Selbstjustiz? Jugendliche bedrohen Mann in Straßenbahn in Dresden

Am Wochenende haben Jugendliche einen älteren Mann in einer Dresdner Straßenbahn bedrängt und gefilmt. Er soll Minderjährige angesprochen haben, klare Belege dafür gibt es bislang nicht. Das ist zu dem Vorfall bekannt.

Es sind verwirrende Bilder. Freitagabend, in der Straßenbahn: Alles geht ganz schnell. Drei Jugendliche umringen einen älteren Mann, der auf einem einzelnen Sitzplatz Platz genommen hat. Sie tragen schwarze Regenjacken, haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

Einer der Jugendlichen umfasst die Sitzlehne, beugt sich zu dem Mann herunter. „Wenn du nochmal irgendwelche minderjährigen Weiber anquatschen solltest, dann raucht’s, aber mächtig gewaltig“, sagt er. Eine junge Frau, vermutlich Teil der Gruppe, sagt, dass sie der Mann berührt und angesprochen hat.

An der Haltestelle „Rennplatzstraße“ verlässt der Mann die Bahn, die Jugendlichen folgen ihm bis zur Tür, rufen „Raus!“. Die anderen Fahrgäste in der Straßenbahn schweigen größtenteils. Nur eine Frau ruft: „Aber keine Gewalt antun!“

An dieser Stelle bricht der gut 30-sekündige Clip ab. Das Video hatten die Jugendlichen während des Vorfalls aufgenommen und dann auf Social Media verbreitet. Mittlerweile ermittelt die Dresdner Polizei wegen Nötigung.

„Wir ermitteln unter anderem auch, um herauszufinden, was sich vor dem gefilmten Vorfall in der Straßenbahn ereignet hat“, erklärt Polizeisprecher Marko Laske. „Denn bis jetzt steht ein Vorwurf im Raum, für den es keine Belege gibt.“ So habe es nach dem Vorfall auch keine Anzeige wegen Belästigung bei der Polizei gegeben.

Mutmaßlicher Täter ist in der rechten Szene gut vernetzt

Bei Instagram feiern sich die Jugendlichen für ihre Aktion in der Straßenbahn. Das Video laden sie unter dem Titel „Achtung Pedo“ und „Wir räumen auf“ hoch. Einer der mutmaßlichen Täter ist laut eigener Aussage auf dem sozialen Netzwerk Vollmitglied bei den Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation der rechtsextremen Partei „Die Heimat“ (vormals NPD).

Eine Vollmitgliedschaft bedeutet, nicht nur Sympathisant, sondern aktiv in die Strukturen eingebunden zu sein – etwa bei Demonstrationen, Sporttagen oder anderen Veranstaltungen.

Im vergangenen Jahr trat der junge Mann etwa bei den sachsenweiten Anti-CSD-Protesten in Erscheinung. Bilder und Videos dokumentieren das. Bei mehreren rechten Veranstaltungen wurde er als Ordner eingesetzt, brüllte Anfeuersprüche in ein Megafon.

Bei den rechten Protesten gegen die Auftaktveranstaltung der Kulturhauptstadt Chemnitz ist er ebenfalls in der Menge zu sehen. In Nünchritz hat er Drohungen gegen den örtlichen Jugendklub ausgesprochen. Das berichtet Andreas Riedel vom „Bündnis für Zivilcourage und Demokratie Nünchritz“.

„Pedo-Hunting“ ist kein neues Phänomen

Als „Pedo-Hunter” bezeichnen sich meist junge Männer, die gezielt Jagd auf aus ihrer Sicht pädophile Menschen machen. Oft geben sie sich online als Minderjährige aus, um die vermeintlichen Täter anzulocken. Es folgen öffentliche Outings, Drohungen und Schläge. Meist werden die Taten gefilmt und ins Netz gestellt. Mit wenigen Suchanfragen sind die Clips für jedermann im Internet zugänglich.

Mara Knauthe vom Kulturbüro Sachsen, einer zivilgesellschaftlichen Organisation, hat sich mit dem Thema „Pedo-Hunting“ beschäftigt. Sexueller Missbrauch sei ein Thema, das Emotionen weckt und polarisiert. Das wüssten Rechtsextreme für sich zu nutzen.

„Der vermeintliche Kinderschutz wird instrumentalisiert, weil man damit eine höhere gesellschaftliche Anschlussfähigkeit erreichen kann“, sagt sie.

Die Jagd auf pädokriminelle Menschen sei kein neues Phänomen, bereits in der Vergangenheit wurde etwa immer wieder eine „Todesstrafe für Kinderschänder“ gefordert.

Das Thema ist in der rechten Szene bundesweit verbreitet. In Sachsen-Anhalt etwa beobachtet der Verfassungsschutz rechtsextreme Jugendgruppen, die sich als „Pedo Hunters“ organisieren. So soll im September 2024 laut dem Innenministerium eine Gruppe junger Männer, manche von ihnen minderjährig, zwei Männer auf ein Grundstück in Ilsenburg gelockt und zusammengeschlagen haben. Die Tat wurde demnach gefilmt und online verbreitet.

Polizei sucht Zeugen, um Vorfall aufzuklären

In Dresden hat die Polizei mittlerweile einen Zeugenaufruf gestartet. Bis die Ermittlungen abgeschlossen sind, bleibt völlig unklar, was genau in der Straßenbahn vorgefallen ist. Einer der mutmaßlichen Täter verteidigt sich bei Social Media. Man habe den Mann nicht gezwungen, auszusteigen, schreibt er. Und weiter: „In so einer Situation muss einfach gehandelt werden und es ist mir egal, ob ich dafür angezeigt werde.“

Mara Knauthe stellt klar: Selbstjustiz ist keine Option im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. „Für wirklichen Opferschutz müsste man die Ursachen bekämpfen oder Anlauf- und Präventionsstellen finanziell unterstützen“, sagt sie.

„Daran haben Rechtsextreme kein Interesse – zumal die Anlaufstellen und Support-Angebote oft von Menschen betrieben werden, die sie auch zu ihren Feinden zählen.“

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Connor Endt
28.01.2026

Rechte Provokation und Reizgas-Angriff: Was ist in der Dresdner Neustadt los?

Vergangenen Dienstag wurden sieben junge Erwachsene in der Neustadt mit Reizgas angegriffen. Zuvor war eine Gruppe mutmaßlich Rechter durch das Dresdner Viertel gezogen. Hängen die Fälle zusammen?

Es ist der Dienstagabend, 20. Januar, gegen 18 Uhr: Eine siebenköpfige Gruppe zieht durch die Neustadt, bepöbelt Passanten, reißt Plakate von den Wänden. Videos zeigen die jungen Menschen, die teilweise in schwarz-weißen Flecktarnhosen und Springerstiefeln breitbeinig durch das Viertel marschieren. Kleidungsstil und Verhalten lassen vermuten, dass es sich bei den Störern um Personen aus dem rechten Spektrum handelt.

Gegen 18.30 Uhr, also gut eine halbe Stunde später, wird eine Gruppe aus sieben Menschen an der Ecke Alaunstraße/Albertplatz von Unbekannten angegriffen. Die schwarz gekleideten Gestalten sprühen Reizgas und verschwinden, bevor die Polizei eintrifft.

Nach SZ-Informationen handelt es sich bei der Gruppe, die mit Reizgas angegriffen wurde, um dieselben mutmaßlich Rechten, die zuvor durch die Neustadt gezogen waren. Dafür sprechen auch zahlreiche Kommentare in den sozialen Netzwerken.

Die Polizei prüft aktuell noch, ob es sich um dieselben Menschen handelt. Die Vermutung liegt nahe, da der Staatsschutz ermittelt, der bei politisch motivierten Straftaten eingeschaltet wird. Zu dem Stand der Ermittlungen will sich die Polizei wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern. Tatverdächtige wurden demnach bisher aber noch nicht ermittelt. Die Betroffenen der Attacke sind zwischen 15 und 27 Jahre alt.

Gezielte Provokation und neues Selbstverständnis der rechten Szene

Es ist nicht das erste Mal, dass rechte Gruppen in der Neustadt auftauchen. Vereinzelt hatten Kiez-Bewohner in den vergangenen Wochen und Monaten von mutmaßlich rechten Männern berichtet, die durch das Viertel zogen. Zudem hatte der Rechtsextremist Max Schreiber von der Kleinstpartei „Freie Sachsen“ im Sommer 2025 immer wieder versucht, durch die Neustadt zu ziehen.

Politikerin Julia Hartl, Vorsitzende der Neustadt-SPD, ist alarmiert von dem Vorfall. „Dass junge Rechtsradikale offen randalieren, Menschen angreifen und einschüchtern, darf in Dresden keinen Platz haben“, sagt sie. „Gemeinsam mit Polizei, Sicherheitsbehörden und zivilgesellschaftlichen Akteuren werden wir die Arbeit für Sicherheit in der Neustadt weiter vorantreiben.“ Dresden müsse für alle Menschen sicher und lebenswert bleiben.

Michael Nattke, Geschäftsführer vom Kulturbüro Sachsen, beobachtet die Vorfälle in der Neustadt genau. „Was wir hier sehen, ist eine gezielte Provokation, weil sich die Personen klar als Anhänger der rechtsextremen Szene zu erkennen geben“, sagt er.

Die mutmaßlich Rechten seien gezielt auf der Suche nach dem politischen Feind, in diesem Fall vermeintlich linke Kiez-Bewohnerinnen und -bewohner. Es gebe aber noch einen weiteren Aspekt, sagt Nattke.

„Die Aktionen sind ein Zeichen eines neuen Selbstbewusstseins. Junge Rechte haben keine Hemmungen mehr, durch ein historisch linkes Viertel wie die Neustadt zu ziehen.“ Die organisierten Aktionen von Rechtsextremen wie Max Schreiber würden die jungen Rechten weiter befeuern und bestärken.

Eine Sache ist Michael Nattke wichtig: „Ich will nicht herunterspielen, wenn Leute körperlich angegriffen werden“, sagt er. Das Gewaltmonopol liege im Rechtsstaat bei der Polizei. Es sei wichtig, bei rechtsextremen Bedrohungen Zivilcourage zu zeigen, zu widersprechen oder die Polizei zu rufen.

„Wenn es gerade nicht möglich ist, den Betroffenen zu helfen, sollte man sich zumindest nach dem Vorfall auf die Seite der Betroffenen stellen. Und damit signalisieren, dass man nicht mit menschenfeindlichem Verhalten einverstanden sei. „Das ist ein wichtiges Signal – in der Neustadt, aber auch überall sonst in Dresden.“

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Connor Endt
24.06.2025

Verfassungsschutz warnt: Rechte Jugendgruppen gewinnen in Dresden an Zulauf

Die Jungen Nationalisten erleben in Dresden ein Comeback – mit gezielter Ansprache junger Menschen, öffentlichkeitswirksamen Aktionen und zunehmender Gewalt. Der neue Verfassungsschutzbericht liefert alarmierende Zahlen.

Anfang Juni hat das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) seinen Bericht für das vergangene Jahr veröffentlicht. Besonders auffällig für Dresden: Die Behörden beobachten eine starke Mobilisierung von jungen Anhängern in der rechten Szene.

Treibende Kraft hinter den Mobilisierungen sind demnach die Jungen Nationalisten (JN), die Jugendgruppe der Partei „Die Heimat“, ehemals NPD. Mit Angeboten, die junge Menschen ansprechen, sowie der breiten medialen Berichterstattung sei es der Gruppe gelungen, in und um Dresden immer mehr Mitglieder zu gewinnen.

„Generationenwechsel“ in der rechtsextremen Szene

In den vergangenen Jahren seien die Jungen Nationalisten und deren Mutterpartei „Die Heimat“ „nahezu bedeutungslos“ gewesen. Dies habe sich jedoch im vergangenen Jahr geändert: Die Zahl der aktiven Personen sei „bundesweit und insbesondere in Sachsen“ gestiegen. Im Freistaat rechnet der Verfassungsschutz den JN etwa 60 Personen zu. 2023 waren es noch 40 Personen.

Besonders beachtlich: Die Jungen Nationalisten sind nicht nur mehr, sondern auch jünger geworden. Der Verfassungsschutz spricht in diesem Zusammenhang von einem „Generationenwechsel“. Die neuen Mitglieder würden „stärker aktionistisch auftreten und die Öffentlichkeit suchen“.

In Dresden gründete sich im vergangenen Jahr ein neuer JN-Stützpunkt. Mitglieder der sogenannten Elblandrevolte schlugen im Mai 2024 den SPD-Politiker Matthias Ecke beim Plakatieren in Dresden zusammen. Die Gruppe habe eine „bundesweit breite mediale Resonanz“ erfahren, was „zu einem weiteren Zulauf“ und „gestiegenem Aktivierungs- und Mobilisierungspotenzial führte“.

Der Verfassungsschutz beobachtet zudem eine Vernetzung mit anderen rechtsextremen Gruppen, etwa dem Jugendblock Bautzen. So bildeten Elblandrevolte und Jugendblock bei einem der sogenannten Montagsproteste einen gemeinsamen schwarzen Block.

Eine gemeinsame Mobilisierung gelang auch bei den Protesten gegen die „Christopher Street Days“ (CSD) in mehreren sächsischen Städten, nämlich in Bautzen, Dresden, Görlitz und Döbeln. In Dresden brachte die Elblandrevolte etwa 100 Personen gegen den hiesigen CSD auf die Straße.

Der Verfassungsschutz beobachtete Elblandrevolte-Anhänger aber auch bei Demonstrationen der rechten Kleinstpartei Freie Sachsen, etwa in Chemnitz, Dresden, Berggießhübel (Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) und Heidenau (Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge). Und auch bei der letzten Pegida-Veranstaltung am 20. Oktober 2024 in Dresden waren Elblandrevolte-Mitglieder vor Ort.

Trigger-Themen, Social Media: Wie Rechtsextreme junge Menschen haschen
Der Verfassungsschutz sieht in den Anti-CSD-Protesten des Vorjahres einen Grund für die erfolgreiche Mobilisierung von jungen Menschen. Es habe ein „erhöhtes Interesse“ von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an diesen „öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen“ gegeben.

Hinzu kommt: Die Jungen Nationalisten hätten in den vergangenen Jahren ihre Jugendarbeit verbessert und „attraktive Angebote für Heranwachsende“ etabliert.

„Durch ein besonders radikales Abweichen vom ‚Mainstream‘ insbesondere bei Fragen zur Migrationsdebatte und der Gender-Thematik erweiterten die JN ihr Sympathisantenfeld und gewannen junge Neumitglieder“, schreibt der Verfassungsschutz.

Diesen Aufwind, so die Einschätzung der Behörde, werde die Jugendorganisation „für den Ausbau ihrer Strukturen, die Erhöhung ihres Bekanntheitsgrades und ihre Vernetzung mit anderen jungen Rechtsextremisten nutzen“. Ob „Die Heimat“ von den neuen Mitgliedern profitiere, sei abzuwarten. Die Entwicklung der JN sei „derzeit der einzig erkennbare Faktor, der ‚Die Heimat‘ mit Leben füllt“.

Auch der Jungen Alternative, der Jugendorganisation der AfD, sei es im vergangenen Jahr gelungen, junge Menschen zu erreichen. „Mit jugendgerechten Medienprodukten knüpft der Verein inzwischen erfolgreich an das Lebensgefühl junger Menschen an“, schreibt der Verfassungsschutz. Das Personenpotenzial der Jungen Alternative schätzt der Verfassungsschutz in ganz Sachsen auf etwa 200 Personen. 2023 waren es noch halb so viele Anhänger.

Wie sieht es mit der linken Szene aus?

Der Verfassungsschutz schätzt, dass 1400 gewaltorientierte Rechtsextremisten in ganz Sachsen wohnen. Zum Vergleich: Die Zahl gewaltorientierter Linksextremisten liegt wohl bei etwa 660 Personen. Die meisten Linksextremisten seien in Leipzig und Dresden aktiv.

In Dresden rechnet der Verfassungsschutz der autonomen Szene etwa 75 Personen zu. Im vergangenen Jahr wurden in Dresden 332 linksextremistische Straftaten begangen, davon waren 26 Gewalttaten. Zum Vergleich: Der Verfassungsschutz verzeichnet für den gleichen Zeitraum 500 rechtsextremistische Straftaten in Dresden, davon 17 Gewalttaten.

Insgesamt sieht der Verfassungsschutz einen „starken Rückgang der Aktivitäten von Autonomen“. Diese Entwicklung sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf andauernde Ermittlungsverfahren zurückzuführen, welche die Szene in ihrem gewalttätigen Handlungsspielraum einschränken“.

Dennoch würde auch die linke Szene eine Anziehungskraft auf jüngere Menschen ausüben.