Offener Brief des kultURknall e.V. und Café Taktlos

Als vor Jahren der gemeinsame Kochabend “Küche für Alle” abgesetzt wurde, haben wir geschwiegen und dies so hingenommen. Als unser Konzert im Januar verlegt werden musste, haben wir die Entscheidung bezüglich Sicherheitsbedenken der Diakonie respektiert.

Aus Gründen des Zusammenhalts und des Friedens haben wir geschwiegen und (finanzielle) Belastungen getragen, um eine gemeinsame Basis zu bewahren. Doch nach Wochen des Nachdenkens und aller Versuche einen gemeinsamen Weg mit der Diakonie zu finden, sehen wir uns gezwungen endlich offen zu sagen was ist:

Seit über 30 Jahren steht das Café Taktlos in Glauchau für gelebte Subkultur, ehrenamtliches Engagement und einen offenen Raum für Jugendliche und Erwachsene, die abseits des Mainstreams Gemeinschaft, Kreativität und Ausdruck suchen. Umso unverständlicher und schmerzhafter ist für uns die Entscheidung der Diakonie Westsachsen, uns vor die Tür zu setzen.

Wir setzen uns seit Jahrzehnten aktiv für eine offene, vielfältige und demokratische Kultur ein. Es ist bedauerlich, wenn hier die Bedürfnisse eines so lebendigen Kulturbereiches auf Basis von Einzelfällen betrachtet werden, anstatt das gesamte Spektrum des ehrenamtlichen Engagements zu berücksichtigen.

Die Begründung, rechtsterroristische Sticker im Stadtbild seien Anlass genug, uns als ehrenamtliche Akteure aus den Räumen des H2 an der Heinrich Heine Straße zu verdrängen, halten wir nicht nur für fragwürdig, sondern für eine Verdrehung der Realität:

Hier werden Menschen, die sich seit Jahrzehnten aktiv für eine offene, vielfältige und demokratische Kultur einsetzen, indirekt zu Verantwortlichen für gesellschaftliche Missstände gemacht. Wohlgemerkt wurde auch nie eine akute Bedrohung von einer rechtsterroristischen Gruppe seitens der Sicherheitsbehörden bestätigt.

Auch unser erarbeitetes Sicherheitskonzept zur VA im Januar fand keine Würdigung beim Stiftungsvorstand der Diakonie Westsachsen. Inwieweit ein solches Vorgehen mit dem Leitbild des Trägers vereinbar ist, muss sich der Stiftungsvorstand selbst beantworten und fragen lassen.

Über Jahrzehnte hinweg haben wir wertvolle Arbeit für die Region geleistet – oftmals ohne institutionelle Absicherung, aber mit umso mehr Herzblut. Das Café Taktlos war ein Ort, an dem sich Generationen von Menschen begegnet sind. Hier wurden Freundschaften geschlossen, Perspektiven eröffnet und kulturelle Teilhabe ermöglicht.

Zahlreiche nationale wie internationale Bands haben bei uns gespielt und Glauchau damit auf die soziokulturelle Landkarte gebracht. So manche kleine Band bekam hier eine Chance sich auszuprobieren und zu wachsen. Diese Arbeit wird nun mit Füßen getreten. Wir sind von dem fehlenden Rückhalt der Diakonie sehr enttäuscht.

Die Kommunikation nach außen unterscheidet sich deutlich von dem, was intern stattgefunden hat. Wir bedauern sehr, dass unser Wunsch einer offenen Kommunikation keine Berücksichtigung gefunden hat – nicht erst seit der nun getroffenen Entscheidung.

Dabei wäre ein anderer Weg möglich gewesen. Für uns hätte es kein Problem dargestellt, gemeinsam eine Lösung zu finden, sei es ein geordneter Übergang, eine Perspektive für zukünftige Zusammenarbeit oder die Verbindung von subkultureller, ehrenamtlicher Arbeit mit klassischer Jugendarbeit. All das wurde von Seiten der Diakonie nicht gewollt.

Stattdessen wurden wir faktisch vor die Tür gesetzt – ohne nachvollziehbare Begründung, ohne echten Versuch, gemeinsam einen Weg zu entwickeln
Diese Entscheidung ist kein Einzelfall, sondern der tragische Endpunkt einer langen Entwicklung.

Ungefähr seit den Jahren 2019/2020 gab es immer wieder Versuche, unsere Arbeit und unsere Angebote zu verdrängen, anstatt auf Kooperation zu setzen. Die jetzige Entscheidung des Stiftungsvorstandes der Diakonie Westsachsen setzt dieser Entwicklung nun ein endgültiges Zeichen.

Eine Entscheidung, die keinesfalls im Sinne des ehemaligen Geschäftsführers Traugott Kemmesies wäre. Ihm und allen anderen Personen der Diakonie, die uns in unserer ehrenamtlichen Arbeit unterstützt haben, wollen wir an dieser Stelle ausdrücklich danken.

Mit dem Ende der Konzerte und weiterer Angebote im Café Taktlos stirbt in Glauchau eines der letzten Stücke Subkultur. Für viele Jugendliche, die sich bewusst gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck positionieren, geht damit ein sicherer Ort verloren.

Ein Raum, in dem sie sich frei entfalten, vernetzen und stärken konnten. Ohne solche Orte werden sie nicht verschwinden – aber sie werden unsichtbarer, isolierter und damit angreifbarer.

Und dennoch: Das ist nicht das Ende.

Parallel zu den aktuellen Entwicklungen haben wir – in Eigenleistung, neben Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen – bereits begonnen, an einer neuen Perspektive zu arbeiten. Unser Ziel ist es, auch zukünftig einen unabhängigen Raum für Subkultur, Begegnung und ehrenamtliches Engagement in Glauchau und Umgebung zu schaffen. Einen Ort, der weiterhin für Vielfalt, Offenheit und kritische Kulturarbeit steht.

Ein solches Projekt braucht jedoch mehr als nur Engagement: Es benötigt tragfähige Strukturen, ein durchdachtes Konzept und nicht zuletzt finanzielle Mittel. Genau daran arbeiten wir derzeit mit Hochdruck.

Wir werden eine entsprechende Spendensammlung starten, um die Grundlage für diese neue Perspektive zu schaffen. Damit geben wir nicht nur uns selbst eine Chance, sondern auch all den Menschen, die weiterhin einen Ort für alternative Kultur und Gemeinschaft brauchen.

Wir laden alle ein, diesen Weg mit uns zu gehen.

Wir bedauern die aktuelle Entwicklung zutiefst. Aber wir sind entschlossen, dass das, wofür das Café Taktlos stand, weiterlebt.

Wenn Du uns bereits jetzt, vor der Spendensammlung, unterstützen möchtest, kannst du an folgende IBAN spenden oder per Mail Kontakt zu uns aufnehmen, um Infos zu einer (Förder-)Mitgliedschaft zu erhalten.

kulturknall e.V.
IBAN: DE64 8705 0000 3627 0149 27

info@kulturknall.org

Kulturknall e.V. & Crew Café Taktlos – https://cafe-taktlos.org/offenerbrief.html
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TAZ: Nach Neonazibedrohung in SachsenDiakonie will keine Konzerte mehr

Seit über 30 Jahren organisiert das Café Taktlos Konzerte in Glauchau. Weil Neonazis es anfeinden, setzt die Diakonie den Verein dahinter vor die Tür.

Aus Leipzig
David Muschenich

Nachdem in der sächsischen Stadt Glauchau neonazistische Sticker aufgetaucht sind, beendet die Diakonie die Zusammenarbeit mit dem Verein Kulturknall. Unter dem Namen Café Taktlos organisierte der jährlich etwa ein Dutzend Konzerte in einem Haus der Diakonie, dem sogenannten H2. Wegen der aktuellen Sicherheitslage sei das nicht weiter möglich, begründet der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche seine Entscheidung.

Die Sticker zeigen die bunte Fassade des H2 in einem Fadenkreuz. Daneben: das Wappen der sächsischen Stadt Glauchau – allerdings versehen mit einem Hakenkreuz und dem ebenso verbotenen SS-Totenkopf. Außerdem gibt es Bezüge zum NSU.

„Das H2 ist überregional als alternatives Zentrum der Stadt bekannt“, sagt Michael Berger vom Café Taktlos. Seit April 1998 habe es im Erdgeschoss Veranstaltungen gegeben. Das H2 gehörte schon da der Diakonie. Der Wohlfahrtsverband bietet im Haus unter anderem einen offenen Jugendtreff an. Unabhängig davon organisierte das Café Taktlos über Jahrzehnte Konzerte.

Das letzte fand Mitte Januar statt. Für ein zweites Konzert im Januar musste der Verein bereits neue Räume suchen. Die Diakonie habe das mit den laufenden Ermittlungen wegen der Sticker begründet. Der Verein habe geglaubt, das sei nur vorübergehend, sagt Berger. Mittlerweile habe der Diakonie-Vorstand aber deutlich gemacht: Im H2 wird es keine Konzerte mehr geben.

Der Vorstand der Diakonie Westsachsen bestätigt, dass er derzeit keine Konzertveranstaltungen zulässt. Es gehe um den Schutz der Kinder, Jugendlichen, Familien und Mitarbeitenden, die den Standort täglich nutzen. Das sei keine Bewertung der Arbeit des Vereins. Das Café Taktlos habe „über viele Jahre hinweg einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in Glauchau geleistet“. Es sei verständlich, dass die Engagierten enttäuscht seien. Die Diakonie sei aber offen für andere Formen der Zusammenarbeit.

Laut Michael Berger mutmaßt die Café-Crew, dass die Diakonie hoffe, das H2 werde ohne Konzerte kein Ziel mehr für Neonazis sein. „Das stimmt aber nicht.“ Seit fast 30 Jahren sei das Gebäude als Café Taktlos bekannt, das verändere sich nicht einfach so.

Auch ohne Unterstützung durch die Diakonie möchte der Verein weiterhin Konzerte organisieren. „Es gibt außer dem Café Taktlos keine soziokulturellen Angebote in Glauchau“, erklärt Berger. Aktuell seien die rund 20 Mitglieder auf der Suche nach einem neuen Gebäude, „das wir dann selbst mit Spenden finanzieren wollen“.