Eltern wollen in Zwickau neue Schule gründen
Nachdem sich die Initiative von einem Mitstreiter getrennt hat, der einer rechtsesoterischen Bewegung nahe gestanden sein soll, nehmen die Gründungsvorbereitungen jetzt Fahrt auf.
Zwickau.
Wenn Franziska Groh und ihre Mitstreiterinnen über ihr Schulprojekt in Zwickau reden, strahlen sie Optimismus aus. Seit drei Jahren bastelt die Elterninitiative an der Gründung einer freien Schule in der Stadt. Ihre Idee: Selbstbestimmtes Lernen nach den Konzepten von Montessori, Walldorf und Jenaplan. Zum kommenden Schuljahr soll es losgehen, bis dahin gibt es für die engagierten Frauen noch viel zu tun. Das Interesse, sagen sie, sei bereits groß.
Mathe im Gartenbeet statt im Klassenzimmer
„Schiff Zwickau“ wird die Schule heißen, die die Elterninitiative in Zwickau gründen möchte. Sie soll die erste dieser Art in der näheren Umgebung sein und eine Alternative zu konventionellen Schulkonzepten darstellen. „Von der Praxis in die Theorie und nicht umgekehrt“ – so fasst die Vereinsvorsitzende Groh ihre Idee zusammen. Was das bedeutet, erklärt sie an einem konkreten Beispiel: Statt sich in einen Zahlensalat zu stürzen, lernen Schüler mathematische Grundlagen, während sie ein Gartenbeet anlegen und dessen Maße bestimmen müssen. „Die Kinder sollen erst sehen, wofür sie etwas brauchen, um dann die Motivation zu haben, es sich zu erarbeiten“, sagt Groh.
Unterrichtet wird in altersgemischten Lerngruppen von der ersten bis zur zehnten Klasse. Danach können die Kinder an einer staatlich anerkannten Schule eine Prüfung ablegen sowie einen regulären Abschluss erwerben. Darüber hinaus will die Einrichtung einen eigenen Abschluss anbieten, ähnlich dem Waldorf-Abitur. Einen festen Stundenplan gibt es nicht, ebenso wenig werden Noten vergeben. Stattdessen bekommen die Schüler ihren Lernfortschritt über eine passende Software gespiegelt.
Unterricht nach sächsischem Lehrplan
Am Anfang hätten sie sich vieles einfacher vorgestellt, das geben die Frauen zu. Mittlerweile liegt beim Landesamt für Schule und Bildung (LaSuB) aber der Antrag zur Gründung einer Ersatzschule vor. Gesucht werden noch Lehrer in den Fächern Deutsch, Geschichte und Informatik. Alle Inhalte, die der sächsische Lehrplan vorgibt, sollen unterrichtet werden. „Nur eben projektorientiert und individuell auf die Kinder zugeschnitten“, betont Franziska Groh.
Ein passendes Schulgebäude haben sie auch im Blick: eine städtische Immobilie in Auerbach, inklusive Außenlage für Schulgarten und Pausenhof. Die Initiative hat sich darum beworben, eine feste Vereinbarung gibt es laut Stadtverwaltung aber noch nicht.
Vor zwei Jahren machte das Projekt von sich reden, als „Zeit“ und „Freie Presse“ über einen möglichen Anhänger der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung als damaligen Kopf der Initiative berichtete. „Alles, was dort geschrieben wurde, hatte nichts mit uns zu tun“, sagt Franziska Groh. Der Mann mit Verbindungen ins rechtsesoterische und Reichsbürger-Milieu ist inzwischen nicht mehr Mitglied der Initiative.
Handwerksbetriebe zeigen Interesse
Aktuell gibt es positive Signale aus der Stadtgesellschaft. Vor allem Handwerksbetriebe hätten Interesse am Schulprojekt bekundet. Laut Vereinsmitglied Dorothea Neumärkel-Goldhan hat das etwas mit dem Konzept zu tun: „Wir wollen, dass die Kinder mit beiden Händen arbeiten und die Perspektive haben, etwas Echtes zu tun.“ Aus diesem Grund sollen Betriebe direkt in den Schulalltag einbezogen werden. „Es wäre definitiv eine Bereicherung für Zwickau“, sagt Unternehmer und Stadtrat Uwe Seidel (CDU). Er hatte sich bei einem Treffen ein Bild von der Initiative gemacht.
150 Euro Schule müssen Eltern monatlich aufbringen, wenn sie ihr erstes Kind in der Einrichtung unterbringen wollen. Laut Franziska Groh hat das „Schiff Zwickau“ für das kommende Schuljahr bereits jetzt mehr Anmeldungen, als Plätze vergeben werden können. In den nächsten Wochen sollen Kennenlerntage stattfinden. Sie sagt: „Ich sehe schon die Kinder im Schulgebäude und draußen herumrennen und Spaß haben.“
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Michael Stellner 01.02.2024 Freie Presse
Rechtsesoterische Anastasia-Bewegung: Wollen Anhänger in Zwickau eine Schule gründen?
Eine Elterninitiative versucht, in Zwickau eine freie Schule aufzubauen. Einem Medienbericht zufolge ist aber der Kopf der Gruppe in dubiosen Kreisen unterwegs.
Zwickau.
Der Name der neuen Schule klingt blumig, die Sprache der Initiatoren genauso: Schaut man auf der Homepage der Löwenzahn-Schule vorbei, begrüßt einen der jüngste Eintrag mit der Anrede: „Ihr Lieben!“ Ein halbes Jahr nur habe man sich vorgenommen gehabt für die Gründung einer neuen, freien Schule in Zwickau. „Und das war wirklich eine spannende und aufregende und magische Zeit“, heißt es dort. Die Wortwahl ist betont positiv, der Duktus blumig, ja eben ein wenig magisch.
Weit weniger zauberhaft ist, was die „Zeit“ nun in Zusammenhang mit der Schulgründung in Zwickau berichtet: Der führende Kopf der Gruppe soll ein Sympathisant der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung sein und auch sonst in bedenklichen Onlinekreisen verkehren. „Indoktrination im Klassenzimmer?“ überschreibt die Redaktion ihren Artikel.
Dubioser Verein propagiert „Germanische Heilkunde“
Im Kern geht es um den Vorwurf, der Frontmann der Gruppe oute sich in Chatgruppen als Befürworter diverser dubioser Erziehungsmodelle, habe an einer Doku eines rechtsoffenen Portals über die Abschaffung der Schulpflicht mitgewirkt und interessiere sich für die militärisch ausgerichtete Schetinin-Pädagogik. Unter anderem soll er 2021 als Teil der Administratorengruppe an einem digitalen Treffen des Vereins „Wissen schafft Freiheit“ teilgenommen haben.
Der Verein „Wissen schafft Freiheit“ gilt als problematisch. Die Berliner Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (Farn) warnt, „Wissen schafft Freiheit“ verbreite demokratiefeindliche Aufrufe und sei von Anastasia-Ideologie geprägt, die Rechtsesotherik, völkisches Gedankengut und Antisemitismus transportiere. Das zur Antonio-Amadeu-Stiftung gehörende Portal Belltower News berichtet, dass der Verein zur Verbreitung seiner Anastasia-Ideologie und „Germanischer Heilkunde“ ausgerechnet zu Schulgründungen aufrufe. Ist in Zwickau wirklich gerade so etwas im Gange?
Die Recherchen, auf die sich die „Zeit“ stützt, sind größtenteils von anonymen Recherchekollektiven im Internet durchgeführt worden. Auf dem Kurznachrichtendienst X, früher Twitter, postete der linke Account Zwickau-Watch schon vor Monaten Hinweise auf die angeblichen Verbindungen des Zwickauer Schulgründers zum Anastasia-Kult. Der „Spiegel“ bezeichnete die Anastasia-Bewegung als „rechte Öko-Sekte“. Der Verfassungsschutz hat sie 2023 als rechtsextremen Verdachtsfall eingestuft. Anastasia ist die Titelfigur einer russischen Romanreihe, in der es vordergründig um die esoterische Rückbesinnung auf die Natur geht, die aber gleichzeitig verschwörungsideologische, rassistische und antisemitische Inhalte transportiert.
Glückliche Kinder auf grünen Wiesen
Gibt es in der Zwickauer Schulgründer-Initiative Bestrebungen, Kinder auf diese Weise zu indoktrinieren? Die Vorwürfe in dem Medienbericht richten sich lediglich gegen den Hauptakteur. Öffentlich dazu geäußert hat sich die Elterninitiative bislang nicht. Eine Anfrage der „Freien Presse“ blieb unbeantwortet. Auf ihren öffentlich zugänglichen Seiten zeigen die Initiatoren Fotos von glücklichen Kindern beim Spielen auf grünen Wiesen und von sich selbst, lachend, freundlich, aufgeschlossen. Es gibt auf den Seiten keinerlei Hinweise auf verschwörungsideologisches Gedankengut. Tut man ihnen Unrecht?
Als die Initiatoren ihr Vorhaben vor einigen Monaten bei Radio Zwickau vorstellten, sprachen sie über die schwierige Finanzierung. Über Spendenaufrufe versuchen sie, 200.000 Euro aufzutreiben und werben auf ihrer Homepage um Lehrkräfte. Der Standort der Schule steht ebenfalls noch nicht fest.
Die Stadt Zwickau wurde nicht kontaktiert
Die Zwickauer Stadtverwaltung weiß von den Schulplänen nur aus den Medien. Auf die Stadtverwaltung sei noch niemand zugekommen. Das sächsische Kultusministerium, das Schulgründungen genehmigen muss, hat angekündigt, Maßnahmen zu ergreifen, wenn Zweifel an der Eignung einzelner Personen auftreten.
Aktuell liege kein Antrag auf eine Schulgründung der Löwenzahn-Schule vor, sagt eine Ministeriumssprecherin. Auf Instagram schreiben die Eltern, der Schulstart sei auf 2025/26 verschoben. Und: „Unser Herzensprojekt wurde überschattet von Stress und Hektik, von Hetzerei und Druck“.
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Sophie Tiedemann 30. Januar 2024 ZEIT
Indoktrination im Klassenzimmer?
In Sachsen will ein Sympathisant der rechten Anastasia-Bewegung eine Schule gründen. Beobachter fürchten, dort könnten Kinder mit gefährlichen Ideen in Kontakt kommen.
Zwickau soll eine neue Schule bekommen, und zwar eine ganz besondere. In der Löwenzahn-Schule sollen Kinder nach ihren eigenen Wünschen lernen dürfen. In altersgemischten Gruppen und ohne Notenbewertung. Es wäre die erste alternative Schule in freier Trägerschaft in der sächsischen Stadt. Hinter der Idee steckt ein achtköpfiger Verein, die Elterninitiative Zwickau. Eigentlich sollte der Lehrbetrieb schon im kommenden Sommer starten. Im Dezember gaben die Initiatoren jedoch bekannt, man verschiebe den Schulstart um ein Jahr.
Anmeldungen interessierter Eltern lägen bereits bis 2028 vor, teilt die Initiative auf Instagram mit. Für sie seien ab diesem Frühjahr Kennenlerntage geplant, ebenso wie für potenzielle Mitarbeiter. Auch einen Hort möchten die Schulgründer aufbauen. „Wir wollen unseren Kindern ermöglichen, sich frei, selbstbestimmt, fröhlich, wissbegierig, mit Achtsamkeit und voller Selbstbewusstsein zu entwickeln“, schreiben sie auf ihrer Website.
Doch ein Blick auf den Hintergrund eines der führenden Köpfe, Sandro G., nährt den Verdacht, dass es bei der Schulgründung um weit mehr als nur um alternatives Lernen geht. Könnten Kinder in der Schule mit dem Gedankengut der rechtsesoterischen Anastasia-Bewegung indoktriniert werden?
Rechtsextremer Verdachtsfall
Der Kult um Anastasia wird seit Juni 2023 vom Verfassungsschutz bundesweit als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft. Anhänger der Bewegung orientieren sich an der gleichnamigen Protagonistin einer russischen Romanreihe. Vordergründig geht es in den Büchern um eine esoterische Rückbesinnung auf ein Leben in der Natur. Gleichzeitig werden zahlreiche antisemitische und demokratiefeindliche Verschwörungsmythen verbreitet. Der Verfassungsschutz geht von einem hohen Radikalisierungspotenzial aus.
Als Teil der Bewegung gilt auch der österreichische Verein Wissen schafft Freiheit, gegründet vom einstigen Zauberkünstler Ricardo Leppe. Er wirbt offensiv für die Gründung freier Schulen und stellt sich als unpolitische Lernplattform dar. Tatsächlich vernetzen sich in regionalen Telegram-Gruppen und auf Leppes YouTube-Kanal zahlreiche Querdenker, Verschwörungsideologen, Reichsbürger und Esoteriker – und Sandro G.
Ein Video aus dem Jahr 2021 zeigt ein digitales Treffen, bei dem es um den Aufbau eines Netzwerks von Wissen schafft Freiheit in Sachsen geht. Stolz sei er, im Admin-Team dabei zu sein, betont G. Als er Ricardo Leppe das erste Mal auf einem Online-Kongress erlebt habe, sei er direkt begeistert gewesen. Das Programm des besagten Kongresses lässt sich zurückverfolgen: Mit von der Partie waren dort die prominentesten Gesichter der deutschen Anastasia-Szene.
Militärischer Drill im Klassenzimmer
Anna Weers ist Referentin für Rechtsextremismus in ländlichen Räumen bei der Amadeu Antonio Stiftung und beobachtet die Szene schon lange. Dass auch Wissen schafft Freiheit sich an der Anastasia-Bewegung orientiert, sei von Beginn an klar gewesen. Und: Der Verein sei gefährlicher, als es auf den ersten Blick scheint. „Das Ziel, was ganz oben steht, ist, eigene Strukturen aufzubauen und eine Alternative zu unserem gesamten demokratischen System zu schaffen“, sagt Weers. Vor den Folgen rechtsesoterischer Schulgründungen warnt auch die Politologin Karin Schnebel: „Der Staat wird abgelehnt und es werden Kinder erzogen, die in der nächsten Generation den Staat nicht respektieren.“
Innerhalb der Szene hegt man die Vorstellung einer idealisierten Alternative zum staatlichen Schulbesuch. Zu einem regelrechten Mythos hat sich die Schetinin-Schule entwickelt. Das Lehrmodell des gleichnamigen Gründers, eines mittlerweile verstorbenen russischen Musiklehrers und Anastasia-Anhängers, greift auf esoterische, sensationell anmutende Lernversprechen zurück, betont Naturverbundenheit und selbstbestimmtes Lernen. Doch das ist nicht alles.
Anna Weers erläutert: „Tatsächlich geht es in der Schetinin-Schule viel um militärischen Drill. Kinder werden an Waffen gewöhnt, es wird Nahkampf geübt und es herrscht eine strikte Geschlechtertrennung.“ Kritisch sei auch der weltanschauliche Überbau der Schetinin-Lehre, warnt Politologin Schnebel: „In der Schetinin-Schule werden Kinder auf russisch-nationalistisches Gedankengut gedrillt.“ In Deutschland hat sich eine Organisation namens Internationale Schul-, Sport- und Kulturakademie zum Ziel gesetzt, die Schetinin-Lehre zu etablieren. Unter ihren Interessenten ist offenbar auch Sandro G. In einem Chat verkündet er, an einem Seminar teilnehmen zu wollen und fragt nach Mitfahrern.
Sorge auch im Kultusministerium
Viele in der rechtsesoterischen Szene meinen, man müsse Kinder dem staatlichen Zugriff an öffentlichen Schulen entziehen. Sandro G. soll laut QReX-Recherchekollektiv an einer Filmdokumentation des christlich-fundamentalistischen Verschwörungssenders Klagemauer.tv mitgewirkt haben, der regelmäßig Rechtsextremen eine Bühne bietet. Inhalt der Doku: die Abschaffung der Schulpflicht. In einem gesicherten Chat schreibt eine Mitarbeiterin des Senders, man müsse das Thema auf den Tisch bringen. Daumen hoch von Sandro G., der später als Mitglied des Sendungsteams gelistet wird.
Eine Presseanfrage zum ideologischen Hintergrund der geplanten Löwenzahn-Schule ließen G. und die Elterninitiative Zwickau unbeantwortet. Politologin Karin Schnebel warnt, unwissende Eltern könnten geködert werden: „Wenn wir unsere Demokratie schützen wollen, dann sollten wir aufpassen, dass solche Schulen bei uns keine Früchte tragen.“
Das sächsische Kultusministerium teilt mit, die Gefahr rechtsesoterischer Vereinnahmung von Bildungsinstitutionen habe man auf dem Schirm. Sollten im Schulgründungsprozess Zweifel an der Eignung einzelner Personen auftreten, werde die Schulaufsicht Maßnahmen ergreifen, schreibt Pressesprecher Dirk Reelfs.
Auf der Website der Löwenzahn-Schule heißt es, man wolle mit den Behörden zusammenarbeiten. Zugleich beschwert sich die Schulinitative auf Instagram, das Projekt sei „überschattet“ worden „von Hetzerei und Druck“. Und Sandro G. wird nicht müde, seine Agenda einer visionären Schule zu verbreiten. „Wir sind Schöpfer einer schönen, neuen Welt“, schreibt er in einer Telegram-Gruppe der Freien Sachsen – einer rechtsextremen Partei.