Linken-Hochburg Connewitz: Wenn Linke gegen Linke kämpfen

Propalästinensische Aktivisten demonstrieren gegen israelsolidarische linke Gruppen und beschimpfen sie als „antideutsch“. Was hat es damit auf sich?

Es gibt Tage, da freuen sich Rechtsextreme, wenn Tausende Linke auf die Straße gehen. Der 17. Januar 2026 war so ein Tag. „Echte Linke machen gegen Antifa mobil“, kommentierten die Freien Sachsen schadenfroh das Geschehen.

Der Anlass: Ein sich als propalästinensisch bezeichnendes Bündnis hatte unter dem Slogan „Antifa means Free Palestine“ zusammengetrommelt, um an jenem Samstag gegen diskriminierende Strukturen im Leipziger Stadtteil Connewitz zu demonstrieren.

Ausgerechnet die Hochburg der linken Szene in Ostdeutschland markierten die Organisatoren der Demonstration als „rassistische No-Go-Zone der Angst“. Angeblich komme es dort immer wieder zu teils gewalttätigen Übergriffen auf propalästinensische Akteure. Auch Geflüchtete würden sich kaum noch in den Kiez wagen. Die Rede war von „zionistischen Schlägerbanden“, die Menschen jagten, weil sie eine Kufiya, das Palästinensertuch, tragen.

Treibende Kraft des Anti-Connewitz-Bündnisses ist die Gruppe Handala. Seit 2022 ist sie in Leipzig aktiv. Die sächsischen Sicherheitsbehörden beobachten die Aktivisten. Der aktuelle Verfassungsschutzbericht des Freistaats stuft Handala als „gesichert extremistisch“ ein. Die Gruppe überschreite regelmäßig die Grenze zum Antisemitismus und verherrliche die Taten der islamistischen Terrororganisation Hamas.

Wie sich diese Haltung äußert, zeigt ein Video auf der Instagram-Seite von Handala. Zu sehen ist die Rede einer Aktivistin bei einer Kundgebung im Leipziger Süden anlässlich des ersten Jahrestags des 7. Oktobers. „Vor einem Jahr sahen wir großartige Bilder, die wir uns nicht hätten vorstellen können“, ruft sie ins Mikrofon. Das Massaker der Hamas nennt sie einen „Ausbruch aus einem kolonialen Gefängnis“.

„Islamofaschistische Antisemiten“ gegen „imperialistische Rassisten“

Auch wenn man kein Problem hat, sich mit Islamisten gemeinzumachen, nötigte der Zuspruch der Freien Sachsen dem Bündnis eine Stellungnahme ab. Darin distanzierten sich die Aktivisten von der rechtsextremen Kleinstpartei und betonten, man demonstriere nicht gegen den Stadtteil oder die Linkspartei, sondern gegen bestimmte Personen und Gruppen. In den sozialen Medien wurde der Aufruf teils kritisiert. „Also in ganz Sachsen ist Connewitz euer größtes Problem?“, fragte ein Nutzer.

Ein anderer empörte sich darüber, dass ausgerechnet jene Linken zum Feindbild gemacht würden, die sich gegen den „rassistisch-antisemitischen Normalzustand gerade gemacht“ und „Strukturen gegen Faschos, Staat und kapitalistische Verwertungsinteressen“ aufgebaut hätten. Zu Kritik führte auch die ungewohnte Zustimmung von rechts außen: „Könntet ihr bitte noch das fehlende ‚Freie Sachsen‘-Logo aufs Plakat packen?“, fragte ein Nutzer ironisch.

Letztlich mischten die Freien Sachsen nicht mit. Es fanden sich zu wenige Teilnehmer für ihre Kundgebung unter dem Namen „Migrantifa vs. antideutsche Antifa: Freie Sachsen liefern das Popcorn“. Doch auch ohne Beteiligung von Rechtsextremen waren es absurde Bilder, die die Fernsehkameras an jenem Samstag am Connewitzer Kreuz einfingen: Linksextreme sprachen sich gegenseitig das Linkssein ab. Teile der 2000 israelsolidarischen Demonstranten beschimpften das propalästinensische Lager als „islamofaschistische Antisemiten“.

Umgekehrt warfen die rund 1400 Demonstranten der Gegenseite ihnen vor,„imperialistische Rassisten“ zu sein. Teilnehmer skandierten: „Yallah, Intifada von Connewitz bis Gaza.“ Und immer wieder hallte eine Parole durch die Reihen der propalästinensischen Demonstranten: „Antideutsche sind keine Linken.“

Die Angst vor einem „Vierten Reich“

Der Kampfbegriff „Antideutsche“ markiert eine der tiefsten Bruchlinien innerhalb der deutschen Linken. Wer verstehen will, wie es so weit kommen konnte, dass sich am 17. Januar jene beiden Pole so erbittert gegenüberstanden und einander als „Faschisten“ niederbrüllten, muss verstehen, wer die „Antideutschen“ sind.

Das Jahr 1990. Die DDR ist am Ende, der „real existierende Sozialismus“ gescheitert. Der Zusammenbruch der sozialistischen Welt entzieht der orthodoxen Linken ihren ideologischen Bezugspunkt. Auch jene Linke, die sich nie am Realsozialismus orientiert hatte, gerät in eine tiefe Orientierungskrise. Ein zentraler Streitpunkt wird die Frage der deutschen Wiedervereinigung.

Ein Teil der Linken fürchtet ein „Viertes Reich“, in dem Faschismus und Antisemitismus erneut erstarken könnten. Unter der Parole „Nie wieder Deutschland“ versammeln sich am 12. Mai 1990 in Frankfurt rund 20.000 Demonstranten des Bündnisses „Radikale Linke“, um gegen ein geeintes Deutschland zu protestieren.

Aus diesem Konfliktfeld heraus entsteht eine linke Strömung, die sich selbst als „antideutsch“ bezeichnet. Einer ihrer zentralen Bezugspunkte ist Max Horkheimers Überzeugung, dass sich die moderne Gesellschaft nur über den Antisemitismus begreifen lasse.

„Aus diesem Grund brachen sie mit vielen linken Gewissheiten“, schreibt der Historiker Jan Gerber in einem rückblickenden Aufsatz in der „Bahamas“, einer linken Zeitschrift, die sich bis vor einigen Jahren selbst als „antideutsch“ verstand. „Das betraf den falschen Kollektivismus und die Verachtung des Individuums ebenso wie die Israelfeindschaft und den Antiamerikanismus großer Teile der Linken.“

Im Verlauf der neunziger Jahre kam es zu Ereignissen, die die Brüche zwischen „Antideutschen“ und „Antiimperialisten“ vertieften. 1990 überfiel Saddam Hussein Kuwait, der Zweite Golfkrieg begann, und in Deutschland formierte sich eine linke Friedensbewegung unter dem Motto „Kein Blut für Öl“. Als der irakische Diktator Israel mit Giftgasangriffen bedrohte, reagierte diese Bewegung jedoch kaum.

Für die „Antideutschen“ wurde dieses Schweigen zu einem zentralen Kritikpunkt. In innerlinken Debatten über die deutsche Erinnerungskultur – etwa in der Walser-Bubis-Kontroverse oder im Goldhagen-Streit – stellten sie sich wiederum mit maximaler Schärfe gegen jeden Versuch, die deutsche Schuld zu relativieren.

„Fanta statt Fatwa“

Für den Historiker Sebastian Voigt, der wie Gerber zur Geschichte des Antisemitismus und der politischen Linken forscht, markieren jedoch erst die Anschläge vom 11. September 2001 und die Attentate in Israel im Zuge der Zweiten Intifada die „tiefgreifendste Spaltung innerhalb der Linken“. Viele „Antideutsche“ hätten in diesen Jahren den Islamismus als zentrale Bedrohung für die westliche Welt begriffen. Sie befürworteten die militärische Intervention der NATO in Afghanistan ebenso wie den Einmarsch der USA in den Irak.

Schon damals warfen viele Linke den „Antideutschen“ vor, nicht mehr links zu sein. Sie bezeichneten sie als Kriegstreiber, die in konservative und prowestliche Argumentationsmuster abgedriftet seien. Kritisiert wurde auch ihr Begriff des „israelbezogenen Antisemitismus“, der lediglich ein Propagandainstrument sei, um Kritik an Israel zu delegitimieren.

Man konnte die „Antideutschen“ in diesen Jahren hassen oder verteidigen – ignorieren konnte man sie nicht. Zeitschriften wie die „Bahamas“ und die „Jungle World“ prägten mit provokanten Überschriften wie „Fanta statt Fatwa“ den linken Diskurs. Es war die „Hochphase der Antideutschen“, wie Historiker Gerber sagt. Die israelische Flagge wurde zu ihrem Symbol.

Mit dem Ende des Irakkriegs und dem Abflauen der Zweiten Intifada löste sich die Bewegung jedoch bis zum Beginn der 2010er-Jahre allmählich auf. „Einige Aktivisten verwandelten sich in westliche Liberale, andere in konservative Atlantiker“, schreibt Gerber. „Viele fanden zum linken Traditionalismus zurück.“

Laut Gerber fehlte es in diesen Jahren nicht nur an neuen Mobilisierungsanlässen, es hätten sich auch viele Ideen der Bewegung verallgemeinert. Vor allem die Kritik am Antizionismus habe in die Jugendorganisationen der Linken, der SPD und der Grünen hineingewirkt. Mit Gregor Gysi, Katja Kipping und Petra Pau sprachen sich gleich drei der bekanntesten Linkenpolitiker gegen den tradierten Antizionismus in ihrer Partei aus.

„Sie brauchen neue Feinde, neue Skandale“

Die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und insbesondere mit dem linken Antisemitismus sei ein „bleibender Verdienst“ dieser Strömung, betont Voigt. „Die Antideutschen als Bewegung gibt es heute nicht mehr, aber ihre Positionen haben sich in der Linken verbreitet.“

Innerhalb der westlichen Linken nehmen sie so eine Sonderstellung ein: Nur in Deutschland und Österreich hat sich eine eigenständige linke Strömung herausgebildet, die Israelsolidarität ausdrücklich zum Kern ihres politischen Selbstverständnisses machte. In den meisten anderen Ländern gilt eine solche Positionierung als unvereinbar mit linker Identität.

Gruppen, die sich selbst als „antideutsch“ bezeichnen, gebe aber es kaum noch, sagt Voigt. Der Begriff habe sich vielmehr zu einer Feindmarkierung gewandelt, mit der israelsolidarische politische Gegner innerhalb des linken Spektrums als proimperialistisch, proisraelisch und als nicht links diffamiert würden. Seit dem 7. Oktober 2023, nach dem Massaker der Hamas, erkennt Voigt eine „Regression“ innerhalb der Linken.

Früher überwunden geglaubte, dogmatisch‑antiimperialistische Denkmuster aus den siebziger Jahren kehrten mit neuer Vehemenz zurück. „Der Konflikt zeigt auch eine Spaltung der Generationen innerhalb der Linken“, beobachtet Voigt. Er sieht eine junge Generation von Aktivisten, die der Krieg in Gaza über die sozialen Medien stark emotionalisiert habe.

Tatsächlich scheint es dabei nicht nur um einen Generationenkonflikt zu gehen, sondern auch um einen Bruch zwischen Linken mit und ohne Migrationsgeschichte. Neben der Gruppe Handala, die offenbar vor allem Menschen mit arabisch-muslimischem Hintergrund mobilisieren kann, machte auch die Leipziger „Migrantifa“ gegen die israelsolidarischen Linken in Connewitz mobil. Die Gruppe versteht sich als antifaschistisches Bündnis „für Migranten von Migranten“.

Am 17. Januar trat auch einer ihrer Aktivisten als Redner auf. Er beklagte, Migranten und Muslime fühlten sich von „übermäßig weißen, ach so bunten Stadtbild-Demonstrationen“ nicht vertreten. Auch er sprach von Gewalt durch „Schlägertrupps“ gegen propalästinensische Aktivisten, die in der Öffentlichkeit relativiert werde.
Tatsächlich kursieren in den sozialen Medien zwei Videos, die solche Übergriffe in Connewitz zeigen sollen.

In dem einen ist zu sehen, wie schwarz gekleidete Männer den Infostand einer propalästinensischen Studentengruppe angreifen. Das andere zeigt, wie die beiden Lager vor einem Spätkauf aufeinandertreffen. Dabei schlägt ein mutmaßlich proisraelischer Linker mit einem Fahrradschloss nach seinen politischen Gegnern. Den Kopf eines jungen Mannes verfehlt er nur knapp.

Auch Artur kennt die Videos. Er hat die Gegendemonstration gegen das Handala-Bündnis mitorganisiert. Er heißt eigentlich anders, möchte aber anonym bleiben. Auch wo genau er wohnt, will er der F.A.S. nicht sagen, nur dass er sich seit Jahren in Connewitz bewege und in der Szene des Kiezes gut vernetzt sei.

„Den Schlag mit dem Fahrradschloss will ich gar nicht entschuldigen“, sagt Artur. Schließlich seien die propalästinensischen Aktivisten keine „Nazis“, auch wenn sie sich „menschenverachtend“ äußerten. Dass es weitere körperliche Auseinandersetzungen gab und gibt, bestätigt er. Die seien in der Regel aber nicht so groß, wie sie von beiden Seiten gemacht würden. „Die anderen schlachten das auch sehr meisterhaft aus“, sagt Artur. Zudem werde die Konfrontation oft von der Gegenseite gesucht.

Auch bei dem kurzen Video am Spätkauf habe die Vorgeschichte gefehlt, sagt Artur. Oft werde direkt Pfefferspray versprüht, obwohl man eigentlich nur ein Gespräch führen wolle. Leute, die Kufiya tragen, sehe er immer öfter in Connewitz. Angreifen tue die niemand, höchstens mal einen „dummen Spruch“ gebe es. Dass Handala jetzt gegen Connewitz hetze, führt Artur darauf zurück, dass die Lage in Gaza derzeit ruhiger sei und weniger öffentliche Aufmerksamkeit bekomme. Deswegen sinke das Mobilisierungspotential. „Sie brauchen neue Feinde, neue Skandale, um medial präsent zu bleiben“, sagt Artur.

Parolen wie „Nie wieder Gaza“ oder „Netanjahu ist ein Antifaschist“

Wer der anderen Seite das Linkssein abspreche, mache es sich zu einfach, findet Artur. Aber dass die andere Seite antifaschistische Arbeit leistet, zweifelt er an. Den Kampf gegen Rechtsextremismus bezeichnet er als sein „Kerngeschäft“ als Antifaschist in Ostdeutschland.

Die „K-Gruppen“, in denen sich viele propalästinensische Aktivisten aus anderen Stadtteilen in Leipzig organisierten, seien eher ein „niedrigschwelliges Mitmachding“. Das zeige sich auch daran, dass viele sich öffentlich in den sozialen Medien zeigten, während Antifa-Aktivisten, die sich wirklich mit Rechtsextremen auseinandersetzen, ihre Identitäten schützen müssten.

Dass man heute in Leipzig „entspannt ohne Neonazis“ leben könne, sei das Ergebnis „erbitterter Kämpfe, um Nazis aus Stadtteilen rauszubekommen“, sagt Artur. Umso absurder findet er es, dass gerade junge, zugezogene Westdeutsche den Connewitzern heute das Linkssein absprechen wollten.

„Antideutsch“ als Selbstbezeichnung sei in der früheren Hochburg der Bewegung für viele längst passé. Das Existenzrecht Israels bleibe Konsens, doch von einer bedingungslosen Solidarität habe sich ein Großteil der Szene entfernt. Siedlergewalt gegen Palästinenser oder Verbrechen israelischer Soldaten nicht zu benennen, sei unehrlich, sagt Artur.

Vielen sei es inzwischen unangenehm, wenn sich Aktivisten vorbehaltlos mit einer Seite identifizierten. So sei nach dem 17. Januar intern auch heftig über Parolen wie „Nie wieder Gaza“ oder „Netanjahu ist ein Antifaschist“ gestritten worden, mit der einige Gegendemonstranten provozierten.

Auch über den Genozid-Vorwurf gegen Israel werde mittlerweile teils offen diskutiert. Dass man sich streiten und „verbal richtig fetzen“ konnte, hat Artur an der linken Szene immer gut gefunden.
Mit dem propalästinensischen Lager sei das nicht mehr möglich.