Leipziger Gedenkstätte für Zwangsarbeit – stark nachgefragt, aber viel zu klein
Die vom Verein „Erinnern an NS-Verbrechen in Leipzig“ getragene Gedenkstätte auf dem ehemaligen HASAG-Gelände braucht mehr Platz. Die Grünen holen das Raum-Problem in den Stadtrat.
Ziemlich oft, erzählt Mitarbeiterin Josephine Ulbricht, tauschen Besucherinnen und Besucher der Leipziger Gedenkstätte für Zwangsarbeit ungläubige Blicke aus und kleiden ihr erstes Erstaunen sehr bald in vier Worte: „Ist das alles hier?“ Ja, ein einziger Ausstellungsraum ist alles, was der Träger der Stätte des Gedenkens, der Verein „Erinnern an NS-Verbrechen in Leipzig“, der interessierten Öffentlichkeit am Standort Permoserstraße 15 bieten kann.
Seit 2001 existiert der Erinnerungsort an 75.000 Menschen aus ganz Europa, die während des Zweiten Weltkrieges in und um Leipzig als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ausgebeutet und erniedrigt wurden. Untergebracht ist die Gedenkstätte im alten Pförtnerhäuschen der einstigen Akademie der Wissenschaften der DDR mit ihren Instituten für Isotopen- und Strahlenforschung sowie für Biotechnologie. Heute beheimatet das Areal das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ.
Aus dem Spezialisten für Lampen wird ein Hersteller von Panzerfäusten
Vor der Gründung des sozialistischen deutschen Staates erlangte der Standort zweifelhafte Berühmtheit. Auf dem riesigen Gelände errichtete die Hugo Schneider AG, besser bekannt als HASAG, um 1900 ihren Firmenhauptsitz. Aus dem ursprünglichen Spezialisten für Lampen und Metallwaren sollte sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg ein prosperierender Rüstungsproduzent werden. Allein im Leipziger HASAG-Werk mussten zwischen 1939 und 1945 mehr als 10.000 nach Nazi-Deutschland verschleppte Zivilisten und Kriegsgefangene sowie Häftlinge aus Konzentrationslagern schwere Panzerfäuste und andere Waffen für die Wehrmacht herstellen.
Die HASAG als größter Rüstungsbetrieb Sachsens richtete an mehreren ihrer Werksstandorte KZ-Außenlager ein, die dem Konzentrationslager Buchenwald unterstanden. Das Leipziger Außenlager befand sich in der heutigen Kamenzer Straße 10/12. Dort waren gegen Ende des Zweiten Weltkrieges 5000 weibliche und 700 männliche Gefangene untergebracht.
Der Schauraum der Gedenkstätte misst nur 50 Quadratmeter
Ihnen und dem Schicksal vieler, vieler weiterer Opfer des Nazi-Terrors fühlt sich die Gedenkstätte seit 25 Jahren verpflichtet. Neben der Dauerausstellung in dem einen, gerade mal 50 Quadratmeter großen Schauraum organisieren insgesamt vier Teilzeitbeschäftigte Vortragsveranstaltungen, Führungen und Bildungsangebote, etwa für Auszubildende und Schüler. Sind dann Klassen zu Besuch, herrscht ziemliche Enge in der Permoserstraße 15. „Wir brauchen einfach mehr Platz“, sagt Josephine Ulbricht, die in der Gedenkstätte für Konzeption und Weiterentwicklung zuständig ist.
Die 43-Jährige, ihre drei Kolleginnen und die zahlreichen ehrenamtlichen Mitstreiter warten zudem mit Stadtteilrundgängen auf. Aus gutem und zugleich traurigem Grund. „Zwangsarbeit war überall, nicht nur bei der HASAG. Die Facharbeiter kämpften an den Fronten, kleine und große Betriebe brauchten Arbeitskräfte, das Regime führte sie ihnen zu“, schildert Josephine Ulbricht. Mit der Folge, dass es in der Messe-, Industrie- und Rüstungsstadt Leipzig 1944, dem Jahr mit den meisten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, rund 500 Lager und Sammelunterkünfte gab. Im Großraum existierten mindestens weitere 200.
Die Enkel und Urenkel wollen wissen, was ihren Vorfahren widerfahren ist
Das Interesse an den Angeboten der vom Freistaat Sachsen und von der Stadt Leipzig institutionell geförderten Gedenk- und Forschungsstätte ist jedenfalls groß. Stark nachgefragt ist nicht zuletzt die Schicksalsklärung. „Die Anfragen von Nachfahren kommen aus der ganzen Welt“, erläutert Anne Friebel, deren Hauptaufgabe die Recherche ist. „Die Enkel und Urenkel der Zwangsarbeiter suchen entweder die Gräber ihrer Vorfahren oder sie wollen deren Leben umfassend rekonstruieren. Wir helfen, so gut wir können, denn derlei Anfragen sind für viele existenziell.“
Anne Friebel hatte im Vorjahr Kontakt zu 150 Familien aus den USA, Israel, Australien und vom europäischen Kontinent, hier besonders aus der Ukraine. „Die Schicksalsklärung ist eine zutiefst humanitäre Aufgabe“, findet die 44-Jährige. „Und sie dient zugleich der Reputation der Stadt Leipzig.“ Deshalb setzt das Team der Gedenkstätte bei der Suche nach zusätzlichen Räumlichkeiten auch große Hoffnungen in die Kommune. Hinter dem anfänglich favorisierten Wechsel in den Kohlrabizirkus steht mittlerweile ein dickes Fragezeichen. Denn dessen Umbau zu einem Kultur-, Sport- und Freizeitzentrum wird sich aufgrund der Haushaltskrise wohl hinziehen.
Standorte mit Bezug zur Zwangsarbeit wären dem Trägerverein sehr recht
„Wir suchen idealerweise nach städtischen Räumlichkeiten mit Bezug zum Thema Zwangsarbeit“, sagt Josephine Ulbricht. Da gebe es neben dem Kohlrabizirkus noch viele andere geeignete Orte. Das Feinkostgelände zum Beispiel, die Spinnerei oder Schuppen auf dem Areal des früheren Eilenburger Bahnhofes. Selbst die Südbrause am Connewitzer Kreuz sei ein Objekt gewesen, in dem Menschen unter Zwang arbeiten mussten.
Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen nimmt sich des Problems in einem Stadtratsantrag an. Sie möchte einen Grundsatzbeschluss zur Erweiterung der räumlichen Kapazitäten für die Gedenkstätte herbeiführen. Eine ihrer Forderungen: Das Kultur- und das Liegenschaftsamt sollen die einzige Einrichtung in Leipzig, die sich der Erinnerung und Aufarbeitung lokaler NS-Verbrechen widmet, bei der Suche nach angemessenen Standorten aktiv unterstützen. Dabei seien nicht nur kommunale, sondern auch Immobilien auf dem freien Markt in Betracht zu ziehen.
Aus dem Kulturdezernat kommt teilweise Zustimmung. Im Verwaltungsstandpunkt erfolgt der Hinweis, dass es seitens des Trägervereins Überlegungen für einen An- oder Neubau auf dem Gelände des Helmholtz-Zentrums gebe. „Beides ist gegenwärtig nicht mehr als ein Traum“, heißt es dazu aus der Gedenkstätte. „Wir benötigen eine Lösung, die sich mittelfristig umsetzen lässt.“