Razzia im Erzgebirge: Sie reden vom Umsturz – und warten auf Außerirdische

Die Gruppe um „Prinz Reuß“ rechnete mit dem Zusammenbruch der Bundesrepublik – und wollte dann übernehmen. Ende Januar wurde in Sachsen ein Ex-Bundeswehrsoldat festgenommen, der den Prinzen mit sieben weiteren Personen unterstützt haben soll. Sind sie gefährlich? Oder nur wirr?

Offenbar konnte nicht einmal eine Hausdurchsuchung mit mehr als 20 Polizisten Benjamin Z. beirren. Als am frühen Morgen des 7. Dezember 2022 Einsatzkräfte seine Haustür in der Freiberger Innenstadt aufbrechen, kooperiert er. So steht es in Ermittlungsakten, die LVZ und SZ einsehen konnten.

Z. habe den Beamten den Waffenschrank geöffnet, in dem er Gewehre und Pistolen aufbewahrte. Und er zeigte ihnen einen blauen Hefter: mit Plänen für den Aufbau einer sächsischen „Heimatschutzkompanie“ (HSK), die die staatliche Ordnung nach ihrem Zusammenbruch ersetzen sollte.

Und Z. wollte als sächsischer HSK-Chef die neue Ordnung anführen – so lautet der Vorwurf der Generalstaatsanwaltschaft, die vorletzte Woche, also gut drei Jahre nach der ersten Hausdurchsuchung, abermals Ermittler zu dessen Wohnanschrift schickte, dieses Mal mit einem Haftbefehl. Für Z. bestehe „dringender Tatverdacht einer mitgliedschaftlichen Betätigung in einer terroristischen Vereinigung sowie die Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“, so die Behörde. Im Erzgebirge und Umgebung durchsuchten Beamte elf Objekte und beschuldigten insgesamt acht Personen, sich an der Verschwörung beteiligt zu haben.

Kann das sein: Haben eine Gruppe Männer und Frauen im sächsischen Erzgebirge, zwischen Räucherkerzen und Holzschnitzkunst, den Umsturz geplant?

Z. sollte eine sächsische „Heimatschutzkompanie“ führen

Benjamin Z. arbeitete bis zuletzt im Außendienst eines süddeutschen Familienunternehmens. Als junger Mann verbrachte er acht Jahre bei der Bundeswehr – als Ausbilder der Marine und als Waffentechniker. Nach Ansicht der Ermittler soll er eine zentrale Rolle in der Gruppe gespielt haben, den Umsturz aber nicht selbst herbeiführen wollen. Vielmehr existiere in der Gruppe der Glaube an eine kosmische „Allianz“, der je nach Auffassung auch Donald Trump und Wladimir Putin angehören – und die auch mithilfe außerirdischer Kräfte eine neue Ordnung einsetzt.

So jedenfalls lauten die teils schwer zu fassenden Verschwörungstheorien einiger Mitglieder, die sich vor allem während der Corona-Zeit radikalisierten – und deren Unterstützerkreis im ländlichen Sachsen noch größer sein soll, als bislang angenommen.
Auch der Ex-Bundeswehr-Soldat Benjamin Z. aus Freiberg sprach in Telefonaten von Außerirdischen und rechnete mit dem Umsturz.

Etwa am 8. Dezember 2022: Damals kündigte der Katastrophenschutz einen bundesweiten Test-Warntag an, der jeden Bürger probeweise per Handymitteilung informieren sollte. In einem abgehörten Telefonat sagte Z. sinngemäß: Könnte gut sein, dass es rund um diesen Tag zum großen Kollaps kommt.

Belege dafür hatte er nicht – dafür aber reichlich Waffen und säuberlich ausgearbeitete Organigramme, wer im Fall eines Umsturzes wichtige Rollen übernehmen soll. Unter anderem soll Z. versucht haben, einen Arbeitskollegen mit Bundeswehr-Vergangenheit für sein Unterfangen anzuwerben.

Wozu das alles? Das kann man Z. nicht so einfach fragen: Das Oberlandesgericht bestätigt, dass er sich auf Anordnung eines Richters seit Ende Januar in Untersuchungshaft befindet. Auch der Chemnitzer Anwalt von Z. wollte sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern. LVZ und SZ konnten aber Hunderte Seiten an Ermittlungsakten einsehen, die einen Einblick in das krude Weltbild des 41-jährigen Sachsen Z. und seiner Mitstreiter bieten.

Gruppe wollte Karl Lauterbach entführen

Genau wie die gesamte „Gruppe Reuß“ wurde das Bundeskriminalamt eher zufällig auf Z. aufmerksam. Eigentlich beschatteten sie im Herbst 2022 einen anderen mutmaßlichen Verschwörer: Christian W., einen sächsischen Landschaftsgärtner. Der 48-Jährige gilt als wichtiges mutmaßliches Mitglied der Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß.

Er ist auch einer von 26 Angeklagten, die sich seit Mitte 2024 an den Oberlandesgerichten Frankfurt am Main, München und Stuttgart verantworten müssen – wegen Bildung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Dass die Gruppe einen Staatsumsturz in Deutschland geplant haben soll, bestreiten die Angeklagten – jedenfalls jene, die sich äußern.

Es war eine der größten Polizeiaktionen der deutschen Nachkriegsgeschichte, als Ermittler am 7. Oktober 2022 über zwei Dutzend Beschuldigte festnahmen. Ein großer Teil von ihnen sitzt seither in Untersuchungshaft, unter ihnen: Christian W. aus dem sächsischen Olbernhau, ein ehemaliger Stabsunteroffizier beim Panzerbataillon 393 im thüringischen Bad Salzungen.

W. soll auch einer der Administratoren der bundesweit agierenden Telegram-Gruppe „Veteranenpool“ gewesen sein: eine Bewegung, die versuchte, Bundeswehr- und NVA-Veteranen als Personenschützer von Anti-Corona-Demonstranten zu gewinnen. Das geht aus Akten des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) und des Verfassungsschutzes hervor, die LVZ und SZ einsehen konnten. Gegründet hatte den „Veteranenpool“ der Reichsbürger Sven B., der auch geplant haben soll, mit einer Gruppe den früheren SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach zu entführen.

Der Sachse Christian W. soll Ende 2021 zur Gruppe gestoßen sein, als er sich bereits in der erzgebirgischen Reichsbürger- und Coronaleugner-Szene engagierte. Laut Akten gilt W. für die Bundesanwaltschaft als Mann, der tief in der Reichsbürgerideologie verhaftet sein soll und offenbar ein wichtiger Drahtzieher beim Aufbau der „Heimatschutzkompanie“ gewesen war.

Und diese „HSK“, wie sie in der Szene heißen, sollte in Sachsen schließlich der Freiberger Benjamin Z. leiten. Diesen Verdacht hegten die Ermittler spätestens seit Oktober 2022, als sie ein Telefonat zwischen Z. und dem Reichsbürger Christian W. abhörten. W. wirkt an dem Tag entnervt: Die Aktienkurse stehen gut, die Pandemie neigt sich dem Ende zu – und kaum etwas deutet auf einen bevorstehenden Zusammenbruch hin, auf den sich die Gruppe doch so akribisch vorbereitet.

Aber Z. hat eine gute Nachricht: Er habe sich kürzlich mit seinem neuen Chef ausgetauscht – einem Oberst der Reserve, der in Brandenburg regelmäßig Wehrübungen durchführe. Dieser Oberst sympathisiere auch mit den Anti-Corona-Demos, sagt W. – nur leider unterstütze er die Ukraine, anstelle der Russen. W. scheint sich trotzdem zu freuen: Über den Oberst hätte man Zugang zu Bundeswehr-Material.

Ist das so? Sprecher von Bundeswehr und Marine verweisen auf Anfrage dazu auf laufende Ermittlungen und datenschutzrechtliche Beschränkungen.

In einem anderen Telefonat tauschen sich die beiden Ex-Soldaten Z. und W. darüber aus, dass Z. die Leitung der sächsischen „HSK“ übernehmen solle. Nach dem Umsturz soll er Sachsens Anführer sein. In einem weiteren Gespräch fabuliert Benjamin Z. von Außerirdischen, „Riesenbäumen“, Planetenkonstellationen – und esoterischen Hinweisen darauf, dass der Umsturz bald bevorstehe.

All das: Teil einer so komplexen wie wirren Verschwörungstheorie, die in der „Gruppe Reuß“ kursiert. Ein Mitglied, heißt es in einem anderen Telefonat der sächsischen Beschuldigten, sei „ausgependelt“ worden und von einem „Dämon“ besetzt. Es heißt, die Gruppe hoffe bei ihrer Machtübernahme auf die Hilfe von Außerirdischen. Der Generalbundesanwalt formuliert das zurückhaltender: Die Gruppe glaube, von einem „technisch überlegenen Geheimbund“ unterstützt zu werden.

Nur eine Gruppe an Verschwörungstheoretikern?

Sind die sächsischen Unterstützer der „Gruppe Reuß“, die sich auf eine Art Apokalypse einstellen, also nur einige wirre Verschwörungstheoretiker? Oder sind sie wirklich gefährlich?

Zumindest waren ihre Pläne für die Machtübernahme derart ausgereift, dass sie sich strafbar machten. Passend dazu heißt es in einem Lexikon für Überlebenstechniken, das während einer Razzia bei Benjamin Z. gefunden wurde: „Die größten Gefahren jedoch gehen von uns selbst aus.“