Ringen um Connewitzer Bahnhof: Übernimmt Aldi das ganze Areal?

Erste Visualisierungen zeigen, was der Investor Aldi auf dem verwahrlosten Gelände an der Bornaischen Straße plant. So sollen ein Einkaufsmarkt und 75 Wohnungen entstehen, auch Baudenkmäler saniert werden. Das Problem dabei: Die schlimmste Ruine vor Ort gehört nicht Aldi, sondern der Stadt Leipzig.

Die Überschrift klingt, als ob schon alles klar wäre in der Bornaischen Straße 95. „Aldi Nord modernisiert Connewitzer Bahnhofsgelände“, hat der Handelsriese groß über seine aktuelle Pressemitteilung geschrieben. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht.

Beigefügt sind Visualisierungen, wie das verwahrloste Gelände künftig aussehen könnte. Der Blick schweift über herausgeputzte Backsteinhäuser und vor allem junge Leute. Der Haken an der Sache ist nur, dass ein Teil der abgebildeten Gebäude und Flächen gar nicht zu Aldi gehört.

Teilfläche zum Schnäppchenpreis

Zwar konnte der Konzern mit Sitz in Essen im letzten September eine Teilfläche direkt an der Straße erwerben. Bei einer Zwangsversteigerung griff Aldi zum Schnäppchenpreis von 575.000 Euro zu. Früher war dieselbe Fläche mal für 1,5 Millionen Euro von Spekulanten gekauft worden.

Weitgehend klar ist bisher aber nur, dass Aldi dort einen Einkaufsmarkt mit 75 möblierten Kleinstwohnungen in den Obergeschossen bauen wird. Dafür entsteht ein Neubau gleich neben der Brücke in der Bornaischen Straße, die Connewitz und Lößnig verbindet.

Die Apartments sollen für bis zu 99 Studentinnen und Studenten reichen, erläutert Aldi-Sprecher Dennis Willhardt in der Mitteilung. „Die Kombination aus Handel und Wohnen ermöglicht eine effiziente Flächennutzung und trägt zur Belebung des Quartiers bei.“

Noch 2026 wolle man den Bauantrag einreichen. 2027 könnten die Bagger rollen, 2028 der Neubau öffnen. Schwieriger sei freilich die Lage bei den teils arg ramponierten Altbauten im mittleren und hinteren Teil des Areals.

Idealer Umsteigepunkt für P+R

„Es besteht die Möglichkeit, das gesamte Bahnhofsgelände in die Entwicklung einzubeziehen und auch den denkmalgeschützten Bahnhofsgebäuden wieder eine langfristige Perspektive zu geben“, sagt der Sprecher dazu.

Das dreigeschossige Bahnhofsgebäude sei im Besitz von Aldi Nord. Weiter hinten in Richtung Fußgängerbrücke befinde sich ein ruinierter Güterschuppen, welcher der Stadt Leipzig gehört.

Die Kommune hatte nach jahrelangen Verhandlungen größere Flächen von der Bahn gekauft, um dort vor allem einen Park-and-Ride-Platz (P+R) für Pendler und Besucher von Großveranstaltungen zu schaffen. Dafür stehen Fördermittel in Aussicht. S-Bahn und Straßenbahn vor Ort, die Bundesstraße 2 in der Nähe: Als Umsteigepunkt ist der Platz ideal.

Für die Altbauten des Bahnhofs hat Aldi konkrete Vorschläge. Dort könnten ein Fitnessbereich, Fahrradstellplätze, ein Studentencafé sowie Büroflächen untergebracht werden, sagt Willhardt. Zugleich räumt er ein: „Eine wirtschaftlich tragfähige Wiederherstellung und Nutzung der Flächen ist außerhalb eines Gesamtkonzeptes nur schwer darstellbar.“

Kommune noch nicht im Grundbuch

Tatsächlich müssten zunächst einige wichtige Punkte geklärt werden. Unter anderem ist die Eigentumsübertragung von der Bahn an die Stadt bis heute noch nicht formal abgeschlossen. Die Kommune darf deshalb teilweise noch gar nicht handeln.

Zweitens würde allein die Sanierung des Güterschuppens die Stadt Leipzig mindestens 1,3 Millionen Euro kosten – wahrscheinlich viel mehr. Dabei wäre der Bereich im Anschluss aus Lärmschutz- und Sicherheitsgründen nur eingeschränkt nutzbar. Denn er liegt recht nahe an den aktiven Bahngleisen.

Weil die Kommune auf absehbare Zeit kein Geld für solche Projekte hat, schlug das Liegenschaftsamt vor, die Teilfläche mit dem Schuppen per Konzeptvergabe weiterzuverkaufen. Das sei besser, als wenn das dortige Baudenkmal vielleicht bald zusammenbricht. Den Park-and-Ride-Platz könne die Stadt ja trotzdem behalten, so die Überlegung.

Keinen Gefallen fand der Verkaufsplan bei der Linken. Mehrere Fraktionsmitglieder beantragten im Stadtrat, dass der Güterschuppen nicht verkauft werden darf, sondern im Erbbaurecht an sanierungswillige Nutzer übertragen wird – möglichst für ein kulturelles, soziales oder Bildungsprojekt.

Aldi kann Erbbaurecht blockieren

Ein Erbbrauchrecht sei juristisch ausgeschlossen, erwiderte jüngst das Liegenschaftsamt. Grund dafür sei ein Wegerecht zugunsten der Nachbarfläche, die nun Aldi gehört. Der so gesicherte Weg entspricht einer Rampe, die von der hoch gelegenen Brücke hinunter zu den Gleisen und den tiefer liegenden Flächenteilen führt. Er führt auch mitten durch die städtische Fläche.

Solange dieses Wegerecht im ersten Rang im Grundbuch steht, dürfe die Kommune kein Erbbaurecht an ihrer Teilfläche vergeben, erklärt das Liegenschaftsamt. Der Nachbar könne höchstens freiwillig einen Rangrücktritt erklären. Aldi mache dies aber „von der Klärung der Bebaubarkeit und Erschließung des eigenen Grundstücks abhängig“.

In den nächsten Monaten wollen beide Seiten alle Optionen für die Bahnflächen gemeinsam ausloten. Bis zum Jahresende erhalte der Stadtrat eine „rechtssichere Handlungsempfehlung“, verspricht das Liegenschaftsamt.

Stadtrat behandelt Antrag im Mai

Bereits im Mai wird der Connewitzer Bahnhof wahrscheinlich wieder eine größere Rolle im Stadtrat spielen. Die Linke hat soeben einen neuen Antrag zu dem Thema formuliert. Es ist bereits ihr dritter Antrag zu diesem Thema, er wurde aber noch nicht veröffentlicht. „Wir halten an der Option Erbbaurecht fest“, betont Stadträtin Juliane Nagel.

Verkaufen sei die langfristig schlechteste Option, meint sie. „Nur wenn es gar nicht anders geht, müsste dann zumindest aber eine Konzeptvergabe erfolgen, die die kulturelle Nutzung von Gebäude-Teilen und den Park&Ride-Platz langfristig sichert.“

Offenbar schließt Aldi das nicht aus. Zumindest will der Discount-Riese nun auch mit der Linken über die künftige Nutzung des Areals reden.