträglichen Presseberichte über den Tag hätte man auch vorher schon schreiben können. Bei Widersetzen stand das Narrativ schon vorher fest, in anderen Worten: Die Geschichte, die man über den Tag erzählt, entsteht schon im Vorhinein im Kampagnenbüro, dass so routiniert Bewegung simuliert, wie ein anderes Berliner Startup ein revolutionäres Waschmittel erfindet. Und so routiniert wie bei WELT, Nius und BILD von der anderen Seite. Fast ein Glück für die rechten Hetzer, dass dem Apollo-Otto auf der Autobahn sein Handy gezockt wurde, sonst hätte man sich die Gewalt von Links komplett aus den Fingern saugen müssen.

2. Was auf der Straße geschah, war weitgehend Choreographie: Symbolische Blockaden hier, freier Zugang zur Messe drei Ecken weiter. Und während das Gros der Delegierten schon angekommen war, hieß es in der Blockade: „Wir sitzen hier genau richtig.“ Was stimmt, wenn klar ist, es geht nicht darum, den Parteitag maximal zu stören oder gar zu verhindern, sondern darum, Menschen die Illusion von Selbstwirksamkeit zu vermitteln.

3. Das alles kann man Widersetzen nicht vorwerfen. Widersetzen hat nicht den Anspruch, mehr als eine Choreografie entlang eines vorab entworfenen Aktionsbilds zu liefern. Der Kampagnen-Antifaschismus hat also nicht versagt. Er ist einfach übrig geblieben. Vor 20 Jahren war das niederschwellige Mitmach-Angebot ein Teil verschiedener Aktionsformen, die sich gut ergänzt haben. So gut, dass mancher Castor signifikant verzögert, manches Gipfel-Event merklich gestört wurde. Was aber nur funktioniert hat, weil man sich den Raum aufgeteilt hat — Mitmach-Blockade da, Kleingruppen-Action dort. Dazu ein gemeinsamer Ticker, der nicht dazu da ist, sich selbst zu feiern, sondern allen die Möglichkeit bietet, sich ein Bild über die Lage zu verschaffen. Dass das heute nicht mehr geschieht, ist nicht die Schuld von Widersetzen, sondern eher unser eigenes Versagen als radikale, autonome Linke.

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Schade, wie unbehelligt Nazis an dem Tag durch die Stadt laufen konnten.

Rückblick auf Erfurt 4.7. II: Gegenseitiges Bestärken bei Zusammenstehen, Vernetzung im Norden, Versagen der Radikalen Linken