Wie Frauenfeinde und Rechtsextreme Jugendliche im Netz umwerben
„Manosphere“-Influencer und gewaltbereite rechtsextreme Gruppen umwerben Jugendliche auf Tiktok und anderen Kanälen. Welche Mittel sie nutzen – und was Eltern tun können, wenn ihre Kinder in menschenverachtende Szenen hineingeraten.
26 Minuten. So lange dauerte es höchstens, bis irischen Forscherinnen auf Tiktok und Youtube sogenannte Manosphere-Inhalte angezeigt wurden. Die Manosphere, das ist die toxische frauenverachtende Bewegung rund um Influencer wie den mutmaßlichen Zuhälter und Sexualstraftäter Andrew Tate, der kürzlich gemeinsam mit seinem Bruder in den USA festgenommen wurde, weil er in Großbritannien vor Gericht gestellt werden soll.
Das Forscherinnenteam des Anti-Bullying Centre der irischen Dublin City University hatte für seine im April 2024 veröffentlichte Studie zehn Rechercheaccounts mit den Identitäten männlicher Jugendlicher zwischen 16 und 18 Jahren angelegt – jeweils fünf auf Tiktok und fünf auf Youtube.
Auf der Videoplattform des Google-Konzerns untersuchten sie die mit Tiktok vergleichbaren Kurzvideos „Youtube Shorts“. Ein Ergebnis der Studie: Selbst jugendlichen Nutzern, die nicht aktiv nach toxisch-männlichen und frauenverachtenden Inhalten suchten, spülten die Plattform-Algorithmen entsprechende Videos in ihre Feeds.
Im Fokus: unsichere junge Männer
Solchen Inhalten zu entgehen? Quasi unmöglich. Und sobald die Nutzer Interesse an ihnen zeigten, wurde ihnen immer mehr davon angezeigt. Manosphere-Influencer, so die Autorinnen der Studie, nutzen dabei auch harmlos wirkende Hashtags – #motivation, #mindset, #success – und Themen wie Reichtum und Selbstdisziplin, um ihre Inhalte in die Feeds möglichst vieler Nutzer zu spülen und sie für ein möglichst breites Publikum anknüpfungsfähig zu machen.
Ebenfalls beliebt: Verschwörungstheorien über die angebliche Unterdrückung von Männern durch Feminismus und liberale Gesellschaftsordnungen.
Ansprache durch Gleichaltrige
Besonders perfide: Die Suche nach Begriffen wie „mental health“ (psychische Gesundheit) führte regelmäßig zu Inhalten der „Manosphere“. So sprechen die Influencer der Szene gezielt unsichere, verwundbare junge Männer an und rekrutieren sie als Anhänger, Fans oder auch als Kunden für ihre „Beratungstätigkeit“.
Ähnlich gehen auch Neonazis vor, wie Dominik Schumacher vom Bundesverband der Mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus erklärt. „Rechtsextreme nutzen die Unsicherheit und Unzufriedenheit Jugendlicher aus und bedienen ihren Wunsch nach Sicherheit und Orientierung“, sagt er.
Dass Rechtsextreme im Internet gezielt Jugendliche ansprechen, sei nicht neu, erklärt der Experte. „Verändert hat sich vor allem, dass das stärker auf der Peer-Ebene stattfindet: 14-Jährige sprechen andere 14-Jährige an.“ Diese Ansprache durch Gleichaltrige funktioniere besser.
Das Gefühl der Machtlosigkeit überwinden
Und sie führt mitunter zu ganz handfesten Gefahren: In den letzten Jahren haben sich deutschlandweit mehrere militante Gruppen besonders junger Neonazis gebildet. Sie tragen Namen wie „Jung und Stark“ oder „Deutsche Jugend Voran“. Gegen Mitglieder dieser Gruppen ermittelt der Generalbundesanwalt wegen der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, gegen die Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ sogar wegen Terrorismus.
Nicht alle rechtsextremen Jugendgruppen sind derart kriminell und gewalttätig. Doch sie alle pflegen ein ähnliches rassistisches und nationalistisches Weltbild. Die Botschaft an Jugendliche lautet etwa: „Deutschland geht es schlecht, und dir geht es wegen der Ausländer schlecht. Du fühlst dich vielleicht machtlos, aber bei uns kannst du etwas verändern und etwas bewirken.“ Solche Propaganda funktioniert auch als Angebot, das Gefühl der Machtlosigkeit zu überwinden.
Teil dieses Angebots: das Gefühl von Stärke, Zusammenhalt und Disziplin. „Jungen werden damit angesprochen, dass sie ‚echte Männer‘ sein, ihren Körper stählen und wehrhaft sein sollen. Das idealisierte Bild ist dabei der Straßenkämpfer, auch wenn das selten öffentlich so explizit ausgesprochen wird“, erklärt Dominik Schumacher.
Zweifelhafte Frauenideale
Mädchen hingegen werden über eine Romantisierung des Rechtsextremismus angesprochen. „Ein Beispiel: Da wandert ein rechtsextremes Mädchen mit seinem Freund vor einer lieblichen Bergkulisse. Das Bild ist dann überschrieben mit: ‚Mit meinem Freund über Türken lästern.‘ So werden rechtsextreme Inhalte mit typischem Internethumor verbunden.“
Frauen und Mädchen würden zwar auch als politische Aktivistinnen oder Straßenkämpferinnen angesprochen. Dafür gebe es aber eine ideologische Grenze: „Irgendwann ist immer der Punkt erreicht, an dem das Hauptziel der nationalistischen Frau das Kinderkriegen und die ‚Heimatfront am Herd‘ ist.“
Um gezielt Jugendliche anzusprechen, nutzten Rechtsextreme auch gezielt populäre Online-Trends, erklärt Schumacher. „Sie posten zum Beispiel sogenannte Fit-Check-Videos: Jugendliche präsentieren darin ihre Kleidung und verwenden nebenbei rechtsextreme Codes wie das White-Power-Zeichen (bei dem Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden und die restlichen drei Finger abgespreizt werden, Anm. der Red.). In den Kommentaren fragen andere Jugendliche dann, woher ein bestimmtes Kleidungsstück oder ein Gürtel stammt. Die Antwort führt sie zu einem rechtsextremen Versandhandel.“
Grundgefühl für rechtsextreme Symbolik entwickeln
Den Beratungsstellen seien zumindest Einzelfälle bekannt, in denen Kinder und Jugendliche auf diesem Weg ungewollt in die Szene hineingeraten sind: „Sie finden zunächst nur einen Gürtel der rechtsextremen Marke Thor Steinar cool und haben mit Rechtsextremismus nichts zu tun. Einige Wochen später erscheinen auf ihrem Account erste rechtsextreme Zeichen. Danach folgt möglicherweise die Einladung: ‚Suchst du Leute? Willst du mit uns wandern gehen?‘ So beginnen schließlich auch rechtsextreme Aktivitäten außerhalb des Internets“, so Schumacher.
Eltern rät er, ein „Grundgefühl für rechtsextreme Marken und Symbole“ zu entwickeln. „Wenn das eigene Kind plötzlich eine 88 in seinem Online-Profil stehen hat oder eine Kette mit Deutschlandadler trägt, sollte man genauer hinsehen und recherchieren.“ Außerdem sei ein Problembewusstsein für rechtsextreme Diskurse und Inhalte wichtig.
Schumacher rät davon ab, das Handy des Kindes zu kontrollieren. „Das schafft kein Vertrauen, sondern Misstrauen. Es sorgt eher dafür, dass sich das Kind abschottet oder Wege findet, seine Aktivitäten zu verbergen.“
Den eigenen Kindern auf Augenhöhe begegnen
Das wirksamste Mittel, um Veränderungen festzustellen, sei aber Vertrauen: „Wenn Eltern regelmäßig und auf natürliche Weise mit ihren Kindern im Gespräch sind, bemerken sie Veränderungen.“
Eltern, sagt er, „sollten das Gespräch mit ihrem Kind suchen, Fragen stellen und deutlich signalisieren, dass sie es weiterhin lieben und akzeptieren – unabhängig davon, was es getan hat. Bestätigt sich der Verdacht, sollten sie die rechtsextremen Inhalte aber klar ablehnen und kritisieren.“
Eltern könnten außerdem immer den Rat von Experten suchen: „In den meisten Regionen Deutschlands gibt es unabhängige und anonyme Beratungsangebote“, betont Schumacher. „Ausstiegs- und Distanzierungsberatungen sind dafür gute Adressen. Auch die mobilen Beratungsstellen gegen Rechtsextremismus können weiterhelfen oder an die passende Stelle verweisen“, sagt er.
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Kira von der Brelie
22.03.2026
Menschen abwerten als Geschäftsmodell
Manosphere: Der wachsende Einfluss digital vernetzter Frauenhasser
Größen der Manosphere beleidigen Frauen und Minderheiten, für manche Teenager sind sie Vorbilder. Sina Laubenstein forscht zu digitaler Gewalt. Sie weiß, was die Szene ausmacht – und was man ihr entgegensetzen kann.
Sechs Jungen, alle etwa 15 Jahre alt, jubeln vor Glück. „Sneako! Können wir ein Selfie machen?“, rufen sie und drängen sich um den 27-Jährigen. Einer zückt sein Handy – Klick, Foto. „Er ist gar nicht so, wie er im Internet dargestellt wird.“ Wenige Minuten später wird Sneako, alias Nicolas Kenn De Balinthazy, dem Journalisten Louis Theroux erklären, dass Satanisten die Welt regieren.
„Das meinst du nicht im Ernst“, sagt Theroux. Doch, meint er. „Angefangen hat alles mit der Rothschild-Familie“, entgegnet Sneako – und zieht damit direkt eine Linie zu einer antisemitischen Verschwörungsideologie.
Die Szene ist aus der Netflix-Dokumentation „Inside the Manosphere“, in der Theroux Männer trifft, die ihren Hass gegen Frauen und gegen Minderheiten online verbreiten und damit Geld verdienen. Die Männer sind Szenegrößen. Sneako, der wegen seiner extremistischen Ansichten von einigen Plattformen verbannt wurde, erreicht bei Youtube 1,31 Millionen Menschen. Andere haben ähnliche Reichweiten.
Dominanz, Reichtum, Abwertung
Es geht um Dominanz, Reichtum und ins Extreme gezogene traditionelle Geschlechterrollen. Der Mann: der durchtrainierte, dominante „Alpha“. Die Frau: der „Geschirrspüler“, so einer der Influencer. Die Männer leben mit ihren Partnerinnen eine „einseitige Monogamie“. Also: Die Männer schlafen auch mit anderen Frauen, die Frauen müssen treu sein.
Die Manosphere ist keine feste Gruppe – eher ein loses Netzwerk aus Blogs, Foren und Social-Media-Kanälen, die antifeministische und extrem männlichkeitszentrierte Ideologien verbreiten. Die Politikwissenschaftlerin Sina Laubenstein ist Programmdirektorin beim Berliner Institute for Strategic Dialogue (ISD) – einer gemeinnützigen Organisation, die nach eigenen Angaben unter anderem vom Bundesjustizministerium und Auswärtigen Amt gefördert wird.
Laubenstein beschäftigt sich mit digitaler Gewalt und erforscht internationale Ausprägungen der Manosphere. „Die Manosphere ist kein einheitliches Phänomen, sondern ein fragmentiertes Ökosystem“, erklärt sie. „Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene Gruppen, die teilweise widersprüchliche Ideologien vertreten.“ Inhaltlich ist das Spektrum groß und reicht von frauenfeindlichen Dating-Tipps bis zu Fantasien über männliche Vorherrschaft.
Was alle eint: Antifeminismus
Zur Manosphere zählen unter anderem Pick-up-Artists, die Anleitungen vermitteln, wie Männer Frauen ins Bett manipulieren können. Incels, die Frauen die Schuld an ihrem enthaltsamen Leben geben. Männer- und Väterrechtsaktivisten, die eine maskuline Gegenbewegung zum Feminismus fordern. „Men Going Their Own Way“ (kurz MGTOW), die Beziehungen zu Frauen ablehnen. Und die „Red Piller“, die glauben, Männer würden unterdrückt und Frauen bevorzugt. Die „rote Pille“ steht für das Erkennen dieser „Wahrheit“.
Was all diese Gruppen – trotz einiger ideologischer Unterschiede – miteinander verbindet, ist das antifeministische Weltbild. „Sie glauben, Frauen, Gleichberechtigung und Feminismus sind verantwortlich für alle gesellschaftlichen Probleme“, sagt Laubenstein. Weil die Manosphere in erster Linie im digitalen Raum existiert, gibt es keine Ländergrenzen. Auch in Deutschland oder anderen Ländern können Menschen Videos von einem der bekanntesten Manosphere-Influencer, Andrew Tate, anschauen, kommentieren und weiterverbreiten. Tate und sein Bruder sind aktuell angeklagt wegen des Verdachts auf Menschenhandel und Vergewaltigung.
Dennoch gibt es einige Unterschiede. „Die Narrative, die wir im englischen Raum sehen, werden auf den deutschsprachigen Raum übertragen und etwas lokalisiert”, sagt Laubenstein. „Zum Beispiel wird die Erzählung vom Untergang der Männlichkeit hier stärker betont, und Coaches, die Selbstoptimierung mit Pick-up verbinden, dominieren.“ Grundsätzlich sei die deutschsprachige Manosphere noch nicht so extrem wie die englischsprachige, die die Doku von Louis Theroux zeigt. „Wie sehen aber auch hier eine Tendenz”, warnt Laubenstein. Die Inhalte, die in den USA propagiert würden, kämen auch in Deutschland vor – nur eben mit geringerer Reichweite.
Junge Männer anfälliger
Die Wissenschaftlerin beobachtet mit Sorge, dass die Manosphere immer mehr Zuspruch findet. „Wir sehen in unserer Arbeit, dass der Hass auf Frauen global überall immer gesellschaftsfähiger wird“, sagt sie. Gerade in Krisenzeiten sei der Wunsch nach Stabilität groß – auch bei manchen Frauen. „Der Wunsch nach klaren gesellschaftlichen Rollen, aber auch ökonomische Abhängigkeit sind für manche Frauen ein Grund, die Manosphere zu unterstützen, obwohl sie ihnen eigentlich schadet.“
Die jungen Männer, die dieser Content anspreche, seien anfälliger für Dating-, Fitness- und Lifestyle-Coaches. „Das geht oft harmlos los mit einer Frage wie: ‚Wie kann ich ein Mädchen ansprechen, obwohl ich schüchtern bin?‘“, beschreibt Laubenstein. „Es gibt Überschneidungen zu anderen Diskriminierungsformen, wie Queerfeindlichkeit, die auch oft ein Einstieg sind.“ Von der Idee, der Mann habe eine Vorrangstellung, sei es nicht mehr weit zu rechtsextremen Ideologien. Zudem spiele antisemitisches Verschwörungsdenken eine große Rolle. „Ein gängiges Narrativ ist etwa: Die Eliten sind schuld.“
Eine Elite, zu der die Influencer teils selbst gehören. Aber die Welt der Manosphere ist ohnehin voller Widersprüche. Harrison Sullivan beispielsweise wertet Frauen, die einen Only-Fans-Account haben – also teils pornografisches Material von sich verbreiten – offen herab. Er sagt etwa, dass er seine Tochter verstoßen würde, wenn sie dort aktiv wäre. Gleichzeitig bewirbt er Only-Fans-Models auf seinem Telegram-Kanal und verdient damit Geld. Auf diesen Widerspruch angesprochen, wird Sullivan patzig wie ein trotziges Kind. Später sagt er, dass er nicht so einen Erfolg gehabt hätte, wenn er menschlichere Inhalte verbreitet hätte. Denn die Plattformlogik belohnt Radikalität – und Influencer wie er nutzen das.
Loyalität trotz Widersprüchlichkeit
„In der verschwörungsideologischen Szene sehen wir häufig, dass die Theorien total widersprüchlich sind, aber vehement verteidigt werden“, sagt Laubenstein. „In der Manosphere sind die Mechanismen ähnlich: Man will zu einer bestimmten Gruppe dazugehören und nimmt dafür Widersprüche in Kauf.“ Gerade im digitalen Raum werde oft auch nicht nur ein ideologischer Strang verfolgt, sondern man suche sich Ideen nach dem „Mix-and-Match-Prinzip“ aus.
Inhalte, die Anhänger der Manosphere verbreiten, tragen dazu bei, dass Menschen frauenfeindlich denken. Das zeigt eine Metaanalyse von 257 Studien aus 26 Ländern mit 132.933 Teilnehmenden, die das Fachjournal „Psychological Bulletin“ veröffentlichte. Das Forschungsteam untersuchte darin Reaktionen von Personen auf Pornografie, Gewalt gegen und Demütigung von Frauen.
Das Ergebnis: Insbesondere Männer und junge Erwachsene, aber auch manche Frauen reagieren frauenfeindlich. Gewalttätige Inhalte führten besonders bei Männern zu einer Feindseligkeit Frauen gegenüber, bei Frauen war das deutlich seltener. Jugendliche Teilnehmende wurden zudem stärker beeinflusst als Teilnehmende im mittleren bis späten Erwachsenenalter.
Die Manosphere als Radikalisierungsraum
Frauenfeindliche Denkmuster sind nicht auf die Manosphere beschränkt. „Männer können misogyn, sexistisch, frauenverachtend sein, ganz ohne Manosphäre“, sagt Laubenstein. Solche Denkmuster seien gesellschaftlich tief verankert und würden gerade in vielen Zusammenhängen wieder sichtbarer und teilweise normalisiert. Sie sieht Misogynie, also Frauenhass, etwa als ein verbindendes Element der weltweiten Anti-Gender-Mobilisierung sowie der Rückschritte bei den Rechten von Frauen und queeren Personen. Die Manosphäre wirke als ein Verstärker, Mobilisierer und Radikalisierungsraum für bereits existierende Einstellungen.
Fälle, wie der Pelicot-Prozess in Frankreich oder die Epstein-Akten in den USA zeigen, dass sexuelle Gewalt in allen sozialen Schichten und Altersgruppen vorkommt. Aktuell erhebt die Moderatorin Collien Fernandes Vorwürfe jahrelanger sexueller Gewalt gegen ihren Ex-Ehemann Christian Ulmen, zu denen der „Spiegel“ recherchiert hat. Ulmens Anwalt spricht von „unwahren Tatsachen“. Gegenüber dem RND bestätigte das Bezirksgericht in Palma de Mallorca, dass dort aufgrund der Anzeige von Fernandes seit Anfang Dezember Vorermittlungen gegen Ulmen laufen.
Es gilt die Unschuldsvermutung. Sollten die Vorwürfe stimmen, würde vieles von dem, was Fernandes via Instagram berichtet, aber inhaltlich wohl auch in der Manosphere Anklag finden. Ein zentrales Element, das sich auch bei den oben genannten Prozessen findet, ist laut Laubenstein die Vorstellung, dass eine Ehefrau dem Mann „gehört“ und von ihm entsprechend „angeboten“ werden kann.
Bestätigung für Selbsthass statt Empowerment
Welche Schritte sind nötig, um dem Hass und der Gewalt gegen Frauen etwas entgegenzusetzen? Laubenstein plädiert für Demokratiebildung als Prävention gegen extremistische Männlichkeitsideale: „Werte wie Gleichberechtigung, Freiheit und gesellschaftliche Teilhabe sind Grundpfeiler.“ Zudem brauche es eine breite gesellschaftliche Debatte um ein reformiertes Männlichkeitsideal: „Wie kann eine neue Männlichkeit aussehen? Diese Gespräche finden oft in einer akademischen Blase statt, man müsste sie aber viel mehr auch in den Ausbildungen, auf den Schulhöfen und politischen Podien führen.“
Die Folgen seien bereits jetzt drastisch. „Frauen und andere Geschlechter ziehen sich aus digitalen Plätzen zurück, weil sie Angst haben vor der Gewalt“, sagt Laubenstein. Aber auch Männer seien betroffen. In den Foren und Telegram-Gruppen der Manosphere gebe es keinen „empowernden Moment“, in dem sich alle zusammenschließen würden.
Die Gruppen seien vielmehr Orte des Selbsthasses und böten Bestätigung dafür, sich selbst abzulehnen. „Da veröffentlichen junge Männer Bilder von sich, fragen, wie sie attraktiver für Frauen werden. Und dann schreiben Leute: ‚Du bist so hässlich, du solltest dich lieber gleich erschießen.‘“ Der Weg zur physischen Gewaltbereitschaft scheine immer kürzer zu werden. „Das ist extrem bedenklich.“
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Matthias Schwarzer
26.02.2026
Mit Knochenbrüchen zum perfekten Gesicht
Bizarrer Online-Trend: Wie „Looksmaxxing“ junge Männer radikalisiert
Um besser auszusehen, greifen junge Männer zu radikalen Methoden – von gesundheitsschädlichen Substanzen bis hin zu Knochenbrüchen. In den sozialen Medien werden die Fortschritte unter dem Begriff „Looksmaxxing“ dokumentiert. Was wie eine wundersame Subkultur klingt, basiert nicht zuletzt auf einer frauenfeindlichen Ideologie.
Es wird dieser Tage viel über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche debattiert. Australien hat schon eines, viele EU-Länder wollen nachziehen – und auch die deutsche Bundesregierung liebäugelt damit. Viele halten neben der Suchtgefahr durch Algorithmen auch die Inhalte der Plattformen für ein Problem – weil sie junge Menschen in ihrer Entwicklung beeinflussen und schaden könnten. Ein aktueller Social-Media-Trend dürfte Befürworter der Pläne vermutlich bestärken.
Mit dem sogenannten „Looksmaxxing“ erfährt eine Subkultur Popularität, die schon seit einigen Jahren in den dunklen Ecken des Internets schlummert – seit einigen Monaten jedoch in den Mainstream dringt. An ihr ist auf den ersten Blick nichts verboten, sie verstößt gegen kein Gesetz, vermutlich nicht mal gegen die Plattformregeln der Social-Media-Konzerne – doch sie geht mit einer bizarren Weltanschauung einher, die schon in der Vergangenheit zur Radikalisierung junger Männer geführt hat.
Mehr noch: Vertreter des Hypes wissen die Mechanismen und Schwachstellen der sozialen Plattformen in Perfektion zu bedienen. Und so strömen dieser Tage Kurzvideos mit potenziell schädlichen Inhalten tausendfach in die Kinderzimmer junger Menschen.
Per Knochenbruch zum Schönheitsideal
Unter „Looksmaxxing“ versteht man eine exzessive Form der optischen Selbstoptimierung. Auf Plattformen wie Tiktok und Instagram teilen junge Männer, wie sie mit teils radikalen Methoden ihren Körper zum angeblich Besseren verändert haben. Dabei schrecken sie nicht einmal vor gefährlichen Eingriffen zurück: Manche behaupten, sie würden sich mit einem Hammer auf die eigenen Wangenknochen schlagen (sogenanntes „Bone-Smashing“), andere lassen Operationen wie Haartransplantationen oder gar Beinverlängerungen über sich ergehen. Einen Social-Media-Hype löste schon vor Jahren auch das sogenannte „Mewing“ aus: Dabei presst man dauerhaft seine Zunge an den Gaumen, um die eigene Kieferlinie zu verändern.
Popularität erfährt der Trend aktuell vor allem durch den Influencer Braden Peters, der sich im Netz Clavicular nennt. Der 20-Jährige wurde in den vergangenen Wochen nicht nur von namhaften US-Medien wie der „New York Times“ porträtiert und zu US-Comedy-Shows eingeladen, sondern schaffte es aufgrund seiner Online-Popularität bis auf den Laufsteg der New-York-Fashion-Week.
Peters behauptet von sich selbst, er habe sein Gesicht regelmäßig mit einem Hammer bearbeitet, weil kaputte Knochen stärker nachwüchsen und damit das Gesicht zum Besseren veränderten. Zudem spritze er sich seit dem 14. Lebensjahr anabole Steroide und nehme Drogen wie Crystal Meth zu sich, um seine Gesichtsstruktur zu verbessern. Aufgrund der Hormonbehandlungen sei er, so seine Erzählung, bereits seit seinem 19. Lebensjahr unfruchtbar.
Wie der Hype ums „Looksmaxxing“ entstanden ist
Wo kommt der bizarre Trend her? Als Ursprung gilt die Subkultur der sogenannten Incels, also: heterosexuelle Männer, die unfreiwillig zölibatär leben, weil sie von Frauen Ablehnung erfahren. Auf Imageboards wie 4chan hat sich schon in den 2010er Jahren eine Community gebildet, die sich mit der Zeit radikalisiert hat: Hier werden Feindbilder gegenüber Frauen geschürt und extremistische Ideologien befeuert. Nach mehreren Amokläufen, etwa dem in Toronto von 2018, wurden bei den anschließenden Ermittlungen Verbindungen der Täter zur Incel-Bewegung bekannt.
In Teilen der Subkultur hat sich die Erzählung etabliert, Frauen seien irrationale Objekte, die ihre Partnerwahl ausschließlich am äußeren Erscheinungsbild des Mannes ausrichteten. Dadurch gliedere sich die männliche Gesellschaft hierarchisch in Gewinner („Chads“) und Verlierer („Incels“): Männer ohne markante Knochenstruktur, eine gut ausgeprägte Kieferlinie oder eine bestimmte „Augenwinkelneigung“ hätten grundsätzlich keine Chance – schließlich sind diese biologisch festgelegt und unveränderbar.
Das sogenannte „Looksmaxxing“ begann in gewisser Weise als eine Gegenbewegung innerhalb derselben Subkultur: Vertreter teilen zwar ebenfalls die Ansicht, das eigene Aussehen stehe über allem – sie glauben jedoch auch, dass es sich verändern lässt. Etwa durch sogenanntes „Softmaxxing“ (also das Ändern von Kleidung, Frisur und den Gang ins Fitnessstudio), aber auch durch „Hardmaxxing“ (also: Operationen und riskante Eingriffe). Wann genau jemand angeblich gut oder schlecht aussieht, wird dabei mit pseudowissenschaftlichen Begriffen und durch ein Messsystem definiert. Also etwa, wie weit der Abstand der Augen voneinander ist und wie ausgeprägt die „Jawline“, also die Kieferlinie ist.
Andrew Tate gefällt das
Überschneidungen hat die Looksmaxxing-Bewegung auch mit anderen Subkulturen der sogenannten „Manosphere“. Darunter versteht man eine Art Gegenbewegung zum Feminismus, prominent propagiert durch Influencer, Pick-up-Artists und dubiose Online-Coaches. In den sozialen Medien schwören sie auf ihre Maskulinität, in teuren Online-Kursen geben sie jungen Männern Tipps zur Selbstoptimierung. Als bekanntester Vertreter gilt der Hassfluencer Andrew Tate, gegen den unter anderem wegen des Verdachts der Vergewaltigung und des Menschenhandels ermittelt wird.
Von den Incels unterscheiden sich die Ideologien durch ihre Erzählung: Während sich Incels selbst als Loser sehen, halten sich Vertreter wie Tate für überlegen, stark oder „Alpha“. Die Looksmaxxing-Bewegung kann offenbar mit beiden Weltanschauungen etwas anfangen: Der bekannteste Looksmaxxing-Guru, Braden Peters alias Clavicular, zog kürzlich mit Tate um die Häuser. Im Netz verbreitete sich ein Video der beiden, wie sie in einem Nachtclub das Lied „Heil Hitler“ von Kanye West skandierten.
Was wiederum die nächste Verbindung offenlegt: Auch wenn sich viele bekannte „Looksmaxxer“ offiziell als unpolitisch geben, ist die Bewegung aufgrund ihrer misogynen Grundannahmen und ihrer Vorliebe für streng hierarchische Gesellschaftsstrukturen in rechten Milieus anschlussfähig. In den USA gilt dies insbesondere für das „Alt-Right“- und „MAGA“-Umfeld von Donald Trump. Bei der Nachtclub-Party von Peters und Tate war auch der Trump-unterstützende Internettroll Nick Fuentes anwesend, der seit Jahren radikale rassistische, antisemitische und frauenfeindliche Positionen vertritt – etwa die Forderung, Frauen das Wahlrecht zu entziehen.
Aus der Internet-Subkultur auf die Fashion-Week
In den USA nähert sich der bizarre Trend damit einem Mainstream-Phänomen unter Jugendlichen: In den sozialen Medien finden sich inzwischen tausende Videos von Gurus, deren Videos teils Millionenreichweiten generieren. Das „Looksmaxxing“ wird hier als eine Art Wettbewerb zelebriert, der vorrangig nicht das Beeindrucken von Frauen zum Ziel zu haben scheint. Vielmehr gleicht es einer Art Sportwettbewerb: Es geht darum, andere Männer mit dem eigenen Aussehen zu beeindrucken, sie zu überholen, sie zu „moggen“, wie es in der Szene heißt.
Für den Star der Szene, Braden Peters, ist das „Looksmaxxing” inzwischen ein lukratives Geschäft. Er streamt nicht nur täglich bei Kick, einem weitestgehend unregulierten Twitch-Konkurrenten, sondern bietet auch Coaching für Einzelpersonen an. Im Monat soll er angeblich 100.000 US-Dollar verdienen.
Vor wenigen Tagen gab Peters zudem sein Laufstegdebüt für die US-amerikanische Modedesignerin Elena Velez bei der New-York-Fashion-Week. Die Szene scheint diesen Erfolg als Bestätigung zu verstehen: Im Falle von Peters hat sich der riskante „Looksmaxxing“-Einsatz, samt aller Konsequenzen, offensichtlich gelohnt.
Lookmaxxer bewertet minderjährigen Influencer-Fans
In Deutschland ist der Trend noch nicht so weitverbreitet wie in den USA – angekommen ist er aber längst. Kürzlich verbreiteten sich Clips aus einem Livestream des deutschen Influencers marco_scm. Dieser hatte – wohl als Gag – einen sogenannten „Looksmaxxer“ eingeladen, der vor laufender Kamera sein Aussehen bewerten sollte.
So witzig das zunächst wirkte, so schnell uferte das Aufeinandertreffen aus: Der Coach riet im Livestream etwa zur Einnahme fragwürdiger Substanzen. Dann begann er, das Aussehen teils offenbar minderjähriger Zuschauer zu bewerten, die sich per Webcam in den Livestream geschaltet hatten: Einem bescheinigte er ein Aussehen „weit unter Durchschnitt” in den „unteren zehn Prozent”. Einem erklärte er, sein Gesicht sei zu asymmetrisch. Und einem weiteren empfahl er gleich eine Gesichtsoperation zur Korrektur des Ober- und Unterkiefers.
Als astreines „Mobbing-Format“ wurde das Aufeinandertreffen unter anderem in den Kommentarspalten auf Youtube bezeichnet.
Die sozialen Plattformen ausgedribbelt
Funktionieren dürfte der Hype ums „Looksmaxxing” auch deshalb, weil die Vertreter des Trends die Mechanismen und Schwachstellen der Social-Media-Plattformen in Perfektion bedienen. Hört man Menschen wie Braden Peters und seine Nachahmer sprechen, dann klingen all die Theorien und die Abwertung anderer Männer so bizarr, dass man hinschauen muss wie bei einem Autounfall. Andrew Tate hat schon unaussprechliche Dinge formuliert – doch Peters und die „Looksmaxxer” drehen den Wahnsinnsfaktor noch mal eine Umdrehung weiter.
Es ist dabei völlig unklar, ob Peters seine eigenen Thesen überhaupt selbst glaubt und wie viel Wahrheitsgehalt in seinen angeblich drastischen Eingriffen steckt. Die alleinige Tatsache, dass er sie formuliert, ist ein Social-Media-Erfolgsrezept: In der Netzkultur hat sich der Begriff „Rage-Bait“ etabliert, also die gezielte Provokation zur Erregung von Aufmerksamkeit. Von Algorithmen wie dem von Tiktok wird genau das belohnt.
Geht es nach Befürwortern eines Social-Media-Verbots für Jugendliche, dann soll es zu solchen Dynamiken künftig gar nicht mehr kommen. Die Bundesregierung hatte sich zuletzt offen gezeigt, soziale Medien für junge Menschen gar nicht mehr zugänglich zu machen – lediglich die CSU hadert noch.
In einem SPD-Papier wird ein Verbot sozialer Netzwerke bis 14 vorgeschlagen – danach soll eine spezielle „Jugendversion“ der Netzwerke angeboten werden. Diese soll dann auch ohne Algorithmen funktionieren. Das könnte eine Verbreitung bizarrer Online-Trends – zumindest in der Theorie – erschweren. Ob sie sie auch verhindern kann, steht auf einem anderen Blatt.
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Jana Peltzer
05.04.2024
„Echte Männer sind Patrioten“: Wie extreme Rechte im Netz Jugendliche radikalisieren
Auf Social Media verbreiten sich traditionelle Männlichkeitsbilder. Für junge Menschen wirken sie als eindeutige und vermeintlich einfache Antworten auf Identitätsfragen. Doch sie bieten der extremen Rechten gute Möglichkeiten, Jugendliche zu radikalisieren.
„Echte Männer sind rechts. Echte Männer haben Ideale. Echte Männer sind Patrioten“, erklärt Maximilian Krah in einem kurzen Video auf der Social-Media-Plattform Tiktok. Der 47-Jährige ist AfD-Spitzenkandidat im Europawahlkampf und propagiert eine traditionelle Aufteilung von Geschlechterrollen – auch online. Dort spricht er eine junge, männliche Zielgruppe an. Sein Video zu vermeintlichen Männlichkeitsidealen leitet er mit der Behauptung ein, dass ein Drittel aller jungen Männer noch nie eine Freundin gehabt hätte. Seine Lösung: Sie sollten nicht soft oder links sein, nicht die Grünen wählen und keine Pornos schauen. Das Video endet mit der Aussage: Dann klappe das auch mit der Freundin. Wegen Verstößen gegen die Richtlinien schränkte Tiktok jüngst seine Reichweite ein. Doch der Effekt dürfte marginal sein.
Denn auf der Plattform, die überwiegend von Jugendlichen und jungen Erwachsenen benutzt wird, verbreiten unzählige Accounts eine rechte Ideologie. Dazu gehört auch ein traditionelles Bild von Männlichkeit.
Männlichkeitsbild wird durch Gemeinschaft propagiert
Es ist eines der Grundpfeiler von extrem rechter Ideologie. Dieses besagt, dass Männer hart und unerschütterlich sein müssen. Sie müssen jedes Problem bewältigen, ohne auf die Hilfe von anderen angewiesen zu sein. Sie dürfen keine Emotionen zeigen. Stattdessen müssen sie die Familie alleine ernähren und sie verteidigen können. In diesem Bild wird Heterosexualität als das einzig „Normale“ angesehen. Neonazis zelebrieren dieses Männlichkeitsbild durch gemeinschaftliche Veranstaltungen, wie organisierte Kampfsportevents oder sogenannte Leistungsmärsche, bei denen innerhalb von 24 Stunden 50 Kilometer zurückgelegt werden.
Traditionelle Rollenbilder als Gegenreaktion
Auch in Radikalisierungsprozessen sind traditionelle Geschlechterrollen und die Schaffung von Feindbildern häufig ein Kernelement. Diese Prozesse finden meistens dann statt, wenn es zu großen Veränderungen im Leben eines Menschen kommt und ein Gefühl von Unsicherheit entsteht. Das können Scheidungen und Jobverlust, der Beginn einer globalen Pandemie oder eben das Jugendalter und die damit einhergehende Zeit der Pubertät sein.
Die Anforderungen an Männer in der heutigen Gesellschaft insgesamt indes sind vielfältig: Sie dürfen Emotionen zeigen, sollen nicht nur Geld verdienen, sondern auch liebevolle Väter sein, die Care-Arbeit übernehmen. Eine Entwicklung, die mit der rechten Ideologie kollidiert. „Als Gegenreaktion darauf propagiert die extreme Rechte traditionelle Rollenbilder“, sagt Rechtsextremismus- und Geschlechterexperte Andreas Hechler. Denn: „Das traditionelle Männlichkeitsbild kann von den überfordernden Anforderungen entlastend wirken. Für bestimmte Männer kann das sehr attraktiv sein.“
Was ist ein Mann? Wie werde ich ein Mann? Diese identitätsstiftenden Fragen werden oftmals von Jugendlichen gestellt. „Herauszufinden, wer man selbst sein möchte, ist häufig ein anstrengender und unbefriedigender Prozess“, sagt Hechler und ergänzt: „Die extreme Rechte bietet eindeutige Antworten“. Diese bestehen jedoch nicht aus einer einfachen Schritt-für-Schritt-Anleitung, sondern aus einem Idealbild, das häufig die Anforderungen noch verschärft – etwa wenn die Vorstellung des allein verdienenden Familienvaters in Zeiten von wirtschaftlicher Rezession und Inflation bestehen bleibt.
Rechte Accounts befeuern Unsicherheiten – und bieten vermeintlich einfache Lösungen
Diese rechte Ideologie als solche zu erkennen, ist nicht einfach. Auf Social Media finden sich unzählige Accounts, die niedrigschwellig ein traditionelles Männlichkeitsbild verbreiten. In den Videos sind junge Männer zu sehen, die Sport machen und gut verdienen. Sie wirken gefestigt in ihrem Selbstbild, ohne Selbstzweifel.
Ein Zustand, den viele gerne erreichen würden. Diese Männer scheinen die Antworten auf die Fragen parat zu haben, die einen selbst unsicher zurücklassen: sportlich, gut verdienend, mit hübscher Freundin. Natürlich vertreten nicht alle jungen Männer, die derartige Accounts betreiben, ein gefestigtes extrem rechtes Weltbild. Doch das von ihnen verbreitete Männlichkeitsbild ist ein guter Anknüpfungspunkt für die Verbreitung einer extrem rechten Ideologie.
Unsicherheiten befeuern. Lösungen anbieten
„Die gesellschaftlichen Anforderungen für junge Menschen sind enorm hoch. Besonders in Zeiten multipler Krisen: starke Inflation, Covid-19-Pandemie, Kriege“, betont Johanna Niendorf, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Else-Frenkel-Brunswik-Institut an der Universität Leipzig. Als Beispiel nennt die Expertin für Radikalisierungsprozesse und Antifeminismus etwa das Erreichen eines guten Abschlusses, um später genug Geld zu verdienen. Dieser Druck führe zu Unsicherheiten und Zukunftsängsten, die von Social Media bestärkt würden. „Rechte Accounts befeuern diese Unsicherheiten und bieten gleichzeitig Lösungen an – oft in Form von Feindbildern, wie dem Feminismus und trans Geschlechtlichkeit“, so Niendorf.
Die rechte Propaganda von AfD-Mann Maximilian Krah und anderen schaffe es, an die Zweifel junger Männer anzudocken und ihre Unsicherheiten weiter zu befeuern, mit der vermeintlichen Lösung, nur männlicher werden zu müssen, bis es klappe mit der Freundin und dem Erfolg. Auf diese Weise würden sie die Jugendlichen emotional an sich binden.
Zweifelhafte Methoden, um Reichweite zu generieren
Gerade angesichts der Fokussierung auf den persönlichen Erfolg sei die Beschäftigung mit Finanzen und Kryptowährung für junge Männer sehr attraktiv, weiß die Forscherin. „Die Aussage ist: Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Genau in diese Kerbe schlagen die Macher des Podcasts „Hoss & Hopf“, der lange Zeit an der Spitze der deutschsprachigen Podcasts-Charts stand. Allerdings geht es in dem Format der beiden Finfluencer nicht nur um Finanzen, sondern auch um Verschwörungserzählungen und rechte Ideologien. So sprachen Kiarash Hossainpour (Hoss) und Philip Hopf bereits in ihrer zweiten Folge darüber, dass die heutigen Männer schwach und die Lebensbedingungen zu einfach seien.
Dies begründeten sie mit der Diskussion um Toiletten für nicht binäre Personen, denen sie den Leidensdruck absprachen. In härteren Zeiten hätten die Menschen andere Probleme als ihre Geschlechtsidentität. Um ihre Reichweite zu erhöhen, rufen sie ihre Hörerinnen und Hörer dazu auf, Kurzclips aus ihrem Podcast zu erstellen und auf Social Media zu posten. Ihr Versprechen: Wessen Video über eine Million Mal gesehen wird, erhält Geld. Ihr Plan ging auf – auf diese Weise erreichten die Podcast-Inhalte der beiden Millionen junger Menschen. Tiktok versucht, dieses Vorgehen wegen „gefährlicher Falschinformationen und gefährlicher Verschwörungstheorien“ zu unterbinden.
Emotionen und deren Verarbeitung sind ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung einer politischen Einstellung eines Menschen. Dazu gehört auch der Austausch über Gefühle, Gedanken, Ängste und Hoffnungen mit der sozialen Gruppe. „Freundeskreise mit einer gewissen Diversität können eine gute Wirkung gegen Radikalisierungsprozesse zeigen“, so Forscherin Niendorf. Auch Eltern sollten mit den Jugendlichen ins Gespräch gehen, wenn sie rechte Aussagen tätigen. Es sei wichtig, sie mit unterschiedlichen Positionen zu konfrontieren. Aber auch, sie in ihren Emotionen und Unsicherheiten zu begleiten.