NS-Geschichte im SED-Staat – Forschung in Dresden: Wie viele Antifaschisten gab es in der DDR?
„Der Holocaust und jüdische Opfer wurden im SED-Staat marginalisiert bis ignoriert“ – das ist zwar im Kern richtig, greift aber zu kurz: Ein Chemnitzer Historiker klärte am Mittwoch in Dresden auf.
Es war ironisch gemeint, aber nicht nur: „Von zehntausend Antifaschisten, die es in Nazideutschland gegeben haben mag, lebten allein acht Millionen in der DDR.“ Es ist ebenso berühmt wie berüchtigt geworden, dieses Zitat des Schriftstellers Jurek Becker aus dem Jahr 1994 über seine ehemalige Heimat.
Das hatte Gewicht, denn Becker hatte zum einen den Roman „Jakob der Lügner“ geschrieben, dessen Defa-Verfilmung der DDR 1974 ihre einzige Oscar-Nominierung einbrachte. Zum anderen war er Jude und wusste aus eigener Erfahrung, wie die DDR mit dem Holocaust und dem Gedenken daran umgegangen ist.
NS-Ideologie als Auswuchs des Kapitalismus
Sein ironischer Spruch bündelte die damals einhellige Forschungsmeinung: Die Erinnerung an die Shoa wurde in der DDR marginalisiert oder ausgeblendet, weil das historische Verständnis des Nationalsozialismus im SED-Staat durch die Dimitroff-Doktrin geregelt war und die NS-Ideologie vor allem als Auswuchs des Kapitalismus galt. Hitlers Rassismus und Antisemitismus? Nebensächlich.
Das wird bis heute schlaglichtartig illustriert durch den Buchenwald-Roman „Nackt unter Wölfen” von Bruno Apitz und Frank Beyers gleichnamigen Film: Kommunisten sind die Hauptopfer des Nationalsozialismus und zugleich die einzigen Helden des Widerstands, die sogar ein jüdisches Kind retten. Die anderen jüdischen Häftlinge in Buchenwald? Nebensächlich.
„Kein prominentes Thema in der DDR“
Fand die Auseinandersetzung mit dem deutschen Massenmord an den Juden im östlichen Deutschland wirklich mehr oder weniger gar nicht statt? „Ganz so war es nicht”, sagt der Historiker Alexander Walther vom Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz.
„Der nationalsozialistische Völkermord an den Juden war kein prominentes Thema in der Erinnerungskultur der DDR, aber tabuisiert wurde er nicht.“ Seit Jahren forscht Walther zum Thema, schrieb dazu seine Doktorarbeit und brachte sie als Buch heraus. Am Mittwoch präsentierte er „Die Shoah und die DDR“ in der Dresdner Bibliothek Südvorstadt; eine Veranstaltung im Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen, „Tacheles“.
Fragen zum „antifaschistischen“ SED-Selbstbild
Eine Schlüsselerkenntnis des Abends: Auch wenn die Erinnerung an den Holocaust in der DDR weitgehend marginalisiert wurde, gab es zugleich immer wieder Versuche, die jüdische Verfolgungserfahrung zu würdigen und kritische Fragen zu stellen. Auch zum „antifaschistischen“ Selbstbild der SED-Diktatur. Ob und wie das geschah, lag an einzelnen jüdischen Akteurinnen und Akteuren und deren Initiativen. Walthers Buch erzählt von einigen und ehrt sie nicht zuletzt damit.
Seinen Studien zufolge kann man die Auseinandersetzungen mit der Shoah in der Sowjetzone und der DDR in drei Phasen einteilen. Die erste beginnt gleich nach dem Krieg, die zweite um 1953 und die dritte sanft während der Siebziger, entschieden aber erst in den letzten Jahren des Staates.
Am Ort einer Massenerschießung bei Bautzen
Schon das Wenige, das direkt nach dem Krieg geschah, ging auf amerikanische Truppen und Initiativen jüdischer Überlebender zurück. Es waren GIs, die sofort nach dem Schweigen der Waffen in Schwerin ein Sammelgrab mit Davidstern-Stelen kennzeichneten. Im Rest der Zone passierte nichts. Das änderte sich immerhin leicht im Jahr der DDR-Gründung, zum Beispiel bei Bautzen.
Dort, am Rande der Ortschaft Salzenforst, stellten jüdische Überlebende am Ort einer Massenerschießung einen Gedenkstein auf mit einem roten Winkel: eigentlich das NS-Zeichen für politische Gefangene. Weitere Aktivitäten gingen von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN aus, die laut Alexander Walther anfangs zur Hälfte aus Juden bestand. Viele davon Rückkehrer aus dem Exil, die dem antifaschistischen Staatsbekenntnis glaubten und sich für das vermeintlich bessere und damit sicherere Deutschland entschieden.
Kein Interesse für jüdische NS-Schicksale
Doch all die zaghaften Ansätze einer jüdischen Erinnerungskultur und damit die Versuche, jüdische Opferschaft neben der das Gedenken vollkommen dominierenden Gruppe der kommunistischen Opfer sichtbar zu machen, wurden weitgehend ignoriert. Nicht nur die Politik, auch „die Gesellschaft in der DDR hatte überhaupt kein Interesse, sich mit dieser Opfergruppe auseinanderzusetzen“, so Walther.
Abgewürgt wurden die frühen und oft genug durch Selbstzensur verdrucksten Ansätze durch zwei Ereignisse im Ausland. 1952 endete in Prag der antisemitische Slánský-Schauprozess gegen angebliche „trotzkistisch-zionistische Verschwörer” mit elf Todesurteilen.
Schon vorher hatte Stalins Antisemitismus zunehmend die Politik der Sowjetunion geprägt.
Der verdruckste Rabbinersohn im Politbüro
Die DDR reagierte folgsam. Die VVN wurde zwangsaufgelöst, jüdische SED-Parteimitglieder wurden verfolgt, jüdische Gemeinden unter Druck gesetzt. „Fast alle Vorsitzenden und etwa die Hälfte der Mitglieder der Jüdischen Gemeinden flohen aus der DDR“, schildert Alexander Walther. Prominente Politiker wie der Rabbinersohn Albert Norden stellten ihr Judentum unter den Scheffel, viele verbliebene Glaubensbrüder und -schwestern taten es ihnen gleich.
Dennoch rissen die Versuche nicht ab, jüdisches Leben, jüdische Kultur und jüdisches NS-Erinnern lebendig zu halten. „Das wurde von der Politik auch toleriert“, sagt Walther. Wieder kam es auf die Initiativen Einzelner an. Etwa auf die Sängerin Lin Jaldati, die vor Jugendlichen aus dem Tagebuch Anne Franks las und jiddische Lieder vortrug, auch bei der Gedenkfeier zum 30. Jahrestag der Reichspogromnacht im Dresdner Hygiene-Museum.
Die FDJ-Singebewegung widmete sich ebenfalls jüdischen Liedern, jüdische Literatur wurde übersetzt, Publizisten nahmen jüdische Perspektiven ein und wagten Kritik am Umgang der Politik mit dem Holocaust.
Letzte DDR-Volkskammer bittet um Verzeihung
Kurz vor Toresschluss, im Jahr 1988, setzte dann doch eine breitere Auseinandersetzung damit ein. Die DDR-Führung buhlte um mehr internationale Anerkennung, wofür sie die jahrzehntelange Dämonisierung des „imperialistischen Schurkenstaates“ Israel ebenso beendete wie das Abstreiten jedweder historisch-gesellschaftlicher Verantwortung für den Nationalsozialismus.
Doch „erst im April 1990″, so Buchautor Alexander Walther, „bekannte sich die neu gewählte Volkskammer zur gesamtdeutschen Verantwortung und bat Juden in aller Welt um Verzeihung“.
Buchtipp: Alexander Walther, Die Shoah und die DDR. Wallstein-Verlag, 566 Seiten, 44 Euro