Bier, Grill und Pöbeleien: Buchenwald-Außenlager von Extremisten besetzt
In einem Außenlager des ehemaligen Weimarer KZ Buchenwald finden Rechtsrockkonzerte und Kampfsporttrainings statt. Jens-Christian Wagner über eine „bizarre Veranstaltung“.
Es war zu NS-Zeiten eines der größten Außenlager von Buchenwald: An der Kamenzer Straße in Leipzig steht eines der prominentesten Beispiele für Frauen-Arbeitslager zu Zeiten der Nazis.
Über 5000 Häftlinge, größtenteils weiblich, waren dort untergebracht. Auf der Website der Stiftung Zwangsarbeit Leipzig ist zu lesen, dass mindestens 18 Frauen das Lager nicht überlebten und mindestens 500 Gefangene mit Todestransporten in andere KZ gebracht wurden – etwa nach Auschwitz. Ein Ort des Leids und des Todes.
„Prinz von Preußen“ saß bereits hinter Gittern
Auch heute noch sind Teile des ehemaligen Arbeitslagers des Rüstungskonzerns Hugo Schneider (HASAG) erhalten, diese sind jedoch in Privatbesitz. Sie gehören einem Mann mit dem Namen „Prinz von Preußen“, so Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Dieser „Prinz von Preußen“ sei bereits vor Jahren wegen Straftaten in Verbindung mit Rechtsextremismus hinter Gittern gewesen – heute besitze er das ehemalige HASAG-Arbeitslager.
Mittlerweile sei das Gelände ein Zentrum für rechtsextreme Veranstaltungen, sagt Jens-Christian Wagner. Das bestätigt auch Julia Schmidt von der Gedenkstätte für Zwangsarbeit in Leipzig.
Das Grundstück an der Kamenzer Straße sei „wiederholt durch neonazistische Aktivitäten wie Rechtsrockkonzerte oder rechtsradikal motivierte Kampfsporttrainings“ aufgefallen. Dass ein früheres KZ-Gelände so genutzt werde, sieht sie als Skandal. Diese Art der Nutzung „bagatellisiert das Leid der dort inhaftierten Gefangenen. Dieser Zustand ist unwürdig und nicht hinnehmbar“, so Julia Schmidt.
Wie aber ist es überhaupt dazu gekommen, dass ein derart historischer Ort in Privatbesitz überging? Als Teil des Problems sieht Jens-Christian Wagner einen Mangel an Erinnerungskultur in Ost und West.
„Da haben sich beide Staaten nicht viel genommen“, betont er in Bezug auf die alte BRD, und doch: Die Auseinandersetzung in der DDR mit den NS-Verbrechen sei nicht nur ideologisch verzerrt, sondern auch stark zentralisiert gewesen. Nach dem Krieg habe sich die deutsche Gesellschaft sehr schwergetan, sich mit der eigenen Verantwortung für die NS-Zeit auseinanderzusetzen.
Es habe jahrzehntelang gedauert, bis in die Achtziger, Neunziger, Nullerjahre, ehe Deutschland die Wichtigkeit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit anerkannt habe. Davor hätten, anders als etwa Buchenwald, Ravensbrück oder Sachsenhausen, die kleineren Außenlager kaum eine Rolle gespielt. „Und das führt dann dazu, dass man mit dem Gelände später unsensibel umgegangen ist.“
Neo-Nazi-Veranstaltung nur wenige Meter von Einweihung entfernt
Es gebe dennoch den Versuch vonseiten der Stadt Leipzig, diesen Ort zu Bildungszwecken zu nutzen. Seit 2022 gibt es eine Info-Stele, auf der die Geschichte dieses Lagers kurz skizziert wird. Er sei bei der Einweihung selbst dabei gewesen, sagt Jens-Christian Wagner.
Eine „bizarre Veranstaltung“ nennt er es rückblickend: Während der Einweihung dieser Stele, bei der neben ihm unter anderem auch der Leipziger Bürgermeister zugegen gewesen sei, habe es wenige Meter entfernt eine Versammlung offenkundiger Neo-Nazis gegeben. Bier, Grill und Pöbeleien – ein offensichtlicher Protest, der auf dem Gelände des ehemaligen Arbeitslagers stattgefunden habe. Die Stele selbst ist außerhalb des Geländes platziert.
Jetzt sei zivilgesellschaftliche Mobilisierung gefragt. Man könne die rechtsextreme Präsenz auf dem Gelände nicht einfach unwidersprochen hinnehmen – das Thema gehöre in die Öffentlichkeit. Der Eigentümer müsse „von seinem Eigentum befreit“ werden, so Jens-Christian Wagner, doch das Allerfalscheste sei, wenn der „Prinz von Preußen“ daran Geld verdiene. Gemeint ist eine Summe von etwa zehn Millionen Euro, die der Besitzer von der Stadt Leipzig für das Grundstück verlangt – ein Preis, der den Marktwert des Geländes um ein Vielfaches übertreffe.
Ehemaliges KZ Langentein-Zwieberg in Besitz von Geschäftsmann
Ein Geschäftsmodell sieht Jens-Christian Wagner auch beim Besitzer eines anderen Buchenwald-Außenlagers. Im KZ Langenstein-Zwieberge habe ein Geschäftsmann, der ebenfalls Kontakte ins rechtsextreme Milieu pflege, die Stollenanlage in seinem Besitz. Der sächsische Investor Peter Jugl plante vor einigen Jahren, dort eine Luxus-Bunker-Anlage zu errichten, „für Prepper“, so Wagner. Also Personen, die sich in einem Krisenfall verbunkern wollen.
Dass das HASAG-Gebäude inzwischen unter Denkmalschutz steht, ist für Jens-Christian Wagner „ein wichtiger Schritt“. Er sieht darin einen Hebel, bestimmte Formen der Nutzung zu verhindern. Für Wagner muss allerdings mehr geschehen. Seine Vision: Ein Ort, an dem mehr historisch-politische Bildung stattfinden kann als die Lektüre einer Infotafel.
Ein historisches Gebäude, das nicht nur gut erhalten bleibt, sondern auf dem auch eine bauwissenschaftliche Untersuchung nach Spuren aus der NS-Zeit stattfinden kann. Es könnte etwa durch die Stiftung Gedenkstätte Zwangsarbeit Leipzig genutzt werden – anstelle von Rechtsextremen.
Julia Schmidt fordert, „dass das Gebäude in der Kamenzer Straße 12 perspektivisch in das Eigentum der öffentlichen Hand übergehen soll.“ Es solle der Gedenkstätte für Zwangsarbeit sowie anderen Akteuren im erinnerungspolitischen Bereich zugänglich sein, „um es künftig mit Überlebenden und ihren Angehörigen besuchen und für die Bildungs- und Erinnerungsarbeit nutzen zu können.“
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07.05.2025
Von Hannah Schlüter
Lokalreporterin Weimarer Land
Apolda: Heute Supermarkt, früher Außenlager vom KZ Buchenwald
Wo in Apolda heute ein Kaufland steht, wurde 1945 Zwangsarbeit geleistet, um das KZ Buchenwald zu beliefern. Deshalb wurde das Thema in der DDR verschwiegen.
Die Gedenkstätte und das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg in Weimar ist den meisten in der Region zumindest bekannt. Weniger bekannt dürfte vielen sein, dass eines der vielen Außenlager des KZ vor Kriegsende 1945 kurzzeitig mitten im nahegelegenen Apolda stand – und gleichzeitig eine Großbäckerei war.
„Das Außenlager in Apolda existierte vom 16. Februar 1945 bis zum 12. April 1945 lediglich rund zwei Monate. Eingerichtet wurde es in der Großbäckerei der Verbrauchergenossenschaft Thüringen in der damaligen Sandgasse 3/5 (heute Bernhard-Prager-Gasse 1-7).“ erläutert Michael Löffelsender, der an der Gedenkstätte Buchenwald zur Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald arbeitet.
Bäckerei aus Apolda belieferte KZ Buchenwald seit 1939
„Die Großbäckerei belieferte das KZ Buchenwald bereits seit 1939 mit Brot. Für die Arbeit in der Bäckerei hatte der Betrieb Anfang 1945 Häftlinge aus Buchenwald angefordert, primär solche, die eine Ausbildung als Bäcker hatten.“ so Löffelsender.
Zu dem Thema nachgeforscht hatte Detlef Zimmer aus Apolda, der die vorhandenen Informationen zum Außenlager von Seiten der Gedenkstätte von Michael Löffelsender erhielt und dieser Zeitung bereitstellte. Der „weiße Fleck in der Lokalgeschichte“ solle angemessen getilgt werden, so Zimmer.
Außenlager in Apolda: „Weißer Fleck in Lokalgeschichte“
Im Jahr 2000 sei das Lager in einer Broschüre einer Geschichtswerkstatt erwähnt worden. Diese löste später die Vereinsgründung des Vereins aus, der bis heute den Lern- und Gedenkort Prager Haus in Apolda aufrecht erhält. Der Verein hat aktuell erstmal 5 Personen ausgebildet, die zukünftig als Museumsguides durch die Ausstellung führen können.
Erwähnt wurde das Apoldaer Außenlager im dritten Heft einer Serie namens „Gesucht“ mit dem Titel „Gefangen im Netz – die Konzentrationslager in Thüringer 1933 – 1945“, in denen auch das erste KZ Deutschlands in Nohra und das KZ Bad Sulza behandelt werden. Autoren sind Udo Wohlfeld und Peter Franz.
Die betroffenen Zwangsarbeiter wurden als Zeugen Jehovas verfolgt
Betroffen waren acht Personen: Am 16. Februar 1945 brachte die Buchenwalder SS insgesamt acht männliche Häftlinge im Alter zwischen 42 und 64 Jahren nach Apolda. Es waren allesamt Männer, die als Zeugen Jehovas verfolgt und in das KZ Buchenwald eingewiesen worden waren.
Alle hatten bereits eine jahrelange Gefangenschaft hinter sich. Untergebracht wurden sie in einem Obergeschoss des Bäckereigebäudes. Bewacht wurden sie vermutlich von zwei SS-Männern.
DDR: Auch hier wurden Zeugen Jehovas verfolgt
Das Thema sei laut Detlef Zimmer zu DDR-Zeiten von der SED unter den Teppich gekehrt worden, weil die Häftlinge in Apolda keine Kommunisten waren, sondern den Zeugen Jehovas angehörten.
Ab 1950 sei die Personengruppe und Religion der Zeugen Jehovas erneut in der DDR verfolgt worden und habe staatlichem Druck unterlegen, sodass die SED-Führung kein Interesse daran hatte, das Außenlager des KZ Buchenwald zu erwähnen, aufzuarbeiten und angemessen zu ehren.
Zwangsarbeit in der Großbäckerei in Apolda
Arbeiten mussten die Männer in der Bäckerei an den Backtischen, wo die Brote und anderen Backwaren zubereitet wurden. An der Belegung des Lagers änderte sich in den zwei Monaten der Existenz des Außenlagers nichts.
Nach zwei Monaten wurden die acht Häftlinge am 12. April 1945 von in Apolda eintreffenden Soldaten der U.S. Army befreit, nachdem die Stadt, anders als von Hitler gewollt, kampflos übergeben worden war. Zu Todesfällen unter den Häftlingen kam es im Fall des Apoldaer Außenlagers nicht.
100 Häftlinge leisteten Zwangsarbeit für Gleiserhalt der Bahnstrecke Weimar-Apolda
Ab Dezember 1944 mussten zeitweise bis zu 100 Häftlinge beim Reichsbahnbetriebsamt Weimar für den Gleiserhalt der Bahnstrecke Weimar-Apolda arbeiten. Diese Häftlinge waren jedoch nicht in Apolda untergebracht, sondern kehrten jeden Abend zurück in das Hauptlager auf dem Ettersberg.
Transportliste und weitere Dokumente zu Häftlingen in Bad Arolsen
Über den Lageralltag im Außenlager in Apolda liegen in der Gedenkstätte Buchenwald und assoziierten Archiven bisher keine Informationen vor. Vereinzelte Dokumente dazu liegen mittlerweile in den Arolsen Archives in Bad Arolsen, wo sich heute der Großteil der Originalakten aus der Zeit des Konzentrationslagers Buchenwald befindet.
Dort liegt die Transportliste vom 16. Februar 1945 und weitere Dokumente zu den acht Häftlingen: Martin Bertram, Otto Hörnig, Otto Berthold, Kurt Brendl, Max Franke, Jakob DeJong, Wilhelm Panthel, Ferdinand Schmitz.
Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Der Tag markiert die Befreiung Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus. Bürgermeister Olaf Müller (CDU) wird in Apolda gegen 10 Uhr im Rahmen einer Kranzniederlegung den Opfer von Krieg, Faschismus und Gewaltherrschaft gedenken. Das Gedenken findet am Mahnmal der Opfer des Faschismus in der Bahnhofstraße als Zeichen für Frieden, Demokratie und Erinnerungskultur statt.