Zahl rechtsextremistischer Vorfälle an Schulen in Ostsachsen steigt
In den Landkreisen Bautzen und Görlitz kommt es zu immer mehr Vorfällen mit Hitlergrüßen, Hakenkreuzen oder rechtsradikalen Symbolen. So reagieren die Schulen, das Schulamt und Beratungsstellen.
In Sachsen gibt es an Schulen immer mehr Vorfälle mit rechtsextremistischem Bezug. Das geht aus den Antworten des sächsischen Kultusministers Conrad Clemens (CDU) auf eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Christin Melcher (Bündnis 90/Die Grünen) hervor. Demnach wurden 247 Vorfälle 2025 an die Schulbehörde gemeldet, 92 mehr als im Jahr zuvor. Betroffen sind vor allem Oberschulen.
Die Zahlen steigen auch in den Landkreisen Bautzen und Görlitz kontinuierlich an, wie das Landesamt für Schule und Bildung (Lasub) gegenüber Sächsische.de bestätigt. So sind die meldepflichtigen besonderen Vorkommnisse insgesamt von 144 im Jahr 2023 auf 316 im Jahr 2025 gestiegen. „Meldepflichtige besondere Vorkommnisse sind Ereignisse, die den üblichen Schul- beziehungsweise Dienstbetrieb in erheblichem Maße negativ beeinträchtigen“, sagt Lasub-Sprecher Clemens Arndt.
Schüler zeichnen Hakenkreuze oder zeigen den Hitlergruß
Beim Thema Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus waren es 2023 in beiden Landkreisen 16 und im vergangenen Jahr 33 Vorfälle. Sie ereigneten sich an Schulen in großen Kreisstädten genauso wie in kleineren Gemeinden.
So trugen Schüler etwa Armbänder mit aufgemalten Hakenkreuzen oder zeichneten diese, verwendeten den Code „88“, der wegen des achten Buchstabens im Alphabet für „Heil Hitler“ steht, zeigten den Hitlergruß, verbreiteten rechtsextremistische Videos, nahmen ein Foto mit rechtsradikalen Gesten auf, trugen Kleidung mit entsprechenden Symbolen oder spielten ein verbotenes Lied der SS ab.
Schulleiter: „In den meisten Fällen erfolgt ein schriftlicher Verweis“
Eine der betroffenen Einrichtungen ist die Oberschule Kodersdorf. In diesem und dem vergangenen Schuljahr habe es je ein solches besonderes Vorkommnis gegeben, sagt Schulleiter Martin Scheuner.
Die Schule reagiere mit präventiven Maßnahmen, darunter alters- und klassenstufengerechte Angebote zur Sensibilisierung und Prävention. „Ziel ist es, Vorfälle frühzeitig zu verhindern und das Bewusstsein für ein respektvolles Miteinander zu stärken.“ Zudem arbeite die Schule solche Vorfälle auf und leite weitere pädagogische oder organisatorische Maßnahmen ein, wenn erforderlich.
Bei allen Vorfällen informiere die Schule die Sorgeberechtigten und lade sie zu einem klärenden Gespräch ein. Zudem könne sie Anzeige erstatten. „In den meisten Fällen erfolgt ein schriftlicher Verweis“, sagt Martin Scheuner.
Dass es insgesamt steigende Fallzahlen gibt, könne verschiedene Gründe haben. „Vorfälle werden heute sensibler wahrgenommen, konsequenter dokumentiert und strafrechtlich verfolgt, während sie früher möglicherweise bagatellisiert wurden“, sagt der Kodersdorfer Schulleiter.
Zudem würden in den Schulen Anforderungen wie die Aufnahme von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf mit strukturellen Problemen wie Lehrkräftemangel und hohe Klassenstärken kollidieren. Das könne subjektive Überforderung oder das Gefühl ungleich verteilter Ressourcen entstehen lassen. „Diese Wahrnehmungen rechtfertigen aber in keiner Weise rechtsextreme Einstellungen oder Taten. Vielmehr verdeutlichen sie den Bedarf an besseren Rahmenbedingungen, Kommunikation und Unterstützung für alle Beteiligten.“
Die Oberschule Rödertal in Großröhrsdorf bestätigt zwei Fälle im Jahr 2025, in einem davon zeigte ein Schüler den Hitlergruß. „Insgesamt können wir aber keine Zunahme rechtsextremer Vorfälle feststellen“, sagt Schulleiterin Karla Jantschke. „Nach unseren pädagogischen Erfahrungen handelt es sich bei solchen Handlungen überwiegend nicht um ideologisch motiviertes Verhalten.“
Schüler wollen provozieren, handeln aus Unwissenheit
Man beobachte, dass Schüler provozieren wollen, aus Unwissenheit handeln oder „Inhalte unüberlegt nachahmen, die sie beispielsweise in sozialen Medien wie TikTok gesehen haben“. Das entbinde die Schule aber nicht davon, „klar zu reagieren, aufzuklären und präventiv tätig zu werden“. Man setze auf Gespräche mit den Schülern und thematisiere die „Geschichte des Nationalsozialismus sowie die Bedeutung demokratischer Werte im Unterricht, im Rahmen schulischer Projekte oder an außerschulischen Lernorten“.
Zu den Inhalten gehören laut Jantschke Besuche in der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein oder im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Das Thema Nationalsozialismus und seine Verbrechen spiele auch in den Fächern Deutsch, Geschichte, Ethik und Gemeinschaftskunde eine Rolle. Der Paragraf 86a des Strafgesetzbuches zum Verbot des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen sei in der Hausordnung verankert.
Suche nach pädagogischer Lösung
Grundsätzlich prüfe man bei allen Fällen, ob eine schulische Ordnungsmaßnahme ausgesprochen werden muss oder in Wiederholungsfällen Anzeige erstattet wird. Aber man wolle zuerst nach einer pädagogischen Lösung suchen.
Silvana Wendt, Leiterin der Oberschule in Pulsnitz, sagt, auch an ihrer Schule habe es 2025 zwei Fälle gegeben, in denen Schüler Hakenkreuze zeichneten. In einem weiteren soll ein eingeritztes Hakenkreuz in einer Schulbank gefunden worden sein.
„Die Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft, der die Folgen von Ignoranz und des allgemeinen Verfalls der Gesellschaft aufzeigt“, sagt Wendt. Die Fälle seien angezeigt worden. „An unserer Schule gibt es eine Kultur des Nicht-Wegsehens.“ Solche Vorfälle „haben auch Konsequenzen, die Erziehungs- oder Ordnungsmaßnahmen nach sich ziehen“.
Erziehungsmaßnahmen würden in der Regel helfen. Schüler müssten zum Beispiel eine Präsentation „über verfassungsfeindliche Symbole, Losungen und deren Konsequenzen“ anfertigen und dann vorstellen. „Gerade jüngeren Schülern fehlt manchmal das Wissen, und sie denken, das sei Spaß.“ Präventivarbeit sei an ihrer Schule ebenfalls wichtig.
Lage am Sorbischen Gymnasium in Bautzen hat sich verbessert
Auch an Gymnasien gab es schon solche Vorfälle, etwa am Sorbischen Gymnasium in Bautzen. Laut einem Protokoll des sorbischen Jugendvereins Pawk wurden 2024 dort unter anderem der Hitlergruß gezeigt und verfassungsfeindliche Symbole entdeckt. Antisorbische Aussagen seien gefallen.
Schulleiter René Wjacławk sagt, in letzter Zeit habe man „keine sichtbaren Ereignisse registriert“. Auch Schülersprecher Franc Klimann meint, die Lage habe „sich sehr verbessert“. Es sei schnell auf Vorfälle reagiert worden, die Schüler seien sensibilisiert. Eine Rolle spiele dabei auch der Unterricht, in dem über das Thema aufgeklärt werde.
Sozialarbeiter fordern mehr Angebote für Jugendliche
Ullrich Gast ist Schulsozialarbeiter in Bautzen. In seinem Arbeitsalltag werde er aktuell nicht oft mit dem Thema Rechtsextremismus konfrontiert. Aber dennoch mache er sich „große Sorgen, wenn ich Jugendliche in der Freizeit erlebe“. Dort passiere eher eine Radikalisierung junger Menschen als in der Schule, sagt er. Bei einer rechtsextremen Demo habe er mal einen ehemaligen Schüler seiner Schule erkannt. „Das macht einem Sorgen, wenn immer mehr Leute in diese Szene abwandern und verfestigt sind.“
Es sei wichtig, junge Menschen direkt mit der Geschichte, mit dem, was im Nationalsozialismus passiert ist, zu konfrontieren. Dazu seien der Geschichtsunterricht an den Schulen und politische Bildung, aber auch Erfahrungsvermittlung, zum Beispiel über Zeitzeugenberichte, wichtig.
Aileen Böhm ist an drei Tagen in der Woche im offenen Kinder- und Jugendtreff im Mehrgenerationenhaus in Bautzen-Gesundbrunnen. Junge Menschen erzählten ihr, wenn sie sich in der Schule nicht rechts positionierten, würden sie „ausgeschlossen und fertig gemacht“. Böhm glaubt, es gebe viele, „die da erst mal mitgehen, mit der Kleidung, den Videos, den Sprüchen oder der Musik. Das ist bei einigen der Gruppenzwang, aber der erste Schritt, reinzurutschen.“
Böhm und Gast sagen, es brauche mehr Angebote für Jugendliche, wo sie ihre Hobbys und Interessen ausleben und andere junge Menschen treffen können. Kinder und Jugendliche „müssen positive Erfahrungen machen in der Gesellschaft und nicht in ihrer rechten Szene“, sagt Ullrich Gast.
Beratungsstellen bekommen mehr Anfragen
Das Lasub verweist auf verschiedene Maßnahmen. Es gebe etwa Handlungshilfen bei Demokratiefeindlichkeit, Diskriminierung oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Eine Dienstanweisung regelt die Meldekette bei „besonderen Vorfällen“. Auf einem Portal gebe es eine Übersicht zu Präventions- und Interventionsangeboten sowie Melde- und Beratungsstellen. Dazu kämen Fortbildungen.
Aber reicht das aus? Das mobile Beratungsteam des Kulturbüros Sachsen für die Landkreise Bautzen und Görlitz bekommt immer mehr Anfragen von Schulen nach mehr Handlungssicherheit und Fachwissen.
Bei den Fortbildungswünschen im Jahr 2025 ging es vor allem darum, die aktuell genutzten Codes und Symbole zu identifizieren, Kleidungsmarken mit rechtsextremem Bezug zu erkennen, demokratiefeindliche Strukturen zu analysieren und sich mit der Auslegung des Neutralitätsgebotes auseinanderzusetzen.
Den gestiegenen Bedarf bestätigt Bildungsreferentin und Beraterin Alex Schuster vom Netzwerk für Demokratie und Courage in Sachsen (NDC). Es gehe dabei nicht ums nüchterne Aufzählen von Fällen mit Hakenkreuzen und Hitlergrüßen. „Die Anlässe für die Beratung sind, dass es insgesamt eine krass menschenfeindliche Stimmung an manchen Schulen gibt. Leute haben Angst, in die Schule zu gehen.“
Dass es mehr Fälle an Oberschulen gibt, liege vor allem an deren größerer Anzahl im Vergleich etwa zu Gymnasien. Aber: „Es gibt in Sachsen mittlerweile keine Region und keine Schulart mehr, wo solche menschenfeindlich motivierten Vorfälle keine Rolle spielen. Wir sehen das als flächendeckendes Phänomen“, sagt Alex Schuster. Selbst an Grundschulen sei das Thema präsent. „Mittlerweile bekommen wir auch von dort Anfragen, weil Grundschüler Hakenkreuze malen, Hitlergrüße zeigen oder rassistisches Vokabular reproduzieren, das sie aufschnappen.“
Die Anfragen an sich sind aber offenbar ein positives Zeichen. „Wir werden von den Schulleitungen, Lehrkräften und Jugendlichen angefragt, die noch Hoffnung haben. Das ist das Schöne an unserer Arbeit“, sagt die NDC-Referentin. Denn diese Menschen merkten, dass Schule gemeinsam ein besserer und offener Ort werden könne.
„Gebt ihnen also mehr Räume dafür, damit sie in diesem Schulsystem immer noch motiviert bleiben.“