245 rechtsextreme Vorfälle 2025 – Was Lehrer und Schüler in Sachsen erleben

Rassistische Drohungen, antisemitische Beleidigungen, NS‑Verharmlosung – das erleben Lehrer und Schüler in Sachsen immer häufiger. SZ und LVZ haben alle bekannten Fälle aus dem Jahr 2025 analysiert. Was dahinter steckt und welche Regionen besonders betroffen sind.

Schüler, die im Konzentrationslager den Hitlergruß zeigen, rechtsextreme Aufkleber auf dem Schulgelände, Einschusslöcher in der Eingangstür – die Zahl solcher Vorfälle an Schulen ist in Sachsen massiv angestiegen. 2024 meldeten Schulen 154 Fälle, 2025 sind es schon 245. Das zeigt eine Auswertung des Landesamtes für Schule und Bildung (Lasub), die das Innenministerium auf Anfrage der Linken-Politikerin Juliane Nagel veröffentlicht hat. Sie dürfte unvollständig sein. Denn längst nicht alle Schulen melden, wenn etwas passiert.

Wer sich die konkreten Fälle anschaut, der sieht, womit Lehrer, Sozialarbeiter und Schüler in ganz Sachsen mittlerweile konfrontiert sind: rassistische und antisemitische Beschimpfungen und Drohungen, die Verharmlosung der NS-Zeit.
Ein Schüler bringt einen Schlagring mit Hakenkreuz in die Schule

LVZ und SZ haben alle 245 von Schulen gemeldeten Vorfälle in einer Datenbank zusammengetragen. Sie lässt sich nach entsprechenden Orten durchsuchen. Die Beschreibungen sind detailliert und stammen von den Schulen selbst. Für die bessere Lesbarkeit wurden sie leicht bearbeitet.

Die beschriebenen Vorfälle betreffen alle Schulformen, auch Grundschulen. Mehr als die Hälfte der Vorfälle aus dem Jahr 2025 hat sich an Oberschulen abgespielt.

Wenn man sich die Verteilung in Sachsen anschaut, dann sind besonders die Landkreise Bautzen und Nordsachsen betroffen. Schwerpunkt ist aber der Landkreis Leipzig mit 31 Vorfällen. Ein hoher Wert, gemessen an der Zahl der Schüler.

Unklar ist, ob es dort tatsächlich besonders häufig zu solchen Vorfällen kommt oder ob Lehrkräfte dort besonders sensibilisiert sind.

Meist geht es um verfassungsfeindliche Symbole, um Schmierereien auf dem Klo – aber auch um härtere Fälle: Da bringt ein Schüler einen Schlagring mit Hakenkreuz in die Schule. Andere tragen das Emblem der Waffen-SS oder haben sich die Kombination 88 aufs Handgelenk tätowiert. Die Zahl steht für „HH“, „Heil Hitler“.

Immer wieder gibt es Bezüge zur NS-Ideologie und zum Holocaust. Ein Schüler in Treuen sagt im Unterricht: „Die Kopftuchkinder stecken wir ins KZ.“ Abiturienten aus Freital diskutieren in einem Gruppenchat über das Motto für den Abiball und machen Vorschläge. Einer lautet: „NSDAbi – wir verbrennen die Duden“.

Geht es hier nur um die reine Provokation?

Die Lasub-Übersicht zeigt: Mehrfach wurden Schüler zur Rede gestellt. Manche zeigen Einsicht, andere werden gegenüber Lehrern oder Sozialarbeitern beleidigend. In einem Fall wird sogar mit dem Tod gedroht. Vereinzelt bekennen sich Schüler eindeutig, sagen über sich selbst: „Ich bin ein Nazi.“

Wie Schulen mit zunehmender Radikalisierung umgehen

Neben Schmierereien und dem Zeigen des Hitlergrußes spielen auch Drohungen und Gewalt immer mehr eine Rolle. Beides richtet sich häufig gegen Schüler mit migrantischen Wurzeln. Ein besonders krasser Fall ereignete sich in Torgau. Dort soll ein Schüler einen Mitschüler geschubst und ihm mit „erstechen“ oder „erhängen“ gedroht haben. Später behauptete derselbe Schüler, er greife in der Freizeit gezielt Personen mit Migrationshintergrund an und suche Mitglieder für rechtsextreme Gruppen.

Beratungsstellen wie das Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) haben in der Vergangenheit immer wieder vor einer zunehmenden Radikalisierung Jugendlicher gewarnt. In sozialen Medien wie TikTok gelten rechtsextreme Codes mittlerweile als Trend, Gruppierungen rekrutieren dort gezielt Mitstreiter für Aktionen. Rund um den Christopher-Street-Day gab es in der Vergangenheit immer wieder Proteste Rechtsextremer. Auch auffällig viele Jugendliche und Minderjährige nahmen teil.

Wie geht man als Schule mit dieser Entwicklung um?

Das Lasub hat Schulen in den letzten Jahren mehr und mehr sensibilisiert. Die Behörde bietet Unterstützung an, im Umgang mit rechtsextremen Vorfällen und betroffenen Schülern. In der Fallsammlung des Lasub sind auch konkrete Maßnahmen dokumentiert: Ausschluss aus dem Unterricht, Elterngespräche, Themenschwerpunkte im Unterricht. Mehr als 100 Fälle wurden sogar bei der Polizei angezeigt.

Aber was, wenn nicht der Schüler, sondern die Lehrkraft das Problem ist? An einer Schule in Dresden soll eine Lehrerin Schüler mit Migrationshintergrund gefragt haben, ob sie einen deutschen Pass hätten und ihr Land verteidigen würden. Später soll die Lehrerin gesagt haben: „Wenn du nicht zuhören kannst, geh zurück… .“Anschließend gab es mehrere Gespräche. Auf Nachfrage von LVZ und SZ erklärt das Lasub: Die Lehrerin habe eine Entschuldigung angeboten – der betroffene Schüler hat sie angenommen.