Russen im Leipziger Exil: „Ich bin dankbar, dass ich keine Menschen töten muss“
Russlands hybride Angriffe haben zuletzt auch Leipzig getroffen. Die russische Community in der Stadt lebt in Angst vor dem, was noch folgen könnte. Zugleich treffen sie die Sanktionen der Bundesregierung auch privat.
In Leipzig haben seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine tausende Menschen Schutz gefunden – darunter sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland. „Das Jahr 2022 markiert einen Wendepunkt unseres Zusammenlebens“, beschreibt Igor Maryanin. Er kam 2018 zum Studium aus Russland nach Leipzig und blieb auch aufgrund seiner kremlkritischen Position bis heute. Maryanin engagiert sich in der Ukrainehilfe und im städtischen Migrantenbeirat.
„Vor dem Angriffskrieg gab es in Leipzig eine gemeinsame russischsprachige Community, darunter Ukrainer, Russen, Menschen aus Kasachstan und den baltischen Ländern“, erinnert er sich. Mit der Flüchtlingswelle ab 2022 habe sich das geändert. Seitdem erlebt er in Leipzig sowohl eine ukrainische als auch eine russische Gemeinschaft – vor allem aber viel Solidarität untereinander.
Russische Aktivisten fliehen nach Deutschland
„Ein Großteil der russischen Community ist gegen den Krieg“, bekräftigt Maryanin. Wer dafür ist, trage das meistens, wenn dann, nicht nach außen. „Viele sind auch unpolitisch.“ In Leipzig leben laut Zahlen der Stadt mehr als 8000 Menschen mit russischem Migrationshintergrund (Stand 2023).
Seit dem Angriffskrieg sei die russische Community durch demokratische Aktivisten und Politiker gewachsen. Die haben ihre Heimat verlassen, weil sie dort nicht mehr sicher waren. Teilweise führen sie ihre Arbeit aus Leipzig fort.
„Mehrere Hundert Menschen leben hier im Exil“, sagt Maryanin. Darunter laut ihm ehemalige russische Parlamentarier, Oppositionelle, Aktivisten und Journalisten. Möglich macht das unter anderem Paragraph 22 des Aufenthaltsgesetzes. Darin ist die Aufnahme von Personen aus dem Ausland aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen geregelt.
Rückkehr in die Heimat scheint unwahrscheinlich
Eine, die in Leipzig Schutz gefunden hat, ist Elena Fillippova. Die 38-Jährige hatte in Russland bei unabhängigen Medien als Journalistin gearbeitet, wie sie sagt. „Es war für mich zu gefährlich, dort zu bleiben“, beschreibt sie. Ihre Arbeit führt sie nun bei einer Nichtregierungsorganisation (NGO) weiter. Aus Angst vor Verfolgung will sie öffentlich keine Details teilen.
Neben ihrem politischen Engagement baut sie sich ein neues Leben in Leipzig auf. „Ich fühle mich sehr willkommen hier“, sagt sie. Die Unterstützung innerhalb der russischen Gemeinschaft wie auch vom Rest der Gesellschaft sei groß. Sie hofft noch, irgendwann sicher ihre Heimat besuchen zu können. Dass das bald möglich sein könnte, hält sie jedoch für unrealistisch.
Auch Igor Maryanin hat noch die Hoffnung, irgendwann wieder nach Russland ziehen zu können. „Ich würde gern zur politischen Veränderung dort beitragen“, sagt er. Aber mit jedem Tag schwinden seiner Ansicht nach die Chancen. „Gleichzeitig werden meine Wurzeln in Leipzig immer stärker“, so Maryanin. „Das ist jetzt meine neue Heimat“, sagt er. „Ich bin unendlich dankbar, dass ich hier leben darf. Dass ich nicht an die Front muss. Dass ich keine Menschen töten muss.“
Angst vor Sanktionen und Angriffen
Auch im „eigentlich sicheren“ Leipzig plagen Maryanin Ängste und Unsicherheiten. Sanktionen würden sich auf den Alltag der demokratischen russischen Community innerhalb Deutschlands auswirken. Größtes Problem: Schwierigkeiten bei Banken durch Finanzsanktionen. In der Vergangenheit seien mehrfach Konten gesperrt worden, auch bei der Kontoeröffnung gebe es Hürden. Maryanin sei selbst persönlich getroffen gewesen. „So treffen Sanktionen definitiv nicht die Richtigen“, findet er. Gleichzeitig ist Maryanin der Meinung, dass Reaktionen auf russische Provokationen notwendig sind.
Die Bundesregierung hatte nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle Russland für den Angriff verantwortlich gemacht und antwortet mit Konsequenzen: Unter anderem sollen das Generalkonsulat in Bonn und das Kulturinstitut „Russisches Haus” in Berlin schließen.
Für bürokratische Angelegenheiten bleibe Maryanin dadurch nur noch die russische Botschaft in Berlin. „Das macht vieles komplizierter“, kommentiert er. Zudem fürchtet er, dass zukünftige Sanktionen ebenfalls Privatpersonen hart treffen könnten. Auch auf die politischen Entwicklungen innerhalb Deutschlands blickt er mit Sorge. „Einige von uns haben überlegt, ob wir schon mal eine andere Sprache lernen sollten, falls wir hier nicht bleiben können.“
„Angst prägt die russische Gemeinschaft“, meint Maryanin: „Angst vor Sanktionen und die Angst vor weiteren hybriden oder militärischen Operationen Russlands.“