Zehn Jahre nach dem Flüchtlingsdrama in Clausnitz: Was wurde aus dem Jungen im Bus?
Verängstigte Asylsuchende, pöbelnde Menschen – die Bilder aus dem erzgebirgischen Dorf in Mittelsachsen gingen um die Welt. Inzwischen ist Louai Khatoun erwachsen. Die „Freie Presse“ hat ihn getroffen.
Vor genau zehn Jahren ging das Bild von Louai Khatoun um die Welt: ein weinender, verängstigter Junge in einem Bus, derb am Arm gepackt von einem Polizisten. Dieser Bus hielt am Abend des 18. Februar 2016 vor einem Wohnhaus am Ortsrand von Clausnitz. Das 720-Einwohner-Dorf gehört zur erzgebirgischen Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle in Mittelsachsen. 25 Kilometer nördlich liegt Freiberg, sechs Kilometer südlich die tschechische Grenze.
Das Landratsamt Mittelsachsen hatte veranlasst, hier Asylsuchende unterzubringen. Im Bus saßen Familien mit Kindern und einzelne Frauen, insgesamt 20 Personen. Aus den Fenstern sahen sie auf eine Menschenmenge, die lautstark „Wir sind das Volk“ und „Haut ab!“ skandierte. Schneebälle flogen gegen die Scheiben, die Stimmung war aufgeheizt, es entstand der Eindruck: Ausländer sind in Clausnitz nicht erwünscht. Als daraufhin keiner den Bus verlassen wollte, um in die Unterkunft zu gelangen, wurden einige Insassen von herbeigerufenen Bundespolizisten rabiat herausgezogen. Die Öffentlichkeit sah die Videos und war erschüttert.
Inzwischen andere Sorgen
So weit, so bekannt. Zehn Jahre später hat Louai Khatoun, der Junge auf dem Foto, andere Sorgen. Gerade steht er vor einer schweren Entscheidung: Über eine Zeitarbeitsfirma arbeitet er im Versand eines IT-Unternehmens. Dort hat ihm sein Chef einen Ausbildungsvertrag angeboten – der beste Weg, um nicht für immer als Hilfsarbeiter arbeiten zu müssen.
Doch eine Ausbildung würde den Zeitraum um Jahre verlängern, bis er einen sogenannten Niederlassungstitel bekommen könnte – und nur mit diesem Status hätte er eine Chance, seine Frau aus dem Libanon nachkommen zu lassen, wo er sie vor zwei Jahren heiratete.
„Freiberg ist eine gute Stadt“
Louais Geburtsstadt ist Tripoli im Libanon. Aus dem Bürgerkriegsland brach sein Vater 2015 mit ihm und seinem ein Jahr jüngeren Bruder auf in Richtung Deutschland. Drei Monate später kamen sie in Clausnitz an. Da war er 14 Jahre alt. Jetzt ist er 24, ein fröhlicher, offenherziger Mensch, der viel lacht – und die wesentlichen Eckpunkte des hochkomplizierten deutschen Ausländerrechts in fließendem Deutsch erklären kann.
Die Khatouns lebten von 2016 bis 2019 in Clausnitz. „Dann wies uns das Landratsamt eine Wohnung in Brand-Erbisdorf zu“, erzählt Louai. „Von dort konnten wir bis 2023 nicht wegziehen, weil wir so lange keinen Aufenthaltstitel hatten.“ Als sie ihn endlich bekamen, zogen sie in die nahe mittelsächsische Kreisstadt Freiberg. „Für mich ist das eine gute Stadt. Alle Behörden sind da, alle sind nah.“
Hilfsbereitschaft im Ort
„Dass die Khatouns Libanesen sind, macht alles noch komplizierter“, sagt Marc Lalonde. „Der Libanon gilt als sicheres Herkunftsland.“ Der Kanadier lehrt Englisch an der TU Dresden, 2016 engagierte er sich auch im Dresdner Ausländerrat. Im Nachbardorf von Clausnitz hat er ein Ferienhaus, „denn jeder Kanadier hat ein Ferienhaus.“ Nachdem die Bus-Geschehnisse durch die Medien gingen, fing er an zu helfen: bei Behördenbriefen, bei schulischen Sachen, bei Einkaufsfahrten. „Bis zum nächsten Discounter waren es über zwölf Kilometer!“
Damals wohnten 30 Asylsuchende in den Wohnungen am Ende der Cämmerswalder Straße. „Ein paar von den Menschen aus dem Bus waren schnell wieder weg, dafür kamen andere dazu.“ Drei Jahre betreute er die Familien. „Auch von der Kirche kamen junge Menschen und halfen bei den Hausaufgaben.“ Nach dem schrecklichen Empfang habe es viel Hilfsbereitschaft und auch Solidaritätsbekundungen im Ort gegeben.
Kein Kind in Clausnitz eingeschult
„Doch es bringt nix, Asylsuchende so weit weg von den Behörden unterzubringen, die sie ständig aufsuchen müssen“, sagt eine der Helferinnen aus der Clausnitzer Kirchgemeinde rückblickend. „Sie mussten sich ja sogar ihr Geld in Freiberg abholen.“
Dreieinhalb Kilometer weit ist der Weg bis zum Haltepunkt Clausnitz, den die Freiberger Eisenbahn anfährt, anderthalb Kilometer sind es bis zum Kindergarten und zur Grundschule. Doch es kam gar nicht so weit, dass eins der Kinder dort eingeschult wurde: „2019 hat die letzte Familie Clausnitz verlassen“, sagt die Helferin.
Sie, andere Helfer, Bürgermeister Michael Funke – alle sind es müde, über die Ereignisse zu sprechen. So oft haben sie erklärt: Dieser Abend des 18. Februar war „zum Schämen“, „einfach unfassbar“, wie es Funke erst im August 2025 im „Spiegel“ formulierte. Dagegen stand ein ehrenamtlicher Einsatz über Monate und Jahre – mit Fahrdiensten, Sprachunterricht, Volleyball- oder Fußballspielen. Trotzdem blieb Clausnitz eine Durchgangsstation.
Clausnitz als Theaterstück
Marc Lalonde verarbeitete die Erlebnisse der Flüchtlinge im Bus zu einem Theaterstück: „Last Stop Clausnitz“. Darin lässt er die Afghanen, Syrer, Iraner und Libanesen im Bus untereinander vorsichtig Kontakte knüpfen. Schwangere Frauen sprechen sich gegenseitig Mut für ihre Geburten zu. Männer fachsimpeln darüber, ab wann sie in Deutschland arbeiten werden dürfen, um sich endlich auch einen BMW leisten zu können. Sie erzählen sich, wie sie in Teheran, Tripoli oder Damaskus lebten, warum sie dort weg mussten, wen sie vermissen.
Das Stück endet mit der Ankunft in Clausnitz. 2022 wurde es in Dresden, Polen und Tschechien aufgeführt. Die Personen, um die es ging, saßen im Publikum, manchmal spielten sie sich selbst.
Sie haben es geschafft
Für Marc Lalonde sind die Menschen in den drei Clausnitz-Jahren zu Freunden geworden. Zu den meisten hält er Kontakt. Von zweien weiß er, dass sie als Taxifahrer in Dresden arbeiten. Einer ist Busfahrer in Leipzig, einer arbeitet in einem Restaurant. Sadegh Ranjbar, der damals mit seiner hochschwangeren Frau Mahsa Narimani und seinem einjährigen Sohn im Bus saß, lebt inzwischen einen Einfamilienhaus-Traum in Buxtehude nahe Hamburg. Vergangenes Jahr traf sich die iranische Familie mit Altkanzlerin Angela Merkel für die WDR-Dokumentation „Danke, aber … 10 Jahre nach Merkels Versprechen“.
„Es ist eine Geschichte mit Happy End“, resümiert Marc Lalonde. „Wir haben es geschafft“, möchte Sadegh Ranjbar in der WDR-Doku unbedingt noch zu Angela Merkel sagen. Ein Unterstützer aus Clausnitz, der heute noch in der Nähe lebt, sieht die Sache pessimistischer: „Die Menschen hier haben sich nicht verändert. Würden heute solche Busse kommen, liefe es genauso: Lautes Gepöbel, leise Hilfsbereitschaft.“ Ein wirklicher Bestandteil des Dorfalltags wurden die Neuankömmlinge nie. Vielleicht hätte sich der Umgang miteinander normalisiert, wenn Kinder in die nahe Grundschule gekommen wären: „So hätte es vielleicht wirklich Integration gegeben.“ Doch dafür waren die Kinder zu jung oder zu alt.
„Sie waren alle nett zu uns“
Und Louai Khatoun? Angefeindet worden sei er nach dem Empfang in Clausnitz nie wieder: „Das war nur am ersten Tag. Danach waren die Leute immer lieb und höflich mit mir.“ Später sei er noch mehrmals oben gewesen, „auf dem Fußballplatz, wo wir gespielt haben.“ Er verfolgt sporadisch, was aus den Menschen wurde, mit denen er zu tun hatte, manche hat er noch einmal getroffen – und er nahm traurig zur Kenntnis, als die Ärztin in Rechenberg-Bienenmühle 2023 starb.
In Freiberg lebt er gern. „Ich habe Arbeitskollegen, die AfD wählen und mich jeden Tag zur Arbeit mitnehmen“, sagt er lachend. Auf Bruder und Vater, die ebenfalls trotz aller Schwierigkeiten immer arbeiten, ist er stolz. Allerdings: Seine Mutter blieb im Libanon zurück, es klappte bisher nicht, sie nachzuholen. Seit Louai in Deutschland ist, konnte er seine Mutter nur einmal treffen. Und bis er mit seiner Frau in Deutschland leben kann, hat er noch ein schweres Stück Arbeit vor sich.