Die geheimen Geldgeber des »Compact«-Magazins

Jürgen Elsässer hat das »Compact«-Magazin zu einem führenden Medium für Rechtsextreme, Russlandfreunde und Verschwörungsanhänger aufgebaut. SPIEGEL-Recherchen zeigen, wer ihn dabei finanziert.

Chefredakteur Jürgen Elsässer lässt keine Zweifel aufkommen, auf welcher Seite er steht. Im Januar hob er Donald Trump und Björn Höcke auf das Titelblatt seines »Compact«-Magazins. Überschrift: »Jahr der Patrioten«.

Im Heft erklärte Elsässer den AfD-Rechtsaußen Höcke zur »Führungsfigur«, die »weit über Thüringen hinaus zum Gesicht des Ostens geworden« sei. Dieser Mann könne »alle Sehnsüchte der Deutschen bündeln«, schwärmte er.

Ein Fan.

Elsässer hat das Monatsmagazin zu einem führenden Medium für Rechtsextreme, Russlandfreunde und Verschwörungsanhänger in Deutschland aufgebaut, mit einer verkauften Auflage von angeblich 40.000 Exemplaren pro Ausgabe. Hinzu kommen zahlreiche Angebote im Internet und sozialen Netzwerken.

Einst nannte Elsässer sich einen Kommunisten  und schrieb für linke Medien wie »Junge Welt«, »Konkret« und »Neues Deutschland«. Heute trommelt der im badischen Pforzheim geborene Publizist für eine Revolution von rechts.

Seit Dezember 2021 stuft der Verfassungsschutz »Compact« als erwiesen extremistisch ein. Elsässer stehe für »Rechtsextremismus, Antisemitismus und Reichsbürgerfantasien«, befand das Innenministerium in Brandenburg, wo das Magazin seinen Sitz hat. In Falkensee bewohnt Elsässer eine Villa. Auf dem Briefkasten prangt der »Compact«-Schriftzug, an der Gartenmauer hängt ein Schild: »Vorsicht, bissiger Hund.«
 
Geldgeber im Hintergrund

Auf den ersten Blick wirkt Elsässers Medienreich wie eine One-Man-Show, alles scheint zugeschnitten auf den Propagandisten mit dem süddeutschen Singsang. Doch Recherchen zeigen, dass er sich auf ein Netz von Geldgebern und Gönnern im Hintergrund stützen kann. Unternehmer zählen dazu, vermögende Privatpersonen, Lehrer, Ärzte, AfD-Lokalpolitiker.

Da ist zum Beispiel Hartmut Issmer. Ein Bauingenieur aus dem hessischen Erlensee, der nach eigenen Angaben mit Immobilienprojekten zum Millionär geworden ist. Schon vor Jahren wetterte er auf einer Bühne am Frankfurter Opernplatz gegen die »Islamisierung des Abendlandes«. Die größte Spende an die AfD im Jahr 2023 stammte von ihm: 265.050 Euro.

Bislang war nicht bekannt, dass Issmer auch das rechtsextreme »Compact«-Magazin unterstützt. Zusammengerechnet habe er das Blatt in den vergangenen Jahren mit Spenden in »allemal fünfstelliger Höhe« bedacht, bestätigt er am Telefon.
Warum?

Er sei gegen diese ganze »Klimahysterie« und den »Coronawahnsinn«, sagt Issmer. Die Unterstützung der Ukraine lehne er ebenso ab wie »diese gigantische Masseneinwanderung« nach Deutschland. »Aus meiner Sicht kommt alles, was wir hier erleben, von der angloamerikanischen Hochfinanz: Rockefeller, Rothschild, Soros, Gates und was da alles dazu gehört.« So raunen typische Antisemiten.

Auch Hans-Ulrich Kopp soll zu den Geldgebern von Elsässers Medienreich gehören. Er ist Bauunternehmer aus Baden-Württemberg, seine Firma Lautenschlager & Kopp war an Modernisierungsarbeiten im Stuttgarter Zoo Wilhelma und der Landesbibliothek beteiligt. Auch im Besuchertunnel von Schloss Neuschwanstein und auf dem Campus des FC Bayern kam der Gussasphalt der Firma zum Einsatz.

Kopp bewegt sich seit vielen Jahren in der extrem rechten Szene. Der Geschäftsmann war auch beim berüchtigten Treffen im November 2023 in einem Landhotel am Lehnitzsee in Potsdam dabei, bei dem der Frontmann der »Identitären Bewegung«, Martin Sellner, mit anderen Rechtsextremen über »Remigration« sprach – also darüber, Menschen mit Migrationshintergrund aus Deutschland zu verdrängen oder abzuschieben.
»Ein gigantischer Erfolg für Wladimir Putin«

Nach SPIEGEL-Recherchen soll Kopp nicht nur mehrfach an das »Compact«-Magazin gespendet haben. Er soll zwischenzeitlich auch stiller Teilhaber des Unternehmens gewesen sein. Mit einem solchen Konstrukt können Firmen Kapital einsammeln, die Investoren werden an etwaigen Gewinnen beteiligt, manchmal auch an Verlusten.

Inzwischen soll Kopp nicht mehr bei der Compact-Magazin GmbH, sondern bei deren Tochterunternehmen Conspect Film GmbH stiller Teilhaber sein, mit einer Einlage von 10.000 Euro. Eine Anfrage ließ der Bauunternehmer unbeantwortet.

Conspect Film wird von Elsässers Ehefrau Stephanie geleitet und produziert die »werktägliche Nachrichtensendung« für Compact-TV, die im Netz ausgestrahlt wird. Wobei Nachrichtensendung ein gewagter Begriff für das ist, was der Sender verbreitet. »Wow, meine Damen und Herren, das waren die Wahlen in Russland!«, jubelte Jürgen Elsässer dort nach den jüngsten Präsidentschaftswahlen, »ein gigantischer Erfolg für den Amtsinhaber Wladimir Putin«.

In einer anderen Sendung präsentierte das Ehepaar den vermeintlich wahren Attentäter von US-Präsident John F. Kennedy. »Wir haben den Mörder!«, behaupteten die Elsässers, es klang wie eine Weltsensation. In Wirklichkeit handelte es sich um eine seit Jahren im Netz kursierende Selbstbezichtigung eines Wichtigtuers, die sogar Verschwörungsideologen für abwegig halten.

Nach Recherchen des SPIEGEL gibt es weitere stille Teilhaber von Conspect Film. Etwa eine Ärztin aus Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern, die 10.000 Euro als Einlage eingebracht haben soll. Am Telefon sagt sie, dass sie von der Krim stamme und sich als »deutsche und russische Patriotin« sehe. Bei der Frage, ob sie die Elsässer-Medien finanziell unterstütze, legt sie auf.

Bei einem späteren Telefonat sagt ihr Mann, auch er Mediziner, der SPIEGEL sei »ein Nato-höriges Magazin und fertig«. Nur »Compact« traue sich, die Wahrheit zu benennen.
Oder ein Maler und Lehrer aus dem nordrhein-westfälischen Düren, der sich gegen die 5G-Mobilfunktechnologie engagiert hat und nun im Vorstand des AfD-Stadtverbands sitzt. Er soll mit 15.000 Euro als stiller Teilhaber an der Conspect Film GmbH beteiligt sein. Auf Anfragen reagierte er nicht.

Oder ein Unternehmen mit aktuellem Sitz in Brandenburg, das sich erst dem Handel mit Goji-Beeren und anderen Bio-Produkten verschrieb und dann dem Kunsthandel mit »Alten Meistern« widmete. Auf Anfrage teilte die Geschäftsführerin mit, generell keine Auskünfte über Investments zu erteilen, »die aus rein wirtschaftlichen Gründen erfolgen«.

Beim »Compact«-Magazin selbst soll zwischenzeitlich der frühere Chef einer Drucklufttechnikfirma aus Sachsen stiller Teilhaber gewesen sein – mit 100.000 Euro Einlage. Auf eine Anfrage reagierte er nicht. Jürgen Elsässer und seine Frau Stephanie ließen Fragen zu Geldgebern unbeantwortet.

Höcke-Taler aus Silber für 69,95 Euro

Elsässer versteht es geschickt, das Ideologische mit dem Geschäftlichen zu verbinden. Über einen Onlineshop bietet »Compact« Bücher zur »Alchemie der Pflanzen« oder zu selbst gemischten Hausmittelchen an. Ebenso im Sortiment: das Kochbuch eines Neonazis mit den »88 besten Fleischgerichten aus dem Reich«. 88 ist ein Szenecode für »Heil Hitler«.
Dazu verkauft Elsässer »Fanartikel« wie den »Compact Eiskaffee«, zwei Dosen für 9,99 Euro. Ein Kugelschreiber mit dem Magazinlogo kostet 5,99 Euro.

Hoch dürfte der Gewinn beim neuen »Höcke-Taler« ausfallen: 69,95 Euro kostet die Münze aus einer halben Unze Silber mit dem Konterfei Björn Höckes, Materialwert aktuell rund 11,50 Euro. Für »Compact« zählt anderes, schließlich ehre die »exklusive« Medaille den Mann, der die »politische Wende« schaffen könne: Höcke als Ministerpräsident Thüringens – »das wäre der Durchbruch für Deutschland«.

Die AfD finanziert das rechtsextreme Magazin mit, sie gehört zu seinen Anzeigenkunden. Schon 2012 schalteten AfD-Gründer eine ganzseitige Werbung für ihre neu entstehende Partei. Zuletzt suchte die bayerische Landtagsfraktion der AfD über das rechtsextreme Blatt nach Mitarbeitern.

Regelmäßige Anzeigen bucht eine Spedition aus Halle an der Saale, sie bietet etwa Umzüge für Senioren und Bundeswehrsoldaten an. Chef der Firma ist Sven Ebert, ein Kreistagsabgeordneter der AfD im Saalekreis, der bereits wegen Körperverletzung verurteilt wurde, in einem zweiten Verfahren ist er in Revision gegangen.

Auch im redaktionellen Teil taucht die Partei häufig auf: Immer wieder interviewen Elsässer und seine Mitarbeiter Parteigrößen wie Tino Chrupalla, Alice Weidel oder Höcke. Der AfD-Politiker Armin-Paulus Hampel hat eine eigene Kolumne im Heft, ebenso wie der Identitäre Sellner. Als »Korrespondent« für Compact-TV berichtet der heute in Moskau lebende ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete Hansjörg Müller .

Mit Journalismus hat das, was Elsässer betreibt, längst nichts mehr zu tun. Er ist zum Aktivisten geworden, der einer Machtübernahme von Rechtsaußen den Weg bahnen will, unterstützt von seinen treuen Fans und Geldgebern.

Die jährlichen Zusammenkünfte von Lesern des »Compact«-Magazins, auch »Souveränitätskonferenzen« genannt, bieten AfD-Politikern die Gelegenheit, sich mit Vertretern der »Identitären Bewegung« und anderen Rechtsextremen zu vernetzen.
So saß bei der Großveranstaltung »Frieden mit Russland« im November in Magdeburg der Co-Fraktionsvorsitzende der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt, Oliver Kirchner, mit »Compact«-Chef Elsässer und dem Identitären-Frontmann Sellner auf dem Podium.

Es ging um Sellners Lieblingsthema: die massenhafte »Remigration« von Menschen mit ausländischen Wurzeln. AfD-Mann Kirchner sprang auf das Thema an: Er störe sich schon lange am Straßenbild in Deutschland, sagte der Politiker. Die rund 300 Besucher applaudierten. 70 Euro kostete die Teilnahme, »Compact«-Abonnenten und Mitglieder des »Compact«-Clubs zahlten den halben Preis.

»Blaue Welle« für die AfD

Zur Unterstützung der AfD will Elsässers Magazin demnächst eine Veranstaltungsreihe starten, »die blaue Welle«. Das selbst erklärte Ziel: dass die AfD nach den drei Landtagswahlen im Osten an die Macht kommt – und am Ende »das volksfeindliche Ampel-Regime gestürzt wird«.
Für mehrere »Compact-Volksfeste« hat Elsässer eine große Bühne besorgt und dafür nach eigenen Angaben fast 90.000 Euro Spenden von Unterstützern eingesammelt. Mal sollen Gaukler auftreten, mal ein Elvis-Imitator, mal eine russische Folklore-Band. Zehn Termine sind angekündigt.

Als Redner sind zahlreiche AfD-Politiker vorgesehen. Für den 1. September, den Tag der Wahl in Thüringen und Sachsen, heißt es: »Verfolgen Sie mit uns auf der Großleinwand den Countdown zur Auszählung und feiern Sie mit uns die, so Gott will, neuen Ministerpräsidenten der Freistaaten, Björn Höcke und Jörg Urban.«

Einzelne AfD-Landesverbände wollen die Bühne laut »Compact« auch für eigene Veranstaltungen nutzen. Doch inzwischen gibt es Streit in der AfD rund um die »blaue Welle«. Der Bundesvorstand hat sich nach Recherchen des ARD-Magazins Kontraste von der »Compact«-Unterstützung distanziert, aus Sorge vor dem Vorwurf illegaler Parteienfinanzierung. Eine AfD-Politikerin sagte ihre Teilnahme wieder ab.

Ärgern dürfte Elsässer, dass mehrere Bahnhofsbuchhändler »Compact« kürzlich aus ihren Regalen verbannt haben. Große Ketten wie Ludwig, Eckert oder Press & Books verkaufen die rechtsextreme Zeitschrift nicht mehr.

Vor Kurzem kündigte nun auch die Mittelbrandenburgische Sparkasse das Geschäftskonto von »Compact«. Das rechtsextreme Medium versuchte sich zu wehren, ließ sich dann aber vor Gericht auf einen Vergleich ein.

Bis Ende April muss Elsässer sich eine neue Bank suchen.