„Ich kann doch nix dafür, wie ich aussehe“ – Offenbar wegen ihres Aussehens: Görlitzer Club weist acht Abiball-Gäste ab

Vor zwei Wochen stieg im Görlitzer Club L2 der Abiball eines Gymnasiums. Doch nicht jeder durfte mitfeiern. Mehrere Gäste der Abiturienten kamen nicht in den Club – obwohl sie auf der Gästeliste standen. Der Grund scheint ihre Hautfarbe zu sein.

Ellen und Lina hatten allen Grund zu feiern in der Nacht zum 21. Juni: Mit ihren nun Ex-Mitschülern haben sie das Abitur am Joliot-Curie-Gymnasium in Görlitz bestanden. Lina und Ellen heißen in Wirklichkeit anders, ihre Klarnamen sind der SZ bekannt. Vor rund zwei Wochen feierten sie ihren Abiball im Club L2, den einstigen „Zwei Linden“, in Görlitz-Rauschwalde. Doch nicht jeder durfte mitfeiern. Rund acht Gäste, die die Abiturienten sich eingeladen hatten, mussten draußen bleiben.

Der Abiball bestand wie jedes Jahr aus zwei Teilen. Zunächst feierten die Jugendlichen mit ihren Eltern, ab 23 Uhr feierten sie unter sich weiter – und mit eingeladenen Gästen. Alle Abiturienten konnten Freunde und Bekannte bei den Organisatoren, selbst Abiturienten, auf die Gästeliste setzen lassen. Auf dieser standen letztlich rund 200 Personen, darunter acht junge Männer mit dunkler Hautfarbe.

Mit dem Curie-Gymnasium haben sie nichts zu tun, sie besuchen andere Schulen oder haben ihre Schulzeit beendet. Sie sind zwischen 18 und 20 Jahre alt, alle leben schon lange in Deutschland, mancher bereits seit dem Kleinkindalter, andere flüchteten 2015 mit ihren Eltern hierher.

In einer Stadt wie Görlitz jedenfalls „kennt man sich“, sagt Ellen. „Wir kannten alle Personen, die auf der Gästeliste standen.“

„Plötzlich hieß es, dass wir nicht reindürfen“

Die SZ sprach mit vier der betroffenen Gäste, die nicht ins L2 durften, sowie den beiden Abiturientinnen Ellen und Lina, die die Diskussion an der L2-Tür mit dem Security-Personal, einem der Club-Betreiber und letztlich der Polizei miterlebten.

Sie schildern den Vorfall so: Auch die betroffenen jungen Männer kennen sich. Nicht alle, aber der größere Teil von ihnen kam gemeinsam am L2-Einlass an. „Wir wollten den Eintritt bezahlen, sagten, dass wir auf der Gästeliste stehen, und plötzlich hieß es, dass wir nicht reindürfen“, erzählt einer der Jugendlichen. „Da haben wir angefangen zu diskutieren.“

Als eine Begründung sei vom Sicherheitspersonal ein früherer Vorfall im L2 mit ausländischen Besuchern genannt worden: Im Sommer 2023 sorgte eine heftige Schlägerei vor dem Club für Schlagzeilen. Nach dem Abiball einer anderen Schule kam es damals zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen nichtdeutschen und deutschen Gästen, mehrere Personen wurden verletzt. Zwei Syrer und ein Deutscher wurden voriges Jahr vom Landgericht verurteilt, die beiden Syrer waren in Berufung gegangen.

Abiturienten erstatten Anzeige

Ellen sagt, keiner ihrer zum Abiball eingeladenen Freunde hatte mit diesem damaligen Vorfall etwas zu tun. Ihr Alter passt auch nicht zum Alter der damaligen Tatverdächtigen. Die Jugendlichen selbst sagen, dass sie bislang größtenteils keine Beziehung zum L2 hatten.

Deutlich schwerwiegender für die Jugendlichen: Neben dem Verweis auf den drei Jahre alten Fall seien mehrere rassistische Äußerungen gefallen. Wichtig ist den Jugendlichen, dass daran nicht alle Security-Leute des L2 beteiligt waren, aber einige.

Das Harmloseste sei „Ihr gehört hier nicht her“ gewesen, das Heftigste: Ein Sicherheitsmann des L2 habe ungefähr gesagt, Ausländer seien diejenigen, die Frauen vergewaltigen, schlagen und Menschen abstechen würden. Eine der Abiturientinnen hat unter anderem deshalb Anzeige wegen Volksverhetzung erstattet. Die Polizei bestätigt die Anzeige.

Club-Betreiber weist Vorwurf zurück

Betrieben wird der Club L2 von der Purevision Events UG, hinter der Robert Schulze und Florian Herbst stehen. Sie betreiben mehrere Clubs in der Region. Im L2 finden neben Partys regelmäßig Konzerte statt, Public Viewings oder auch Seniorentanz.

Am Abend des Abiballs war Robert Schulze selbst vor Ort, schildern die Jugendlichen, und habe das Handeln des Sicherheitspersonals im Grunde unterstützt. Die SZ bat die Club-Betreiber um Stellungnahme und Antwort auf zehn Fragen. Unter anderem wollte die SZ wissen, wie sich der Abend aus ihrer Sicht abgespielt hat, warum die acht jungen Männer, obwohl sie auf der Gästeliste standen, abgewiesen wurden.

Eine der Fragen beantwortet Schulze: Er „weise ausdrücklich zurück, dass es im L2 Club eine Anweisung, Praxis oder Entscheidung gegeben hat, Personen wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, Nationalität oder ihres äußeren Erscheinungsbildes nicht einzulassen“, teilt er mit. „Eine solche Vorgehensweise widerspricht unseren Grundsätzen und dem Selbstverständnis des L2 Clubs als Veranstaltungsort.“

Betreiber gibt verblüffende Erklärung

Am Abend des Abiballs nahmen die Jugendlichen das jedoch anders wahr. Ein Teil ihrer Schilderungen wird gestützt von einer Audioaufnahme, die der SZ zuging. Sie gibt einen Einblick in die Diskussion an der L2-Tür und belegt, dass die Hautfarbe doch eine Rolle spielte – aber anders als gedacht.

Zu hören ist die Stimme eines Mannes, offenbar Robert Schulze, der mehrfach beteuert, er „habe nichts gegen Ausländer, allgemein“. Aber er habe die Erfahrung gemacht, „dass viele Ausländer letztendlich auf die Schnauze bekommen haben in meinem Club, und ich das einfach nicht mehr verantworten kann“. Es gebe im L2 Leute, die ein Problem mit dunkelhäutigen Gästen haben, so Schulze.

Einer der Jugendlichen fragt, warum denn dann diese gewaltbereiten Personen rein dürfen. Der Club-Betreiber: „Deutsche dürfen einfach rein, weil sie nicht so aussehen.“ Er würde sich wünschen, dass es anders wäre, aber so würden die Gäste in Görlitz nun einmal mit „den Ausländern“ umgehen. „In Dresden habe ich auch Clubs, da lasse ich auch Ausländer rein.“

Entsetzen bei den Jugendlichen

Einer der Jungs kommentiert diese Ausführungen mit: „Das ist crazy, Digga.“ Man hört Ungläubigkeit, auch Abscheu heraus. Für die Jugendlichen jedenfalls machen Schulzes Erklärungen die Sache nicht besser. Zumal Lina und Ellen sich erinnern, sie hätten am selben Abend Personen gesehen, die dem rechten Spektrum angehören.

Besonders bezeichnend: Von anderen Zeugen wurde am besagten Abend der Abi-Feier jener Deutsche gesehen, der nach der Clubschlägerei 2023 zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Er war beim Public Viewing anlässlich des WM-Spiels von Deutschland gegen die Elfenbeinküste, das am selben Abend in der L2-Lounge stattfand. Er musste dafür zwar durch eine andere Tür, wurde aber offenkundig eingelassen. Der Mann war im Sommer 2023 Stadtrat der AfD.

Warum Personen, die nachweislich straffällig im Club geworden sind, eingelassen wurden, während Personen, die, soweit bekannt, keine Verbindung zu der Einrichtung haben, draußen bleiben müssen – auch diese Fragen lassen die Club-Betreiber offen. Ebenso, warum die Polizei gerufen wurde.

Abend endet mit Einsatz der Polizei

Auf der Audioaufnahme ist eine Diskussion zu hören, aggressiv aber wurde zumindest in dieser Zeit niemand. Tatsächlich bat eine der Abiturientinnen um einen „Kompromiss“, wo doch ihre Freunde auf der Gästeliste stehen und sich auf der Abi-Feier alle kennen.

Wie die Polizei mitteilt, sei auch aus ihrer Sicht der Einsatz „friedlich und ruhig“ verlaufen. Gerufen wurde die Polizei, weil „acht Personen den Weisungen des Sicherheitspersonals nicht Folge leisten wollten“. In einem klärenden Gespräch mit den Verbliebenen „zeigte man Verständnis und erläuterte noch einmal das geltende Hausrecht des Sicherheitsdienstes“. Maßnahmen seien nicht nötig gewesen.

Die Jugendlichen sagen, die Polizisten seien sehr nett gewesen. „Ich hatte den Eindruck, sie waren eher auf unserer Seite, konnten aber wohl nichts tun“, sagt einer der jungen Männer. Nicht bekannt ist, mit welcher Begründung Hausrecht angewandt wurde und ob die Polizei tatsächlich nichts hätte tun können. Hausrecht darf nicht gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstoßen, das beispielsweise Diskriminierung wegen Hautfarbe oder Herkunft untersagt.

Ein anderer der Jugendlichen sagt, erst später, als er nach Hause lief, sei langsam eingesickert, was da eigentlich an der Tür des L2 geschehen war. „Ich wurde eingeladen, dann an der Tür auf diese Weise abgewiesen zu werden, sei schon ein Schock gewesen. „Ich kann doch nix dafür, wie ich aussehe.“