Doppelkonzert mit 100.000 Menschen in Leipzig: Wo stehen die Böhsen Onkelz politisch?

Zwei Konzerte spielen die Böhsen Onkelz diese Woche in Leipzig. Der Extremismusforscher Maximilian Kreter spricht im Interview darüber, wie die Band politisch einzuordnen ist – und warum ihre Distanzierung vom Rechtsextremismus glaubwürdig ist.

Mehr als 100.000 Menschen strömen am Freitag und Samstag zu den beiden ausverkauften Konzerten der Böhsen Onkelz ins Leipziger Stadion. Obwohl die Anfangstage der Band mit Songs wie „Türkän Rauhs“ und „Deutschland den Deutschen“ schon mehr als 40 Jahre zurückliegen und sich die Band längst davon distanziert hat, hat sie noch immer einen umstrittenen Ruf. Der Extremismusforscher Maximilian Kreter ordnet ein.

Ganz direkt gefragt: Kann man die Böhsen Onkelz ohne schlechtes Gewissen hören?

Ja – wenn man sich der Geschichte der Band bewusst ist. Die Böhsen Onkelz sind heute weitgehend unproblematisch, da sie sich schon Mitte der 80er-Jahre von explizit politisch-extremistischen, konkret rechtsextremistischen Texten und Verhaltensweisen gelöst und ab Ende der 80er auch distanziert haben. Danach hat die Band einen fortwährenden Distanzierungs- und Normalisierungsprozess durchlaufen, sich auch offen gegen Rechtsextremismus ausgesprochen. Im Verlauf der Jahre lässt sich in Interviews und Biografien eine zunehmende Distanzierung und Selbstreflexion erkennen. Aber wie gesagt: Die Geschichte der Band sollte man stets mit berücksichtigen.

Trotzdem gehen die Meinungen über die Band stark auseinander, und das nicht allein in Fragen des Musikgeschmacks. Fehlen da die Graustufen?

Mein Eindruck ist schon, dass sich viele Personen mittlerweile ein durchaus differenziertes Bild machen. Wichtig ist, dass man sich die Fakten anschaut: Die Distanzierung von rechtsextremen Inhalten beziehungsweise der eigenen Vergangenheit ist glaubwürdig, weil sie deutlich einherging mit einem Bruch, der fortwährend bekräftigt wurde. Aber einmal gebildete, durch bestimmte Akteure und Medien wiederholte Urteile, Vorurteile und Zuschreibungen halten sich hartnäckig – nicht ganz zu Unrecht: Die Band hat mit ihrem Frühwerk zweifellos ihre Spuren als prägende Gruppe im Rechtsrock hinterlassen. Doch gerade in einer Demokratie sollte jeder ein Recht auf eine zweite Chance haben – auch moralisch. Solange sie nicht wieder rechts abbiegen. Und das haben die Böhsen Onkelz nicht getan.

Wie sahen die Anfänge der Böhsen Onkelz genau aus? Damals waren Skinhead- und Punk-Kultur ja noch deutlich vermischter.

Ja, das hat sich erst später ausdifferenziert zwischen Punks und Oi!-Skins, wobei bei Letzteren ein politischer Split zu erkennen war: Bands, die sich ganz der Herkunft aus dem Punk entsprechend links verorteten, eine weitere Gruppe, die sich weniger politisch orientierte, und einige Bands, die das proletarisch-männliche Image mit autoritären, rechten Texten aufluden. Dazwischen fanden sich auch die Böhsen Onkelz wieder. Zu Beginn waren die Inhalte der Böhsen Onkelz stark von ihrer Selbstwahrnehmung und dem Image als Skinheads geprägt.

Die als Subkultur damals für was standen?

Die Böhsen Onkelz haben es als proletarische Subkultur, in der es um Männlichkeit, Fußball, Alkohol, Gewalt, Frauen und wahrgenommene alltägliche Probleme ging, für sich interpretiert. Sie selbst haben sich weniger als politisch und rechtsextrem wahrgenommen, was bei Liedern wie „Türkän Rauhs“ und „Deutschland den Deutschen“ objektiv nicht haltbar ist. In dieser Szene herrschte ein recht weit verbreitetes enges Politikverständnis als Partei- und Parlamentspolitik einer kleinen Elite. Die Böhsen Onkelz waren mit ihrer damals national-chauvinistischen, autoritären Haltung bei einer gleichzeitigen Ablehnung von offen rechtsextremen Akteuren vom Mainstream der Bundesrepublik nicht sehr weit entfernt, wie beispielsweise die SINUS-Studie von 1981 zeigte, in der fünf Millionen Deutsche der Aussage „Wir sollten wieder einen Führer haben“ zustimmten.

Welche Inhalte bestimmen die Musik der Onkelz, und wie haben die sich über die Jahre gewandelt?

In ihren Liedern transportieren sie vermeintlich nicht mehr gesellschaftsfähige Positionen, es geht viel um Männlichkeit, Chauvinismus, Stärke und – das Wichtigste – das Adressieren von anonymen Gegnern, womit ein „Wir gegen euch“ stilisiert wird. Das ist für viele Fans einfach ein Lebensgefühl. Am Anfang war das sehr explizit, ab Mitte der 90er wurde es aber immer vager und interpretationsoffener, sodass sich viel mehr Menschen darin wiederfinden konnten. Und mit dem Album „Adios“ von 2005, aber vor allem nach der Reunion im Jahr 2014 war ein immer stärkerer Selbstbezug als schon zuvor da, also dass sie ihr eigenes Leben reflektieren. Ob das in kritischer Weise geschieht, lasse ich mal dahingestellt.

Dadurch wurden die Fans immer zahlreicher?

Auf jeden Fall. Entscheidend dafür, dass sie so anschlussfähig sind, ist aber auch, dass sie ein ganzes Musikgenre, den Neuen Deutschrock, stark geprägt haben. Und dass sie die Art der Texte, mit denen eine vermeintliche Außenseiterposition transportiert wird, immer weiter verfeinert haben. Die sind auch rechts anschlussfähig, weil sie an den „kleinen Mann auf der Straße“ appellieren, der unter vermeintlich ignoranter Politik zu leiden hat. Es wird auf eine Perspektive vom „einfachen Volk“ gegen eine kleine Elite verengt. Hinzu kommen die in der Öffentlichkeit stark transportierte Bodenständigkeit, obwohl die Mitglieder der Böhsen Onkelz Millionäre sind, sowie eine Selbst-Stigmatisierung, eine Abgrenzung von bestimmten Kreisen und eine alltägliche Widerstandsrhetorik. Ich würde sie als konformistische Rebellen bezeichnen. Also: Ein bürgerliches Leben, aber man lässt sich nicht alles, was einem vermeintlich „von oben“ vorgeschrieben wird, gefallen – das ist die Haltung, die oft vertreten wird.

Werden die Onkelz überhaupt noch in rechten Kreisen gehört?

Ihre Beliebtheit hat dort stark abgenommen. Im Kreis gefestigter Neonazis wird man kaum noch Hörer finden. Von verschiedenen Rechtsrock-Bands gibt es auch Schmähsongs gegen die Onkelz.

Schmähungen in welcher Hinsicht?

Dass sie sich von Rechts abgewendet werden, sinngemäß: „Früher wart ihr cool, doch ihr habt uns/eure Ideen für Geld verraten.“

In einem Beitrag schrieben Sie, dass die Böhsen Onkelz „nicht nur einen zentralen Grundstein für die Entwicklung des Rechtsrock, sondern vielmehr für die extrem rechte Subkultur in Deutschland gelegt haben“. Was aber nicht heißt: Ohne die Onkelz gäbe es heute keinen Rechtsrock, keine extreme Rechte. Oder?

Nein, das ginge zu weit. Aber ihr musikalischer Stil ist für die großen Rechtsrock-Bands bis heute prägend. Da würden mir wenige andere einfallen, die so einen Einfluss hatten, außer der britischen Band Skrewdriver.
Stigma zur Trademark gemacht

Inwiefern hat die Berichterstattung über die Onkelz zum Ruf, aber auch zur Popularität der Band beigetragen?

Die Medien spielen bei der Reproduktion von Urteilen, Vorurteilen und Zuschreibungen eine zentrale Rolle. Dadurch wird einerseits der Ruf zementiert, andererseits haben die Onkelz dies auch aufgegriffen, das vermeintliche Stigma zur Trademark erhoben und es in mehreren Songs verarbeitet, zum Beispiel „Keine Amnestie für MTV“, „Auf gute Freunde“ oder „Onkelz vs. Jesus“. Das hat auch andere Bands inspiriert.

Wie fällt Ihre Einschätzung bei der Band Weimar aus, die im Dezember in der Arena Leipzig auftritt?

Die Band lässt sich in einer Grauzone mit rechten Untertönen verorten. Auch hier gibt’s ein „Wir gegen die“-Schema, doch die Texte konzentrieren sich auf Themen wie Wahnvorstellung, Verfolgung, ein überhöhtes Ehrgefühl und – was sie von den Onkelz am deutlichsten unterscheidet – entmenschlichende oder eliminatorische Freund-Feind-Stereotype. Außerdem die Verwurzelung in der extremen Rechten: Zwei Mitglieder haben in Rechtsrock-Bands gespielt. Die Distanzierung davon sah alles andere als glaubwürdig aus. Insofern würde ich Weimar anders einschätzen als die Böhsen Onkelz oder Frei.Wild. Wobei auch bei Frei.Wild eine Ambivalenz-Strategie herrscht: Sie distanzieren sich von Rechtsextremismus, aber geben rechtslibertären Medien wie „Apollo News“ Interviews.

Ab wann wird es aus Ihrer Sicht inhaltlich kritisch?

Wenn Bands nicht explizit der rechtsextremen Szene zugeordnet werden können, aber Versatzstücke dieser Ideologie aufweisen und nutzen. Da lassen sich drei Abstufungen vornehmen: Bands mit klarem Fokus auf Politik und Propaganda, bei denen Musik als funktionales Werkzeug betrachtet wird. Eine zweite Kategorie, die ich als „Identitätsmusik“ bezeichne und als „authentische Reflexion“ der eigenen Lebenswelt zwischen Musik und Politik, wie bei Frei.Wild. Weimar würde ich zwischen eins und zwei, mit deutlicher Tendenz zur zweiten Kategorie einordnen. Und drittens: Bands, die ihre Musik in erster Linie als Kunst definieren, also als außergewöhnlichen Teil ihres Lebens, mehr oder minder von der Privatperson losgelöst. Das sieht man zum Beispiel bei den Onkelz, die ihre Privatsphäre inzwischen besser abschirmen als früher, als es eine Trennung zwischen Band und privat noch nicht gab.

Manche Fans sagen, die Onkelz seien eine unpolitische Band. Würden Sie da mitgehen?

Unpolitisch kann man nicht sein. Aber sie sind keine ideologischen Vorkämpfer mehr für eine bestimmte Richtung oder äußern sich zumindest nicht mehr in dieser Richtung.

Zur Person
Maximilian Kreter ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden. Er promoviert zum Thema „Juvenile Rebellion oder rechtsextreme Propaganda? Die Ideologie des Rechtsextremismus im deutschsprachigen Rechtsrock von 1977 bis 2017“. Zuvor studierte er an den Universitäten Frankfurt und Turku Politikwissenschaft, Soziologie und Geschichte. Aufgrund seines Forschungsgegenstandes möchte er sein Gesicht nicht in der Öffentlichkeit zeigen.

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Am 9. November 1985 folgte ein weiteres Konzert mit den „Böhsen Onkelz“ und „Vortex“ vor rund 200 Neonazi-Skinheads:

https://antifainfoblatt.de/aib3/neonazi-konzert-kreuzberg-verhindert