Jörg Urban tritt in Russland auf – und der AfD ist es plötzlich egal
Der sächsische Landeschef fährt mit AfD-Kollegen nach St. Petersburg und trifft dort auf Regierungsvertreter. Vor ein paar Monaten hätte das für Ärger im Bundesvorstand gesorgt. Doch der bleibt jetzt aus. Woher kommt der Sinneswandel?
Als Landesvorsitzender der AfD in Sachsen sollte sich für Urban eigentlich gerade alles um den Freistaat drehen, um die Frage: Wie gelingt es 2029, die CDU zu schlagen? Doch in den nächsten Tagen wendet er sich der Außenpolitik zu. Am Mittwoch ist er für drei Tage nach Russland gereist, um am Wirtschaftsforum in St. Petersburg teilzunehmen.
Im Hotel Hilton wird er gemeinsam mit dem ostdeutschen Verleger Holger Friedrich und dem früheren Veranstalter des Dresdner Semperopernballs, Hans-Joachim Frey, über den Wert von Diplomatie und Kultur sprechen. So steht es im offiziellen Programm.
Pressekonferenz geplant am Freitag
Für Freitag ist offenbar eine Pressekonferenz geplant, bei der auch Urban dabei sein soll. „Es geht um die Normalisierung der Beziehungen, einen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Austausch“, so ein Sprecher der AfD-Fraktion im Landtag auf Anfrage.
Urban ist in seiner Partei schon immer ein großer Fürsprecher Russlands gewesen, hatte sich für gute wirtschaftliche Beziehungen zu dem Land eingesetzt. Daran hat auch der Angriffskrieg gegen die Ukraine nichts geändert. Im Herbst 2025 reiste er gemeinsam mit Steffen Kotré ans Schwarze Meer, nach Sotschi. Kotré sitzt für die AfD im Bundestag.
Reise nach Sotschi sorgte noch für Streit
Die zwei Politiker nahmen an einer Konferenz teil, die auch von Vertretern der Kremlpartei „Geeintes Russland“ organisiert wurde. Das erregte vorab nicht nur Kritiker der AfD, die die Partei mit Vaterlandsverräter-Vorwürfen überzogen. Die Sotschi-Reise sorgte auch parteiintern für Streit.
Während der Bundesvorsitzende der AfD, Tino Chrupalla, Kontakte nach Russland verteidigte, verurteilte seine Co-Chefin, Alice Weidel, das Vorgehen. „Ich kann nicht verstehen, was man da eigentlich soll, um es hier ganz deutlich zu sagen. Ich hätte das so nicht gemacht“, sagte sie damals vor Journalisten. Ein geplantes Treffen mit dem früheren russischen Präsidenten, Dmitri Medwedew, wurde abgesagt.
Außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion ist mit dabei
Nun bleibt der Bundesvorstand nach außen hin still. Vorgaben für die Reise nach St. Petersburg gibt es keine, obwohl das Wirtschaftsforum unter der Schirmherrschaft von Russlands Präsident Wladimir Putin steht, dem Programm zufolge auch zahlreiche Politiker und Minister des Landes anwesend sein werden. Der Austausch mit ihnen scheint nun mindestens geduldet.
Neben Urban werden nicht nur Bundestagsmitglied Kortré und der Europaabgeordnete Petr Bystron nach Russland reisen, sondern nun auch Markus Frohnmaier, immerhin außenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion. „Als AfD stehen wir für Dialog und die Vertretung deutscher Interessen mit allen möglichen Handelspartnern“, schrieb er auf dem sozialen Netzwerk X.
Eine Reise nach Russland nützt mehr, als sie schadet
Der Sinneswandel hat möglicherweise nicht nur mit einer grundsätzlichen Abkehr von den USA sowie von Präsident Donald Trump und dessen Maga-Bewegung zu tun, sondern auch mit parteistrategischen Überlegungen. Die Veranstaltung in Sotschi fiel in eine Phase, in der die AfD in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg um Wählerstimmen warb.
Im Westen ist der Wunsch nach guten Beziehungen mit Russland längst nicht so stark ausgeprägt wie in Ostdeutschland, wo die Sanktionen als Problem für die eigene Wirtschaft gesehen werden. Im September sind Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Eine Reise nach Russland dürfte da mehr nützen als schaden.
Das gilt auch für Urban aus Sachsen. Er hatte zuletzt nicht allzu viele Erfolge vorzuweisen: Beim Landesparteitag im März wurde er bei seiner Wiederwahl als Vorsitzender abgestraft. Schlechte Voraussetzung, wenn er 2029 erneut als Spitzenkandidat seiner Partei in den Landtagswahlkampf ziehen will.
Anders als aktuell zu Hause in Sachsen dürfte Urban sich in St. Petersburg umgarnt fühlen von Putins Unterstützern.