Kufiyas in Buchenwald – Geschichte selbst gemacht
Die neue Handreichung zu den Angriffen auf NS-Gedenkstätten der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus kommt genau zur rechten Zeit: Die Initiative »Kufiyas in Buchenwald« agitiert derzeit eifrig dafür, den Tag der Befreiung von Buchenwald zu missbrauchen. Das hat einen Streit in der Berliner VVN-BdA ausgelöst.
Im vergangenen August gab das Thüringer Oberverwaltungsgericht der KZ-Gedenkstätte Buchenwald recht: Personen mit Kufiyas darf der Eintritt verwehrt werden. Seitdem protestiert die vorgeblich propalästinensische Szene nicht nur gegen diese Entscheidung, sondern auch gegen die Gedenkstätte. Die Initiative »Kufiyas in Buchenwald« wirft der Gedenkstätte »Geschichtsrevisionismus« und »Genozidleugnung« vor und fordert, einen angeblichen »Völkermord in Gaza« in Buchenwald zu thematisieren.
Derzeit bewirbt sie eifrig eine Aktion für den Jahrestag der Befreiung Buchenwalds am 11. April an der Gedenkstätte. Dahinter steckt unter anderem die autoritäre Politsekte »Kommunistische Organisation«, die in der Vergangenheit Jüdinnen und Juden im Stil der DDR-Erinnerungspolitik systematisch aus ihrem Gedenken ausklammerte.
Angriffe auf Gedenkorte nehmen seit dem 7. Oktober 2023 zu. Das zeigt eine neue Handreichung des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias): Von 2022 bis 2024 hat Rias einen Anstieg antisemitischer Vorfälle an Gedenkorten (Gedenkstätte, Gedenkzeichen, Stolpersteine und Ähnliches) um 177 Prozent festgestellt. Bei NS-Gedenkstätten erfasste Rias 2022 noch 46 Vorfälle, 2023 waren es 112 und 2024 erreichte die Zahl den Höchststand von 211 gemeldeten Vorfällen, wovon 94 als israelbezogener Antisemitismus eingestuft wurden. Im Jahr 2022 zählte Rias noch sechs Vorfälle israelbezogenen Antisemitismus, im Jahr 2023 waren es demnach 23.
Lena Sarah Carlebach ist Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora (IKBD). Und sie ist die Enkelin von Emil Carlebach, der Buchenwald überlebte und an der Gründung der Vereinigung der politischen Gefangenen und Verfolgten des Nazi-Systems – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) beteiligt war.
Im Gespräch mit der Jungle World bestätigt Lena Sarah Carlebach die Beobachtungen von Rias: »Die Arbeit des IKBD hat sich durch den erstarkenden Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 sehr verändert. Ob von Seiten der AfD oder der ›Kufiyas in Buchenwald‹ – die Instrumentalisierung des Holocaust durch die Gleichsetzung unterschiedlichster Verbrechen mit jenen der Nazis nimmt stetig zu.« Das IKBD wurde 1952 gegründet, um die Erinnerung an das Internationale Lagerkomitee zu erhalten, in dem ab 1943 Häftlinge den Widerstand gegen die SS organisierten.
»Anstatt sich gemeinsam dem Kampf gegen Rechtsradikalismus zu widmen, sind wir nun damit beschäftigt, die Überlebenden zu schützen, die dieses Jahr beispielsweise auch aus Israel zum Jahrestag der Befreiung nach Weimar reisen werden«, berichtet Carlebach mit Blick auf die geplante Aktion der Kufiya-Initiative. Der ehemalige Präsident des IKBD, Naftali Fürst, hat die Befreiung Buchenwalds selbst erlebt. Ihn verletze es sehr, sagt Carlebach, »dass Menschen fordern, ausgerechnet auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald gegen den Krieg in Gaza zu protestieren«.
Die Kampagne der Kufiya-Initiative hat einen Streit bei der Berliner Sektion der VVN-BdA ausgelöst. Der Vorstand der Westberliner Untergliederung VVN-VdA hat den Kampagnenaufruf unterschrieben. Der Landesverband reagierte darauf mit einer Pressemitteilung und solidarisierte sich mit dem Personal der Gedenkstätte Buchenwald und ihrem Leiter Jens-Christian-Wagner.
Im Gespräch mit der Jungle World berichtet der Geschäftsführer der Berliner VVN-BdA, Markus Tervooren, dass es eine lange, jedoch nie konfliktfreie Zusammenarbeit mit Gedenkstätten gegeben habe. Als Beispiel nennt er eine Auseinandersetzung um die »roten Kapos«, also die Rolle von Kommunisten in der Lagerverwaltung, Anfang der neunziger Jahre. »Es gab zum Teil erbitterte Diskussionen, aber nie wurde die Sinnhaftigkeit der Gedenkstättenarbeit in Frage gestellt.«
An der Initiative »Kufiyas in Buchenwald« kritisiert Tervooren die Instrumentalisierung des Schwurs von Buchenwald für ihr antizionistisches Ansinnen. Den Schwur legten die Häftlinge nach der Befreiung des Lagers ab. Sie schworen, jeden Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und den Nazismus mit seinen Wurzeln zu bekämpfen. »Ich halte das für relativierende Geschichtspolitik«, so Tervooren.
Bei einer Berliner Landesdelegiertenkonferenz am Samstag verurteilte Tervooren zufolge immerhin eine Dreiviertelmehrheit das Vorgehen der VVN-VdA. Die Delegierten forderten die Westberliner Untergliederung demnach dazu auf, die Kampagne nicht weiter zu unterstützen, und missbilligten zusätzlich die Teilnahme an der antizionistischen Demonstration »Antifa means free Palestine« Mitte Januar im Leipziger Stadtteil Connewitz. Auch Mitglieder des VVN-VdA hätten ihren Vorstand bei der Konferenz kritisiert, berichtet Tervooren. Der Vorstand sei allerdings nicht von seiner Position abgewichen.
Ob von autoritären K-Gruppen oder der extremen Rechten – Mitarbeiter:innen von Gedenkstätten erleben in ihrer Arbeit immer häufiger Antisemitismus. Die Handreichung von Rias soll dabei helfen, die Mitarbeiter:innen darauf einzustellen. Dafür informiert sie beispielsweise über aktuelle Erscheinungsformen von Antisemitismus an Gedenkstätten und die Tradition rechter Angriffe auf Gedenkstättenarbeit.
In einer qualitativen Untersuchung werden antisemitische Gästebucheinträge und Sachbeschädigungen analysiert. Und die Vermittlungsmethoden von Gedenkstätten werden kritisch daraufhin befragt, ob sie selbst antisemitische Bilder reproduzieren.
Die Gedenkstätten können sich nicht darauf verlassen, dass ein Besuch authentischer Orte nationalsozialistischer Verbrechen vor antisemitischer Ideologie schützt. Die Kritik des Antisemitismus muss in das Bildungsprogramm integriert werden (Jungle World 1/2023). Besonders lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Interview mit Deborah Hartmann, der Leiterin des Hauses der Wannseekonferenz. Sie berichtet, dass man in der gesamten Organisation der Gedenkstätte begonnen habe, sich systematisch auch mit gegenwärtigem Antisemitismus auseinanderzusetzen; mit Fortbildungen, Monitoring- und Vorfallsmanagement.
Tanja Kinzel, Bildungsreferentin bei Rias und Mitredakteurin der Handreichung, berichtet im Gespräch mit der Jungle World von einer Unterversorgung der Gedenkstätten. »Viele Einrichtungen verfügen bislang nicht über ausreichende Ressourcen, um Präventions-, Interventions- und Nachsorgestrukturen aufzubauen.«
Mit der Handreichung wolle man angesichts des anhaltend hohen Niveaus antisemitischer Vorfälle an NS-Gedenkstätten das Problem in seiner ganzen Breite darstellen. Rias sei gerade dabei, den Austausch mit Gedenkstätten zu systematisieren, damit die dortigen antisemitischen Vorfälle genauer im Monitoring erfasst werden.
Im Arbeitsalltag begegnen die Gedenkstättenmitarbeiter:innen Kinzel zufolge zunehmend Formen der Erinnerungsabwehr, die sich auf den Konflikt zwischen Israel und Gaza beziehen. »Eine Beobachtung ist, dass die Erinnerungskultur in Gedenkstätten von einigen Besucher:innen als störend empfunden wird, weil sie das Gefühl haben, dadurch daran gehindert zu werden, über Israel das zu sagen, was sie gerne sagen würden.« Die Folge seien antisemitische Einträge in Gästebüchern, Schmierereien auf dem Gelände, Störungen bei Führungen und Drohungen gegen Mitarbeiter:innen bis hin zum sogenannten Doxing.
Die Instrumentalisierung der Erinnerung durch Initiativen wie »Kufiyas in Buchenwald« setzt in der Praxis fort, was Theoretiker:innen im sogenannten Historikerstreit 2.0 zuvor insinuiert hatten: die Perspektivierung der Shoah – bis man sie vollkommen aus dem Blick verliert. Anstatt das Angebot historischer Bildung der Gedenkstätten anzunehmen, fordern solche Gruppen die Übernahme der eigenen Themen.
Geschichte wird zum Störfaktor und muss aggressiv bekämpft werden. Die Handreichung von Rias könnte helfen, das öffentliche Bewusstsein dafür zu schärfen, was diese Entwicklung im Alltag von Mitarbeiter:innen der Gedenkstätten bedeutet.
jungle.world