Besetzung von La Casa
Am Samstag fand im linken Hausprojekt La Casa im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine »Besetzung gegen Antisemitismus« statt. Daraufhin versuchten vermummte und mit Knüppeln Bewaffnete, sich gewaltsam Zutritt zu verschaffen. Nach einigen Stunden gaben die Besetzer auf und verließen noch in derselben Nacht wieder das Haus. Die »Jungle World« sprach mit einer Person, die an der Besetzung beteiligt war.
Wer seid ihr und wie kam es zu dieser doch ungewöhnlichen Entscheidung, ein linkes Hausprojekt zu besetzen?
Wir sind eine sehr diverse Gruppe aus Leuten, die das Projekt La Casa teilweise von Beginn an begleitet haben, die dort über Jahre oder Jahrzehnte Politik gemacht und zum Teil früher dort auch gewohnt haben. Wir sind La Casa zutiefst verbunden, im Gegensatz zu der Seite, die gerade versucht, das Projekt für sich zu beanspruchen. Dieser Personenkreis ist zum großen Teil erst in den vergangenen anderthalb bis zwei Jahren dazugestoßen und vertritt ein extremes, auch antisemitisches Weltbild. Wenn Leute Hamas-Dreiecke und »Glory to the Resistance« im Haus hinsprühen, ist das Antisemitismus und eine klare Relativierung und Glorifizierung der Hamas, da gibt es für uns nichts zu diskutieren. Solche Positionen haben für uns nichts in linken Projekten zu suchen.
Die antiisraelische Fraktion wirft euch in einer Erklärung, die von einigen linken Berliner Gruppen unterzeichnet wurde, Gewaltexzesse vor, etwa den Einsatz von Pfefferspray, woanders war von Teleskopschlagstöcken die Rede. Und zugleich bezeichnen sie eure Version der Ereignisse als Horrorgeschichte.
Das muss man klar als das sehen, was es ist: der Versuch, die eigenen Gewaltexzesse zu relativieren. Wenn man vor Ort war und gesehen hat, wie diese Leute vor den Eingangstüren massive Barrikaden aufbauten, auf jeden, der das Hausprojekt verlassen wollte, mit Schlagstöcken und Pfefferspray losgingen, wie Steine auf schutzlose Leute flogen, dann ist klar, dass hier die Tatsachen verdreht werden.
Gibt es dafür Belege?
Das Bildmaterial von dem Tag spricht für sich. Einer der Angreifer musste zwar ins Krankenhaus gebracht werden, weil er sich bei den eigenen Angriffen verletzt hatte, aber wir hatten diese Möglichkeit gar nicht. Leute von uns wurde sofort und teilweise über mehrere Sekunden gezielt mit Pfefferspray in die Augen gesprüht. Eine andere Person wurde eine Kellertreppe heruntergestoßen und hat sich erheblich am Fuß verletzt. Später wurde eine Person auf dem Dach zusammengeschlagen und ihr ins Gesicht getreten. Am Ende konnten wir nur unter Polizeischutz das Gebäude verlassen, weil eine 40köpfige Schlägerbande mit Motorradhelmen, nagelbewehrten Latten und Knüppeln sofort angegriffen hat, wenn man nur den Kopf aus dem Fenster gehalten hat.
Aber habt ihr nicht zuerst Gewalt angewendet? Euch wird unter anderem vorgeworfen, eine Person mit Hilfe von Pfefferspray aus dem Projekt herausgeschmissen zu haben.
Wenn wir solche Räume besetzen und uns sogar gezwungen sehen, Leute herauszuschmeißen, tun wir das trotzdem mit einem humanistischen Anspruch. Wir haben versucht, Gewalt so weit wie möglich zu vermeiden. Den uns vorgeworfenen Einsatz von Pfefferspray gab es nicht, die Person konnte ohne erheblichen Zwang herausgetragen werden. Es war uns auch wichtig, alle Gegenstände der betroffenen Person herauszutragen, sie sauber und ordentlich vor die Tür zu stellen. Das ist uns auch zum Anfang der Besetzung gelungen, bis wir von der Gegenseite massiv und sofort mit Pfefferspray angegriffen wurden, was es uns verunmöglicht hat, die Sachen weiter herauszutragen.
Diese Person ist euch zufolge die zentrale Figur bei der versuchten Übernahme von La Casa durch Antizionisten. Was sind die konkreten Vorwürfe?
Es ist bekannt, dass diese Person zum Beispiel am 7. Oktober 2025 auf der schon verbotenen Versammlung vor dem Roten Rathaus teilgenommen hat, wo der Terrorangriff der Hamas glorifiziert wurde. Wir haben dem lange zugesehen, es war keine Mäßigung dieser Leute zu sehen, sie haben sich immer weiter und offener antisemitisch gezeigt.
Aber gab es keine Alternative zu Besetzung und Rauswurf?
Die Gegenseite hat in den vergangenen Jahren die Entscheidungsstrukturen des Hauses geschwächt. Vor allem, indem Vetos gegen den Einzug von Personen, die offensichtlich heftig antisemitisch eingestellt waren, aufgeweicht und ignoriert wurden. Dadurch sind immer mehr problematische Leute eingezogen. Diese Leute haben immer wieder klar formuliert, dass sie dieses Projekt zu ihrem machen wollen. Deshalb gab es keine andere Handhabe mehr, als jetzt so zu handeln.
Wart ihr überrascht von der Gewaltbereitschaft? Allein die Sprache, mit der man über den israelisch-palästinensischen Konflikt und »Antideutsche« und »Zios« spricht, hat sich ja sehr zugespitzt in den vergangenen Jahren.
Wir haben damit nicht gerechnet, sonst hätten wir uns anders vorbereitet. Aber wer auf Demos geht und dort »Zionismus ist Faschismus« ruft, und dann Leute, die eine antisemitismuskritische Haltung haben, als Zionisten markiert, erklärt diese zu Faschisten und legitimiert auch für sich und sein Umfeld genau solche Gewalt. In dieser Logik kämpft man nicht gegen andere Linke, mit denen man noch humanistische Werte teilt, sondern mit allen Mitteln gegen Faschisten, und dann ist es offenbar egal, ob jemand heftig verletzt wird.
Im November 2023 fand im La Casa eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema Antisemitismus im Punk und Hardcore statt. War diese Veranstaltung damals Konsens, und was hat sich seitdem verändert?
Diese Veranstaltung wurde schon vor dem 7. Oktober 2023 organisiert, sie war damals Konsens. Später gab es ein offenes Treffen, wo wir gedacht haben, okay, die Leute, die da nach so einer Veranstaltung kommen, sind klar antisemitismuskritische Linke. Es sind dann aber auch Leute zu dem Kollektiv gestoßen, die eher als U-Boote fungierten und maßgeblich die antisemitische Übernahme vorbereitet und ermöglicht haben.
Was würdest du Leuten raten, die in Projekten aktiv sind, in denen es einen gewissen Grundkonsens zum Thema Antisemitismus gibt, und die vor ähnlichen Problemen stehen?
Ich glaube, es gibt da zwei wichtige Elemente. Zum einen muss die eigene Struktur funktionieren, so dass etwa auf Vetos vertraut werden kann. Außerdem darf man in diesen Zeiten keine falsche Scheu haben, Leuten frühzeitig klar zu sagen: Das ist kein Ort für dich, du kommst bitte nicht wieder. Denn sonst werden sie versuchen, ihre Leute ins Projekt zu holen und es zu übernehmen, weil es ihnen irgendwie zu antideutsch oder zu antisemitismuskritisch oder zu zionistisch ist, wie auch immer sie das nennen. Es braucht eine hundertprozentig klare Kante gegen Antisemitismus.
Hausrecht im La Casa hat der Verein KuDePo. Auf dessen Website wird derzeit noch die Veranstaltung »Speak Now: Stimmen gegen den Islamismus« mit Vertreterinnen von Pek Koach – Jewish-Kurdish Women’s Alliance angekündigt. Welche Rolle spielt der Verein, wenn es um die Zukunft von La Casa geht?
Wenn man die Statements der antisemitischen Gruppen liest, die jetzt das Projekt übernommen haben, kommt da klar durch, dass sie den Vereinsvorstand und das Hausrecht nicht akzeptieren. Ich glaube, der Vorstand muss jetzt für sich entscheiden, welche Handlungsoptionen es gibt, und wenn er auf uns zukommt, sind wir bereit, ihn zu unterstützen.
Wie ist denn die politische Situation in Marzahn-Hellersdorf, insbesondere was extrem rechte Aktivitäten angeht? In den Erklärungen zum gegenwärtigen Konflikt machen sich beide Seiten ja gegenseitig den Vorwurf, zur Freude der Rechtsextremen antifaschistische Aktivitäten zu untergraben.
Marzahn-Hellersdorf ist einer der Berliner Bezirke mit der stärksten extremen Rechten, mit einem hohen Stimmenanteil für die AfD. Es leben dort ältere und wichtige Kader des »Dritten Wegs«, viele Aktionen von denen finden dort statt. La Casa selbst wurde mehrmals von Rechtsextremen angegriffen. Die antisemitischen Strukturen, die jetzt versuchen, La Casa zu übernehmen, haben bereits in den vergangenen Jahren antifaschistische Arbeit verkompliziert, häufig mit der Parole, »Antideutsche sind keine Linken«, und mit der Forderung, man müsse jetzt in Marzahn-Hellersdorf über den Nahost-Konflikt reden.
In gegenseitigen Erklärungen werden die Ereignisse am Wochenende als Notwendigkeit gedeutet, jetzt einen klaren Bruch mit der jeweils anderen Seite zu machen. Siehst du hier auch einen Scheidepunkt für Linke und Antifaschisten?
Diesen Bruch gibt es schon. Mit den Gruppen, die sich nun mit den Angreifern solidarisiert haben, wollten wir seit Jahren nichts mehr zu tun haben. Wir haben es geschafft, allen Leuten zu zeigen, wie wichtig es ist, dass man seine Projekte schützt. Sonst passiert so etwas. Es gibt ja Projekte wie das Alhambra Oldenburg oder die Rote Flora Hamburg, die sich erfolgreich schützen konnten. Die zeigen, dass es möglich ist. Dieser Bruch ist da, und deshalb muss die antisemitismuskritische Linke weiter bundesweit zusammenstehen, und das kann sie auch.