Nachtrag zum Beitrag „Hipster, Hippies, Hängengebliebene“
Mein Beitrag „Hipster, Hippies, Hängengebliebene“ wurde auf untergrund-blaettle.ch gespiegelt. Der Betreiber dekontextualisierte den Artikel dabei, indem er fälschlicherweise „Connewitz“ in die Überschrift setzte und ein Bild des „Conne Island“ verwendete. Für den originalen Beitrag hatte ich ein Graffiti in Plagwitz verwendet.
Ich distanziere mich von der Veröffentlichung bei untergrund-blaettle.ch – auch wenn sicherlich keine böse Absicht hinter der anderen Rahmung steckte. Allen voran möchte ich mich für die gute Kooperation und das Interesse an der weiteren Verbreitung meiner Texte bedanken!
1. Die Entwicklung im Leipziger Westen hat eine andere Geschichte und Dynamik als die in Connewitz.
2. Die Assoziation mit Connewitz, zugepsitzt mit einem Bild des Conne Island erzeugt einen Eindruck, den ich so nicht herstellen wollte. Sprich, der Beitrag kann als Kritik an Connewitz als Stadtviertel oder den restlichen Allzudeutschen dort gelesen werden. Damit werden Narrative von Neoleninisten und Neostalinisten unterfüttert. Dies ist nicht meine Absicht und hatte ich nicht im Sinn.
3. Der Artikel erscheint mir nicht ausgereift genug, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen.
Im Artikel wird eine subjektiv gehaltene Reflexion über die Flucht von Linken aus ihren verschiedenen Herkunftsstädten nach Leipzig thematisiert. Problematisiert werden die Projektionen auf die hippe Großstadt, während deren Vorteile von einem Großteil der zugezogenen Personen primär konsumiert werden (auch von Linken und Zecken). Dieser beobachtbare Effekt bedeutet nicht, das sich niemand dort organisiert und einbringt. Ebenso mag es individuell gute und nachvollziehbare Gründe geben, das eigene Glück in Szene-Ghettos zu suchen, statt im Herkunftsort oder der Stadt der Ausbildung zu bleiben.
Abschließend möchte ich betonen, das sich die Formulierungen „Über die Szeneviertel kann man so drüberrutschen“ und „Eventuell ist es auch einfach der Lauf der Dinge, dass die Suchenden hier drüberrutschen“ nicht beschämend gegenüber (insbesondere weiblicher) selbstbestimmter Sexualität und nicht Sexarbeiter*innen-feindlich gemeint waren.
Ich habe die Formulierungen mit Bezug auf das Foto gewählt, weil sie mit spezifischen Assoziationen verknüpft werden: Beim Zuzug in linke Szeneviertel handelt es sich demnach um einen mehr oder weniger lustvollen (häufig selbst kapitalistisch abgefuckten) Konsum dieses Objekts der Begierde, ein Benutzen, aber keine Beziehung auf Augenhöhe oder eine gestalterische Auseinandersetzung. Daher wurde der Vergleich von Plagwitz mit einer „Schlampe“ im Gemälde des unbekannten Künstlers aufgegriffen. Dies bedeutet nicht, das diese Konsumhaltung auf alle Dazugekommenen und in gleichem Ausmaß zutrifft.
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Hipster, Hippies, Hängengebliebene
Was soll ich halten von diesem Szeneviertel, das sich so rasch „entwickelt“ – wie es so heißt. Mittlerweile ist es wieder Jahre her, dass ich hier aufschlug. Ich wollte nie in die Großstadt, da ich das für politisch falsch hielt. Dann ist es doch so gekommen. Ich musste fort und eine neue Lebensphase beginnen. Denn ehrlicherweise hatte ich zuvor auch mein eigenes Bedürfnis nach neuem Input und eventuell fortgeschrittenen inhaltlichen Debatten vernachlässigt.
Nach der zähen Zeit der Pandemie und herausfordernder Arbeit gelang es mir, den Umständen und meinen Möglichkeiten entsprechend, hier anzukommen. Seit einer Weile lebe ich hier im Leipziger Westen – und wandere in meinen Lebensphasen schon weiter.
Anders als Berlin, München oder das Ruhrgebiet ist die Stadt kein Moloch. Es gibt viel grün, viel Kultur jeglicher Ausprägung und sonstige Angebote, die linksliberale Bürger*innen interessieren könnten. Inzwischen sind die für Normalsterbliche verfügbaren Wohnungen verkauft, das Potenzial für Hausprojekte und Wagenplätzen gesättigt. Wie in anderen Städten wird es künftig eher darum gehen, das Erworbene zu verteidigen. Für jene, die etwas Neues beginnen wollen, bietet das Umland ein tolles Betätigungsfeld mit ostdeutsch-griesgrämiger Mentalität. Ja, man braucht nur fünf Kilometer weiterzugehen um festzustellen, wie die Realität außerhalb der von den Berliner Einwanderern so genannten „Kieze“ aussieht.
In diese Viertel aber wollen so viele, die nach Innovativität, einem verständnisvollen sozialen Umfeld, nach kultureller Lebendigkeit, hedonistischer Feierei oder auch einfach nur nach Schutz vor Ausgrenzung und Gewalt suchen. Sie wollen hierher ziehen und hier leben. Oder auch einfach nur irgendwie weitersehen, was sich ergibt. Wir haben hier Landflüchtige aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Es gibt jene, die nach ihrem Studium in Jena, Freiburg oder Göttingen nun nach neuem Input und vielleicht einer Umgebung mit hoher Lebensqualität suchen.
Ein weiterer Grund ist, dass ihre Freund*innen bereits hergezogen waren. Dann haben wir flüchtige Franken, Bayern und Schwaben; es gibt jene Großstadtbewohner*innen aus Hamburg, Berlin, München und Frankfurt, die sich ihre Städte nicht mehr leisten können und ihre Ausgelutschtheit nicht mehr ertragen. Und die Leute aus dem Ruhrpott und Umgebung, die sich dort langweilen… Manche kommen zur Familiengründung hierher. Andere haben es persönlich oder sozial oder politisch in ihren Umfeldern verkackt und spulen hier noch einmal die gleichen Programme ab.
Viele von den Zugezogenen wollen nicht nur anständig überleben, sondern sich auch neu erfinden. Sie wollen Spaß haben und ganz ganz viel in ihrer jeweiligen Besonderheit gesehen und bewundert werden. Das ist super anstrengend für alle Beteiligten. Doch die Mischung macht’s: Geflohene Kleinstadt-Punks treffen auf ökobewegte Alternativbürger*innen und schwurbelnde Esoterik-Anhänger*innen; hängen gebliebenen Neoleninisten stoßen auf Rest-Autonome und waschechte Demokrat*innen; sich durchhangelnde Künstler*innen bewegen sich unter Studierenden und manchmal sogar Migrant*innen von außerhalb der deutschen Ländereien.
Gleichzeitig muss sich niemand so richtig auseinandersetzen, wenn alles im Fluss ist und man sich aus dem Weg gehen kann. Und nur wenige Leute bringen sich in die vorhandenen Strukturen und Gruppen verlässlich und dauerhaft ein.
Es ist ja immer etwas los. Und scheinbar gibt es ja bereits alles: linke Sportangebote, billige Kneipen, exzessive Parties, engagierte Politgruppen, alternative Kultur, queerfreundliche Umgebungen Ausstellungen, Hausprojekte, Wagenplätze und wenn man Bock hat, ab und zu eine Demo. Wenn man ganz großes Glück hat, wird in Connewitz ein Sack Reis angezündet und man kann ein Foto davon schießen… Ansonsten hängt man halt mit seinen friends in cozy WGs und freut sich voll, das alle Mäuse sich so nice verstehen. Ironischerweise wären die hippen Leipziger Viertel gar nicht so besonders, gäbe es zu ihnen nicht tatsächlich einen kontinuierlichen Zustrom an konsumierenden, interessierten und verlorenen Suchenden. Die guten und besten unter ihnen fehlen dann in anderen Städten, wo sie sinnvoller wirksam werden könnten…
Über die Szeneviertel kann man so drüberrutschen und seine Phasen im Drogenrausch, autoritärem Führungsgebaren, queerer Identitätssuche oder künstlerischem Avantgardismus etwas ausleben – bis alle auch hier unweigerlich in den Sog der Realität geraten. Aber kein slut-shaming! – Ich hatte und habe selbst irgendwelche Sehnsüchte und Bedürfnisse, Ansprüche und Vorstellungen auf Leipzig projiziert.
Deswegen schreibe ich ja darüber!
Eventuell ist es auch einfach der Lauf der Dinge, dass die Suchenden hier drüberrutschen – oder ein grundlegendes Problem in der Entwicklung von Sozialstrukturen, wer weiß… Vielleicht könnte man sich aber auch aktiv gegen die Trends der Zeit entscheiden und intentionale Gemeinschaften in Kleinstädten aufbauen. Das aber würde genau dies verlangen: Entscheidungen, Gemeinschaft und eine Perspektive… Beziehungsweise könnte man auch hier damit anfangen – und die Umgebung würde noch mal anders aussehen.