Dresden 13. Februar: Die Inszenierung der „Opfer“ – Wie AfD, Neonazis und IB den Heidefriedhof zur Bühne machen

Eine Analyse der Ereignisse vom 13.02.2026: Von Holocaustleugnerinnen in der ersten Reihe bis zum offenen Schulterschluss der AfD-Jugend mit der Identitären Bewegung.

Der stille Lärm

Der 13. Februar in Dresden, 81. Jahrestag der Bombardierung der Stadt. Eigentlich ein Tag der Trauer für die extreme Rechte – sollte man meinen. Doch auf dem Heidefriedhof, zwischen den Gräbern der Opfer der Bombardierung von 1945, war es am 81. Jahrestag alles andere als still – zumindest politisch. Was wir am 13.02.2026 beobachtet haben, ist mehr als nur Gedenken. Es ist die strategische Verschmelzung von historischem Revisionismus und aktueller Radikalisierung.

Erster Akt: Die HEIMAT

Wir waren vor Ort und haben dokumentiert, wer kam, was gesagt wurde und welche Allianzen geschmiedet wurden.

Die Großmutter des Hasses: Edda Schmidt und der RNF

Am Vormittag des 13. Februar trat eine unscheinbare Gruppe von etwa 15 Personen auf den Plan. An ihrer Spitze: Edda Schmidt. Wer sie nur für eine ältere Dame hält, die trauern möchte, irrt gewaltig. Schmidt ist eine der zentralen Figuren im völkischen Frauennetzwerk der Bundesrepublik.

Sie war jahrelang Bundesvorsitzende des Ring Nationaler Frauen (RNF), der Frauenorganisation der NPD. Ihre Anwesenheit in Dresden ist kein Zufall, sondern ein politisches Signal. Schmidt steht für die Kontinuität des Nationalsozialismus in die Gegenwart. Sie verkörpert die „völkische Treue“, die sich nicht um Wahlergebnisse schert, sondern um die Erziehung der nächsten Generation im Sinne der NS-Ideologie. Sie gehört zum Inventar des neonazistischen Gedenkens.

Mit in ihrer Entourage waren vor allem ältere Personen des Spektrums, darunter auch Ines P. Sie wurde wegen Volksverhetzung verurteilt und betrieb im Umfeld von PEGIDA Stände zur Solidarisierung mit der Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck.

Die Brücke zu den Siedlern: Lutz Giesen

Noch spannender wurde es am Folgetag, dem 14. Februar. Hier zeigte sich, wie „Die Heimat“ operativ wirkt – nicht mehr als Wahlpartei, sondern als Netzwerk-Hub. Edda Schmidt kehrte zum Heidefriedhof zurück, diesmal in Begleitung von Lutz Giesen.

Giesen ist der Archetyp eines Neonazis, der Parteistrukturen mit völkischer Lebensweise verbindet. Er gilt als einer der aktivsten „völkischen Siedler“ in Mittelsachsen und ist tief in die Strukturen der „Freien Sachsen“ eingebunden. Seine Biografie liest sich wie ein „Who-is-Who“ des Rechtsextremismus: Früher Kader der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), Mitarbeiter der NPD-Fraktion in Mecklenburg-Vorpommern, heute Organisator von Neonazi-Aufmärschen in Dresden.

Die Jugend war dieses Jahr nicht groß dabei

Anders als in den Vorjahren, in denen die „Jungen Nationalisten“ (JN) und andere Gruppierungen den Vorabend oder die Nacht zum 13. Februar oft für martialische Aktionen oder inszeniertes „Heldengedenken“ nutzten, blieb es 2026 ruhig. Keine nächtlichen Bilder auf dem Heidefriedhof.

Am Tag selbst war die Jugendorganisation der „Heimat“ zwar präsent, aber sie wirkte eher wie eine Randnotiz.

Geschäftstermin am Grabfeld: Die Medienaktivisten kommen am Nachmittag

Doch die Ruhe täuschte. Als der offizielle Teil vorbei und die meisten Kameras abgebaut waren, rollte die nächste Welle an. Diesmal ging es nicht um Tradition, sondern um Geschäft und Strategie. Am späten Nachmittag erschienen zwei Männer, die für die Professionalisierung der Szene stehen: Benjamin Moses und Sebastian Schmidtke.

Moses ist ein Hybrid aus Politiker und Geschäftsmann. Er sitzt für das Bündnis Oberlausitz / Freie Sachsen im Kreistag Bautzen, ist aber vor allem als Kopf hinter dem selbsternannten Medienkollektiv „Balaclava Graphics“ bekannt. Er leitete Paul Mahn, Benjamin Lenk und andere an, visuelle Inhalte für Neonazis zu produzieren. An seiner Seite: Sebastian Schmidtke. Der Berliner Veteran ist seit Jahren eine Konstante in der Bundesführung der „Heimat“ und betreibt ebenfalls Geschäfte mit Militaria- und Outdoor-Ausrüstung.

Akt 2: Die AfD und Identitäre Bewegung

Während die Kader der „Heimat“ und die Geschäftemacher der militanten Szene eher die Ränder des Geschehens oder den späten Nachmittag nutzten, gehörte die „Prime Time“ der Alternative für Deutschland. Die Partei nutzt seit Jahren den 13. Februar, um sich als einzig wahre Stimme des „Deutschen Volkes“ zu inszenieren.

Wer hier jedoch bürgerliches Trauern erwartete, sah eine Inszenierung, die im geschichtsrevisionistischen Sumpf stattfand. Die Partei möchte damit einen Gegenentwurf zur liberalen Gesellschaft aufbauen.

Die Prominenz und das Buch der Mythen

Der Aufmarsch der AfD war hochrangig besetzt. Neben dem sächsischen Fraktions- und Landesvorsitzenden Jörg Urban (MdL) waren auch Bundestagsabgeordnete wie Karsten Hilse und René Bochmann sowie der Dresdner Stadtrat Steffen Hanisch vor Ort. Angeführt wurde die Delegation vom Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla.

Doch entscheidender als wer da war, ist was getan wurde. Tino Chrupalla nutzte seine Redezeit nicht für stilles Gedenken, sondern für politische Signale. Wie schon zum 75. Jahrestag im Jahr 2020 griff er zu einem ganz bestimmten Buch: „Memento Dresden 1945“ von Gert Bürgel.

Das ist kein Zufall, sondern Strategie. Bürgel und sein „Gedenkbuch der Namen“ sind in der seriösen Geschichtswissenschaft diskreditiert. Sie gelten als Werkzeuge des sogenannten „Zahlenkrieges“.

– Die Fakten: Die historische Kommission bestätigt ca. 25.000 Opfer der Luftangriffe.

– Das Narrativ der AfD: Indem Chrupalla aus Bürgels Werken zitiert, bedient er die Erzählung, diese Zahlen seien „politisch klein gerechnet“. Ziel ist es, die Opferzahlen künstlich in die Höhe zu treiben.

Warum machen sie das?

Es geht um den Opfermythos. Wenn Dresden ein „einzigartiges Menschheitsverbrechen“ war, wie es die AfD gerne rahmt, dann relativiert das die deutschen Verbrechen, den Vernichtungskrieg und den Holocaust. Die AfD leugnet den Holocaust nicht offen – sie relativiert ihn durch die Überhöhung des eigenen Leids. Chrupalla lieferte am Heidefriedhof den Soundtrack für diese Täter-Opfer-Umkehr.
Der Schulterschluss im Hintergrund

Während die Parteispitze vorne den bürgerlichen Schein wahrte und den „Schuldkult“ attackierte, wurde in den hinteren Reihen bereits die Zukunft der Partei sichtbar. Die Abgrenzung nach rechts außen, die offiziell immer beschworen wird, existierte auf dem Heidefriedhof faktisch nicht.

Während die Parteispitze vorne mit Kränzen hantierte, fiel weiter hinten im Zug die letzte Maske. Die offizielle „Unvereinbarkeitsliste“ der AfD, die eine Zusammenarbeit mit der Identitären Bewegung (IB) eigentlich verbietet, wurde auf dem Heidefriedhof faktisch beerdigt.

Das Gruppenfoto als Bekenntnis

Es war eine Szene mit Symbolkraft: Der sächsische Landesvorsitzende der “Generation Deutschland”, Lennard Scharpe, posierte nicht nur neben den Kadern der vom Verfassungsschutz beobachteten IB – er bat sie aktiv dazu. Beobachtungen zeigen, wie Scharpe noch Cornell Peschke (IB-Umfeld / Freie Sachsen) für ein gemeinsames Foto heranwinkte.

Das Bild, angefertigt vom bekannten IB-Akteur Tony Kraft, ist mehr als ein Schnappschuss. Es ist der Beweis einer strategischen Fusion. Neben Scharpe und Peschke reihten sich auch Rüdiger Kleine (GD) und weitere ein.

Die Ideologie: Vom “Bombenholocaust” zum “Großen Austausch”

Warum diese Nähe? Weil die ideologische Basis identisch ist. Die “Sachsengarde” (so der Name der IB im Freistaat) und die AfD-Jugend teilen eine gemeinsame Erzählung, in der Dresden als historische Blaupause dient:

– Die Vergangenheit: Das Bombardement von 1945 wird als Versuch der physischen “Vernichtung des deutschen Volkes” gedeutet.

– Die Gegenwart: Migration wird als Versuch der kulturellen Vernichtung gedeutet.

In dieser Logik befinden sich beide Gruppen in einer permanenten “Notwehrsituation”. Die IB fungiert hierbei als “Ideologie-Labor”. Sie liefert Begriffe wie “Remigration” – ein ethnopluralistischer Kampfbegriff, der harmlos nach “Rückkehr” klingt, aber auf die Ausweisung von Millionen Menschen zielt. Die AfD-Jugend greift diese Bälle auf und trägt sie in die Partei.

Getrennt marschieren, vereint hassen

Der 13. Februar 2026 hat eine unbequeme Wahrheit offenbart: Die oft beschworene Trennung zwischen „bürgerlichem Protest“, parlamentarischer Rechter und neonazistischem Vorfeld existiert in Dresden nur noch auf dem Papier.

Wer genau hinschaut, erkennt ein arbeitsteiliges System, das trotz äußerlicher Abgrenzungen durch eine innere ideologische Kohärenz zusammengehalten wird.
Der gemeinsame Nenner: Der Opfermythos

Egal ob Edda Schmidt („Die Heimat“) am Vormittag, Tino Chrupalla (AfD) am Mittag oder die Identitären Kader am Nachmittag – sie alle bedienen sich desselben historischen Narrativs. Dresden dient ihnen als Chiffre.

– Für die Alten ist es der Beweis für die „Schuld der Anderen“ und ein Mittel zur Relativierung des Nationalsozialismus.

– Für die Partei ist es der Hebel, um den „Schuldkult“ zu beenden und eine neue nationale Identität zu formen.

– Für die Jungen ist es die historische Blaupause für den angeblichen „Großen Austausch“ der Gegenwart.

Ein Ökosystem der Radikalisierung

Die Abgrenzungen sind rein taktischer Natur. Die „Generation Deutschland“ bildet dabei das Scharnier, das die völkische Ideologie der Identitären Bewegung in den Parteiapparat schleust.

Was wir am Heidefriedhof gesehen haben, ist kein Nebeneinander verschiedener Gruppen. Es ist ein geschlossenes, sich selbst befruchtendes Ökosystem. Die AfD braucht die Bilder und Begriffe der Radikalen, um ihre Themen zu setzen. Die Radikalen brauchen den parlamentarischen Schutzraum der AfD, um gesellschaftsfähig zu werden.
Dresden bleibt die Hauptstadt der Revisionisten

Der 81. Jahrestag hat gezeigt: Der Kampf um die Erinnerung ist längst ein Kampf um die Zukunft geworden. Wer hier nicht widerspricht, akzeptiert, dass aus einem Ort der Mahnung ein Aufmarschplatz für die Feinde der Demokratie wird. Die Geschichte von 1945 wird hier nicht gedacht, sie wird als Waffe für die politischen Kämpfe von 2026 neu geschmiedet.

Quelle: https://substack.com/home/post/p-188150699 (mit Bildern)