Jugendliche aus Torgau misshandeln Obdachlosen – und filmen die Tat
Eine Gruppe Jugendlicher soll in Torgau einen obdachlosen, geistig beeinträchtigten Mann (37) brutal misshandelt und die Tat gefilmt haben. Die schockierenden Videos verbreiteten die mutmaßlichen Täter offenbar selbst.
Ein obdachloser, geistig beeinträchtigter Mann (37) wird in Torgau Opfer einer brutalen Gruppe Jugendlicher – gedemütigt, misshandelt, getreten und verletzt. Die Tat filmen die mutmaßlichen Attackierer selbst.
Ermittlungen gegen acht junge Beschuldigte
Die Aufnahmen vom Gelände der ehemaligen Landesgartenschau (Laga) wurden zunächst über soziale Netzwerke von den Tätern verteilt. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Leipzig gegen acht junge deutsche Beschuldigte.
„Ich kann bestätigen, dass es am 27. April gegen 20.15 Uhr auf dem Laga-Gelände in Torgau zu einem körperlichen Übergriff auf einen obdachlosen und geistig behinderten Mann kam“, teilt Staatsanwältin Vanessa Fink mit. Die Zweigstelle Torgau der Anklagebehörde leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Tatverdachts der gefährlichen Körperverletzung ein.
Die Beschuldigten sind zwischen 12 und 18 Jahre alt, unter ihnen eine junge Frau. Gegen zwei 14 und 17 Jahre alte männliche Beschuldigte wurden drei Tage nach der Tat auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehle erlassen und in Vollzug gesetzt. Sie befinden sich seitdem in Untersuchungshaft in der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen.
„Der Geschädigte konnte nach erfolgter medizinischer Behandlung aus dem Krankenhaus entlassen werden“, so Fink. Weitere Informationen könnten derzeit aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht gegeben werden.
Opfer und Täter kannten sich wohl
Nach Informationen der LVZ kannten sich die jugendlichen Tatverdächtigen und das Opfer. Der Obdachlose war demzufolge seit Längerem häufig im Stadtbild zu sehen, entweder in der Innenstadt oder im Stadtpark Glacis. An Treffpunkten, wo sich auch Jugendliche gerne aufhalten, seien sie sich begegnet. Es soll sogar vorgekommen sein, dass Jugendliche dem Mann halfen, indem sie etwa Pfandflaschen für ihn sammelten.
Sie wussten auch, dass er in einem Objekt in der Nähe regelmäßig Unterschlupf fand. Unter einem Vorwand sollen sie ihn an jenem verhängnisvollen Montag zur Skateanlage im Stadtpark gelockt haben.
Brutale Attacke an Skateanlage in Torgau
Dort sollen sie den Obdachlosen schließlich attackiert haben. Auf Filmaufnahmen ist zu sehen, wie der Mann mit den Teenagern spricht, bevor Fußtritte auf ihn einschlagen und er zu Boden geht. Es soll weitere Videos mit eindeutigen Aufnahmen geben, eins liegt der LVZ vor und wird für authentisch gehalten. Die Jugendlichen verschickten die Clips, offenbar um sich mit ihrer Tat im Freundeskreis zu brüsten.
In der Folge, so ergeben es LVZ-Recherchen, sollen sie den Mann genötigt haben, den Mund zu öffnen und in eine erhöhte Kante auf dem Boden zu beißen. Dies geschah möglicherweise in Anlehnung an den US-Film „American History X“ über die US-amerikanische Neonazi-Szene. Er zeigt die brutale Ermordung von zwei Afroamerikanern durch „Randsteinbeißen“ und Tritte.
Zwei Tatverdächtige in U-Haft
Erst durch die fünf bis sechs Videos, die die jungen Täter selbst verschickt haben sollen, wurde der Vorfall einigen Menschen bekannt, die erschraken und die Polizei einschalteten. Kurz danach wurden die beiden 14‑ und 17-Jährigen festgenommen. Sie sitzen in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen dauern an.
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Silke Kasten – lvz
09.05.2026
Misshandlung von Obdachlosem in Torgau: OB Simon beklagt „unterlassene Hilfeleistung“
Nach dem brutalen Übergriff auf einen obdachlosen, geistig beeinträchtigten Mann (37) in Torgau ermittelt die Polizei gegen acht Jugendliche. Oberbürgermeister Henrik Simon zeigt sich erschüttert – und fordert mehr Zivilcourage statt Wegsehen.
Nach dem brutalen Übergriff auf einen obdachlosen und geistig beeinträchtigten Mann im Torgauer Stadtpark Glacis wächst die Fassungslosigkeit in der Stadt. Während die Ermittlungen gegen insgesamt acht Tatverdächtige laufen, äußert sich nun auch Oberbürgermeister Henrik Simon mit deutlichen Worten – und richtet zugleich einen eindringlichen Appell an die Bevölkerung.
Acht Jugendliche unter Verdacht
Eine Gruppe Jugendlicher im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, darunter ein Mädchen, hatten einen obdachlosen und geistig beeinträchtigten 37‑jährigen Mann verletzt, misshandelt und gequält. Die Tat geschah am 27. April gegen 20.15 Uhr am Rande der Skateanlage im Stadtpark Glacis. Zwei männliche Tatverdächtige, 14 und 17 Jahre alt, wurden in U-Haft genommen. Es wird insgesamt gegen acht Jugendliche wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Das Opfer musste im Krankenhaus behandelt werden, konnte inzwischen aber entlassen werden.
Videos zeigen schwere Misshandlungen
Die Teenager hatten ihre Tat mit Handys gefilmt und die Videos mit anderen geteilt. Darauf ist unter anderem zu sehen, wie das Opfer von verschiedenen Jugendlichen getreten und geschlagen wird. Zudem wird der Mann gezwungen, sich zu entkleiden. Entsprechende Mitschnitte des Vorfalls liegen der Redaktion vor. Quellen berichten auch, dass es zu weiteren sadistischen Misshandlungen, darunter Tritte gegen den Kopf, Quälereien und Demütigungen, gekommen ist. Diese seien auf weiteren Videos zu sehen.
Nach LVZ-Informationen soll es erwachsene Augenzeugen gegeben haben, die das gewalttätige Geschehen mutmaßlich gesehen haben. Sie schritten aber weder ein noch alarmierten sie Hilfe.
OB Simon zeigt sich tief erschüttert
Für Oberbürgermeister Henrik Simon (ABDT) ist dieses Geschehen schockierend. Er wollte an diesem Freitag eigentlich in bester Laune den „Inklusionstag“ begehen. Dieser wird maßgeblich zusammen mit der Lebenshilfe ausgerichtet, die das Ex-Gartenschau-Gelände inklusive Skateanlage betreut.
„Mit großer Bestürzung und tiefem Entsetzen habe ich von dem brutalen Übergriff erfahren“, teilte er auf Anfrage mit. „Die Berichte über die Misshandlungen erschüttern mich persönlich und stehen in krassem Widerspruch zu den Werten unserer Stadtgesellschaft.“
Ein Mensch sei auf grausame Weise erniedrigt und verletzt worden. „Für eine solche Tat gibt es keine Rechtfertigung“, stellt Simon fest. „Gewalt, Menschenverachtung und das Ausnutzen der Schwäche eines anderen dürfen bei uns keinen Platz haben.“ Im Namen der Stadt spricht er dem Opfer sein Mitgefühl aus und wünscht schnelle Genesung.
Appell für mehr Zivilcourage
Ebenso betroffen stimmt ihn die Tatsache, dass es offenbar zahlreiche Schaulustige gab, die weder eingegriffen noch Hilfe organisiert haben. „Wegsehen, Zuschauen oder Untätigkeit in einer solchen Situation sind erschreckend und dürfen nicht zur Normalität werden“, warnt Simon. „Wer Zeuge von Gewalt wird, trägt Verantwortung – sei es durch direktes Eingreifen oder durch das Verständigen von Polizei und Rettungskräften. Zivilcourage kann Leben retten.“
Das Stadtoberhaupt verurteilt deshalb nicht nur die Täter aufs Schärfste, sondern auch die „unterlassene Hilfeleistung“ und die „Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid eines Mitmenschen“. Eine Gesellschaft verliere ihren Zusammenhalt dort, wo Notleidende allein gelassen werden.
Simon: „Schauen Sie nicht weg“
„Ich appelliere an alle Torgauerinnen und Torgauer: Schauen Sie nicht weg. Lassen Sie Gewalt, Erniedrigung und Hass nicht zu“, so Simon. „Zeigen Sie Haltung, Mitmenschlichkeit und Zivilcourage. Unsere Stadt lebt von Respekt, Menschlichkeit und gegenseitiger Verantwortung. Dafür müssen wir gemeinsam einstehen – jeden Tag.“ Er hoffe, dass alle Tatbeteiligten nach Abschluss der Ermittlungen zur Rechenschaft gezogen werden.
Große Empörung in sozialen Medien
Auf große Resonanz stößt die Berichterstattung über den Fall in den sozialen Medien. Fast durchweg wird darin Abscheu über die Tat bekundet. Viele wünschen sich, dass die jungen Tatverdächtigen hart bestraft werden.
Allerdings steht generell beim Jugendstrafrecht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Sollte es also am Ende der Ermittlungen zu Anklagen gegen Beschuldigte kommen, wird dies in einem gerichtlichen Verfahren zu berücksichtigen sein. Gleichwohl ist gefährliche Körperverletzung ein schweres Vergehen, für das auch das Jugendstrafrecht fühlbare Sanktionen vorsieht.
Warum wir die mutmaßlichen Täter nicht zeigen
Viele Leser fragen sich auch, warum wir auf den Bildern die mutmaßlichen Tatbeteiligten verpixeln. Dazu stellen wir fest, dass Medien generell den Persönlichkeitsschutz zu beachten haben. Dies gilt auch bei der Berichterstattung über Straftaten oder Gerichtsprozesse.
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Silke Kasten – lvz
08.05.2026
Jugendliche quälen Obdachlosen in Torgau: Wenn jede Menschlichkeit verloren geht
Ein obdachloser, geistig beeinträchtigter Mann soll im Torgauer Stadtpark brutal misshandelt worden sein – mutmaßlich von Jugendlichen. Angesichts einer wachsenden Verrohung und steigender Jugendkriminalität stellt sich die Frage, wie Gesellschaft und Justiz noch gegensteuern können.
Was im Torgauer Stadtpark geschehen sein soll, sprengt die Grenzen dessen, was man noch als jugendliche Entgleisung verharmlosen könnte. Wie kann es sein, dass mehrere Jugendliche einen obdachlosen, geistig beeinträchtigten Mann derart misshandeln, quälen und erniedrigen? Woher kommt eine solche Gewaltbereitschaft und Grausamkeit – noch dazu in so jungen Jahren?
Torgau: Steigende Kinder- und Jugendkriminalität
In Torgau gibt es schon lange mahnende Stimmen, die vor der steigenden Kinder- und Jugendkriminalität warnen. Polizei, Kripo, Staatsanwaltschaft, Jugendrichter oder die Jugendgerichtshilfe: Sie haben frühzeitig darauf verwiesen, dass viele junge Delinquenten lange nicht mehr „nur“ Ladendiebstähle begehen. Dass die Hemmschwellen zu schweren Straftaten, auch Gewaltdelikten, sinken. Aber die Abgründe der Verrohung, die sich bei dieser Tat offenbaren, haben wohl die wenigsten vorausgesehen.
Nun werden sich viele Juristen, Psychologen, Jugendamtsmitarbeiter und andere Experten Gedanken machen, wie mit jedem einzelnen Tatverdächtigen zu verfahren ist. Jugendstrafe soll nicht in erster Linie bestrafen, sondern erzieherisch wirken und auf den Pfad der Tugend verhelfen. Nur: Wie kann es gelingen, zutiefst verrohte Seelen, die zu einer solchen Tat fähig sind, zu Empathie zu befähigen?
Es sind verstörende Zeiten, auch in Torgau.
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Tanja de Wall – Torgauer Zeitung
08.05.2026
„Alle füreinander“: Wie Torgau nach der Gewalttat zusammenrückt
Nur wenige Tage nach der brutalen Attacke auf einen obdachlosen, geistig beeinträchtigten Mann sendet das Inklusionsfest in Torgau eine klare Botschaft: Respekt, Zusammenhalt und Menschlichkeit sollen stärker sein als Ausgrenzung und Gewalt. Hier Reaktionen und Bilder.
Nur wenige Tage nach einer erschütternden Gewalttat gegen einen obdachlosen, geistig beeinträchtigten Mann (37) in Torgau stand das Inklusionsfest am Freitag unter besonderen Vorzeichen.
Während auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau hunderte Besucher gemeinsam feierten, diskutierten und Barrieren abbauten, beschäftigte viele vor allem eine Frage: Wie kann ein respektvolles Miteinander gelingen, wenn Ausgrenzung und Gewalt so nah sind?
Bewusstsein schaffen und Barrieren abbauen
„Es passieren täglich viele schlimme Dinge“, sagt Stefanie Stramm, Koordinatorin für inklusives Stadtmanagement und Organisatorin der Veranstaltung, die die Stimmung dennoch als ausgelassen beschreibt. Daher sei es umso wichtiger, Bewusstsein für Inklusion zu schaffen.
Barrieren sollen abgebaut und das Thema in die Welt getragen werden. „Wir sollten alle ein bisschen besser aufeinander aufpassen. Aber ich glaube, wir haben erreicht, dass sich heute ein sehr wertschätzendes Netzwerk gebildet hat“, so Stramm.
Vielfältiges Angebot auf dem Gelände der Landesgartenschau
Hunderte Besucher strömten bereits am Vormittag über das Gelände der ehemaligen Landesgartenschau. Rund 45 Stände präsentierten Torgauer Vereine, Initiativen und Einrichtungen. Neben Essen und Getränken gab es Mitmachangebote, Informationsstände und Spiele für Kinder.
Menschen mit und ohne Beeinträchtigung kamen miteinander ins Gespräch. Viele nutzten die Gelegenheit, sich über Inklusion, Unterstützungsangebote und ehrenamtliche Arbeit zu informieren. Auch Menschen mit Beeinträchtigung könnten sich engagieren und andere unterstützen, bestätigt Veit Niegsch, Geschäftsführer der Lebenshilfe und Elbaue-Werkstätten. „Hier wird zu niemandem gesagt: ‚Du gehörst hier nicht her.‘“
Inklusion als gesellschaftlicher Auftrag
Auch für Jacqueline Schreyer, Ergotherapeutin bei der Lebenshilfe im Bereich ‚Das Wohnen‘, dürfe Inklusion nicht nur ein Schlagwort sein, sondern müsse überall mitgedacht werden – im Leben, bei der Arbeit, in der Freizeit. Deshalb sei ein respektvoller Umgang miteinander entscheidend: „Eine solche Tat wie vor einigen Tagen – wir hoffen einfach, dass das ein Einzelfall bleibt.“
Michele Klaus Schulze, Schiedsrichter bei TSV 1862 Schildau, erwidert: „Dass da niemand dazwischengegangen ist, ist ein Armutszeugnis. Einfach leben und leben lassen. Die Stimmung lassen wir uns aber davon nicht kaputt machen.“
Erschütterung über Gewalt an der Skaterbahn
Bianca Hampe, Lehrerin am Beruflichen Schulzentrum in Torgau, schildert ihre persönliche Erschütterung, nachdem sie die „Skaterbahn“ vor sich sah, wo sich die Gewalttat zugetragen hat. „Wenn jemand am Boden ist, dann schlägt man nicht mehr drauf.“ Sie könne nicht nachvollziehen, mit welcher Brutalität Jugendliche gegen jemanden vorgehen könnten. Für sie habe das sehr viel mit dem Gedanken von Inklusion zu tun: „Inklusion heißt: Alle füreinander. Das ist das, was wir erreichen wollen.“