Wir müssen über Ulf reden
Wenn ein Troll wie Anders Breivik klingt, hört der Spaß endgültig auf. ‘Der Große Austausch‘ steht für eine der tödlichsten Ideologien der letzten Jahrzehnte und darf niemals verharmlost werden.
Aktuell ist eine absurd wichtige Fragen in unserer aus den Fugen geratenen Welt: Wie geht man mit Trollen und Shitpostern um? Ulf Poschardt wurde jüngst von Olli Schulz einfach ausgelacht, was lustig war. Ich befürchte aber, wir müssen Ulf P. durchaus ernst nehmen. Ich hatte selber lange versucht, Poschardt zu ignorieren, da ich sein stumpfes Provozieren intellektuell ausgesprochen langweilig fand. Zudem kenne ich ihn persönlich.
Hängen blieb bei mir allein die Szene, als er nach dem Attentat 2016 auf dem Berliner Breitscheidplatz, 13 Tote, nur ein Detail wirklich interessant fand: Dass der Täter aus Tataouine in Tunesien stammte. Das klingt wie der Planet, auf dem Luke Skywalker aufgewachsen ist – Tatooine –, stellte er begeistert fest und das half ihm, die Ideologie hinter dem Anschlag zu verstehen: Denken die Islamisten etwa, sie sind die Rebellen und wir das Imperium ? – Ja, genau, Ulf.
Als er nun eine Kolumne mit der Überschrift „Muslimische Migration: Der große Austausch des Wahlvolks“ veröffentlichte, wäre eine Möglichkeit gewesen, einfach zu sagen: No dice, ich beiße nicht an. Doch diese Schlagzeile und der gesamte Artikel markieren eine weitere Entgrenzung, die als solche verstanden werden muss.
Ich beschäftige mich seit Jahren beruflich mit dem Konzept “der Große Austausch“, weil diese Theorie den Kern der Ideologie der AfD ausmacht. Die Idee geht allerdings auf Rechtsterroristen zurück. Ich habe daher Texte und Briefe des Massenmörders Anders Breivik und das Manifest von Brenton Tarrant („The Great Replacement“) gelesen.
Der Christchurch-Attentäter Tarrant shitpostete vor allem bei 4Chan, beklagte dort ausdauernd, dass muslimische Migranten den “weißen Mann” verdrängen würden. Am Ende kündigte er seinen Terror in einem Online-Forum an. Auch der norwegische Rechtsterrorist Breivik schrieb exzessiv in rechtsradikalen Foren, wollte eigentlich Buchautor werden, war zwanghaft online. Also, ja, Blogger, Shitposter, Trolle – leider muss man sie ab einem bestimmten Punkt sehr ernst nehmen.
Ich habe den Klang von Tarrants und Breiviks Texten im Kopf – ich erkenne ihr Echo, wenn ich es höre, lese, oder: lesen muss.
Vor allem habe ich mit den Opfern dieser Ideologie gesprochen. So habe ich etwa ein Interview mit der Norwegerin Ylva geführt, die als 15-Jährige auf der Insel Utøya von vier Kugeln getroffen worden war. Sie überlebte wie durch ein Wunder, während um sie herum andere Jugendliche am Ufer der Insel verbluteten.
Der Rechtsterrorist Anders Breivik hatte mit einem Sturmgewehr auf die Kinder und Jugendlichen geschossen, weil sie dort an einem Sommercamp der Arbeitspartei-Jugend teilgenommen hatten. Seine Motive erklärte Breivik in einem Brief an Beate Zschäpe, Unterstützerin des NSU, nachdem er ihr vorgerechnet hatte, dass die 69 Todesopfer auf Utøya im Schnitt gerade 18,2 Jahre alt gewesen waren:
„…aber 44 von 65 Mitgliedern der Arbeiterjugend (AUF) hatten Positionen in der politischen Führung inne und viele waren für die Wahl nominiert.“
Breivik weiter:
„Diese Leute haben… Aktionen durchgeführt oder geplant, die einen weiteren Abbau unserer ethnischen Gruppe und Kultur mit sich bringen und die dazu führen werden, dass wir, die indigenen Norweger, innerhalb von 5 Jahren in Oslo zu einer Minderheit werden. Dieser Verrat ist so schwerwiegend, dass der 22.7. [der Tag der Attentate von Utøya und Oslo] meiner Meinung nach als ein Akt der ethnischen, religiösen und kulturellen Selbstverteidigung gerechtfertigt war.
Breivik beschreit Zschäpe zudem glasklar sein Ziel: Die Gesellschaft zu polarisieren, um „dem multikulturellen Experiment [zu] schaden”.
Nach Breiviks Tat eroberte seine Sicht der Dinge – die weißen Europäer werden von muslimischen Migranten verdrängt – vor allem die rechte digitale Welt im Sturm. Der Text „Der Große Austausch“ (Le grand remplacement) von Renaud Camus, das als Buch 2011, damit im Jahr von Breiviks Attentat erschien, sagt Ähnliches aus. Vor allem der völkische Ideologe Martin Sellner aus Österreich feierte das Konzept:
Die Idee des ‘Großen Austauschs’, so Sellner… sei genau das, was der Bewegung als übergreifender Begriff lange gefehlt habe, ‘um Themen wie (…) Masseneinwanderung, Islamisierung, Demographiekollaps und andere negative Erscheinungen, die wir als Bedrohung unserer Identität erkannt haben, (…) in einen Kontext zu bringen’.
Mit diesen Elementen spielt nun auch Poschardt unter der Überschrift “der große Austausch”, ohne allerdings zu begreifen, dass er dabei mit entsicherten Handgranaten jongliert. Wie der rechtsradikale Vordenker Charlie Kirk will er sich taktisch absichern, setzt einen Gedanken, relativiert ihn an anderer Stelle wieder, bzw. versucht es mehr schlecht als recht. Er schreibt:
‚Der große Austausch‘ gilt als zentrale rechte ‚Verschwörungserzählung‘, nach der die weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung durch gezielte nicht-weiße und muslimische Zuwanderung ersetzt werden soll, gesteuert von vermeintlichen ‚Eliten’ oder ‚Globalisten‘. Letzteres ist natürlich Unsinn, denn das Wesen der modernen Massenmigration ist ja gerade das Ungesteuerte…“
„Letzteres ist natürlich Unsinn“… die Masseneinwanderung ist also nicht gesteuert, okay. Aber: Was sollen die Anführungsstriche bei dem Wort Verschwörungserzählung? Und was ist mit dem ersten Satz: die „weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung“ werde gezielt durch Muslime ersetzt? Gilt der?
Darauf gibt der Text am Ende eine klare Antwort, die zeigt, dass sich Poschardt offenbar niemals vertieft mit dem Konzept und seinen Konsequenzen auseinandergesetzt hat:
„Geht die Entwicklung in Deutschland so weiter, wovon auszugehen ist, dann wird die Formel vom „großen Austausch“ nicht mehr einfach so als Verschwörungstheorie weggewischt werden können. Wo das versucht wird, vitalisiert man im Gegenteil diese Erzählung.“
Poschardts These: Die Einwanderung aller Muslime wird mindestens von den “Linken” gezielt und geplant genutzt, um die eigene Macht auszubauen. Und damit beginnen die Probleme, nicht zuletzt, da er diese These eben unter den Überschrift “der große Austausch” unter das Volk bringen will und ebenfalls am Ende linken Intellektuellen ankündigt, dass auch ihnen der Austausch drohe. Wie gesagt: Es sind wegen dieser Verschwörungstheorie bereits zu viele Menschen von Terroristen ermordet worden. Trotzdem schreibt Poschardt:
„Diejenigen, die das Label der „Verschwörungstheorie“ verleihen und darüber wachen, sind nach Jahren des Austauschs der großen Wahrheiten bis auf die Knochen blamiert. Nackt und bloß stehen sie vor der Gegenwart. Auch auf die Intellektuellen und Vordenker des linken politischen Raumes wartet, so ist anzunehmen, ein großer Austausch.“
Natürlich ruft Poschardt nicht direkt zur Gewalt auf. Aber er benutzt rechtsextreme Codes und Gedankenmodelle, wie ein DJ, der Samples von einem Landser oder Noie-Werte-Klassiker einfadet, weil die so schön ballern und ihm dann endlich alle zuhören.
Er schreibt anfangs, scheinbar harmlos:
„Doch den Eindruck, dass die Migration unsere Gesellschaften tiefgreifend umwälzt und dabei demografisch, kulturell und politisch verwandelt, kann inzwischen auch der ressentimentfreie Bundesbürger kaum von der Hand weisen.“
Die lahme Attitüde – nur ich spreche das Thema Migration in Deutschland an, hm – , ist aber nur die Grundlage für seine wichtigste Prämisse: Muslime sind im Kern alle gleich und wählen vor allem automatisch links. So schreibt Poschardt:
„Die Wahlergebnisse in Berlin – und zwar nicht nur in Neukölln und Kreuzberg – zeigen, dass muslimische Migration, wie auch schon in Schweden, England oder Frankreich, zum entscheidenden Machtfaktor linker Eroberungsstrategien geworden ist.“
Muslimische Migration… die Wortwahl impliziert, dass damit alle muslimische Migranten gemeint sind. Der Begriff Eroberungsstrategien ragt noch mehr heraus, wie ein Fanal. Denn er schreibt ja nicht Strategien für Wahlsiege, sondern: … Eroberungsstrategien. “Muslimische Migranten als Machtfaktor einer linker Eroberungsstrategie“ – das war auch einer von Breiviks Kernpunkten, ob das Poschardt und seine Verteidiger nun hören wollen oder nicht. Breivik schrieb so auch an Zschäpe:
„…der Anschlag war gegen die multikulturellen Eliten Norwegens (sozialdemokratische Partei) gerichtet, welche die islamische Kolonialisierung unseres Landes unterstützen.… den Niedergang unserer ethnischen Gruppe und Kultur durch die Bekämpfung der Multikulti-Gesellschaft zu stoppen… [das] ist die vordringlichste Aufgabe unserer Zeit.“
Die „Linken“ setzten ihre politischen Interessen auf Kosten der anderen deutschen Bürger durch, sogar mit Wählern, die keine Staatsbürger sind, behauptet wiederum Poschardt:
„Bei der Linkspartei ist nicht nur der Wunsch nach mehr Einbürgerungen zentral für ihre Gesellschaftspolitik, sondern auch das Wahlrecht für Ausländer, die keinen deutschen Pass haben.…“
Schon Trump hatte im letzten Wahlkampf auf diese Verschwörungstheorie gesetzt. Demokraten lassen Migranten ins Land und bürgern sie ein – oder lassen sie sogar ohne Pass wählen, um die politische Macht für alle Zeiten zu übernehmen. Trump:
„They can’t even speak English. They don’t even know what country they’re in, practically. And these people [the Democrats] are trying to get them to vote, and that’s why they’re allowing them into our country.“
Flankiert wurde Trump von einflussreichen Unterstützern, vor allem von Charlie Kirk und Elon Musk, beide Fans der Theorie vom “Großen Austausch”. Kirk, der später ermordet werden sollte, sagte:
„Die Strategie des großen Austauschs, die an unserer südlichen Grenze jeden Tag in vollem Gange ist, zielt darauf ab, das weiße ländliche Amerika durch etwas anderes zu ersetzen.“
Auch Musk twittert regelmäßig über den “Austausch”, so im Dezember 2025:
„73 % der Kinder in Brüssel, der Hauptstadt Europas, sind keine Europäer! Der große Austausch hat bereits stattgefunden.“
(Die Zahl ist im übrigen grotesk falsch, weil Musk die zugrunde liegende Statistik offenbar nicht verstanden oder bewusst verfälscht hat.)
Trump, Musk und Kirk knüpften damit an Breiviks & Co schlichten und im übrigen verfassungsfeindlichem Menschenbild an, nachdem Mitglieder bestimmter Gruppen alle gleich sind, ihre Herkunft über ihr Verhalten entscheidet. Vor allem muslimische Migranten werden dabei nicht als Individuen beschrieben, sondern als Subjekte ihrer Religion (ungeeignet “echte” US-Amerikaner oder “echte” “Europäer” zu werden). Sie sind in den Augen von Breivik und all jenen, die nach ihm kamen, automatisch Invasoren, die sich leicht von den „Kulturmarxisten“ missbrauchen lassen. Diese „Linken” oder „Kulturmarxisten“ sind ihrerseits Menschen, die nicht als Individuen, sondern als einheitliche Gruppe handeln. Das Ich gibt es nur in denen eigenen Reihen.
Auch Poschardt schreibt konsequent über eine „strategisch denkende Linke“, die vor allem muslimische Migranten als Wähler rekrutieren will. Er behandelt muslimische Migranten als monolithischen Block, auch andere Migranten sind für ihn offenbar generell keine Individuen (und eher keine potenziellen deutschen Staatsbürger). So führt Poschardt pauschal alle Einbürgerungen in Deutschland als Beleg dafür an, dass es in Europa längst einen „großen Austausch“ gibt (als würden “eingeborene” Deutsche wirklich gegen Migranten ausgetauscht)– er nutzt also an einer entscheidenen Stelle den rechtsextremen Code sehr bewusst:
„Aus dem kleinen Austausch des Wahlvolkes ist vielerorts in Europa schon ein großer Austausch geworden. Die Zahl der Einbürgerungen in Deutschland verzeichnet einen historischen Höchststand: Im Jahr 2025 erhielten 333.343 Personen die deutsche Staatsangehörigkeit. Dies markiert den fünften jährlichen Anstieg in Folge und den höchsten Wert seit Einführung der bundesweiten Statistik im Jahr 2000.“
Die Demonstrationen von Schülern und Schülerinnen in Frankreich, die an vielen Stellen in Gewalt umgeschlagen waren, lieferten den Anlass für Poschardt, seinen Artikel zu schreiben. Für die Gewalt waren in Poschardts Augen vor allem die muslimische Migranten verantwortlich – die in Frankreich von den dortigen Linken ebenfalls als Machtmittel genutzt werden würden. Die Gewalt ist allerdings nur der Vorwand für Poschardt, der eigentliche Trigger ist die spezielle Mischung: Migrantische Wurzeln, muslimisch und links. Das ist für ihn nicht zu ertragen.
Gewalttätige Muslime waren auch für Breivik der entscheidende Vorwand, um selber Gewalt auszuüben. Bei ihm diente der islamistische Terror seit 9/11 als Einfallstor, um einen Notwehrtatbestand zu konstruieren und sich als Rächer zu inszenieren. In seinem Bekennerfilm zeigte Breivik die zerfetzten Opfer von jihaditischen Anschlägen. Später schrieben andere Attentäter, die sich wiederum auf Breivik bezogen, die Namen von Menschen, die bei islamistischen Attentaten ermordet worden waren, auf ihre Gewehre. Mit den Gewehren massakrierten sie dann unschuldige Menschen, oft durch Kopfschüsse aus nächster Nähe.
Für Breivik war klar: Man darf und muss sich gegen alle Muslime und alle ihre „Unterstützer“ verteidigen, nicht nur gegen die Terroristen. Allerdings, so erklärte er Zschäpe, würde es wenig bringen, direkt Muslime umzubringen, wie es der NSU getan hatte:
„Die eine Hälfte von uns glaubt, dass der rationalste Ansatz darin besteht, die multikulturellen Eliten selbst zu attackieren, während die andere Hälfte der Meinung ist, dass man dem multikulturellen/marxistischen System mehr Schaden zufügt, wenn man die Muslime attackiert. Ich persönlich glaube, dass es besser ist, das kaputte Rohr zu reparieren, bevor man anfängt, das Wasser vom Boden zu wischen :)“
Gönnerhaft fügt er an, dass auch die Morde des NSU wichtig waren:
„Die Wahrheit des Ganzen liegt aber darin, dass beide Formen des Angriffs zu einer Polarisierung der Gesellschaft beitragen und dem multikulturellen Experiment schaden.“
Dass nicht die Muslime das alleinige Problem sind, sondern vor allem die „Linken“, die die Muslime angeblich skrupellos als Wahlvolk nutzen, sieht eben auch Poschardt ähnlich. Und er nutzt auch andere rechte Codes – ob aus Dummheit oder bewusst, ist am Ende egal:
„Es sind also weniger globalistische Eliten als vielmehr strategisch denkende Linke, die in den muslimischen Migranten ein noch zu paternalisierendes Wahlvolk erkennen.“
Globalistische Eliten… Globalistisch ist ein rechtsextremer Kampfbegriff (oftmals Code für „jüdisch“), den vor allem der Australier Brenton Tarrant exzessiv genutzt hat, um sein Morden zu erklären. Tarrant hatte 2019 in zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen erschossen, darunter auch Kinder. Das Massaker hatte er per Helmkamera zum Teil live im Internet übertragen.
In seinem Manifest („The Great Replacement“) schreibt Tarrant über Menschen, die er von seinem Kampf überzeugen wollte:
„… the globalist forces will name you as criminals and the traitors amongst your people will name you as enemies. You will be infamous until victory is achieved. Take it with a smile. ACCEPT DEATH, EMBRACE INFAMY, ACHIEVE VICTORY“
Poschardt hofft offenbar, noch auf der Linie von Thilo Sarrazin zu sein („ein rückblickend visionärer Gesellschaftskritiker“, schreibt er über ihn), aber tatsächlich folgt er der schrecklichen binären Logik des Australiers Tarrant – die Welt ist aufgeteilt in Gut und Schlecht, in Schwarz und Weiß, linke NGOs, Marxisten und Migranten gegen den Rest. Poschardts pauschalierende Kritik an den „NGOs“ ist dabei genauso grausam schlicht wie die von Tarrant. Bei Tarrant (und anderen Rechtsextremisten) stehen „NGOs“ synonym für Menschen, die sich etwa für Flüchtlinge einsetzen und damit allesamt die „Weißen“ verraten. Tarrant schreibt über die NGOs, ohne Unterscheidung, in seinem Manifest:
„NGOs are directly involved in the genocide of the European people
Its the cities where the struggle lies, its the cities where the invaders have massed, its the cities where the marxists have poisoned the institutions, its the cities where the traitorous media and corporations lie and its the cities where the anti-white politicians and the NGOs make their homes.“
Poschardt wiederum behauptet, dass NGOs die Komplizen von migrantischen, muslimischen „Demokratiefeinden“ seien und deshalb Helfershelfer in Redaktionen einschleusen würden.
„… dank NGOs wie den Neuen Deutschen Medienmachern sitzen die Anti-Westler stolz in den Redaktionen, um jede Abweichung vom linken Paradigma als Rassismus oder Ressentiment zu brandmarken.“
Das ähnelt dem Gedanken von Tarrant, der die „traitorous media“ beschreibt. Dass Poschardt die NGOs in diesem Kontext so anprangert, ist besonders gefährlich, weil etwa der Bundeswehroffizier und Rechtsterrorist Franco Albrecht, der demnächst auf feien Fuss kommt, vor seiner Verhaftung die Amadeu Antonio Stiftung – eine NGO – ausgekundschaftet hatte.
Tarrant war sich zudem sicher, dass die NGOs eine Fassade aufgebaut hatten, um von ihren wahren Zielen abzulenken:
„Beholden to no one and hiding their true intent behold a faux-religious facade, these NGO groups ferry the invaders to European shores aboard their own vessels, directly shipping this vast army straight into European nations to plunder, rape and ethnically displace the native European people.…Crush these traitor NGOs…, burn down their buildings …Drive them from your lands and give the traitors what traitors deserve: a traitors death.“
Auch bei Poschardt kommen die NGOs als Handlanger abstrakter, mächtiger Elemente vor – er schreibt auch “die NGOs”, er differenziert selten:
„Natürlich sind die NGOs, egal, wie kartoffelweiß organisiert, in Teilen auch der verlängerte Arm linker Milliardärseliten.“
Als hätte Poschardt realisiert, was er da gerade geschrieben hat – kritisierte er doch im Vorbeigehen, zwar linke, aber dennoch Milliardärseliten, denen er sonst in den Allerwertesten kriecht – denn wen würde Poschardt mehr lieben als Trump, Thiel oder Musk? – in Sachen „linke Milliardärseliten“ schnell klar:
„Aber sie sind nicht Strippenzieher, sondern ökonomisch hilfreiche Beiboote…“
Also die „linken Milliardärseliten“ (womit in der rechten Szene meist George Soros gemeint ist) sind die „Beiboote“ der Linkspartei. Klar, Poschardt, will man da sagen: das ist doch alles Schwachsinn. Schwamm drüber. Aber so sah es Breivik eben auch – auch er glaubte, ein Revolutionär zu sein und die Eliten zu bekämpfen, eine Rolle, die Poschardt manchmal live on tape vom Comer See gibt. Der gemeinsame ideologische Nenner ist am Ende deutlich:
„NGOs, die „Linken“ (aka Kulturmarixisten, Sozialisten etc.) und die „linken Milliardärseliten“ lassen muslimische Migranten ins Land, nutzen sie skrupellos als “Wahlvolk”, obwohl sie (zwangsläufig) Gewalt (und Antisemitismus) mitbringen.“
Über die muslimischen Migranten –”…die sich nicht anpassen, integrieren oder gar assimilieren wollen” – schreibt Poschardt schließlich:
„Sie wollen ein anderes Land: ein linkes, sozialistisches, nicht sonderlich westliches, auf keinen Fall christliches und auf gar keinen Fall jüdisches Land. Sie hassen das alles. …Für die Multikulti-Naivisten, insbesondere bei Grünen und SPD, ist dieser neue Sound erschreckend. Die Katrin-Göring-Eckardt-Illusion ist zertrümmert, und die Multikulti-Revolution frisst ihre Kind“
Multikulti-Naivisten… Poschardt hat sich so tief in seinen Theorien verstrickt, dass er nur noch „Tribes“ kennt und nicht mehr zu begreifen scheint, mit wem er sich gemein macht, wenn er den“Multikulturalismus“ wie eine feindliche Ideologie behandelt und auf Teufel komm’ raus rechte Allmachtansprüche auf alle Linken projiziert, und sie pauschal “sozialistisch” nennt, so wie Breivik von “Kulturmarxisten” spricht.
Breivik hatte Zschäpe zum Thema Multikulturalismus erklärt:
„Multikulturalismus ist eine anti-europäische Hassideologie, die dazu führt, dass die ethnischen Gruppen in Europa, die europäische/n Kultur/Traditionen und unsere Religion abgeschafft werden. Ich bin der Meinung, dass jeder Norweger und jeder Deutsche nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht hat, gegen den Niedergang unseres Volkes und unserer Kultur zu kämpfen.“
Ich kann es daher nicht oft genug schreiben:
Unreflektiertes, stumpfes identitäres Denken führt immer nur zu noch mehr Gewalt. Nicht durch Feiglinge und Shitposter wie Poschardt, der sich offenbar für mutig und revolutionär hält, weil er 70+ Prozent des Landes „Bückbürger“ nennt. Er hilft aber dabei, rechtsextreme Codes im Mainstream zu etablieren, sie zu normalisieren, Menschen so zu desensibilisieren.
Die Gewalt entfesseln dann junge, isolierte, online radikalisierte Männer, die losziehen, um eine Moschee oder eine Wahlkampfveranstaltung der Linken zusammenschießen, weil sie so zeigen wollen, dass man doch nicht wehrlos gegen diese angeblich gewalttätigen Migranten und ihre Komplizen ist. So war es auch bei Trump. Er beklagte bei einem Wahlkampfauftritt einst, dass Migranten die USA überrennen würden, weil die Grenzen nicht geschützt seien. Einer seiner Anhänger bestellte sich daraufhin ein rumänisches Sturmgewehr im Internet und erschoss damit 23 Menschen in dem Grenzort El Paso, darunter ein deutscher Staatsbürger.
Im übrigen ist Poschardt in eine Falle getappt, die ihm auch Breivik gestellt hat. Breivik hatte Zschäpe ausführlich erklärt, wen er, der „revolutionäre National-Konservative“, mit der Ermordung wehrloser Kinder eigentlich radikalisieren wollte:
„Ich hatte [folgende] Motive: …eine Hexenjagd gegen moderate Kulturkonservative/Nationalisten in Europa auszulösen und einzuleiten, die zu einer langfristigen Polarisierung und Radikalisierung der Gesellschaft in mehreren Ländern führen wird. Viele Konservative werden den Glauben an den demokratischen Kampf verlieren und sich stattdessen dem bewaffneten Kampf zuwenden.
…Die verräterischen Kultur-Marxisten und Multikulti-Anhänger werden schließlich diesen Kampf der Kulturen in Europa verlieren. In Wirklichkeit haben sie ihn schon verloren, sie wissen es nur noch nicht, weil die Ideologie der Multikulti-Gesellschaft selbstzerstörerisch ist.“
Und auch der Christchurch-Attentäter Tarrant dürfte sich über Poschardt freuen, wenn er ihn denn kennen würde. Kurz vor seinem Attentat bat er in einem Post:
„Bitte leistet Euren Beitrag, indem Ihr meine Botschaft verbreitet, Memes erstellt und wie üblich Shitposts veröffentlicht.“
Der Kreis schloss sich schließlich, als der völkische Ideologe Martin Sellner den Text von Poschardt bei Twitter teilte und seinen knapp 200.000 Followern schrieb:
„Ist so.
War aber auch schon vor 14 Jahren so.
Wir waren nicht extremistisch.
Wir waren einfach die Ersten.“
Der Rechtsterrorist Tarrant hatte Sellner, auch das passt, vor seinem Attentat 2.308 neuseeländische Dollar gespendet, da er den österreichischen Influencer für seine Wirkung bewunderte – die Terroristen, auch Breivik, sehen sich alle als Influencer:
„Es ist nur ein kleiner Betrag im Vergleich zu der großen Arbeit, die Du leistest.
Ich wünschte nur, ich könnte mehr geben.
Du weißt das sicherlich bereits, aber ich wollte Dir persönlich sagen, dass Dich Menschen aus aller Welt unterstützen und dass Millionen von Menschen auf Dich zählen und darauf vertrauen, dass Du für ihre Werte kämpfst. Mach weiter so, es wird ein langer Weg bis zum Sieg, aber mit jedem Tag werden unsere Leute stärker.“
Den größten Einfluss auf den Attentäter Tarrant hatte übriges der Massenmörder Anders Breivik. Was denkt der wohl gerade in seinem norwegischen Gefängnis, wenn er auf Europa und die USA blickt? Wenn er sieht, dass rechte Influencer und Shitposter seine Gedanken im Mainstream als Sieg der Aufklärung verkaufen können?
Wahrscheinlich lächelt er still in sich hinein. So wie damals, als er sich der Polizei stellte, weil er, so erklärte Breivik, seine Mission erfüllt hatte.
Quelle: dirklaabs.substack.com/p/wir-mussen-uber-ulf-reden