Sachsen ist Schwerpunkt bei rechtsextremen Aufmärschen in Deutschland

Im ersten Halbjahr fand mehr als die Hälfte aller rechtsextremer Kundgebungen im Freistaat statt. Woran liegt das? Der Verfassungsschutz macht eine „Mobilisierungsmaschine“ verantwortlich.

Chemnitz, Zwickau, Dresden: Sachsen ist der Schwerpunkt rechtsextremer Aufmärsche und Demonstrationen in Deutschland. Mehr als die Hälfte der Zusammenkünfte im ersten Halbjahr 2026 fand im Freistaat statt. 72 von Rechtsextremisten durchgeführte oder von ihnen dominierte Kundgebungen listet das Bundesinnenministerium in einer Antwort auf eine Linken-Anfrage auf, 46 davon gingen in Sachsen über die Bühne.

Zu den genannten rechtsextremen Veranstaltungen zählen Dutzende sogenannter Montagsdemonstrationen. Fast immer sind im Freistaat die „Freien Sachsen“ Veranstalter. So veranstalteten diese im Januar drei Mahnwachen unter dem Motto „Zwickau, Stadt des Friedens“. Jeweils rund 30 Teilnehmer kamen.

Motto: „Wir sind das Volk“

In Chemnitz mobilisierte die rechtsextreme Kleinpartei ebenfalls an Montagen. Dort fanden Anfang Mai rund 90 Teilnehmer zusammen – „für Frieden, Freiheit und Souveränität“. Ende Januar versammelten sich rund 150 Menschen in der westsächsischen Stadt unter dem Motto „Wir sind das Volk“.

Den größten Aufmarsch von Rechtsextremisten verzeichnete des Ministerium mit rund 1350 Teilnehmern 14. Februar in Dresden anlässlich des Jahrestags der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg.

In Aue-Bad Schlema kamen kurz vor der Oberbürgermeisterwahl im Mai rund 400 Menschen bei einer Veranstaltung der „Freien Sachsen“ zusammen. Ein Kandidat der Partei hatte kurz danach den ersten Durchgang gewonnen – jedoch ohne die notwendige absolute Mehrheit. Im zweiten Wahlgang wurde der CDU-Bewerber ins Amt gewählt.

Auch in anderen Bundesländern mobilisieren Rechtsextremisten. Doch nirgendwo besteht eine solche Dichte und Kontinuität bei Veranstaltungen wie in Sachsen. „Die Freien Sachsen sind eine Mobilisierungsmaschine“, sagt der Präsident des Landesverfassungsschutzes, Dirk-Martin Christian. Sie seien gut vernetzt in extremistische wie nichtextremistische Kreise. „Sie greifen Themen mit gesellschaftlichem Empörungspotenzial auf“, betonte Christian. „Sie schaffen es, auch außerhalb der Zentren zu mobilisieren.“

Anti-Asyl-Proteste seien ein Kernthema, analysiert der aktuelle Jahresbericht des Nachrichtendienstes für 2025. „Aber auch hierbei geht es ihnen vor allem darum, möglichst viele Menschen über die Wirkkraft der sozialen Medien gegen ‚das System‘ aufzustacheln“, heißt es darin.

Linke: Zermürbung der demokratischen Öffentlichkeit

Weiteres Thema ist die Kritik an der Bundesregierung wegen ihrer Ukraine- und Russlandpolitik. Aber auch Proteste gegen Windkraftanlagen haben einen Mobilisierungseffekt. Mehrere Veranstaltungen auch außerhalb Sachsens richteten sich gegen Linksextremismus und „Genderwahnsinn“.

Die „Freien Sachsen“ unterstützen auch eine Demonstration der Initiative „Projekt M1llion“ an diesem Samstag in Plauen. Diese fordert unter anderem den Rücktritt der Bundesregierung, Volksentscheide auf Bundesebene und eine Neuausrichtung der Migrationspolitik. Der Veranstalter distanziert sich aber explizit von den „Freien Sachsen“.

Die Linksfraktion im Bundestag wies darauf hin, dass rechtsextreme Aufmärsche zur Einschüchterung von Migranten und politisch Andersdenkenden dienen. Ein weiterer beabsichtigter Effekt sei die „Zermürbung der demokratischen Öffentlichkeit“.

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Reportage von Annika Leister 09.08.2026

„M1llion“-Demo in Sachsen
Die Trommler des neuen Widerstands

Das noch junge Projekt „M1llion“ mobilisiert am Samstag rund 10.000 Teilnehmer zu einer Demonstration im sächsischen Plauen. Darunter viele Corona-Demonstranten, Friedensaktivisten und Rechtsextremisten. Ihr Ziel: Die Regierung soll zurücktreten.

Aus Plauen berichtet Annika Leister

Der Mann im blauen T-Shirt ist misstrauisch, wenn es um Presse geht. Er zieht an einer Zigarette, mustert die Reporterin. Doch die Frage, warum er heute hier ist, beantwortet der 49-Jährige trotzdem. „Gegen die Merz-Regierung“, sagt er. Früher sei er Soldat gewesen, stationiert im Kosovo und in Afghanistan. „Ich kann die Scheiß-Kriegstreiberei nicht mehr ertragen.“

Der Mann ist aus Hildesheim angereist. Gestern schon sei er sechs Stunden lang mit der Bahn gefahren. Ob nicht Solidarität mit der Ukraine zur Verteidigung Europas notwendig sei? Er lacht. Es klingt bitter. „Der Russe wird uns nicht angreifen“, sagt er. „Hier ist doch gar nichts mehr zu holen.“

Hinter ihm drängen sich mehrere Tausend Menschen in der knallenden Sonne, die es ähnlich sehen: Dass die Bundesrepublik am Ende ist und es so nicht weitergeht. „Merz muss weg!“, „Neuwahlen“, „DDR 2.0“ steht auf ihren Schildern. Oder: „Macht Frieden!“, „Rentensicherheit!“, „Omas gegen Unrecht“. Sie schwenken Deutschlandfahnen in allen möglichen Größen, tragen Deutschland-Hüte, Deutschland-Blumenketten. Manche sind von Kopf bis Fuß in Schwarz-Rot-Gold gekleidet.

Es ist das erste Mal, dass die noch junge Protestreihe „M1llion“ ins sächsische Plauen einlädt. Den Ort, an dem 1989 die erste Großdemonstration gegen das DDR-Regime stattfand. „M1llion“ übt hier heute Kritik, kanalisiert breit Frust und formt Widerstand. Ihre wichtigste Forderung: der Rücktritt der Merz-Regierung.

Veranstaltet wird „M1llion“ von einem Team um den Rettungssanitäter Marcel Baldauf. Parteipolitische Fahnen sollen hier eigentlich nicht auftauchen, darum haben die Organisatoren vorab gebeten. Parteipolitisch neutral wollen sie auftreten, versichern sie. Doch es wird anders laufen, auf der Bühne wie im Publikum.

„Die Regierung muss weg!“

Die meisten Redner und Sänger auf der Bühne werden nur mit Vornamen vorgestellt. Für das Publikum ist so nicht nachvollziehbar, welchen Hintergrund sie haben. Die lange und am stärksten beachtete Auftaktrede, noch vor Initiator Baldauf, hält ein Mann, der sich als Dirk vorstellt. „Wir erleben eine Politik, die Bürger für unmündig erklären will“, ruft er. Die das Volk „für dumm“ verkaufe. Auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ werde dieses „Kartell“ landen. „Diese Regierung muss weg!“ Jubel, Klatschen, Pfeifen, lautes Trommeln.

AfD und BSW seien die einzigen Parteien, die Kritik an der Migrations- und der Ukraine-Politik äußerten, sagt Dirk. „Das sind keine Parteiprogramme, die ich hier verkaufen will“, behauptet er. Das seien bloß „Beobachtungen“, die er hier teile. Seine Rede beendet er mit einer Aufforderung zum Chorus an das Publikum: „Ich rufe jetzt etwas und ihr antwortet ganz lieb und brav: Wir sind das Volk!“

Das Publikum kommt dem nach. „Heute in Plauen“, ruft Dirk. „Wir sind das Volk“, erschallt es aus Hunderten Mündern.
Blick von der Bühne ins Publikum: Viele sind aus Sachsen, aber auch aus dem Süden der Republik angereist.

Dirk heißt mit vollem Namen Dirk Raßbach. Er ist eigentlich ein Werber für die AfD. Einer ihrer zahlreichen Influencer, wenn auch nur wenig erfolgreich. Auf seinem Instagram-Profil schreibt er in seinen biografischen Angaben: „#nurnochafd“. Auf seinem YouTube-Kanal „Politik ist Konsens“ sowie auf der Plattform X führt er Gespräche mit AfD-Politikern. Raßbach stammt aus Thüringen, auf seinem Kanal findet sich das Who’s who des besonders radikalen Höcke-Verbands. Darunter: der Co-Landesvorsitzende Stefan Möller, der Leiter der AfD-Delegation im EU-Parlament, René Aust, und mehrere Landtags- und Bundestagsabgeordnete.*

Während Raßbach seine Rede hält, laufen andere AfD-Influencer durch die Menge und filmen live. Viele Teilnehmer kennen sie, mit dem YouTuber „Weichreite“ schießen einige Selfies. Auch der von der AfD bezahlte und ehemalige Corona-Protest-Sänger Björn Winter – Künstlername: „Björn Banane“ – ist hier vielen ein Begriff. „Hallo Björn“, begrüßt ihn eine Frau im Vorüberlaufen.

„Freie Sachsen“ sehen „Win-win-Situation“

Auch noch weiter nach rechts öffnen sie sich hier bereitwillig. Schon um 10 Uhr wehen mehrere weiß-grüne Fahnen des einstigen Königreichs Sachsen in der Menge. Die rechtsextremen „Freien Sachsen“ nutzen sie. Ein 53-Jähriger aus Plauen, der eine solche Fahne trägt, bestätigt: Klar trage er die Fahne der „Freien Sachsen“.

Warum, wo doch die Organisatoren darum gebeten haben, keine Parteifahnen zu zeigen? Er zuckt mit den Schultern. Er sei eben „Lokalpatriot“, sagt er. „Ist mir egal, das ist Freiheit.“ Eine seiner Begleiterinnen ärgert sich. Sie trägt kurze blonde Haare und eine pinkfarbene Hose. „Die Forderungen sind zu 95 Prozent dieselben wie unsere.“ Es sei nicht in Ordnung, wenn die Veranstalter sich von „bestimmten Leuten“ abgrenzten, kritisiert sie.

Nur ein paar Schritte entfernt von der „M1llion“-Demonstration, auf der anderen Seite der großen Kreuzung, hat man mit der offiziellen Abgrenzung kein Problem. Dort haben die „Freien Sachsen“ einen Stand aufgestellt. Hier wehen dieselben grün-weißen Flaggen. „Steuern sind Raub“ und „Sachsen bleibt deutsch“ steht auf Plakaten, die am Stand hängen. Infomaterial liegt aus, gerade sehen sich das rund ein Dutzend Menschen an.

Zwei Männer in den 30ern, vielleicht Anfang 40, stehen hinter dem Stand. Ob auch sie sich über die Distanzierung ärgern? Nein, sagt einer von ihnen und lächelt. Das sei schon in Ordnung. Viele von ihnen seien bei der Demo, andere Teilnehmer von dort kämen am Stand vorbei. „Ist doch eine Win-win-Situation für alle“, sagt er.

Online-Community bestimmt Forderungen

Hinter der Bühne erklären sie die fehlende Transparenz mit Basisdemokratie. Die Redner, wie Raßbach, hätten sich aus der Community gemeldet und seien dann vom Führungsteam ausgewählt worden, sagt ein Organisator. Eine Liste der vollständigen Namen der Redner für die Presse habe er nicht, sagt er. „Die müsste ich erstmal schreiben.“

Initiator Marcel Baldauf ist im Stress. Freundlich kündigt er an, er habe nur ein paar Minuten für ein Gespräch. Bisher ist nur wenig über ihn bekannt. Früher habe er in der Automobilbranche gearbeitet, sagt Baldauf, dann sei er Rettungssanitäter gewesen. Wegen einer schweren Infektion am Rücken könne er heute nicht mehr arbeiten.

Die Gesundheitsreform der Bundesregierung sei für ihn der Hauptgrund gewesen, aktiv zu werden. Die Streichung von Inklusions- und Schulhelfern, die teurer werdenden Medikamente: „Das war für mich der Auslöser.“ Über die elf zentralen Forderungen, die „M1llion“ erhebt, habe man in der Online-Community abstimmen lassen. Mehr als 500 Einreichungen habe es gegeben, erklärt Baldauf. Geschafft hat es die Forderung nach dem Ende der Gesundheitsreform ebenso wie die nach einem 29-Euro-Ticket und der sofortigen Ausweisung „aller verurteilten, straffälligen und illegalen Migranten“.

Auf Platz 1 aber sei mit Abstand die Forderung gelandet, zu der sie auch eine Petition gestartet haben und um die sich hier heute so viel dreht, sagt Baldauf: der Rücktritt der Bundesregierung. Sofortige Neuwahlen.