Offener Brief gegen Antisemitismus in – Italien Nicht in unserem Namen

Ein offener Brief gegen die antiisraelische Hysterie im Westen, den Antisemitismus und die Hamas-Propaganda.

Aus Protest gegen Antisemitismus, anti­israelische Propaganda und die bedrohlichen Folgen dieser »globalen Intifada« veröffentlichten Lanfranco Caminiti, Gianluca ­Cicinelli, Chicco Galmozzi, ­Brunello Mantelli und Angelo Mammone Rinaldi am 9. Mai in Italien diesen offenen Brief. Er wurde erstmals in der Tageszeitung »Il Riformista« abgedruckt. Bislang haben ihn 1.189 Personen unterschrieben.

Beleidigende Rufe und Plakate vor ­allen Synagogen der Welt, das Boykottieren israelischer Bürger, wo immer sie sich befinden (bei einer Kulturveranstaltung, im Restaurant, an einer Raststätte, im Urlaub), Beleidigungen und Aggressionen gegen jeden, der Zeichen der Zugehörigkeit zur jüdischen Religion trägt, die Verunglimpfung von Symbolen zum Gedenken an den Holocaust, die Verhöhnung der letzten Zeugen der Shoah, die Behinderung von Israelis beim Studium, beim Handel und Geschäften, die mittlerweile salonfähige und offene Unterstützung für die Hamas und die Hizbollah oder die Pasdaran, bis hin zu den blutigen Vorfällen von Messerangriffen auf den Straßen Europas oder dem Massaker am Bondi Beach – all das ­gehört zur globalen Intifada, all das bildet das seichte Wasser, in dem die Killerhaie schwimmen.

Die globale Intifada ist eine durch und durch nazistische Aktivität. Denn nazistisch ist das Konzept, dass jeder Jude schuldig ist, weil er Jude ist – heute: Jeder Israeli ist Komplize und schuldig, weil er Israeli ist. Die Jagd sei eröffnet.

Die globale Intifada trägt in keiner Weise dazu bei, das Leid der Bevölkerung von Gaza zu lindern, ebenso wenig ist sie eine Unterstützung oder Hilfe im Kampf für ihre Rechte; sie hat das Massaker des Kriegs in keiner Weise aufgehalten, sie ist keine Option für einen Friedens- und Wiederaufbauprozess.

Die einzige »Auswirkung« besteht darin, hier (im Westen) weiterhin eine Aura des »Widerstands« der Hamas zu nähren; der einzige Ertrag besteht darin, hier (im Westen) die Idee zu nähren, den »Widerstand« der Hamas zu reproduzieren: Gaza sei überall, in Rom wie in Berlin, in New York wie in Sydney. Und wenn Gaza überall ist, ist jeder Israeli, der irgendwo lebt, ein »Besatzer« und ein Feind.

Der »Völkermord« ist global, weil die Macht ­Israels (seit den Weisen von Zion) global ist. Der Völkermord ist global, weil der Kapitalismus mittlerweile völkermordend ist. Auf globalen Völkermord folgt globale Intifada.

Dieser geistverlassene Unsinn wird seit fast drei Jahren von der globalen radikalen Linken theoretisiert, produziert, verbreitet und organisiert. Man kann fast sagen, dass heutzutage die Identifikation und die Praxis der »globalen radikalen Linken« der Antiisraelismus ist. Nur der Antiisraelismus. Ein Antiisraelismus, der mittlerweile die brüchige und heuchlerische Unterscheidung zwischen Antizionismus und Antisemitismus überschwemmt hat.

Wie in der abgedroschenen Darstellung der Ayatollahs ist Israel der Satan (in seinen verschiedenen Ausprägungen, bis hin zu Israel = SS, womit jede moralische und politische Rücksichtnahme auf das jahrhundertelange Opferdasein in der Geschichte endgültig ausgelöscht wird: Die Juden waren in Ordnung, solange sie durch den Schornstein von Auschwitz gingen, jetzt sind auch sie »Henker«).

Dieser geistverlassene Unsinn wird seit fast drei Jahren in jeder Sendung, in jeder Talkshow, bei jeder Veranstaltung, in jeder Aufführung, in jeder Schule von Professoren, Journalisten, Politikern, Sängern und Schriftstellern reichlich wiedergegeben: Wer nicht »Völkermord« sagt, gehört nicht zu diesem Mainstream. Und der Mainstream des Völkermords ist mittlerweile zu einem banalen Gemeinplatz geworden. Er dient dazu, sich »wiederzuerkennen«. Die Militanz der ­Opposition gegen den Völkermord ist »die Jagd auf den Juden«.

Als linksgerichtete Menschen finden wir all dies beschämend: Beschämend ist die Instrumentalisierung der Tragödie von Gaza, nämlich das Ausnutzen des sehr menschlichen Gefühls des Schmerzes über das Leid der Bevölkerung von Gaza für einen Wahn, der die Hamas rechtfertigt und zum Hass gegen Israel aufstachelt.

Als linksgerichtete Menschen stehen wir auf der Seite der Opposition gegen die reaktionäre Regierung von Netanyahu, Smotrich und Ben-Gvir; als linksgerichtete Menschen stehen wir hinter jeder Initiative in Israel, die die Möglich­keiten einer gemeinsamen politischen Aktivität zwischen Israelis und Palästinensern aufrechterhalten hat; als linksgerichtete Menschen waren wir gegen den 7. Oktober und das Massaker in Gaza; als linksgerichtete Menschen haben wir uns für einen Waffenstillstand, für Frieden und für umfangreiche Hilfslieferungen an die Bevölkerung ausgesprochen; als links­gerichtete Menschen haben wir keinen Zweifel daran, dass der Kernpunkt für jeden Friedens- und Wiederaufbauprozess die Entwaffnung der Hamas ist.

Die Hamas war und ist das Unglück der Bevölkerung von Gaza und wäre das auch in Zukunft. Als links­gerichtete Menschen weisen wir auf den Iran und sein Beziehungsgeflecht mit der Hamas in Gaza, der Hizbollah im Libanon, den Houthis im Jemen und schiitischen Milizen anderswo als einen ständigen Faktor ­politischer, wirtschaftlicher und militärischer Instabilität in der Region hin.

Die globale Intifada gilt in Großbritannien und Australien als »a dangerous reality« (eine gefährliche Realität), und dafür gibt es, sagen wir es mal so, reichlich Grund.

Bei uns in Italien hingegen wird sie gerechtfertigt, gefördert und zur Schau gestellt, als Meinungsfreiheit (was ein schwaches Oxymoron ist, wenn wir zu »Meinungsfreiheit« noch »Hamas und Ayatollahs« hinzufügen). Aber wir, das ist bekannt, haben eine lange Geschichte der Nähe und Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus.

Nicht in unserem Namen.