Hoyerswerda, 7.13 Uhr: Die AfD steht vor der Schule
Der sächsische AfD-Nachwuchs versucht am frühen Morgen, Schülerinnen und Schüler zu beeinflussen. Auf der anderen Seite protestieren die Omas gegen Rechts. Und die Schüler? Ziehen den Kopf ein.
Eine kleine Zufahrtsstraße am Stadtrand von Hoyerswerda. Eine berufsbildende Schule. Junge Menschen mit großen Träumen und kleinen Autos. Heute sind Prüfungen. Und noch etwas ist anders.
Vor der Schule zwei Versammlungen. Auf der einen Seite des Bürgersteigs verteilen die Omas gegen Rechts kalten Kaffee aus Plastikbechern. Eine Schülerin mit pinkfarbenen Haaren und blauem Nagellack tanzt zwischen Seifenblasen, die eine elektrische Maschine in die Luft pustet.
Ein Mann stellt sein Lastenrad neben dem Parkplatz ab. »Morgens um 7 vor der Schule stehen war nie Teil unseres Lebenstraums«, stand in dem Aufruf, dem etwa 30 Menschen gefolgt sind. »Jetzt machen wir es trotzdem.«
Der Grund steht am Mittwoch, dem 20. Mai, auf der anderen Straßenseite. »Generation Deutschland« heißt die AfD-Jugend. Es gibt sie erst seit einigen Monaten, dies hier ist Teil ihrer ersten größeren Aktion: »Wir kommen vor deine Schule«, kündigt der sächsische AfD-Nachwuchs an. Aktivisten der Partei standen in den Tagen zuvor bereits an Schulen in mehreren sächsischen Städten, so in Dresden und Bautzen. Hoyerswerda ist der siebte geplante Termin.
Der Kampf um die Köpfe der jungen Menschen
Das Personal, das die Generation Deutschland an diesem Morgen in Ostsachsen aufbietet, um die Schüler von sich zu überzeugen: ein junger Mann mit enormer Brust und breiten Oberarmen. Sein T-Shirt spannt über den Muskelbergen wie eine zu enge Haut. Ein weiterer Mann sieht aus, als wollte er einen englischen Hooligan imitieren.
Ein Dritter reibt sich den Schlaf aus den Augen, in der einen Hand einen Energydrink, in der anderen eine Zigarette. Ein vierter Mann trägt eine runde Brille, ein Poloshirt und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Die Wortführerin der Gruppe ist die einzige Frau: Nicole Scharpe, Jahrgang 1997, Stadträtin in Bautzen, Vorstandsmitglied der Generation Deutschland in Sachsen.
»Ich war selbst auf dieser Schule«, erzählt Scharpe. Die Aufregung um die Schultour hält sie für »komplett übertrieben«. Man stehe ja nur hier und spreche die Schüler nicht aktiv an.
Um 7.13 Uhr kommt der erste Schulbus an. Die AfD-Jugend drückt den Rücken durch. Die Omas gegen Rechts drehen ihre Musik lauter. Der Kampf um die Köpfe der jungen Menschen beginnt.
Schüler sind besonders beeinflussbar
In Sichtweite einer Schule darf man kein Marihuana rauchen. Aber die AfD darf Propaganda machen?
Das regt viele auf. Eltern fürchten um ihre Kinder, Lehrer fragen sich, wie sie das Thema im Unterricht besprechen sollen. Rechtsextreme Inhalte, so die Sorge, verfingen bei jungen Menschen leicht. Anfang der Nullerjahre verteilten Rechtsextreme CDs vor Schulen – die AfD-Jugend knüpft daran an.
»Natürlich sind Schülerinnen und Schüler besonders beeinflussbar und müssen beschützt werden«, sagt die Leiterin der berufsbildenden Schule in Hoyerswerda.
Rechtlich aber gibt es kaum Handhabe. »Wir können nichts tun«, sagt Oberbürgermeister Torsten Ruban-Zeh von der SPD.
Stattdessen verweist Ruban-Zeh auf die aktive Zivilgesellschaft der Stadt und die Lehren aus den schweren rassistischen Ausschreitungen von 1991, an denen sich Hunderte Menschen beteiligten und Hoyerswerda zur Chiffre für offenen Fremdenhass machten. Man habe gelernt, Warnzeichen früh zu erkennen, sagt Ruban-Zeh.
»Wir merken, dass rechtsradikale Ansichten in den Schulen freier geäußert werden.« Ruban-Zeh ist früh aufgestanden, um sich die Versammlungen vor der Schule anzuschauen. Er trägt eine Funktionsjacke.
Etwa 50 Schülerinnen und Schüler steigen aus dem ersten Bus und gehen direkt zum Haupteingang. Niemand bleibt am Infostand der AfD stehen. Niemand unterhält sich länger mit den Omas gegen Rechts. Die jungen Menschen drängen sich durch die fremden Menschen vor ihrer Schule, Seifenblasen fliegen über ihre geduckten Köpfe hinweg. Dann sind sie weg.
Hakenkreuze im Schulpult
Fernab von dem Trubel, auf einer langen Bank auf einem Vorhof der Schule, sind die Schülerinnen und Schüler dann nicht mehr so in Eile.
»Boah, meine Mutter hat sich voll Sorgen gemacht wegen denen. Was soll das?«, sagt eine junge Frau, die ihre Zigarette so hält, dass ein Lehrer sie im Vorbeigehen nicht direkt sehen kann.
»Warum sollen die da nicht stehen?«, fragt ein Junge. »Die sind eine Partei wie jede andere.«
Ein Mädchen erzählt von einem Hakenkreuz, das jemand kürzlich in ein Schulpult ritzte. Die Schulleitung bestätigt den Vorfall.
»Lasst die halt mal ran, das sind die Einzigen, die es noch nicht verbockt haben«, sagt ein Junge mit kurzen Haaren.
»Hier gibt es viele, für die steht die AfD noch zu weit links«, sagt eine junge Frau.
Ein Bus spuckt eine neue Gruppe Schüler aus. Zwei der jungen AfD-Männer wechseln die Straßenseite und wollen die Schüler nun doch direkt ansprechen. Die drei Beamten aber, die in einem Polizeiauto ein wenig abseits bislang einen ruhigen Morgen hatten, greifen ein.
»Sie haben dort drüben Ihren Stand angemeldet«, sagt ein Polizist.
Der muskulöse Mann nickt. »Na gut«, sagt er und geht zurück. Sein Kollege folgt ihm.
Der nächste Bus hält. Wieder laufen alle am Stand vorbei.
»In meiner Schulzeit hätte ich mich auch nicht getraut, mit uns zu reden«, sagt der Mann mit der runden Brille. »Ohne die Demonstranten wäre das sicher einfacher.«
Kurz vor Schulbeginn kommen dann doch noch drei Jungs, vielleicht 16 Jahre alt, zum Stand. Die AfD-Nachwuchsorganisation begrüßt sie grinsend, klatscht mit ihnen ab wie mit alten Bekannten.
»Nein, wir kannten die nicht«, sagen sie später. »Die haben sich für unsere Inhalte interessiert.«
Dann packen sie ihren Stand zusammen. Man habe »wertvolle Erfahrungen gesammelt«, sagt Nicole Scharpe. Im Weggehen diskutieren sie, wie man sich beim nächsten Mal besser platzieren könnte, näher dran an den Schülerinnen und Schülern.
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Von Antonie Rietzschel, David Berndt und Mariya Martiyenko
29.05.2026
Schulbesuch, Simson-Treffen, Wandertag: Wie die AfD in Sachsen um die Jugend wirbt
Die „Junge Alternative“ war zu radikal. Nun versucht die AfD mit der „Generation Deutschland“, Nachwuchs zu gewinnen – und inszeniert dafür einen jugendlichen Lifestyle. Doch der Verfassungsschutz stuft sie als rechtsextrem ein.
Dresden, Bautzen, Grimma, Pirna. Die Ausbeute der zwei Berufsschüler ist reichlich: eine Dose Energy-Drink, Flyer und jede Menge Sticker. „Deutschland verteidigen“ steht drauf oder „Simson statt Lastenrad“. Ob sie wissen, was hinter all dem steckt. „Nö, haben wir uns nicht so mit beschäftigt. Die haben uns gefragt, ob wir ’was haben wollen. Wir haben nicht Nein gesagt“, sagen sie.
„Die“, das ist eine Gruppe junger Männer, die an diesem Tag vor dem Eingang des Berufsschulzentrums in Grimma steht. Sie haben ein kleines Banner aufgestellt, zwei Eichenblätter auf dunkelblauem Grund. Sie kommen von der „Generation Deutschland“ (GD), der Jugendorganisation der rechtsextremen AfD.
AfD will von Radikalisierung Jugendlicher profitieren
In den vergangenen Wochen haben Mitglieder der GD vor Berufsschulen in ganz Sachsen Position bezogen – um sich bekannter zu machen und einen Neuanfang zu wagen: Auch auf Druck der Bundespartei hatte sich die „Junge Alternative“ im vergangenen Jahr aufgelöst, deren Anhänger zu oft Schlagzeilen mit radikalen Aktionen machten. Zwei ehemalige Mitglieder stehen gerade wegen Terrorverdachts in Dresden vor Gericht.
Doch die AfD weiß um das Potenzial der jungen Zielgruppe: Bei Juniorwahlen liegt die Partei meistens vorn. Der Verfassungsschutz beobachtet schon länger eine zunehmende Radikalisierung bei Jugendlichen. Die AfD will davon profitieren. Ende November 2025 wurde die „Generation Deutschland“ offiziell gegründet.
Die Organisation ist eng an die Partei gebunden. Wer Mitglied sein will, muss auch in die AfD eintreten und ein Prüfverfahren durchlaufen. Bundesweit sollen der GD zufolge derzeit 2732 Personen angehören, in Sachsen sind es offenbar 150. Regelmäßige Veranstaltungen finden vor allem in Bautzen, Leipzig und im Landkreis Nordsachsen statt. „Langfristig sollen tragfähige Strukturen in ganz Sachsen entstehen“, sagt der sächsische Vorsitzende Lennard Scharpe.
Die GD Sachsen lockt vor allem mit vermeintlich unpolitischen Angeboten. Deren Mitglieder laden über Social Media zu Simson-Treffen, Wanderungen und Beachvolleyballturnieren in der Oberlausitz ein, bieten einen Besuch auf Dorffesten an – oder verteilen eben Sticker und einen Energy-Drink vor Berufsschulen.
Reporter von Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung haben sich in den vergangenen Wochen einzelne Stationen der Schultour angesehen. Sie haben junge Erwachsene getroffen, die über sich sagen: „Ich bin für die AfD, damit Deutschland wieder Deutschland wird.“ Aber dann gibt es eben auch Berufsschüler wie die in Grimma, die erst einmal auf das kleine Parteilogo auf dem Energy-Drink hingewiesen werden müssen.
Die bewusste Inszenierung eines jugendlichen Lifestyles besorgt etwa Menschen wie Stefan Kraft. Er ist Vorsitzender des Kreiselternrates in Dresden. „(…) denn hierbei verbinden sich politische Botschaften und Narrative mit Stickern, Social-Media-Optik, popkultureller Ansprache und vermeintlich harmloser Schulhofästhetik“, lässt sich Kraft in einer Pressemitteilung zitieren.
Was die GD da macht, wird nicht nur von Elternvertretern kritisch beobachtet, sondern auch vom Landesamt für Verfassungsschutz. Die Organisation wolle unter Jugendlichen die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit erhöhen, „indem sie ein ostdeutsches Lebensgefühl vermittelt“, heißt es auf Anfrage. Die Behörde stuft die GD als „erwiesen rechtsextrem“ ein, trotz Neugründung gebe es keine Hinweise auf ein gemäßigtes Auftreten.
Das hat auch etwas mit der Rolle anderer rechtsextremer Organisationen zu tun, etwa der Identitären Bewegung (IB), die ihrerseits ziemlich aktionistisch orientiert ist, sich in Sozialen Medien inszeniert. Der Vorsitzende der GD, Lennard Scharpe, hatte nach seiner Wahl im Dezember 2025 gesagt: „Ich finde die IB wertvoll.“ Es müsse einen regelmäßigen Austausch geben. Auf Nachfrage, ob das auch weiterhin gilt, sagt Scharpe: „Ja“.
Laut Verfassungsschutz waren bei der offiziellen Gründungsveranstaltung des sächsischen Landesverbandes der AfD-Jugend Vertreter der IB dabei. Ein Mitglied des Landesvorstands soll „enge Verbindungen“ zu der Gruppe haben.
Aktivist der „Identitären Bewegung“ steht AfD-Jugend nahe
Diese Verbindungen werden auch in Grimma deutlich, am Stand vor der Berufsschule. Dort ist Cornell Peschke dabei, ein rechtsextremer Influencer aus Sachsen. In sozialen Medien postet er Beiträge wie „White Boys are proud again“ oder „Sag das N-Wort, weißer Junge“. Er beteiligt sich an Aktionen der IB, tritt in deren Podcasts auf.
Mitglieder der sächsischen AfD-Jugend zeigen sich öffentlich mit Peschke, etwa zum Gedenken an die Bombardierung Dresdens. Er selbst sei kein Mitglied, sagt er in Grimma, seine Anwesenheit nur Zufall. Weitere schriftliche Anfragen beantwortet er nicht.
Die Identitäre Bewegung steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD, man kann nicht bei beiden Mitglied sein. Die Verflechtungen der Jugendorganisation würden jedoch „vom AfD-Landesverband Sachsen nicht offen problematisiert, sondern geduldet“, heißt es seitens des Verfassungsschutzes. Bei der AfD heißt es auf Nachfrage: Man begrüße auf Veranstaltungen „jeden Bürger, welcher sich über unsere politischen Ziele informieren möchte und den demokratischen Dialog sucht“.
In Grimma ziehen die beiden Berufsschüler los. Ihre neuen Sticker wollen sie „kleben“.
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Andrea Schawe
13.05.2026
AfD-Jugendorganisation wirbt vor Dresdner Berufsschulen: Wie Eltern darauf reagieren
Die Jugendorganisation der AfD wirbt in dieser Woche vor Berufsschulzentren in Dresden für ihre Positionen. Die Eltern zeigen sich besorgt.
Die AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ ist in dieser Woche vor Dresdner Berufsschulzentren präsent. Am Dienstag haben Mitglieder vor dem BSZ für Technik „Gustav Anton Zeumer“ einen Infostand aufgebaut. Am Montag stand die AfD-Jugendorganisation vor dem BSZ für Bau und Technik an der Güntzstraße.
Das ist Teil einer Schultour durch Sachsen, bei der die AfD gezielt vor Berufsschulen auftritt. „Bis zu den Sommerferien geben wir Schülern überall in Sachsen die Möglichkeit, mit denjenigen ins Gespräch zu kommen, vor denen sie ihre linken Lehrer warnen“, kündigt die Organisation in einem auf Instagram veröffentlichten Aufruf an.
Elternrat: Schulen keine Kulisse für politische Provokation
Der Kreiselternrat Dresden zeigt sich besorgt. „Schulen müssen geschützte Orte des Lernens, der Vielfalt und des demokratischen Miteinanders bleiben – keine Kulisse für politische Provokationen und Einschüchterungsversuche“, sagt der Vorsitzende Stefan Kraft. „Dass gezielt vor Schulen für eine politische Agenda geworben wird, ist besorgniserregend.“
Die Jugendlichen sollen so gezielt dort abgeholt werden, wo sie sich täglich bewegen – auf dem Schulweg, in Pausen und im unmittelbaren sozialen Umfeld, teilt der Kreiselternrat mit. Besonders problematisch sei die bewusste Inszenierung als jugendliche Lifestyle-Kampagne, „denn hierbei verbinden sich politische Botschaften und Narrative mit Stickern, Social-Media-Optik, popkultureller Ansprache und vermeintlich harmloser Schulhofästhetik“.
Kein Einfluss auf Veranstaltungen außerhalb des Schulgeländes
Der Kreiselternrat Dresden fordert die Landeshauptstadt Dresden als Schulträger und deren Versammlungsbehörde auf, hier genau hinzusehen und alle vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, um eine solche Einflussnahme im direkten Schulumfeld zu unterbinden. Auch die Grünen im Stadtrat fordern Unterstützungsangebote für die betroffenen Schulen.
Verboten ist Parteiwerbung vor Schulen nicht, solange sie im öffentlichen Raum stattfindet. Auch andere Parteien werben im Umfeld von Schulen, hauptsächlich in Wahlkampfzeiten. Allerdings ist es üblich, auf Einladung der Schule mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen.
Die Schulen selbst haben keine Handhabe, da sich die Stände außerhalb des Schulgeländes befinden, teilt das Kultusministerium mit. Das Landesamt für Schule und Bildung bietet den Schulleitungen und Lehrkräften im Bedarfsfall Beratungen an.
Die „Generation Deutschland“ wurde im vergangenen Jahr als Jugendorganisation der AfD neu gegründet, nachdem die als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Vorgängerorganisation „Junge Alternative“ (JA) im Frühjahr aufgelöst worden war.
Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Beitrages hieß es, dass die AfD-Jugendorganisation am 12. Mai auch am BSZ Wirtschaft „Prof. Dr. Zeigner“ zugegen war. Das war nicht der Fall.