Welche Pflanzen gießt das Inihaus? Über politische Verantwortung, das Inihaus und „Flora für Alle“

 

Selbstverwaltete Zentren sind mehr als bloße Veranstaltungsorte. Mit jeder Einladung entscheiden sie mit darüber, welche politischen Projekte wachsen können und welche nicht. Sie stellen nicht nur Räume zur Verfügung, sondern auch Öffentlichkeit, Legitimität und Vertrauen. Anders gesagt: Sie entscheiden mit, welche Pflanzen sie gießen.

Gerade deshalb irritiert uns die Ankündigung des Inihauses Bad Oldesloe, am 9. Juli die Hamburger Kampagne „Flora für Alle“ zu einem Vortrag mit dem Titel „Die politische Raumfrage, Antideutsche Hegemonie und die Obdachlosigkeit der Palästina-Solidaritätsbewegung am Fall Hamburg“ einzuladen.

Dabei geht es uns ausdrücklich nicht darum, kontroverse Debatten aus emanzipatorischen Räumen auszuschließen. Politische Auseinandersetzungen gehören zu einer lebendigen Bewegung.

Unser Problem ist vielmehr, dass „Flora für Alle“ keine gewöhnliche politische Strömung ist, sondern eine Gruppe, deren Praxis sich seit Jahren gegen emanzipatorische Strukturen, feministische Errungenschaften und antisemitismuskritische Positionen richtet. Wer einer solchen Kampagne eine Bühne bietet, trifft eine politische Entscheidung.

Bereits der Titel des Vortrags wirft Fragen auf. Ausgerechnet eine Gruppe aus Hamburg – einer Stadt mit einer Vielzahl linker Zentren und selbstverwalteter Projekte – beklagt ihre „politische Obdachlosigkeit“. Das erklärt jedoch weder, warum sich ihre politische Praxis fast ausschließlich gegen die Rote Flora richtet, noch weshalb aus der Forderung nach politischen Räumen der Angriff auf bestehende emanzipatorische Räume geworden ist.

Denn „Flora für Alle“ entstand nicht im luftleeren Raum. Die Gruppe steht personell und politisch in einer Kontinuität zur sogenannten Tierrechtsaktion Nord (TAN). Nach Auseinandersetzungen um Täterschutz, antifeministische Positionen und den Umgang mit sexualisierter Gewalt wurden zentrale Akteur*innen 2007 und 2008 aus der Roten Flora und weiteren Projekten ausgeschlossen. Die heutige Kampagne knüpft an diese Konflikte an.

Seit ihrer Gründung fällt „Flora für Alle“ immer wieder durch Einschüchterungsversuche, Diffamierungen und Angriffe auf emanzipatorische Strukturen auf. Hinzu kommen Kooperationen mit rechten und verschwörungsideologischen Akteur*innen sowie Positionierungen, die antisemitische Narrative bedienen oder relativieren.

Aus unserer Sicht handelt es sich deshalb nicht um eine kontroverse linke Strömung, sondern um eine autoritäre Kampagne, die politische Differenzen nicht austrägt, sondern autonome Räume gezielt angreift.

Gerade vor diesem Hintergrund beschränkt sich ihre politische Praxis längst nicht mehr auf die Forderung nach eigenen Räumen. Vielmehr versucht sie, über Veranstaltungen und kulturelle Angebote politische Anschlussfähigkeit in bestehenden linken Strukturen herzustellen.

Langfristig mündet dies in Spannungen, internen Konflikten und schädigt die politische Verlässlichkeit der Projekte. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, welche Veranstaltung an einem Abend stattfindet, sondern welche politischen Dynamiken eine solche Einladung in Gang setzen kann.

Umso unverständlicher erscheint uns die Entscheidung des Inihauses. Selbstverwaltete Zentren leben von gegenseitiger Solidarität – insbesondere in einer Zeit, in der Freiräume überall unter Druck stehen. Einer Gruppe eine Bühne zu geben, deren politische Praxis sich maßgeblich gegen andere selbstverwaltete Zentren richtet, widerspricht diesem Solidaritätsgedanken.

Irritierend erscheint in diesem Zusammenhang auch die politische Rahmung der Veranstaltung. Für den Ankündigungspost wurde Musik einer Rap-Crew verwendet, deren Veröffentlichungen die Relativierung des Antisemitismusvorwurfs, die Verharmlosung der Hamas sowie sexistische und aggressive Sprache enthalten. Besonders verstörend erscheint dabei ihr Umgang mit dem 7. Oktober.

In einem weiteren Song findet sich die Zeile „Und ich ficke euer Festival“. Vor dem Hintergrund des Massakers auf dem Nova-Festival lesen wir diese Formulierung nicht als bloße Provokation, sondern als Verhöhnung der Opfer des 7. Oktober und der dort massenhaft verübten sexualisierten Gewalt.

Natürlich bedeutet die Verwendung eines Songs nicht automatisch, dass sich das Inihaus sämtliche Aussagen der Künstler zu eigen macht. Die Auswahl eines Soundtracks ist jedoch keine beliebige Geschmacksentscheidung. Wer Künstler auswählt, entscheidet zugleich darüber, welche kulturellen Bezugspunkte sichtbar gemacht und aufgewertet werden.

Gerade linke Zentren sollten sich deshalb fragen, ob sie Künstlern zusätzliche Reichweite verschaffen wollen, deren Werk die Relativierung antisemitischer Ideologie, die Verharmlosung autoritärer Akteure und sexistische Ausdrucksweisen miteinander verbindet. Es geht dabei nicht um Rap als Kunstform, sondern um die politische Verantwortung für die kulturellen Bezüge, die ein selbstverwaltetes Zentrum öffentlich herstellt. Politische Verantwortung beginnt nicht erst am Mikrofon. Sie beginnt bei der Entscheidung, wer überhaupt den Sound für eine Veranstaltung liefern soll.

Die Rote Flora ist dabei nicht zufällig zum Hauptgegner geworden. Sie steht nicht nur für ein Gebäude, sondern symbolisch für autonome Selbstorganisation, antifaschistische Praxis, feministische Kämpfe und eine antisemitismuskritische Bewegung. Wer sie zur Projektionsfläche einer vermeintlichen „antideutschen Hegemonie“ macht, greift deshalb nicht nur ein einzelnes Zentrum an, sondern eine Form emanzipatorischer Politik, die autoritären, nationalistischen und antisemitischen Tendenzen innerhalb der Linken widerspricht.

Unsere Kritik richtet sich deshalb nicht nur gegen „Flora für Alle“, sondern ebenso gegen die Entscheidung des Inihauses, einer solchen Kampagne Raum und Bühne zu geben.

Wir erwarten nicht, dass jedes selbstverwaltete Zentrum unsere politischen Einschätzungen teilt. Wohl aber erwarten wir, dass sorgfältig geprüft wird, wem Räume, Öffentlichkeit und Vertrauen zur Verfügung gestellt werden. Welche Pflanzen in linken Räumen wachsen, entscheidet sich auch daran, welche gepflegt werden.

Im Fall von „Flora für Alle“ halten wir diese Entscheidung für einen politischen Fehler. Noch ist Zeit, sie zu korrigieren.

Von Lübeck nach Hamburg.

Antifa supports Rote Flora.

Quelle: https://de.indymedia.org/node/749652