Für Marinus van der Lubbe!

Wir veröffentlichen diesen Text über den militanten niederländischen Rätekommunisten Marinus van der Lubbe am Jahrestag des Reichstagsbrandes. Felix Klopotek verteidigt darin van der Lubbe gegenüber historischen Darstellungen sowie seinen Kritiker:innen. – https://communaut.org/de/fuer-marinus-van-der-lubbe

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Über den Zusammenhang von proletarischer Aktion und bürgerlicher Denunziation

»Der Brand ist überhaupt nicht kompliziert. Es lässt sich ganz einfach erklären. Aber was alles um ihn herum geschehen ist, das ist etwas anderes. Die Brandstiftung selbst ist ganz einfach.«
–Marinus van der Lubbe

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Der Reichstagsbrand zählt nicht nur zu den folgenreichsten politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, sondern auch zu den rätselhaftesten. Denn bis heute ist (angeblich) nicht zweifellos geklärt, wer für den Brand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 verantwortlich war. Diejenigen, die sich auf eine:n Täter:in resp. eine Gruppe von Täter:innen festgelegt haben, scheinen sich gar nicht vorstellen zu können, dass es auch ganz anders gewesen sein könnte. Mehr noch: die Entscheidung für eine:n Täter:in ist unmittelbar mit einer politischen Agenda verknüpft, zumindest ist das in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands der Fall gewesen.

Wer sich für die Einzeltäter:innenthese aussprach, also dabeiblieb, dass Marinus van der Lubbe, der Maurer aus Leiden – Arbeiteraktivist, Rätekommunist, Vagabund, durch einen Arbeitsunfall stark sehbehindert und schon in jungen Jahren invalidisiert – den Reichstag allein anzündete, folgte einer entlastenden Sicht auf die Frühzeit des Nationalsozialismus. Radikalisierte sich der NS nicht aus eigenem Antrieb, sondern erst durch einen äußeren Anlass, eben den Reichstagsbrand? Hätte es eine »friedlichere«, durch konservative Kräfte eingehegtere Entwicklung des Hitler-Regimes gegeben, wenn es nicht den Brand als Vorwand hätte nutzen können, gegen die linke und kommunistische Opposition vorgehen zu können?

War vielleicht die noch in der Nacht des Brandes einsetzende Repression gegen Kommunist:innen und andere Linke insofern gerechtfertigt, als dass die Nazis – mittlerweile legitime Repräsentant:innen des Staates – von weiteren (kommunistischen) Terrorakten, die das Leben Unschuldiger bedroht hätten, ausgehen mussten? Das sind die Fragen, die die deutschen Vertreter:innen der Einzeltäterthese mal implizit, mal ganz unverblümt aufwarfen. Wer in der alten Bundesrepublik vom Alleintäter van der Lubbe ausging, war definitiv kein:e Linke:r.1

Spiegelbildlich dazu verhielten – und verhalten – sich die Vertreter:innen der These einer von der SA resp. von der politischen Polizei angeleiteten, oder sogar durchgeführten Brandstiftung. Diese These geht von der extremen kriminellen Energie aus, die von Anfang an das Regime antrieb und die nur auf die günstige Gelegenheit wartete, um loszuschlagen. Das Auftreten Marinus van der Lubbes in Berlin im Februar 1933, der mit der erklärten Absicht in die Stadt gekommen war, durch direkte Aktionen das Berliner Proletariat zum Aufstand gegen die Regierung aufzurütteln und vielleicht tatsächlich ziemlich arglos und geradezu aufgeputscht seinen Kontaktleuten gegenüber in Berlin darüber sprach, war diese günstige Gelegenheit.

Letztlich konnten beide Seiten keine Beweise für ihre These erbringen. Es gibt nur mehr oder wenige starke Indizien. Das hat sich bis heute nicht geändert. Zwar besticht die jüngste Veröffentlichung zu diesem Thema, »Die Brandstiftung. Mythos Reichstagsbrand – Was in der Nacht geschah, in der die Demokratie unterging« vom Berliner Journalisten Uwe Soukup, dadurch, dass sie viele Indizien zusammenträgt und es sehr plausibel erscheinen lässt, dass van der Lubbe nicht allein vor Ort gewesen sein konnte. Aber den Beweis kann auch er nicht erbringen.

Im Gegenteil: Indizien haben nun mal die Eigenschaft, dass man sie suggestiv extrem auf- oder abwerten kann – wie es die jeweilige Agenda, die man verfolgt, gebietet. Erinnert sei an eine andere legendäre Gestalt aus dem 20. Jahrhundert, an den Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald, der für die einen ein Meisterschütze war, der auch mit einem unhandlichen Gewehr noch perfekt zielen konnte, und für die anderen ein tumber Sonntagsschütze, der auf keinen Fall präzise zu treffen in der Lage war. Für beides lassen sich Hinweise finden – ganz wie man will. Analog verfährt Soukup mit van der Lubbe. Da erscheint es unmöglich, dass ein halbblinder Mann am Reichstag ein acht Meter hohes Gesims erklimmt, um ohne Werkzeug und ohne sich zu verletzen, acht Millimeter dickes Panzerglas einschlägt.

Aber es war genau dieser Invalide, der in den Jahren zuvor monatelang durch Europa gewandert ist, offensichtlich ohne »Orientierungsschwierigkeiten«, der von enormer körperlicher Kraft war – er übte einst für einen Schwimmwettbewerb und bewältigte im Training im offenen Meer die Distanz Calais–Dover und der in zig Streiks und militanten Aktionen bereits bewiesen hatte, wie man sich Zutritt zu Gebäuden verschaffen kann, den Freund:innen wie Gegner:innen unabhängig voneinander als stoischen und beharrlichen Charakter beschrieben, der zielgerichtet vorging und sich nie in Panik versetzen ließ. Warum sollte ihm, der schon einiges »Unmögliches« geschafft hatte, nicht auch im Reichstag das angeblich Unmögliche gelungen sein?

Wenn, wie oben behauptet, der Reichstagsbrand bis heute als ein rätselhaftes Ereignis gilt, dann ist das die Sichtweise, die das einzig vorhandene authentische Zeugnis über das Geschehen negiert. Es ist die Sichtweise eines interessierten Justemilieus, das den Streit zwischen den Lagern – Einzeltäter oder SA-Kommando? – mit Spannung verfolgt und je nach Zeitgeist sich auf die eine oder andere Seite schlägt, ohne sich aber je ganz sicher sein zu können (der Zeitgeist ist – noch – antifaschistisch, weswegen Soukups Spurensuche bei einem großen Publikumsverlag erscheinen konnte).

Dieses Zeugnis ist das van der Lubbes: Er, der an Ort und Stelle festgenommen wurde, hat sofort gestanden und sein Geständnis nie widerrufen. Im Gegenteil, er beklagte sich schließlich aus tiefstem Unverständnis, dass man ihm nicht glauben wollte. Nähme man seinen politischen Standpunkt ernst, hätte man sich vorurteilsfrei mit der Strömung der Arbeiter:innenbewegung auseinandergesetzt, der er sich verpflichtet sah, hätte man auch sein Geständnis ernst genommen: Dies selbstverständlich nicht an das Justemilieu gerichtet, wohl aber an eine Linke, die in Deutschland sich nie wirklich mit van der Lubbe auseinandergesetzt hat (zu den wenigen Ausnahmen gehörte der mit dem Anarchismus sympathisierende Journalist Horst Karasek, der 1980 mit »Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden« eine bis heute lesenswerte und unbedingt solidarische Biografie über ihn verfasste).

Auch der so gründliche Soukup kann es sich nicht verkneifen, van der Lubbe als Paradiesvogel zu schildern: halb Lumpenproletarier, halb Boheme, ohne politischen Kompass, aber bereit, eine große Dummheit zu begehen. Nicht mit ihm selbst, so die implizite Botschaft (nicht nur) Soukups, sondern mit seiner so tragischen wie tölpelhaften Rolle lohnt die Beschäftigung. Sein Linksradikalismus interessiert allenfalls unter dem Gesichtspunkt, dass dieser ihn zu diesem Abenteurertum verleitet hätte.2

Van der Lubbe ist tatsächlich der Schlüssel zum Verständnis dieses Ereignisses. Aber, um im Bild zu bleiben, ein ganz anderer Schlüssel, als es die meisten Historiker:innen wahrhaben wollen. Bis heute ist es in deutschsprachigen Veröffentlichungen Usus, dass van der Lubbe als eigenständig Handelnder mit einer klaren politisch-revolutionären Vorstellung gar nicht vorkommt – nicht in der kommunistischen, meint: stalinistischen, Sicht, nicht in der der westdeutschen Historiker:innen, und auch nicht in der journalistisch-akribischen von Soukup. Dazu passt, dass 2023 die sterblichen Überreste van der Lubbes exhumiert wurden, um sie auf Drogenrückstände zu untersuchen – denn bekanntlich ergriff van der Lubbe im Prozess gegen ihn kaum noch das Wort, sondern durchlebte die Wochen und Monate im Gerichtssaal in einem für Außenstehende apathisch und dissoziativ wirkenden Zustand. Golo Mann bezeichnete ihn als »blöde grinsenden Idioten«3, aus diesem Mitleid spricht pure Verachtung.

Wie aufschlussreich wäre doch da der Beweis, dass van der Lubbe von den Nazis unter Drogen gesetzt wurde, um nicht die »ganze Wahrheit« zu verraten?! Es kann einfach nicht sein, was nicht wahr sein darf! Dass sein Schweigen – offensichtlich Ausdruck tiefer Verzweiflung – andere, politische, Gründe hatte, geht im Spektakel unter. Keine Überraschung: Das im Sommer 2023 veröffentlichte toxologische Gutachten von Gerichtsmedizinern des Universitätsklinikums Leipzig ergab keine Hinweise auf Drogenrückstände.

Um das Rätsel der Reichstagsbrandstiftung zu lösen: Nicht zu bestreiten ist, dass van der Lubbe vor Ort war und Feuer gelegt hat. Seine Tat und sein Geständnis sind auch dann authentisch, wenn er sich am Abend des 27. nicht allein auf den Weg zum Reichstag gemacht und Helfer:innen gehabt hätte, die sich als SA- oder Polizei-Spitzel entpuppten.

Darauf zu bestehen, ist nicht nur ein Akt der historischen Gerechtigkeit gegenüber einem Revolutionär, trägt nicht nur dazu bei, Geschichtsmythen – sei’s bundesrepublikanisch-demokratischer oder kommunistisch-stalinistischer Provenienz – zu zerstören, sondern ist auch ein Beitrag zur Rekonstruktion radikaler Theorie und Praxis.

2

Marinus van der Lubbe, am 13. Januar 1909 in Leiden in ärmlichsten Verhältnissen geboren, von seinen Freund:innen Rinus genannt, war in seiner Heimatstadt ein radikaler Arbeiter:innenaktivist, sportbegeistert, belesen, offen militant, aber auch ein verträumter Typ, der Tagebuch führte, eine Landkommune gründen wollte und eine Arbeiter:innenbibliothek. Man muss an einen Roman voller Elendskitsch und kommunistischer Romantik denken, wenn man sich seine Biografie vor Augen führt, aber sie ist wirklich wahr4. Die Familienverhältnisse waren zerrüttet, der Vater ein Trinker, der irgendwann verschwand, die Mutter früh verstorben, acht Kinder zurücklassend. Marinus wächst bei Pflegeeltern auf. Er hat zunächst einen starken christlichen Glauben, verbringt aber als de facto verwahrlostes Kind die meiste Zeit auf der Straße und geht keiner Rauferei aus dem Weg. Die Schule verlässt er ohne Abschluss mit 14 Jahren, wenig später arbeitet er auf dem Bau, will Maurer werden.

Er lernt die Arbeiter:innenbewegung kennen und liest im Selbststudium alles, was ihm zwischen die Finger gerät – sein Biograf Karasek erwähnt: Marx, Henry Ford (!), Reisebeschreibungen von Sven Hedin. Er wird Mitglied des Jugendverbandes der kommunistischen Partei und engagiert sich leidenschaftlich für sie. Mit 16 Jahren dann der tragische Unfall: Ihm gerät Kalk in die Augen, was seine Sehkraft stark vermindert und zur Invalidität führt. Die vollständige Erblindung wäre nur eine Frage der Zeit gewesen. Er kann also nicht mehr arbeiten, erhält eine karge Invalidenrente – und bleibt bei der Bewegung. Berühmt in der Stadt wird er für seine ständigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, auch für seine militanten Aktionen gegen die Sozialämter mit ihrer repressiven Armutspolitik. »Das politische Betätigungsfeld von Marinus van der Lubbe beschränkt sich nicht auf die Jugendgruppe [die er aufgebaut hat, Anm. FK].

Er verteilt Streikaufrufe und schreibt Losungen an die Fabrikmauern; er verfasst Flugblätter und Arbeitslosenzeitungen, er richtet sich in Pamphleten gegen Militarismus und Kapitalismus; er betätigt sich als Redner, Diskussionsteilnehmer und Zwischenrufer auf politischen Versammlungen; er organisiert eine kommunistische Demonstration gegen einen Straßenumzug von Sozialdemokraten. Mit seinen Aktivitäten gerät er nicht nur mit der Polizei, den Behörden und der eigenen Partei in Konflikt, sondern auch mit den sozialdemokratischen Hausleuten von der Uiterste Gracht.«5

Er bewegt sich in einem durchaus militanten Milieu zwischen Arbeitslosen- und Jugendbewegung, wie es sich in der im 19. Jahrhundert explosiv gewachsenen Industriestadt Leiden im Zuge der Weltwirtschaftskrise herausgebildet hat. Er ist nicht allein – aber er ist oft derjenige, der anfängt. Aus einem Zeitzeugenbericht: »Es gab viele ›Krawalle‹ in dieser Zeit – und bei all den ›Krawallen‹ war Rinus meistens der Anstifter und der Mittelpunkt – und die Polizei war nicht weniger hart, als sie es auch heute noch bei ähnlichen Gelegenheiten zu sein pflegt.«6 Van der Lubbe wird verprügelt, landet für Wochen im Knast – und steckt immer noch nicht auf.

Es ist nötig, das alles so herauszustreichen, weil die stalinistische Denunziationskampagne gegen ihn, über die noch zu sprechen sein wird, ihn mit einem vergifteten Vokabular bloßzustellen versuchte, das man zur faschistischen Sprache zählen muss. Er wurde als Tölpel, minderbemittelt und völlig hilflos gegenüber dem Intrigenspiel der Nazis herabgewürdigt. Man muss sich klarmachen, worauf das hinausläuft: Mit der Denunziation van der Lubbes als Person wird gleichzeitig sein eigenmächtiges/eigensinniges proletarisches Verhalten, das sich nicht um Hierarchien, nicht um Weisungen eines Politbüros scherte, denunziert. Was offensichtlich nur um den Preis gelingen konnte, dass die van der Lubbe anklagenden Kommunist:innen zu menschenverachtenden, homophoben Topoi greifen mussten.

Auch um der Repression in seiner Heimatstadt zu entgehen – er ist längst bei der Polizei bekannt, die die Anweisung hat, bei Demonstrationen und Zusammenstößen zuerst auf ihn loszugehen, schwere Verletzungen in Kauf nehmend –, bricht van der Lubbe 1931/32 nacheinander zu drei großen Wanderschaften auf. Seine Ziele: sich der Roten Armee Maos anzuschließen oder zumindest sich am Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion zu beteiligen. Fast mittellos macht er sich auf die Reise und schafft es – zu Fuß – bis nach Jugoslawien. Jedes Mal wird er irgendwann von der Polizei festgesetzt und abgeschoben. Zurück in den Niederlanden muss er im Sommer 1932 eine Haftstrafe wegen einer militanten Aktion gegen das Sozialamt absitzen.

In diesem Jahr vollzieht van der Lubbe den Bruch mit der moskautreuen bolschewistischen Bewegung endgültig, zu undurchsichtig sind ihm die taktischen Winkelzüge der Partei, zu autoritär die Stimmung auf den Versammlungen. Die niederländischen Rätekommunist:innen – kleine, durchaus heterogene Gruppen, die sich jedoch an allen Streikaktionen beteiligten, also präsent waren und durch ihre Entschlossenheit einen gewissen Ruf bei den Arbeiter:innen hatten – entsprechen seinen in der Praxis gewonnenen Vorstellungen einer unbedingten Selbstbefreiung des Proletariats.

Philippe Bourrinet, der Historiker des Rätekommunismus, geht davon aus, dass insbesondere eine Gruppe, die Linksche Arbeiders Oppositie (der Name verweist auf die Abspaltung von der KP) und ihr Organ Spartacus einen starken Einfluss auf van der Lubbe hatten: »Ihr Anliegen war es, ›Klassenkonflikte zu provozieren‹. Diese rätekommunistische Organisation wurde von der Persönlichkeit Eduard Sirachs (1895–1937) dominiert. Während des Ersten Weltkriegs war er einer der Anführer der Meutereien auf den Kriegsschiffen Regent und Zeven Provinciën gewesen. Dafür war er zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt worden. Er entkam aus dem Gefängnis und ging im Dezember 1918 nach Deutschland, wo er an den revolutionären Kämpfen teilnahm. Danach lebte er in Amsterdam und Rotterdam, aber ohne feste Arbeit (…). In Leiden stand die LAO in engem Kontakt mit van der Lubbe, der sich an ihren Aktivitäten beteiligte. Offensichtlich von der Theorie der Minderheitengewalt überzeugt, zündete er einige Monate später den Reichstag an. Die Frage der ›exemplarischen Tat‹ löste in der rätekommunistischen Bewegung lebhafte Debatten aus.«7 Zeitzeug:innen berichten aber auch das Gegenteil über van der Lubbe: Dass er sich aus der militanten Politik zurückziehen und eine Arbeiter:innenbibliothek aufbauen wollte, wo er Literaturkurse abzuhalten gedachte.

Anfang 1933 war er elektrisiert: Am 4. Februar brach auf zwei holländischen Militärschiffen nach Lohnkürzungen eine Meuterei aus, die Aufstände konnten nur mit Gewalt niedergeschlagen werden. Für van der Lubbe war der Faschismus ein Epochenphänomen, sein Vormarsch nicht auf Deutschland beschränkt. Gleichzeitig kam er zu dem Schluss, dass das Proletariat, selbst auf Kriegsschiffen (!), bereit sei zu kämpfen – es bräuchte aber ein Fanal. Exemplarisch dafür ist sein protokollierter Diskussionsbeitrag auf einer Veranstaltung zum (gescheiterten) Taxifahrer:innenstreik in Den Haag, Ende Dezember 1932: »Die Chauffeure sind aufgewiegelt worden, eine Aktion zu unternehmen – und der Streik ist ausgerufen worden. Aber als die Organisatoren bemerkten, dass der Streik zu lange dauerte und dass die Streikkassen zu viel verschlangen, verhandelten die Bonzen mit den dicken Gehältern hinter den Rücken der Chauffeure mit den Bossen.

Es ist klar, dass die Arbeiter zum soundsovielten Male nicht verstanden haben, selber zu handeln. Wenn es einen Streik gibt, müssen alle streiken. Indessen arbeiteten andere Taxis und auch die ›Gelbgestreiften‹ verrichteten gelbe Streikbrecherarbeit. Sie (die Streikenden) mussten das mit Gewalt verhindern. Es hat keine eigenständigen Aktionen gegeben. Der Streik in der Textilindustrie ist auch gescheitert, und alle Streiks werden scheitern. Die Zeiten für Streiks sind vorbei, man muss etwas anderes finden, aber das ist erst möglich, wenn alle Organisationen zerschlagen sind, auch die syndikalistischen.«8

Was genau ihn bewegt hat, nach Berlin aufzubrechen, ist bis heute nicht geklärt. Ob es, wie verschiedentlich kolportiert, eine Einladung von Genoss:innen gegeben hat, ist nicht belegt. Jedenfalls ist als nächstes Datum (nach dem 4. Februar) gesichert, dass er am 10. Februar 1933 in Paderborn eintraf, wie schon zuvor ist er zu Fuß und per Anhalter unterwegs. Er handelte auf eigene Faust, die Organisation, der er sich am engsten verbunden sah, die LAO, hatte wohl keine Kontakte nach Berlin. Van der Lubbe muss also selbst Kontakte in die Berliner Szene geknüpft und Treffen verabredet haben, bei denen es um die Planung militanter Aktionen gehen sollte. Die Tage in Berlin ab dem 18. Februar muss er in großer Unruhe verbracht haben, seine Kontaktpersonen aus dem rätekommunistischen Milieu verhielten sich sehr vorsichtig und distanziert, eine entschlossene Kampfbereitschaft unter den Arbeiter:innen und Arbeitslosen war nicht zu spüren9.

Er beging, ohne Erfolg, drei Brandanschläge, u. a. auf das Wohlfahrtsamt Neukölln. Den Reichstag wählte er schließlich aus, weil er entsetzt darüber war, wie sehr KPD und SPD auf die anstehenden Wahlen fixiert waren. Hitler auf dem parlamentarischen Wege bezwingen zu wollen, war nicht nur abwegig, sondern wöge die Arbeiter:innen in falscher Sicherheit und lenkte sie von der entscheidenden Aufgabe ab – den Aufstand auf der Straße zu wagen. Für van der Lubbe war klar: Das Symbol des Parlamentarismus musste zerstört werden.

3

Im Februar 1933 war Hitlers Macht alles andere als gefestigt.10

Die NSDAP war dringend auf Wahlkampfspenden angewiesen und sank seit Monaten in der Wähler:innengunst (zumindest schien es so), Hitler wusste zudem die alten nationalistisch-konservativen Eliten gegen sich. Die sahen ihn bloß als Marionette ihrer Interessen an. Andererseits agierte Hitler in diesen Tagen und Wochen taktisch geschickt. Er integrierte SA, SS und die Stahlhelm-Organisation in die Polizei (de facto umgekehrt: die Polizei wurde nazifiziert); er erließ antidemokratische, direkt auf die Arbeiter:innenbewegung zielende Notverordnungen; er kontrollierte zwar nur wenige Ministerien, darunter das Innenministerium, konnte aber dort umso besser die Kräfte konzentrieren, um die Republik abzuschaffen. Die Reichstagswahl am 5. März sollte unbedingt unter Beteiligung der großen Arbeiter:innenparteien stattfinden.

Hitler sah die Wahl als Test, wie groß die Zustimmung zu SPD und KPD noch sei, zum anderen wollte er die Aufmerksamkeit dieser beiden Parteien ganz auf die Wahl lenken – sie sollten ihren legalistischen Kurs beibehalten und nicht etwa auf die Idee kommen, alte Feindseligkeiten zu überwinden und gemeinsam zum Generalstreik aufzurufen. Das spätere Verbot mindestens der KPD war beschlossene Sache, auch der Terror gegen ihre Anhänger:innen. Aber der sollte nach der Wahl stattfinden, und vor allem: Es brauchte einen Anlass, um loszuschlagen. In den Februarwochen war die NSDAP samt ihrer paramilitärischen Organisationen beides: getrieben und antreibend, noch unsicher, aber schon im Gewaltrausch. Auch der Druck in der Partei selbst, Hitler zu einem offenen, gewaltsamen Umsturz zu treiben, war groß.

In dieser aufgeputschten politischen Lage ereignete sich der Reichstagsbrand. Das spricht dafür, dass Nazi-Kader an Agent-Provocateur-Aktionen interessiert waren; und es spricht auf jeden Fall dagegen, dass ohne Reichstagsbrand die Diktatur vielleicht einen anderen, weniger terroristischen Verlauf genommen hätte. Am 28. Februar frühmorgens waren die Nazis jedenfalls umgehend in der Lage zu reagieren, sofort begann der offene Terror. Hitler forderte: »Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden.«11

Die Denunziation van der Lubbes setzte mit dem Prozess gegen ihn ein, und sie kam zuerst von links, von kommunistischer Seite12. Die Nazis wollten den Brand der KPD in die Schuhe schieben, die reagierte mit der Erzählung einer Gegenverschwörung, in der van der Lubbe ein willenloses Werkzeug in den Händen der SA sei. Im »Braunbuch«, mit dem die KPD ihren Angriff auf Hermann Görings Prozessführung präsentierte und die SA als Täter darstellte, wurde van der Lubbe als »verlogen« und »homosexueller Irrer« beschimpft, als »ein kleiner, halbblinder Lustknabe«. Sein Lude, Zuhälter, wäre SA-Chef Röhm persönlich.13 Das alles ist so verhetzt (und selbstverständlich frei erfunden), dass linken Kritiker:innen am Gegenprozess noch eine andere Dimension als die Reinwaschung der KPD auffiel.

Für den Arbeiter:innenschriftsteller Georg Glaser (1910–1995) war die von Willi Münzenberg, damals noch Organisator des Propaganda-Apparates der KPD, in London und Paris ausgerichtete Kampagne der Vorschein von etwas Monströserem: »der erste Moskauer Prozess«, ein Schauprozess also. »Ihr Gegengericht war das Muster für tausend kommende, von denen Sie und Ihresgleichen genauso teuflischer Anschläge und böser Triebe ›überführt‹, körperlich und seelisch vernichtet werden, wie Sie unsern Ausländer [gemeint ist van der Lubbe, Anm. FK] verunstaltet haben«, heißt es in Glasers van der Lubbe gewidmetem Theaterstück.14

Otto Katz, Hauptautor des Braunbuches, wurde 1952 in Prag hingerichtet – als Opfer eines der letzten stalinistischen Schauprozesse.

Aber, könnte man relativierend einwenden, spielte nicht van der Lubbes Auftreten vor Gericht dieser Verachtung in die Hände? Die Öffentlichkeit erlebte einen weitgehend schweigenden, in sich zusammengesunkenen, nur selten den Kopf hebenden Angeklagten. Warum nutzte er nicht die Bühne des Gerichtssaals – so wie die kommunistischen Angeklagten, die die Nazi-Ankläger vorführten, dabei nicht ohne Beleidigungen gegenüber van der Lubbe auszukommen meinten und schließlich seine Verurteilung forderten? Nach seiner Festnahme war er zunächst gar nicht apathisch. Er bekannte sich unumwunden zur Tat, beanspruchte die alleinige Täterschaft. Van der Lubbe wollte doch nie einen Sieg im Gerichtssaal! Er wollte das deutsche Proletariat zum Aufstand anstacheln.15 Seine Tat löste nicht den erhofften Aufstand aus, sondern den maßlosen Terror der SA. Die deutsche Arbeiter:innenbewegung reagierte eigenartig überrascht, nahezu wehrlos. Als dann die internationale Arbeiter:innenbewegung, verkörpert durch die Kommunistische Internationale, dazu überging, van der Lubbe zu verleumden, und jede Solidarität mit ihm ausblieb – von anarchistischen und rätekommunistischen Zirkeln abgesehen –, verfiel er ins Schweigen.16

Man muss aber gar nicht psychologisch spekulieren. Schon 1934 vermuteten die mit van der Lubbe solidarischen Linkskommunist:innen von der belgisch-französischen Zeitschrift Bilan politische Gründe: Wenn er sich auf der Anklagebank zu seiner Tat bekannt hätte, hätte er das Verteidigungssystem seiner Mitangeklagten untergraben. Hatten diese nicht gesagt, dass sie Opfer einer faschistischen Intrige waren? Hätte van der Lubbe es gewagt, sich zu seiner Tat zu bekennen, hätte man ihm geantwortet, dass er seine Rolle als Provokateur fortsetze, indem er die These der Verteidigung zerstöre und die faschistischen Verantwortlichen entlaste.17 So blieb ihm nur der Ausstieg aus dem Spektakel.

Die Tat sollte für sich sprechen, aber sie hatte sich in ihr Gegenteil verkehrt – zu einem Symbol der Niederlage der Arbeiter:innenbewegung. »Van der Lubbe war der Archetyp des Rebell, der aus der Geschichte verschwinden, aus dem Bewußtsein der Menschen ausgemerzt werden musste«, schrieb Georg Glaser in den 1980ern an seinen Herausgeber Michael Rohrwasser. »Das war die Lehre des Reichstagsbrands für die Nazis und die Kommunisten. Van der Lubbe war ihnen gerade darum so gefährlich, daß er die zwei großen Weltmächte aus der Fassung bringen konnte. Eines einzigen Menschen Initiative. Der Rebell musste ersetzt werden durch den Archetypus des Befehlsempfängers, des Parteisoldaten. Dem entspricht aber auch die industrielle Entwicklung.«18

Am 23. Dezember 1933 wurde das Urteil verkündet: Ihn erwartete die Todesstrafe. Möglich war das aufgrund eines sogenannten »Lex Lubbe«, wonach die Brandstiftung »nachträglich zum Landesverrat und somit zum Kapitalverbrechen erklärt«19 wurde. Die kommunistischen Angeklagten Ernst Torgler, Georgi Dimitroff, Blagoi Popoff und Wassil Taneff wurden freigesprochen (aus Mangel an Beweisen), blieben aber zunächst in »Schutzhaft«. Die niederländische Regierung und van der Lubbes Familie reichten beim deutschen Staatspräsidenten Gnadengesuche ein, die van der Lubbe aber nicht unterschrieb. Am 10. Januar wurde er im Leipziger Gefängnishof geköpft, drei Tage vor seinem 25. Geburtstag.20

4

Warum überhaupt auf Marinus van der Lubbe zurückkommen? Wenn es darum ginge, einen Genossen zu rehabilitieren, der wie wenige andere in seiner Generation keine militante Aktion in den Klassenkämpfen scheute und der sich nicht von der ihn heftig bedrückenden Armut unterkriegen ließ, wäre auch eine zornige Reaktion legitim: Damit kommst du 90 Jahre zu spät! Tatsächlich hat es zeitgenössische Anstrengungen zu seiner Rehabilitierung gegeben: Rätekommunistische Genoss:innen antworteten bereits 1933 auf den kommunistischen Gegenprozess mit einem »Rotbuch«, das erstmals van der Lubbes Biografie dokumentierte.

Es geht heute um mehr und es betrifft zwei Aspekte seines Handelns: Wie verhält sich seine Aktion zur proletarischen Abwehr des Faschismus? Allgemeiner: Wie verhält sie sich zur proletarischen Massenbewegung in ihrem Kampf für den Kommunismus? Die Fragen klingen anachronistisch – wer spricht schon noch von »proletarischer Abwehr des Faschismus«, gar von Massenbewegung? Aber das ist ja das Problem.

Mit der Denunziation van der Lubbes durch die Kommunist:innen, mit dem absurden Legalismus der SPD, die sich auch durch den eskalierenden SA-Terror nach dem 27. Februar nicht von ihrem parlamentarischen Kurs abbringen ließ, wurde der letzte Protagonist eines revolutionären Proletariats isoliert und zum Abschuss freigegeben. In der deutschen Linken – und gibt sie sich auch noch so radikal – ist es zu keinem Zeitpunkt selbstverständlich gewesen, van der Lubbe zu gedenken. Schon 1934 kommentierten die Genoss:innen von Bilan sarkastisch: Bei dem Brand »handelte sich um eine Provokation, der Verantwortliche war Göring und van der Lubbe war dessen Instrument. Von da an hatte die Weltarbeiterklasse kein spezifisches Gewicht mehr …«21.

In dem Moment, wo sich die Erzählung der KPD – van der Lubbe als Marionette in einer Intrige von SA und Polizei – innerhalb der (internationalen) Linken und Arbeiter:innenparteien durchsetzte, war der:die eigensinnig handelnde Prolet:in, für den:die van der Lubbe exemplarisch steht, entmündigt. Auf den Faschismus – das war die fatale politische Implikation dieser Entmündigung – könne man nur defensiv reagieren, die Demokratie müsse unbedingt bewahrt werden, auf Provokationen dürfe nicht eingegangen werden, Klassenziele müssten zurückstecken gegen die Verteidigung allgemeiner gesellschaftlicher Werte. Kurzum: das Schlimmste müsse verhindert werden.

»Als ob die Situation in Deutschland ohne den Brand anders gewesen wäre …«22, lautete die lakonische Antwort von Bilan. Hatte in den Jahren zuvor doch die Demokratie hinlänglich bewiesen, wie sie mit aufmüpfigen Arbeiter:innen und den radikaleren Antifaschist:innen umzugehen gedachte. Erinnert sei nur an den Berliner Blutmai von 1929, mit dutzenden Toten aufseiten der Demonstrierenden. Und tatsächlich musste man nicht auf die historische Forschung warten, um im Januar und Februar 1933 zu wissen, dass Hitler seine Machtergreifung auf jeden Fall mit Gewalt und putschistischen Aktionen unterfüttern würde.23

Davon auszugehen, wie es zunächst die Sozialdemokrat:innen taten und dann auch die Kommunist:innen, als sie auf die antifaschistische Einheits-, später Volksfront-Taktik einschwenkten, dass man zunächst die Demokratie – de facto: die kapitalistische Ordnung – gegen den Faschismus zu verteidigen habe und sich dabei peinlich genau an die Spielregeln der Demokratie (Legalismus, Parlamentarismus, Bündnispolitik) zu halten, unterschätzt die Dynamik eben jener kapitalistischen Ordnung, die in den Faschismus hineinwuchs, als sich die Spielregeln der Demokratie als lästig für die Bewältigung der ökonomischen und gesellschaftlichen Krise entpuppten.

Die Unterordnung von Klassenzielen in einen Abwehrkampf gegen den Faschismus bestreitet zwar dem Faschismus die Legitimität, aber um den Preis, das System zu legitimieren, das den Faschismus überhaupt erst hervorgebracht hat. Van der Lubbes Tat hielt sich nicht an dieses Spiel, auf das in Deutschland allerdings schon nahezu die gesamte Arbeiter:innenbewegung eingeschworen war. Nicht er war Opfer einer faschistischen Provokation, sondern er war die leibhaftige Provokation 24 – die sich nicht nur gegen die Nazis richtete und ihre bürgerlichen Kollaborateur:innen, sondern vor allem gegen die Arbeiter:innenparteien, die noch bis in den März 1933 hinein stolz auf die Disziplin der ihnen »unterstehenden« Arbeiter:innenheere waren.

»Als die Hitlertruppen vor dem Karl Liebknechthaus demonstrieren, schreiben die KPD-Blätter: ›Arbeiter gebt ihnen die Antwort am 5. März, wählt Kommunisten.‹ Die Atmosphäre ist die des Bürgerkriegs, sie zieht den Revolutionär van der Lubbe nach Deutschland. Die Arbeiter:innenparteien tun aber alles, um diesem Bürgerkrieg auszuweichen und bereiten damit die Niederlage vor. Am Abend vor der Aufrichtung der politischen Macht des Faschismus haben die Führer:innen den Arbeiter:innen nichts anderes zu empfehlen als den parlamentarischen Betrug. Zum Protest gegen diesen Schwindel setzt van der Lubbe den Reichstag in Brand. Ein Zeichen, dass es nicht zur Wahl-Urne, sondern zur Revolution gehen soll.«25

Anstatt van der Lubbe seine Radikalität vorzuwerfen, müsste sie der Ausgangspunkt für eine Diskussion sein, wie unter für Lohnabhängige zunehmend totalitären Bedingungen – totalitär auch in Hinsicht der ökologischen und infrastrukturellen Dauerkrisen und der zunehmenden Unbewohnbarkeit der Städte – diese handeln können. Das könnte eine Kritik an van der Lubbe einschließen – die es damals im rätekommunistischen Milieu gegeben hat und die von Anton Pannekoek, dem Mentor der Szene, vorgebracht wurde

Anstatt van der Lubbe seine Radikalität vorzuwerfen, müsste sie der Ausgangspunkt für eine Diskussion sein, wie unter für Lohnabhängige zunehmend totalitären Bedingungen – totalitär auch in Hinsicht der ökologischen und infrastrukturellen Dauerkrisen und der zunehmenden Unbewohnbarkeit der Städte – diese handeln können. Das könnte eine Kritik an van der Lubbe einschließen – die es damals im rätekommunistischen Milieu gegeben hat und die von Anton Pannekoek, dem Mentor der Szene, vorgebracht wurde.

Bereits im März 1933, also noch nicht unter dem Eindruck des Prozesses, veröffentlichte er sie unter dem Titel »Persönliche Tat«. Ohne die politische Integrität van der Lubbes infrage zu stellen, verwarf er dessen Aktion grundsätzlich – selbst, wenn sie Erfolg gehabt und einen Aufstand ausgelöst hätte. Denn »dann wäre die einzige Folge gewesen, dass bei den Arbeitern der Glaube aufgekommen oder sich verstärkt hätte, dass sie durch solche persönlichen Taten von einzelnen befreit werden könnten. Die große Wahrheit, die sie zu lernen haben, dass allein das massenhafte Tätigwerden der gesamten Arbeiterklasse die Bourgeoisie besiegen kann, diese Grundwahrheit des revolutionären Kommunismus würde so für sie verdunkelt werden.

Es würde sie davon abhalten, selbst als Klasse zu agieren. Die revolutionären Minderheiten, anstatt alle Kraft auf die Propaganda unter den Arbeitermassen zu konzentrieren, würden diese auf persönliche Taten vergeuden, die selbst dadurch, dass sie von einer großen, zu allem entschlossenen Gruppe begangen werden, nicht in der Lage sind, eine Klassenherrschaft ins Wanken zu bringen. Die Bourgeoisie würde mit ihren großen Ressourcen solch einer Gruppe mit geringer Anstrengung ohne weiteres Herr werden.«26

Pannekoeks Vorstellung von der Revolution ist konsequent auf eine Massenbewegung bezogen, die »persönliche Tat« Einzelner wäre stets nur Teil einer solchen Massenbewegung, kann sie weder ersetzen noch repräsentieren noch auslösen. »Die Vorstellung, dass auch heute noch ein einzelner durch eine persönliche Tat die Massen in Bewegung setzen kann, beruht auf der bürgerlichen Auffassung vom Führer, nicht dem gewählten Parteiführer, sondern dem selbst ernannten Führer, der mit seiner Tat die passiven Massen mitreißt. Die proletarische Revolution bedarf dieser alten Führerromantik nicht; von der Klasse (…) wird die Initiative kommen.«27 Die Kritik ist knapp gehalten, man muss sie nicht überbewerten. Trotzdem muss sich Pannekoek die Gegenfrage gefallen gelassen, wer denn genau »die Klasse« ist? Und was in ihrem Zusammenhang die Rede von der »Initiative« bedeutet?

Die Biografie van der Lubbes, dessen Aktivismus in den Niederlanden Pannekoek bestimmt nicht verborgen geblieben war, ist eine einzige Demonstration, dass er Teil »der Klasse« war und sein Handeln niemals außerhalb oder über sie stellte. Dass es Leute gibt, die früher anfangen als andere, war ihm genauso selbstverständlich, wie die Einsicht, dass er machtlos gegenüber abebbenden Streikbewegungen war. Dass die Reichweite der »persönlichen Tat« begrenzt war, wusste er also, aber das spricht doch nicht dagegen, sie trotzdem zu wagen? Am 27. Februar handelte van der Lubbe als Teil einer revolutionären Strömung innerhalb der Arbeiter:innenbewegung.28

Indem Pannekoek die »persönliche Tat« van der Lubbes von dieser Strömung isoliert und sie zu einem Überbleibsel bürgerlich-revolutionärer Romantik erklärt, vollzieht er die Abwertung dieser Strömung, wie sie die »offiziellen« Kommunisten vorgenommen haben. Anders als sie geht er aber nicht von einer mythisch verklärten Partei oder einem Vaterland der Werktätigen aus, sondern von einer nicht minder mythisch verklärten Klasse, die die Initiative – man weiß nicht wie – schon aus sich selbst herausbringen wird. Sie wird aber nur ins Handeln kommen durch die »persönliche Tat«, die sich aufheben wird, wenn auf sie zig weitere persönliche Taten folgen werden.

Es wäre ehrlicher oder – um den moralischen Ton herauszunehmen – angemessener gewesen, wenn Pannekoek eingestanden hätte, dass er zu diesem Zeitpunkt, 1933, nicht mehr von einer revolutionären Initiative des (deutschen, wenn nicht europäischen) Proletariats ausgehen mochte und deshalb vor jedem Aktivismus, der nicht eingebettet ist, in eine sichtbar kollektive Klassenbewegung – z. B. einen Streik –, als überflüssige, ja gefährliche Vergeudung individueller Energie warnen müsste. Dieser Ton ist in den späteren Schriften Pannekoeks noch deutlicher zu vernehmen: Es gibt Zeiten, die lang anhalten können, in denen aufgrund der Übermacht des Feindes und der Zerstreuung der Klasse die Genoss:innen zur Inaktivität gezwungen sind. Wer wollte ihm widersprechen? Van der Lubbes »Fehler« war, sich damit nicht abfinden zu können.29

5

Die Denunziation van der Lubbes hat zwei Dimensionen: Die eine betrifft ihn als Person, er wird, vornehm, als Abenteurer, als ungefestigtes Subjekt oder, offen denunzierend, als minderbemittelt dargestellt. So einer kann nur ein Rädchen in einer Maschinerie gewesen sein, die zu überblicken er gar nicht in der Lage war! Die andere betrifft die Tat: Sie hat sich nachteilig auf die Demokratie, das Schicksal der Arbeiter:innenbewegung, auf eine mögliche Einhegung der Nazis ausgewirkt. Ist doch klar, dass die Nazis die Situation sofort für sich genutzt haben …

Die zweite Denunziation müsste nicht auf die erste zurückgreifen, aber es scheint die Regel zu sein.  Die Abwertung radikaler Positionen geht einher mit der Schmähung des Handelnden – es reicht nicht, dass man seine Tat ablehnt, sie muss auch verächtlich gemacht werden. Erst dann ist sie in etwas ganz und gar Unverständliches, Unsinniges verwandelt worden.

Was das Unverständnis gegenüber der Tat angeht, sind die Äußerungen Soukups exemplarisch: »Nachdem Marinus van der Lubbe – in welcher Funktion auch immer – den Reichstag angezündet hatte, nachdem tausende Kommunisten, Sozialdemokraten und linke Intellektuelle noch in der Nacht oder in den nächsten Tagen verhaftet, gefoltert oder ermordet wurden, viele Hals über Kopf fliehen mussten, um diesem Schicksal zu entgehen, erschien in Amsterdam im Laufe des Jahres 1933 ein Roodboek genanntes Buch, in dem van der Lubbe nahestehende Anarchisten den deutschen Sozialdemokraten und Kommunisten ›Verrat an der Arbeiterklasse‹ vorwarfen, da sie es versäumt hätte, den Reichstagsbrand konstruktiv zu nutzen. Starker Tobak.

Könnte man nicht viel eher sagen, dass es, vorsichtig ausgedrückt, eine riesige politische Dummheit van der Lubbes war, den Reichstag anzuzünden? Wie soll man ein Ereignis wie den Reichstagsbrand in einer Diktatur ›konstruktiv nutzen‹?«30 In seinem Unverständnis trifft er sich mit dem von ihm sonst so verteufelten Fritz Tobias, für den van der Lubbes Tat für die weitere politische Verfassung Deutschlands fatal war. Aber Soukup arbeitet es doch selbst heraus, dass der SA-Terror auf der Straße längst wütete und die Anlässe, ihn zu verschärfen, jeweils hochwillkommen gewesen wären – und beliebig! An dem Terror hätte sich nichts geändert, hätte der Reichstag nicht gebrannt. Die »konstruktive Nutzung«, über die sich Soukup mokiert, wäre natürlich die Revolution gewesen, zumindest der proletarische Aufstand.31

Dieser ist nicht abhängig von dem bürgerlichen Dogma, dass zuerst und unter allen Umständen die Demokratie vor einer Diktatur verteidigt werden müsste. Zumindest sollte er sich nicht davon abhängig machen. Gerade der sture Legalismus – zuerst die Demokratie verteidigen und dann vielleicht … – beschleunigte den Untergang der Arbeiter:innenbewegung und der Demokratie, deren gegen aufmüpfige Arbeiter:innen wütende (Polizei-)Gewalt van der Lubbe den Unterschied zwischen ihr und einer offenen Diktatur gering erscheinen ließ.

Dieser bis heute auch in linken Kreisen akzeptierte Umgang mit van der Lubbe ist ein Lehrstück, mit welchen Widerständen – weltanschaulichen, aber auch direkt auf die persönliche Integrität zielenden Denunziationen – die van der Lubbes der Zukunft zu ringen haben werden.


  • 1. Die diesbezüglich in der westdeutschen Nachkriegszeit folgenreichste Veröffentlichung war die des niedersächsischen Verfassungsschutzbeamten Fritz Tobias. Mit der Alleintäterthese verknüpfte er revisionistische Absichten: Hitler sollte aus der Schusslinie genommen werden. Tobias, zunächst in einer viel beachteten Artikelserie für den SPIEGEL (1959/60), schließlich in einer Monographie (»Der Reichstagsbrand. Legende und Wirklichkeit«, 1962), wollte darauf hinaus, dass Hitler und die Nazis durch den Brand fanatisiert wurden: »Aus dem zivilen Reichskanzler wurde damals, fürwahr in einer Sternstunde der Menschheit, im flammenlodernden Symbol des besiegten Weimarer Staates der machtberauschte, sendungsbewußte Diktator Adolf Hitler.« (Zitiert nach Uwe Soukup, Die Brandstiftung. Mythos Reichstagsbrand – Was in der Nacht geschah, in der die Demokratie unterging. München: Heyne, 2023, S. 152) Die Einzeltäterthese fand in der politischen Öffentlichkeit außerhalb Deutschlands – in den Ländern der antifaschistischen Kriegskoalition – zunächst keinen großen Widerhall (Ausnahme: die Niederlande, in deren linker Öffentlichkeit van der Lubbe seit jeher als antifaschistischer Held gewürdigt wird).
  • 2. Soukup kann sich nur drei Lager vorstellen: das (historisch untergegangene) nazistische, das von einer Täter:innenschaft der Kommunist:innen ausging; das kommunistische, später zivilgesellschaftlich-kritische, das von der (Mit-)Täter:innenschaft der Nazis überzeugt ist; schließlich der Mainstream der bundesrepublikanischen Historiographie, die die Alleintäter-These vertrat und immer noch vertritt. Van der Lubbes Überzeugungen, seine Motivation spielen überhaupt keine Rolle, und dort, wo sich Soukup doch auf sie einlassen muss, werden sie ins Lächerliche gezogen.
  • 3. Zitiert nach Soukup, Die Brandstiftung, S. 12.
  • 4. Die Darstellung folgt den Recherchen von Horst Karasek.
  • 5. Horst Karasek, Der Brandstifter. Lehr- und Wanderjahre des Maurergesellen Marinus van der Lubbe, der 1933 auszog, den Reichstag anzuzünden. Berlin: Wagenbach, 1980, S. 25. Van der Lubbe lebte damals in einer Art Arbeiter:innen-WG, die von einem älteren sozialdemokratischen Ehepaar geleitet wurde. nl.m.wikipedia.org/wiki/Bestand:Leiden_-_Uiterstegracht_56_GM-411_20220213.jpg
  • 6. Ebd., S. 27.
  • 7. »Its concern was to ›provoke class-conflicts‹. This councilist organisation was dominated by the personality of Eduard Sirach (1895–1937). During the First World-War, he had been one of the leaders of the mutinies which broke out on the battleships Regent and Zeven Provinciën. For that he had been condemned to a long prison sentence. He escaped from prison and went to Germany in December 1918, where he took part of the revolutionary fights. Subsequently living in Amsterdam and Rotterdam, and without any stable work (…). In Leiden, the LAO was in close contact with Van der Lubbe, who took part in its activities. Clearly seduced by the theory of minority-violence, he burned down the Reichstag some months later. The question of ›exemplary acts‹ provoked lively debates in the councilcommunist movement.«
  • 8. Ebd., S. 80. Hervorhebung im Original. Die kommunistischen Propagandist:innen des in London und Paris stattfindenden Gegenprozesses zum Berliner Reichstagsbrandprozess haben dieses Statement als Beispiel für van der Lubbes mindestens faschismus-affine Haltung dokumentiert, sprach er sich doch gegen die – etablierten – Arbeiter:innenorganisationen aus, und das kann für sie nur eine faschistische Parole sein …
  • 9. Siehe hierzu das 1967 niedergelegte Zeugnis des Rätekommunisten Alfred Weiland, der von einem Treffen am 25. oder 26. Februar in Neukölln berichtet. »Es wurde mir berichtet, daß van der Lubbe eine rege politische Aktivität in Berlin entwickelte, besonders jedoch in den Arbeitervierteln und bei den Arbeitslosen, wo er einen Zusammenschluß aller oppositioneller Kräfte forderte und ständig in Begleitung erschien. Ich forderte meine Freunde auf, sich noch am selben Tag mit van der Lubbe zu treffen, um zu erfahren, war er wollte. (…) Van der Lubbe schlug vor, eine revolutionäre Aktion als Fanal zu starten, da er dafür bereits mehrere Gruppen zur tatkräftigen Unterstützung gefunden halte. (…) Ich stellte sofort fest, daß van der Lubbe eine Unruheaktion vorschlug, die nur ein Ziel halte: die Koalition zu spalten und die Hitler-Regierung zum Sturz zu bringen. ›Es fehlt den Deutschen an Mut, zu beginnen.‹ (…) Van der Lubbe verlangte von uns, loszuschlagen, und alle linksgerichteten Organisationen würden sich uns anschließen, unter ihnen die unzufriedene SA und Reichswehr. Van der Lubbe behauptete, für diese Aktion einflußreiche Freunde gefunden zu haben. Ich stellte fest, daß der Holländer an diesem Abend besonders lebhaft redete und sich nicht scheute, jene, die seine Ansicht nicht teilten, als feige zu bezeichnen. Da ich wußte, daß Hitler gerade auf diese Art Aktionen gewartet halte, um seine Drohungen gegen die Arbeiterbewegung wahrzumachen, konnte ich mich nicht zurückhalten und sagte wörtlich: ›Du bist Provokateuren aufgesessen.‹ Daraufhin bin ich sofort weggegangen. Nach Schluß des Treffs erfuhr ich, daß van der Lubbe einen Teil seiner Gleichgesinnten in einer ehemaligen antifaschistischen Kneipe getroffen halte, und daß in diesem Lokal ausschließlich die SA- und Polizeispitzel verkehrten. So verstand ich, daß die Polizei von van der Lubbes Aktionen Kenntnis bekommen hatte. Ich warnte meine Freunde und riet ihnen, sich umgehend zu distanzieren.« (Wiedergegeben in Michael Kubina, Von Utopie, Widerstand und kaltem Krieg. Das unzeitgemäße Leben des Berliner Rätekommunisten Alfred Weiland (1906-1978). Münster u. a.: Lit, 2001, S. 124) Der Historiker Michael Kubina weist darauf hin, dass das Zeugnis nicht unbedingt zuverlässig ist und Weiland seine Teilnahme an einem Treffen erfunden haben könnte.
  • 10. Das zeigt Soukup überzeugend (S. 17ff.).
  • 11. Zitiert nach Soukup: Die Brandstiftung, S. 84.
  • 12. Wenn im Folgenden von Kommunist:innen/kommunistisch die Rede ist, ist damit die heute stalinistisch genannte Position gemeint. 1933/34 war diese Bezeichnung nicht bekannt (zumindest nicht geläufig), Räte- und Linkskommunist:innen sprachen stattdessen von »Zentristen«, wenn sie die moskautreuen Genossen meinten. »Zentrist« ist aber heute in diesem politischen Zusammenhang ungebräuchlich. Dass Kommunist:in/kommunistisch in kritischer und polemischer Absicht verwendet wird, ist provokant gemeint: Zum einen verweist es darauf, dass es den »Zentristen« spätestens ab Ende der 20er Jahre gelungen war, die (Selbst-)Bezeichnung als Kommunist:in/kommunistisch ausschließlich für ihren Block und ihre Zwecke zu okkupieren; zum anderen richtet es sich gegen jene in der heutigen Linken weit verbreitete Haltung, das Erbe der (moskautreuen/zentristischen/parteioffiziellen – wie immer man sie nennen mag) Kommunist:innen unkritisch anzunehmen. Nur zu – wer sich zu diesem Kommunismus bekennt, nimmt den Hass in Kauf, der von diesen Leuten auf van der Lubbe niederging.
  • 13. Anson Rabinbach, Van der Lubbe – ein Lustknabe Röhms? Die politische Dramaturgie der Exilkampagne zum Reichstagsbrand. In: Susanne zur Nieden (Hrsg.), Homosexualität und Staatsräson. Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900–1945. Frankfurt a.M./New York: Campus, 2015, S. 193–213, hier S. 200. Anson Rabinbach weist daraufhin, dass Homophobie bereits vorher Bestandteil der antifaschistischen Propaganda der KPD gewesen sei, wonach »die Nationalsozialisten (eine) Bande degenerierter Schwuler (seien), die ›junge Proleten für ihre unsittlichen homosexuellen Zwecke‹ zu missbrauchen suchten« (ebd.). Das Wahnbild des gesunden, aufrechten, starken und disziplinierten Proleten, der einzig auf diese Weise in der Lage wäre, Klassenbewusstsein zu entwickeln, schlägt hier durch. Man muss keine aufwändige Dechiffrierkunst betrieben, um hinter diesem Bild den gesunden, stählernen… kurzum: beliebig ausbeutbaren Körper auszumachen, der sich in den Produktionsschlachten beim Aufbau des Sozialismus zu bewähren hat. Abweichler von diesem Bild konnten logischerweise nur Schwächlinge, Irre und Saboteure sein. Dass van der Lubbe diesem Bild nicht entsprach – und auch nie entsprechen wollte –, dürfte der tiefere Grund sein, weswegen die Verachtung der moskautreuen Kommunisten für ihn so grenzenlos war. Noch 1946 rief ihm der österreichische Kommunist Ernst Fischer hinterher: »Van der Lubbe stammt aus den Randgebieten einer Gesellschaft, die in Fäulnis übergeht – wie Hitler, wie alle die Deklassierten, aus denen sich der Verwesungskern der NSDAP zusammensetzt, aus jenen Randgebieten, wo das Kleinbürgertum in den Sumpf abbröckelt.« (ebd. S. 208)
  • 14. Michael Rohrwasser, Der Stalinismus und die Renegaten. Die Literatur der Exkommunisten. Stuttgart: Metzler, 1991, S. 250. Dort auch der Hinweis auf Otto Katz.
  • 15. Uwe Soukup spekuliert: »Der nahezu spielerische Umgang van der Lubbes mit den Risiken, die er mit seiner Tat eingegangen ist, hat etwas zutiefst Verstörendes, Irritierendes.« Nein, hat es nicht. Wer van der Lubbes Biographie kennt, weiß um seinen Mut und sein Draufgängertum. »Hat sich van der Lubbe allzu sicher gefühlt, als ob ihm nichts passieren könnte? Und wenn ja, warum?« Eine allzu platte Suggestivfrage. Wieso sollte van der Lubbe in den ersten Tagen und Wochen nach dem Brand nicht noch optimistisch gewesen sein, dass seine Tat einen baldigen Aufstand auslösen könnte? »Selbst ein im Reichstag eingesetzter Polizist, Hans-Joachim Sprotte, wunderte sich über die Sorglosigkeit der Beschuldigten, als er ihn in den Tagen nach dem Brand mehrmals im Reichstag im Zusammenhang der Befragung van der Lubbes nach seinen Laufwegen sah. ›Er soll, als man ihn aufforderte, zu zeigen, welchen Weg er gegangen sei, gesagt haben, man sollte ihm eine Karte von Europa bringen, darauf werde seinen genommenen weg zeigen.« Sowohl Sprotte als auch dem ihn in bestätigender Absicht zitierenden Soukup entgeht der Spott, der in van der Lubbes Aufforderung, man möge ihm – dem Wanderer durch Europa! – eine Europakarte bringen (alle Zitate aus Soukup, Die Brandstiftung, S. 46).
  • 16. Zwei sehr plausible Varianten dieser Annahme: »Van der Lubbe war bis in den März stolz auf seine Tat und legte der Polizei auch eine ausführliche Erklärung ab, wie und warum er den Reichstag in Brand gesteckt hatte. Das war sein Heldenstadium. Als ihm Mitte März allerdings klar wurde, daß Faschisten und Kommunisten, die ihn beide als Werkzeug einer Verschwörung der Gegenpartei bezeichneten, sich seine Tat aneigneten, und er zerrieben wurde zwischen den Mühlsteinen des Nationalsozialismus (Göring, der den Prozeß beherrschte) und des Stalinismus (Dimitrov, der als Kommunist verhaftet wurde, weil er angeblich Van der Lubbe zu seinen Taten angestiftet habe) –  nahm er seine gebeugte Haltung ein«, so die linken Medienaktivisten von der niederländischen Agentur Bilwet (Agentur Bilwet, Marinus van der Lubbe – der Heilige der Negativität, 26. Februar 1999, telepolis.de/features/Marinus-van-der-Lubbe-der-Heilige-der-Negativitaet-3446412.html). Anson Rabinbach: »Van der Lubbe sei, nachdem er auf eine Mauer von Unglauben gestoßen war, immer verzweifelter geworden. Er habe das Interesse am Prozess verloren und sich seinem Schicksal, das er nicht mehr beeinflussen konnte, ergeben. Seine Körperhaltung und seine Apathie waren Ausdruck seiner Erkenntnis, dass seine Überzeugungstat, die nach eigener Aussage ›eine Tat von zehn Minuten‹ gewesen war, sich im Verlauf der Monate ins Nichts aufgelöst hatte. Sie war verschwunden hinter einer Fülle Vermutungen, Falschaussagen und irrelevanter Faktenerhebungen, die, wie er selbst während der Verhandlung überraschend aussagte, nichts mit seiner Tat zu tun hatten.« (Anson Rabinbach, Van der Lubbe – ein Lustknabe Röhms?, S. 208) Rabinbach stützt sich auf Martin Schouten, einen Biographen van der Lubbes, der die Prozessakten ausgewertet hat. Hier berichtet er vom Verhandlungstag am 23. November 1933, als van der Lubbe tatsächlich Rede und Antwort stand: »Sechs Stunden zog sich die Vernehmung hin, ohne zu einem Ergebnis zu führen. Van der Lubbe, der den Prozess offenbar aufmerksam verfolgt hatte, gab auf alle Fragen eine klare und stichhaltige Antwort. Aber als er immer wieder auf eine Mauer des Unglaubens stieß, wurde er immer schweigsamer und verzweifelter. Er sagte, er habe keine Kraft mehr, könne es nicht viel länger aushalten und wolle ins Gefängnis.« (Martin Schouten, Marinus van der Lubbe – Eine Biografie. Aus dem Niederländischen von Helga Marx und Rosie Wiegmann. Frankfurt a.M.: Neue Kritik, 1999, S. 106)
  • 17. »Au procès, il s’est trouvé devoir renoncer à revendiquer même son geste, car s’il l’avait fait, il aurait directement compromis le système défensif de ses co-inculpés. Ces derniers ne disaient-ils pas qu’ils étaient les victimes d’une machination fasciste? Si Van der Lubbe avait osé revendiquer son geste, il lui aurait été répondu qu’il continuait son rôle de provocateur en détruisant la thèse de la défense et en disculpant les responsables fascistes.« (Redaktionskollektiv Bilan, Van der Lubbe. Les fascistes exécutent. Socialistes et centristes applaudissent. Bilan, Nr.3 (Janvier 1934), Paris. pcint.org/04_PC/98/98_incendiaire.htm)
  • 18. Rohrwasser, Der Stalinismus und die Renegaten, S. 341.
  • 19. Rabinbach, Van der Lubbe – ein Lustknabe Röhms?, S. 205.
  • 20. Schouten, Marinus van der Lubbe – Eine Biografie, S. 107.
  • 21. Il s’agissait d’une provocation, le responsable c’était Goering et Van der Lubbe était l’instrument de ce dernier. Dès lors, la classe ouvrière mondiale n’avait plus de poids spécifique …
  • 22. Comme si, sans cet incendie, la situation aurait été autre en Allemagne …
  • 23. Die Forschung hat es dann nachträglich bestätigt. So weist Arno J. Mayer darauf hin, dass Hitler »in einer am 1. Februar 1933, zwei Tage nach seiner Ernennung zum Reichskanzler, veröffentlichten Botschaft den marxistischen Parteien die Schuld am Elend Deutschlands (gab) und erklärte, insbesondere die Kommunisten und ihre Sympathisanten nützten die Krise zur Förderung ihrer eigenen destruktiven Ziele. Im Namen der neuen Regierung und unter Berufung auf christliche werte gelobte er, er werde nicht zulassen, daß im Herzen Europas ›die rote Fahne der Vernichtung‹ aufgezogen würde (…) Zwei Tage später versicherte er den Befehlshabern der deutschen Streitkräfte, er sei zur ›Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel‹ entschlossen …« (Arno J. Mayer, Der Krieg als Kreuzzug. Das Deutsche Reich, Hitlers Wehrmacht und die »Endlösung«. Reinbek: Rowohlt, 1989, S. 188f.).
  • 24. Um es noch mal zu betonen: Dieser Satz gilt selbst dann, wenn sich doch noch als wahr herausstellen sollte, dass er an diesem Abend Helfer:innen hatte, die sich aus Kreisen der SA rekrutierten.
  • 25. Paul Mattick, Marinus van der Lubbe. Proletarier oder Provokateur? In: Der Freidenker, Nr. 5/6, 4. Januar 1934, S. 7, New Ulm, Minnesota, USA. Zitiert nach: marxists.org/deutsch/archiv/mattick/1934/01/lubbe.htm.
  • 26. Anton Pannekoek, Persönliche Tat, in: Ders., Arbeiterräte. Texte zur sozialen Revolution. Fernwald: Germinal, 1933, S. 433–435, hier S. 433.
  • 27. Ebd, S. 435.
  • 28. Realistisch ist die allgemeine Einschätzung Amadeo Bordigas, der, die spontanen Abwehrkämpfe des italienischen Proletariats gegen die faschistischen Terrorschwadronen vor Augen, bereits 1921 schrieb: »Ebenso kindisch wäre die Auffassung, nach der der Einsatz von Gewalt und bewaffneten Aktionen dem ›Tage X‹ vorbehalten seien, dem Tag des Entscheidungskampfes um die Machteroberung. Zur Realität der revolutionären Entwicklung gehören zwangsläufig blutige Zusammenstöße zwischen Proletariat und Bourgeoisie, nicht nur, insofern es sich um mögliche, ihr Ziel noch nicht erreichende Machteroberungsversuche des Proletariats handelt, sondern auch in der Hinsicht, dass es unvermeidlich immer wieder auftretende spontane Zusammenstöße zwischen den sich auflehnenden Proletariern und den bürgerlichen Verteidigungskräften oder auch zwischen den ›weißgardistischen Haufen‹ und von ihnen angegriffenen und provozierten Arbeitern geben wird. Ebenso falsch ist die Ansicht, die kommunistischen Parteien müssten solche Aktionen missbilligen und alle Anstrengungen für einen bestimmten finalen Moment aufsparen, denn jeder Kampf braucht seine Lehr- und Ausbildungszeit (…).« (Amadeo Bordiga, Partei und Klassenaktion (Partito e azione di classe). In: Rassegna Comunista, Nr. 4, 31. Mai 1921. Zitiert nach: alter-maulwurf.de, Rubrik: Alpha/DE)
  • 29. Als Mike Davis am 25. Oktober 2022 in San Diego, Kalifornien, starb, da gab es keine große deutsche Tages- und Wochenzeitung, die ihm, dem mitreißenden Stadtsoziologen und Vertreter eines kraftvollen, vielleicht auch spezifisch amerikanischen Marxismus, nicht einen warmen Nachruf widmete. Dabei endete einer seiner letzten Texte »Thanatos Triumphant«, am 7. März 2022 von der New Left Review veröffentlicht, auf einem Schlussakkord, der das hiesige Feuilleton, berüchtigt für seine Zurechtweisungen unbotmäßiger Denkerinnen und Denker, zutiefst hätte beunruhigen müssen: »Wir erleben gerade die Albtraumausgabe von ›Große Männer machen Geschichte‹«, schrieb Davis. »Anders als zu Zeiten des Kalten Krieges, als Politbüros, Parlamente, Präsidentenkabinette und Generalstäbe den Größenwahn an der Spitze bis zu einem gewissen Grad aufhielten, gibt es nur wenige Sicherheitsbarrieren zwischen den heutigen Spitzenpolitikern und dem Armageddon. Noch nie wurde so viel geballte wirtschaftliche, mediale und militärische Macht in so wenige Hände gelegt. Das sollte uns veranlassen, an ihren Heldengräbern Alexander Berkman, Alexander Iljitsch Uljanow und dem unvergleichlichen Sholem Schwarzbard zu gedenken.« (Mike Davis, Thanatos Triumphant. Veröffentlicht am 7.3.2022 auf newleftreview.org/sidecar/posts/thanatos-triumphant) Die drei genannten waren Anarchisten, die sich jeweils in einer dramatischen politischen Lage nicht anders zu helfen wussten als durch ein Attentat. Berkmann schoss 1892 auf den Industriellen Henry Clay Frick, einen Industriellen, der eine berüchtigte Todesschwadrone angeheuert hatte, die unter streikenden Arbeiter:innen seines Unternehmens ein Blutbad anrichtete. Uljanow, der ältere Bruder eines bekannteren Uljanows …, plante 1886 die Ermordung des Zaren. Schwarzbard erschoss 1926 in Paris den ukrainischen Exilpolitiker und General Symon Petlura, der, während seiner kurzen, konterrevolutionären Regierungszeit in der Ukraine nach 1917 für fürchterliche antisemitische Pogrome verantwortlich war. Die Frage ist, wie man diesen Schlussakkord von Davis’ publizistischer Arbeit einordnen soll. Als Stoßseufzer? Oder tatsächlich als Aufforderung »an uns«, an eine globale radikale Linke, darüber nachzudenken, wie wir »persönliche Taten«, die in den nächsten Jahren sich wieder ereignen könnten, einzuschätzen haben? Der Weg von den von Davis genannten Genossen zu Marinus van der Lubbe ist jedenfalls ein kurzer.
  • 30. Soukup, Die Brandstiftung, S. 61.
  • 31. Im Übrigen enthält die Passage, auf die sich Soukup wohl bezieht, keine naive Empfehlung und keinen plumpen Handlungsvorschlag, sondern ist im Konjunktiv formuliert: Das Proletariat hätte den Brand als Fanal nutzen können, wenn es nicht durch die Politik der II. und III. Internationale über Jahre geschwächt worden wäre. (In der holländischen Ausgabe von 1933 steht sie auf S. 74)