Konzert im Dezember 2026 – Umstrittene Band Weimar in der Arena Leipzig: Wie die Kontroverse die Gruppe populärer machte
Ein „Spiegel“-Artikel, der die Neonazi-Vergangenheit zweier Mitglieder aufdeckte, hätte das Ende für die Band Weimar bedeuten können. Doch drei Jahre später steht sie umso größer da – und bucht eine der größten Bühnen in der Messestadt. Was ist seither passiert?
Vorwürfe der Demokratiefeindlichkeit, eine gecancelte Tour, sämtliche Geschäftsbeziehungen weggebrochen: Was der Rock-Rap-Gruppe Weimar vor drei Jahren passiert ist, hätte für die meisten anderen Bands ziemlich sicher das Ende bedeutet. Und doch, glaubt man den Ausführungen der Mitglieder, hat sie dieser Einschnitt nur noch stärker und erfolgreicher gemacht.
Zumindest der Erfolg lässt sich nicht bestreiten: War 2023 noch ein Auftritt im kleinen Täubchenthal geplant, wollen die Thüringer im Dezember in der großen Arena Leipzig spielen. Umstritten sind sie aber weiterhin: Nach wie vor gibt es Vorwürfe, Weimar bediene ein Publikum im politisch rechtradikalen Spektrum. Und erneut stellt sich die Frage, wie berechtigt der Stempel „Neonazi-Band“ ist, den manche deshalb gleich zücken.
Ein „Spiegel“-Artikel und seine Folgen
Rückblick: Im Februar 2023, gut zwei Jahre nach der Gründung von Weimar, veröffentlichte der „Spiegel“ einen Bericht mit dem Titel „Wie Universal demokratiefeindliche Rocker groß machte“. Darin deckte das Magazin die rechtsradikale Vergangenheit von zweien der vier Mitglieder auf. Konstantin P., der unter dem Pseudonym Till Schneider agiert, sei in den 90ern Mitglied einer Neonazi-Band gewesen.
Christian P. alias Richard Wegnar soll ebenfalls Teil einer rechtsextremen Band und zudem beim „Nationalen Widerstand Weimar“ gewesen sein. Beide waren damals dem Bericht zufolge im Visier des Verfassungsschutzes.
Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Das Label Universal löste die Vertriebspartnerschaft auf. Mehrere Auftritte wurden gestrichen, ebenso das geplante Festival „Weimar Festspiele”, nachdem zahlreiche der 15 Bands absagten. Und: Sämtliche Musik verschwand von den offiziellen Spotify- und YouTube-Kanälen.
Vorwurf antisemitischer Metaphern
Weimar reagierte mit einem Statement auf Facebook: Man distanziere sich „ausdrücklich von Gewalt, Extremismus jedweder Form, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und dem fatalen, sich bis heute zu wiederholen scheinenden Irrglauben der Geschichte, dass manche Menschen besser seien als andere“.
Auf LVZ-Anfrage teilte die Band damals mit: „Für die beiden Betroffenen war dieses Kapitel lange abgeschlossen. Es lag ihnen fern, dieses Kapitel wieder zu öffnen. Noch ferner lag es ihnen, Menschen dort mit reinzuziehen, die damit rein gar nichts zu tun hatten und bis heute haben. Bei Weimar sollte es um die Musik gehen und nicht um die Menschen dahinter.“
Mehr aber noch: Im „Spiegel” wurde der Band vorgeworfen, mit ihrer jüngsten Musik antisemitische Stereotype zu verbreiten. Über den Titel des Songs „Von Wölfen und Ratten“ schrieb das Magazin, es handele sich um „jene Tiere, mit denen Nationalsozialisten gern sich und Juden verglichen haben“.
Die Band sah das anders: Laut einer Texttafel im dazugehörigen Musikvideo will man mit dem Lied „ein Zeichen gegen Homophobie und Ausgrenzung von Menschen im Allgemeinen“ setzen.
So oder so: Weimar verlor auf einen Schlag sämtliche zuvor aufgebauten Strukturen. Nicht aber die Fans. Unmittelbar nach dem Artikel „ging es steil bergab. Nahezu all unsere Partner – inklusive Steuerbüro, Rechtsanwalt, Merch-Vertrieb etc. – haben uns die Zusammenarbeit aufgekündigt“, antwortet Richard Wegnar schriftlich auf eine aktuelle LVZ-Anfrage. „Im Gegenzug hat es aber auch eine Art Feuer entfacht: den unbedingten Willen, den Beweis zu erbringen, dass man all diese Strukturen nicht braucht.“
Und das offenbar mit Erfolg: War das Debütalbum „Auf Biegen & Brechen“ 2022, knapp ein Jahr vor dem „Spiegel“-Artikel, noch auf Platz 5 der Charts eingestiegen, veröffentlichte die Band die Platte im August 2023 erneut – und kam damit auf Platz 2. Im September 2024 folgte das zweite Album „1331″, das sogar die Chart-Spitze erreichte.
Ab dem Sommer 2023 tourten die maskierten Mitglieder wieder durch ganz Deutschland, hauptsächlich die Neuen Bundesländer. Teils kam es zu Protesten, teils zum Versuch, die Shows abzusagen. In Dresden forderten etwa die Grünen im April 2025 vor dem Auftritt im Alten Schlachthof: „Gegen rechte Metal-Band auf die Straße!“ Und in Saarbrücken kündigte der Betreiber des E-Werks die Buchung der Halle.
Das Landgericht Saarlouis urteilte jedoch, das dies nicht rechtmäßig sei – die Band konnte auftreten.
Weimar agiert inzwischen autark: „Wir organisieren unsere Konzerte selbst und setzen sie eigenständig um. Wir haben einen eigenen Vertrieb und sind unsere eigene Plattenfirma“, schreibt Wegnar. „Wir hegen keinen Groll gegen jene, die uns fallen lassen haben. Wir danken ihnen dafür.“
Beschwörung des kollektiven Zusammenhalts
Schon auf dem ersten Album war in Weimars Musik ein „Wir gegen die“-Denken erkennbar, war davon die Rede, dass die Medien „allesamt manipuliert und gekaufte Marionetten“ seien („Alles Lüge“). Diese Einstellung scheint sich infolge der Zäsur durch den „Spiegel“-Artikel noch verstärkt zu haben: in einer Beschwörung des kollektiven Zusammenhalts mit den Fans, gegen Anfeindungen von außen, in einem Selbstverständnis als Missverstandene und Verstoßene.
Die Songs auf „1331″ heißen unter anderem „Schreie der Verachtung”, „Gemeinsam” oder „Hexenjagd“. Auf Letzterem spannt Sänger Wegnar den Bogen von mittelalterlicher Hexenverfolgung über die DDR bis zur Corona-Pandemie. In der Plattenkritik von laut.de (Titel: „Hartes Mimimi für sehr einfache Menschen“; 1 von 5 Punkten) heißt es, das Album sei „brandgefährliche, stumpfe Stimmungsmache und alberne Selbstgefälligkeit“, bereits auf dem Vorgänger habe Weimar „ganz klar die keimende Querdenker-Szene“ ansprechen wollen.
„Die Medien verzerren die Realität“
Wegnar dazu: „Ob und in welchem Umfang unsere Musik bei der sogenannten Querdenker-Bewegung Resonanz findet, kann ich nicht einschätzen. Allerdings reicht es heute offenbar schon aus, elementare Naturgesetze anzuerkennen, um in diese Schublade gesteckt zu werden. Das spricht für sich.“ Mediale Kritik verstehe die Band „grundsätzlich nicht als Angriff, sondern als Auszeichnung. Die Medien verzerren die Realität – und wer ernsthaft glaubt, die ‚Tagesschau‘ bilde die Wahrheit ab, hält vermutlich auch hochprozentigen Alkohol für ein Erfrischungsgetränk.“
Zur Kritik an „Hexenjagd“ sagt Wegnar: „Viele der kollektiven Entscheidungen (in der Corona-Pandemie, Anm. d. R.) waren von begrenzter Fachkenntnis geprägt, und der Umgang mit Einzelpersonen nahm Züge einer zeitgenössischen Hexenjagd an. Wäre es dem Staat möglich gewesen, Abweichler öffentlich zu verbrennen, hätte man diese Option wohl genutzt.“ Doch „Scheiterhaufen sind glücklicherweise überholt.
An ihre Stelle traten soziale Ächtung, Ausgrenzung, berufliche Vernichtung, Strafzahlungen und massiver psychischer Druck, der Menschen in tiefe Krisen und teils sogar in den Suizid führte. Die Methoden haben sich geändert, das Prinzip blieb dasselbe.“
Andere Band berichtet von Nazis auf Weimar-Konzert
Den Abschluss des Albums bildet die Song-Trilogie „Manifest“, in der die Band ihre eigene Geschichte aufarbeitet. Sie hat eine Spieldauer von 13 Minuten und 31 Sekunden. Auch Wegnars Ausstieg aus der rechtsextremen Szene kommt zur Sprache: „Ein Ausstieg ist für euch erst glaubhaft, wenn man andre denunziert/ Und sich dann am besten für die andre Seite engagiert/ Denn die woll’n gar keine Aussteiger, die woll’n nur Denunzianten/ Die woll’n V-Leute, Verräter und beschissene Informanten/ Und bevor sich wieder irgendjemand darüber beklagt/ Ich war bei Exit-Deutschland und genauso hab’n sie’s mir gesagt.“
Es gibt aber auch Widersprüche in dieser Selbstdarstellung. So hatten sich die Bands Engst und Madsen kritisch über Weimar geäußert, als es 2023 zum Chartduell zwischen Madsens „Hollywood“ und dem Re-Release von „Auf Biegen & Brechen“ kam.
Wegnar singt dazu auf „Manifest 3“: „Apropos Respekt, das wollte ich noch sagen/ Dass wir mit Basti Madsen und mit Engst gesprochen haben/ Wir sind cool miteinander und nach unserm kleinen Zwist/ Kann ich heute sagen, dass die Sache runter ist vom Tisch.“
„Die Band ist sowas von dermaßen hart rechts …“
In einem Interview von 2024 mit Bleeding4Metal stellt Engst-Frontmann Matthias Engst dies anders dar. Man habe den Dialog gesucht, sei zu einem Weimar-Konzert in Berlin gefahren: „Alle sagen immer, man soll den Leuten auch eine Möglichkeit geben, rauszurutschen aus dem rechten Spektrum. War am Ende totaler Quatsch, also die Band ist sowas von dermaßen hart rechts, das ist totaler Bullshit, was die da erzählen.“
Er habe sich „auf dem Konzert zwischen locker 700 oder 800 krassen Neonazis wiedergefunden“. Eine Anfrage der LVZ an Engst, sich genauer dazu zu äußern, blieb unbeantwortet.
Im Kontrast dazu steht, wie sich die Band auf ihrem eigenen YouTube-Kanal darstellt. Die dortigen „Aftermovies“ ihrer Konzerte zeigen glückliche Familien bei der Anreise und die bei Rockkonzerten übliche Stimmung. Vor dem Auftritt in Fürstenwalde hält eine Gruppe von Menschen gar einen Banner mit der Aufschrift „Für ein buntes Fürstenwalde“ hoch. Kritik von außen steht gegen Selbstinszenierung.
Inhaltlich lassen auch die Texte auf „1331″, wie schon die auf „Auf Biegen & Brechen“, keinen unmittelbaren Schluss auf eine mutmaßlich rechtsradikale Gesinnung zu. Es gibt Narrative (etwa in Bezug auf die Medien), die in der rechten Szene verbreitet sind, aber nicht ausschließlich dort.
Das gilt ebenso für die Inszenierung als von der Mehrheitsgesellschaft verstoßenes Kollektiv, das zunehmend eingeschworener wird, je mehr Kritik es erfährt. Weimars Musik mag im politisch rechten Spektrum Anklang finden – unklar ist aber, ob dies auch intendiert ist. Dem Statement der Band zufolge jedenfalls nicht.
Der „Spiegel“-Bericht und die Gräben zu inzwischen ehemaligen Unterstützern, die sich daraufhin auftaten, hätten „eher den Kampfgeist geschürt“, so Wegnar. „Ernsthafte Gespräche über eine Auflösung der Band gab es zu keiner Zeit – allein schon, weil unsere Fans, Freunde und Sympathisanten uns bis aufs Blut verteidigt haben. Diese Menschen zu enttäuschen, wäre ein Zeugnis der Armut gewesen, das wir unter keinen Umständen abgelegt hätten.“
Das sagen die Arena-Betreiber
Als Veranstalter für das Konzert am 5. Dezember in der Arena Leipzig fungiert erneut die Band selbst. Anfrage bei der Spielstätte, wie man dort zur Debatte um die Band steht: „Wir bieten ein breites Spektrum an Veranstaltungen, die unterschiedliche Zielgruppen ansprechen.
Bei der Buchung von Veranstaltungen entscheiden wir nicht nach persönlichem Geschmack“, so die Arena-Betreiber Philipp Franke und Matthias Kölmel. „Uns ist bewusst, dass die Einbuchung der Band in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird. Wir sind uns sicher, dass dieses Konzert eine geordnete und professionell organisierte Veranstaltung wird.“
„Weimar ist mein Leben, und ich werde mein Leben lang das sagen, von dem ich glaube, dass es gesagt werden muss“, so Wegnar. Das Festival „Weimar Festspiele“ würde man gerne wiederbeleben, es mangele jedoch „an guten Künstlern, die man für ein Festival benötigt“.
Auch an neuer Musik arbeitet die Band: Es werde „definitiv ein weiteres Album geben“.
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Ein Kommentar von Christian Neffe
20.02.2026
Weimar plant Konzert in Leipzig: Kritisch bleiben, Nazi-Stempel vermeiden
Die Texte der Band Weimar sind platt, problematisch und kritikwürdig. Deshalb aber gleich rechtsradikal? Ganz so einfach sollte man es sich in dieser Debatte nicht machen.
Rechts-Rock in der Arena Leipzig? Eine Frage, die sich angesichts des geplanten Auftritts von Weimar durchaus stellen ließe. Zumal der Trend in (kultur-)politischen Debatten ohnehin schon länger zu Komplexitätsreduktion geht: Nazi-Stempel drauf, Schublade zu.
Wer etwas genauer hinhört (auch wenn Weimars martialisches Geschrammel und platte Texte nicht gerade dazu einladen), stellt jedoch fest: Die Thüringer Band produziert zwar problematische Inhalte, steht deshalb aber nicht am rechten Rand. Zumindest noch nicht.
Ebenso könnte man fragen: Wie sehr hat die Kontroverse um Weimar, der Ausschluss aus der breiten Öffentlichkeit die Band nach rechts rutschen lassen? Oder vielmehr: in die Opferrolle, die so wichtig in der Selbsterzählung der Neuen Rechten ist und der Gruppe deshalb womöglich in Teilen ein solches Publikum beschert hat?
Weimar aufgrund der Neonazi-Vergangenheit zweier Mitglieder auf ewig den Stempel der Rechts-Rock-Band aufzudrücken, wäre unlauter. Der (kritische) Blick sollte stattdessen auf die Musik fallen – und auf das, was im Dezember in der Arena Leipzig passiert. Ohne dabei in die gleichen Muster der Vereinfachung zu verfallen wie Weimars Texte.
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Bastian Raabe und Kathrin Kabelitz
02.10.2024
Enthüllung 2023 führt zu Tourabbruch – „Weimar“ spielt vor 2000 Gästen in Bad Düben: Verbindung zur rechten Szene?
Die Rock- und Metalband „Weimar“ tourt mit ihrem neuen Album und lockt so auch viele Besucher am Samstag nach Bad Düben. Im vergangenen Jahr musste die Gruppe aus der gleichnamigen Stadt in Thüringen nach Medienberichten zur Neonazi-Vergangenheit zweier Mitglieder ihre Tour abbrechen. Das Thema hat auch Dübens Stadtrat beschäftigt.
Es wird ungewöhnlich voll am Wochenende in Bad Düben. Am Samstag spielt hier auf dem Gelände von Hermies Bowlingbahn am Körbitzweg die Band „Weimar“. Die vier maskierten Musiker, die in den Bereichen Rock, Rap und Metal unterwegs sind, touren gerade mit ihrem neusten Album „1331“. Bei ihrer Station in der Muldestadt werden 2000 Gäste erwartet.
„Weimar“ stand vor wenigen Jahren mit ihrem Debütalbum vor dem Durchbruch. Die Band kletterte auf Platz fünf der deutschen Albumcharts. Anfang 2023 dann der große Knall: Eine Recherche des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ rückte die Band in ein neues Licht. Von „antisemitischen Anklängen“ ist die Rede, ebenso von „demokratiefeindlichen“ und „gewaltaffinen“ Texten.
Außerdem wurden Verbindungen von zwei Mitgliedern der Band in die Thüringer Neonaziszene aufgedeckt. Till Schneider (alias Konstantin P.) und Richard Wegnar (alias Christian P.) sollen zum Teil bis Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre in rechtsextremen Bands aktiv gewesen sein sowie Neonazi-Propaganda verbreitet haben.
In den „Spiegel“-Recherchen, die sich auf Daten des thüringischen Staatsschutzes sowie des Landeskriminalamts und des Verfassungsschutzes berufen, ist unter anderem die Rede von illegalem Waffenbesitz und Holocaustleugnung sowie Unterstützung von Gehilfen des Neonazi-Netzwerks NSU. In der Folge der Veröffentlichung wurden Touren abgesagt. Die Univeral Music Group, die das Album vertrieben hatte, trennte sich von der Band.
Jetzt, mehr als ein Jahr später, tourt „Weimar“ also wieder recht erfolgreich. Auf LVZ-Anfrage antwortet das Management der Band wortkarg, verweist auf ein Statement aus dem vergangenen Jahr, dass kurz nach den damaligen Veröffentlichungen auf Facebook gepostet wurde.
Darin bekennen sich die beiden Bandmitglieder Konstantin und Christian zu ihrer rechtsextremen Vergangenheit, schreiben aber auch, dass sie die Szene bereits vor vielen Jahren verlassen hätten. „Weder wir noch unser Umfeld sind in der rechten Szene aktiv!“, heißt es in dem Statement.
„Weimar“ distanziert sich von Neonazi-Vergangenheit
Des Weiteren distanzierte sich die Band darin „von Gewalt, Extremismus jedweder Form, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und dem fatalen, sich bis heute zu wiederholen scheinenden Irrglauben der Geschichte, dass manche Menschen besser seien als andere“.
Außerdem warf sie der Presse vor, Textpassagen aus dem Zusammenhang gerissen zu haben. „An diesem Statement hat sich nichts geändert“, teilt „Weimar“ jetzt mit.
Dennoch hat der Stadtrat von Bad Düben nach Hinweisen eines Anwohners Bedenken zur politischen Haltung angemeldet und daraufhin die Stadtverwaltung zu einer entsprechenden Einordnung aufgefordert. „Wir haben diese Vorwürfe geprüft, uns Texte angehört und Videos der Band angeschaut“, so Thomas Haberland vom Sachbereich Ordnung und Sicherheit im Rathaus.
Nach Einschätzung der Verwaltung würden die vorgeworfenen Äußerungen und Aktionen viele Jahre zurückliegen. Von den Mitgliedern, die damals involviert gewesen waren, spielen aktuell noch zwei mit. Die Band habe eine rechte Vergangenheit, seit 2008 habe es laut Sicherheitsbehörden aber keine Auffälligkeiten mehr gegeben, sagt Bürgermeisterin Astrid Münster (WBD).
Es gebe nach zehn Jahren ein Recht auf Vergessen. „Als Stadt haben wir da keine Möglichkeit, unser Ermessen über das von Sicherheitsbehörden zu stellen“, so Münster. Damit folgt die Verwaltung weitgehend der Argumentation aus dem Statement der Band selbst.
Kritik in Richtung der Veranstalter gibt es dennoch. „Das Konzert wurde viel zu kurzfristig angezeigt, das hat uns ziemlich Probleme bereitet“, sagt die Bürgermeisterin mit Blick auf die rund 2000 Besucher aus ganz Deutschland, die am Wochenende erwartet werden.
Dies werde jetzt insofern Konsequenzen haben, dass Events dieser Größenordnung künftig mindestens vier bis fünf Monate zuvor angemeldet werden müssten. Die städtischen Regelungen würden für Veranstaltungen ab 50 Personen und mehr geändert.
Um das Konzert durchführen zu können, müsse der Veranstalter eine Vielzahl an sicherheitstechnischen Auflagen erfüllen. Rund 40 Security-Kräfte sollen im Einsatz sein. Es müssten ausreichend Stellflächen nachgewiesen werden. Es werde ein Shuttle zum Konzert-Ort eingerichtet.
Auch Beamte des Eilenburger Polizeireviers werden vor Ort sein. „Schon aufgrund der zu erwartenden Besucherzahl haben wir die Veranstaltung im Fokus und werden angemessen präsent sein“, so Revierleiter Mario Mucke.
Veranstalter Christian Herrmann sieht die Anforderungen der Stadtverwaltung gelassen. „Wir können die Auflagen problemlos erfüllen“, erklärt er auf Anfrage. Neben den 40 Ordnungskräften müsse er für Ersthelfer vom DRK sorgen.
Veranstalter ohne Bedenken vor politischer Vereinnahmung in Bad Düben
Überrascht habe ihn der große Zuspruch aber auch. „Mit so einer Größenordnung hat keiner gerechnet“, sagt Herrmann. „Ich mache sonst immer Veranstaltungen bis 800 Leute, und jetzt auf einmal lief der Kartenvorverkauf richtig gut.“ Im Umkreis seien demnach sämtliche Hotels ausgebucht.
Laut Management der Band ist das aktuelle Konzert auf Anfrage des Veranstalters zustande gekommen. Bereits im vergangenen Jahr sollte laut Herrmann ein Konzert von „Weimar“ in Bad Düben im Gespräch gewesen sein. „Da hat es aber noch nicht geklappt.“
Bedenken wegen der Vergangenheit der Bandmitglieder hat der Veranstalter nicht. „Was früher vor 15 Jahren war, interessiert uns nicht“, sagt er. Eine Gegendemonstration erwartet er nicht. Bei einem vorherigen Konzert in Fürstenwalde sei er selbst vor Ort gewesen, um sich ein Bild vom Geschehen zu machen. „Da lief alles ruhig und gut organisiert ab“, so Herrmann. Eine politische Vereinnahmung sei nicht zu erkennen gewesen.
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Christian Neffe
15.02.2023
Tour abgesagt – Neonazi-Vorwürfe gegen Thüringer Band „Weimar“: Was steckt dahinter?
Eine Spiegel-Recherche deckt die rechtsradikale Vergangenheit einiger Mitglieder der Metal-Band „Weimar“ auf. Daraufhin wird die Tour abgesagt – darunter auch der Auftritt in Leipzig. Was steckt dahinter?
Nachdem der „Spiegel“ vergangene Woche unter dem Titel „Wie Universal demokratiefeindliche Rocker groß machte“ über die Thüringer Metal-Band Weimar berichtet hat, ging alles ganz schnell. Es dauerte nur wenige Stunden, da war die geplante Tour – darunter auch ein Auftritt im Täubchenthal Leipzig – abgesagt und sämtliches Material von YouTube und Spotify verschwunden. Denn die Vorwürfe des Magazins wiegen schwer.
Zwei Mitglieder der Band, die ausschließlich maskiert auftritt, sollen sich früher in rechtsradikalen Kreisen bewegt haben, wie der „Spiegel“ berichtet. Konstantin P., der sich als Band-Mitglied Till Schneider nennt, sei in den 90ern Mitglied einer Neonazi-Band gewesen; Christian P. soll ebenfalls Teil einer rechtsextremen Band und zudem beim „Nationalen Widerstand Weimar“ gewesen sein. In der Band agiere er unter dem Synonym Richard Wegnar. Beide waren damals dem Bericht zufolge im Visier des Verfassungsschutzes.
Tour- und Festival-Absage
Das erste Album von Weimar, „Auf Biegen & Brechen“, stieg im Mai 2022 auf Platz fünf in die Charts ein. Als Vertriebspartner fungierte der weltgrößte Musikkonzern Universal. Der stellte nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Zusammenarbeit ein, seitdem ist die Musik der Band nicht mehr auf den offiziellen Kanälen zu finden.
Auch die Tour wurde abgesagt: Der unter anderem für die Auftritte in der Dresdener Reithalle (28. April) und im Leipziger Täubchenthal (29. April) verantwortliche Veranstalter „In Move“ aus Chemnitz teilte dazu mit: „Es stehen politisch mehr als bedenkliche Vergangenheiten im Raum. Diese waren uns bislang nicht bekannt und laufen unseren Überzeugungen zuwider. Wir stehen gegen Rassismus, Antisemitismus und Faschismus und teilen diese Auffassung mit Euch.“
Auch die Veranstalter des Full-Force-Festivals, wo die Band im Juni auftreten sollte, reagierten prompt: Man sei getäuscht worden. „Uns als Festival wurde von mehreren Seiten glaubwürdig versichert, dass Weimar eine Band ist, die zwar bewusst mit provokanten Texten spielt, aber sich von Rechtsextremismus aktiv distanziert und zivilgesellschaftlich engagiert.“
So reagiert die Band „Weimar“
Laut einem nach der Tour-Absage veröffentlichten Statement der Band auf Facebook ist dies auch der Fall. Man distanziere sich „ausdrücklich von Gewalt, Extremismus jedweder Form, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und dem fatalen, sich bis heute zu wiederholen scheinenden Irrglauben der Geschichte, dass manche Menschen besser seien als andere“, teilt die Band dort mit.
Auch gestehen Christian P. und Konstantin P. in dem Statement „eine politisch rechtsmotivierte Vergangenheit“ ein, ergänzen jedoch: „Nicht korrekt ist, dass wir nach wie vor in der rechtsextremen Szene aktiv sind. Diesen Vorwurf weisen wir vehement zurück! Weder wir noch unser Umfeld sind in der rechten Szene aktiv!“ Und weiter: „Es tut uns leid, dass wir unsere Vergangenheit nicht klar gegenüber unseren Fans und Partnern kommuniziert haben“.
Auf LVZ-Anfrage, warum dies nicht geschehen sei, antwortet die Gruppe: „Für die beiden Betroffenen war dieses Kapitel lange abgeschlossen. Es lag ihnen fern, dieses Kapitel wieder zu öffnen. Noch ferner lag es ihnen, Menschen dort mit reinzuziehen, die damit rein gar nichts zu tun hatten und bis heute haben. Bei Weimar sollte es um die Musik gehen und nicht um die Menschen dahinter.“
Interpretationssache?
Dass Universal, In Move und das Full Force erst als Reaktion auf den „Spiegel“-Artikel die Zusammenarbeit mit Weimar beendeten, liegt nicht daran, dass bei solchen Unternehmen alles ungeprüft durchgewunken wird. Denn auf die Inhalte der Musik schaut man genau. Und die lassen im Falle von Weimar keinen unmittelbaren Schluss auf eine mutmaßlich rechtsradikale Gesinnung zu.
Zum Song „Von Wölfen und Ratten“ etwa schreibt der „Spiegel“, es handele sich um „jene Tiere, mit denen Nationalsozialisten gern sich und Juden verglichen haben. In dem Lied sind die Wölfe das Licht und Ratten der Schatten.“ Songtext und Musikvideo lassen jedoch auch eine andere Lesart zu, sich als Statement gegen Diskriminierung verstehen. Laut der dem Video voranstehenden Texttafel will man mit dem Lied „ein Zeichen gegen Homophobie und Ausgrenzung von Menschen im Allgemeinen“ setzen.
Vorwurf der Neonazi-Band gerechtfertigt?
Die Musik von Weimar ist martialisch, platt, es schwingen Lokalpatriotismus und bisweilen verschwörerische Töne mit, wenn es in „Alles Lüge“ etwa heißt, die Medien seien „allesamt manipuliert und gekaufte Marionetten“. Die Attitüde der Band pendelt zwischen Punk und (ein wenig mehr) Querdenken. Sie selbst nennt das gesellschaftskritisch, andere nennen es rechts oder Musik für die Querdenker-Szene.
Ob Weimar damit aber gleich den Stempel „Neonazi-Band“ verdient hat, ist fraglich.
Selbst wenn man diesen Vorwurf an der Vergangenheit von Christian P. und Konstantin P. festmacht, die nach eigenem Bekunden damit abgeschlossen haben, so haben kleinere Veranstalter in der Musikbranche in der Regel nicht die Möglichkeit, dies mit einer tiefgreifenden Recherche in den Biografien von Künstler zu überprüfen.
Das Team des Täubchenthals, wo Weimar ursprünglich auftreten sollte, habe sich zwar – wie üblich bei einer neuen Band – über Musik, Inhalte und die Gruppe selbst informiert. Doch ebenso herrsche in der langjährigen Zusammenarbeit mit Agenturen wie In Move ein gewisses Vertrauensverhältnis. „Das klappt auch zu 99 Prozent“, sagt Sebastian Ganze vom Täubchenthal und nimmt das Unternehmen aus Chemnitz in Schutz: „Alle wissen, dass rechte Sachen bei uns nicht laufen.“ Hätte der Veranstalter – entgegen obiger Aussage – entsprechende Kenntnisse gehabt, hätte er nicht das Täubchenthal für die Tour gebucht.
Ob und wie es für Weimar weitergeht, ist schwer abzusehen. Die Gruppe stellt auf LVZ-Anfrage klar: Die Zusammenarbeit mit Universal sei eingestellt, die Tour werde definitiv nicht stattfinden.
Dies gilt auch für das für Mai geplante dreitägige Festival „Weimar Festspiele“ in Bad Berka (Thüringen), bei dem rund 15 weitere Bands auftreten sollten. Im dortigen Festival-Guide wurde rassistischen, verfassungsfeindlichen und sonstigen rechtswidrigen Symbolen, Äußerungen und Ähnlichem übrigens noch eine klare Absage erteilt.
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Maik Baumgärtner, Andreas Borcholte und Ann-Katrin Müller
09.02.2023,
Wie Universal demokratiefeindliche Rocker groß machte
Die Universal Music Group hat die Band Weimar in die Charts gebracht. Die Texte klingen antisemitisch, die Identität der Musiker wird verheimlicht. Nach SPIEGEL-Recherchen stammen mehrere von ihnen aus der Neonaziszene.
Die Bühne ist fast dunkel, immer wieder zuckt Licht auf und lässt die schwarz-weißen Masken der vier Bandmitglieder kurz erstrahlen. Ihre Gesichter sieht man nicht. Der Frontmann singt: »Holt euch die Straße zurück, Stein für Stein«. Inbrünstig grölt das Publikum: »Stein für Stein«.
In anderen Liedern heißt es, Deutschland werde »mit voller Wucht an die Wand« gefahren, seine Bürger seit Jahren »umfangreich indoktriniert«. Es gibt sogar einen Aufruf zur Gewalt: »Wir gehen zusammen und zur Not auch über Leichen«.
Das Debütalbum direkt auf Platz fünf
Auch antisemitische Anklänge sind an diesem Abend zu vernehmen: Die Medien seien »gekaufte Marionetten«, von »Schlüsselwärtern« bezahlt, finanziert von jenen, »die du schon dein ganzes Leben hasst«. An anderer Stelle geht es um Wölfe und Ratten, jene Tiere, mit denen Nationalsozialisten gern sich und Juden verglichen haben. In dem Lied sind die Wölfe das Licht und Ratten der Schatten.
Es ist der 21. Mai vergangenen Jahres, die Rockband Weimar tritt in Bad Berka auf, nur zwölf Kilometer von der Stadt entfernt, nach der sie sich benannt hat.
Die Musiker stellen ihr Debütalbum vor, im selben Monat erklimmt es Platz fünf der deutschen Albumcharts. Ein Erfolg, den die Band vor allem der Universal Music Group zu verdanken hat, dem größten Musikkonzern der Welt. Universal vertreibt das Album.
Wieso aber verhilft ein milliardenschweres Unternehmen einer Gruppe zum Erfolg, die demokratiefeindliche, gewaltaffine und kaum kaschierte judenfeindliche Texte singt? War es Unachtsamkeit, Täuschung oder Profitgier? Der Fall von Weimar wirft viele Fragen auf.
Masken als Markenzeichen
Es fällt auf, dass sich die Musiker von Weimar niemals mit ihren Gesichtern zeigen. Die Masken sind ihr Markenzeichen. Und sie nennen auch nicht ihre wahren Namen. Dafür dürfte es einen simplen Grund geben: Nach SPIEGEL-Recherchen stammen mehrere Mitglieder der Band aus der einschlägigen Neonaziszene Thüringens.
Ein Mitglied ist Konstantin P., 45 Jahre alt. Bei allem, was mit der Band zu tun hat, nennt er sich Till Schneider. Laut Behördenakten war P. Mitte bis Ende der Neunzigerjahre Mitglied der Dragoner, einer Neonaziband, die im Visier von Verfassungsschutz und Landeskriminalamt war. In ihren Texten leugnen die Dragoner den Holocaust und singen von den »Sechs-Millionen-Lügen«. Es geht um »die Diktatur der Demokratie« und den Plan, »Verräter standrechtlich zu exekutieren«. Ihr Streben, so tönt die Band, gelte »dem reinen weißen Blut«.
Ein anderer Bandkollege, Steffen P., der sich bei Weimar Kurt Ronny Fiedler nennt, war 2005 auf einem rechtsextremen Konzert in Andisleben, seine Daten wurden vom thüringischen Staatsschutz aufgenommen. Die Beamten notierten damals noch einen weiteren Namen: Christian P.
Christian P. ist heute 37 Jahre alt. Er kennt nicht nur das Weimar-Mitglied Steffen P. seit Längerem, sondern auch dessen Bandkollegen Konstantin P.: 2015 hat er mit ihm ein gemeinsames Album herausgebracht, als »Uncore United«. Einige Texte und Melodien ähneln denen von Weimar sehr.
Mitte der Nullerjahre war Christian P. immer wieder im Visier der Sicherheitsbehörden, weil er unter anderem illegal Waffen besessen und vertrieben sowie Neonazi-Propaganda verbreitet haben soll. Ihm wurde zudem die »Bildung bewaffneter Gruppen« vorgeworfen, die Behörden zählten ihn zum »Nationalen Widerstand Weimar«, einer Gruppe, die damals die bereits verbotene »Blood&Honour«-Organisation unterstützte. 2004 half er außerdem Ralf Wohlleben, dem inzwischen verurteilten Unterstützer des Neonazi-Netzwerks NSU, bei der Organisation einer Demonstration.
Holocaustleugnung und Gewaltfantasien
Zu der Zeit machte Christian P. auch schon Musik. 2002 veröffentlichte er eine CD unter dem Namen »Murder Squad«. Auf dem Cover ist ein Hakenkreuz zu sehen, in den Texten heißt es: »Die Deutschen kommen, ihr Juden habt Acht, denn eure Vernichtung wird zum Ziel uns gemacht.« Oder: »Kameraden steht auf, nehmt die Waffen zur Hand, gegen Bonzen und Juden, es geht um unser Land.«
An anderer Stelle wird der Holocaust geleugnet: »Das Lager gab’s in Wirklichkeit nicht (…) das hat der Jud sich ausgedacht (…) damit er noch mehr Kohle macht«. 2005 wurde die CD als jugendgefährdend indiziert.
Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass Christian P. als Sänger ebenfalls Mitglied der Band Weimar ist, sein Name in der Gruppe: Richard Wegnar. Für geschäftliche Belange nutzt er offenbar weitere Aliasnamen, um seine Identität zu verschleiern.
Wie aber kam es dazu, dass Universal das Album einer solchen Band vertreibt?
Kaum hatten die Musiker ihre neue Band Weimar gegründet, war das Plattenlabel Rookies & Kings involviert. Nachweislich hat einer der Geschäftsführer des Labels bereits 2016 die Domains weimar.band, weimar.site und weimar-shop.com registriert. Auf Anfrage teilt Rookies & Kings mit, dass man anfangs eine Zusammenarbeit erwogen und deswegen die Domains registriert habe. Zustande gekommen sei diese dann nicht, man habe heute keine Geschäftsbeziehungen mit Weimar.
Doch es gibt personelle Verbindungen: Rookies & Kings wird von einem Mann mitgeführt, der nicht nur Manager von Frei.Wild ist, jener erfolgreichen Band aus Südtirol, der vorgeworfen wird, in ihren Texten rechtsextremes Gedankengut zu verharmlosen, was diese bestreitet – der Mann hat früher auch für Universal gearbeitet. Hat er die Band an den Weltkonzern vermittelt?
Rookies & Kings bestätigen, dass dieser Mann den Vertrag für Weimar mit Universal abgeschlossen hat – über seine eigene Firma Harder Entertainment. Und ja, er sei auch mal Inhaber einer weiteren Firma gewesen, gemeinsam mit Weimar-Bandmitglied Konstantin P.
Weder Rookies & Kings noch Harder Entertainment allerdings wollen etwas von der Vergangenheit der Bandmitglieder gewusst haben. Konstantin P. habe ihnen gegenüber bestritten, Mitglied bei den Dragonern gewesen zu sein, teilen sie mit.
Und Christian P. sei ihnen nicht als Weimar-Mitglied bekannt. Man distanziere sich »entschieden von Einstellungen und Handlungen, wie sie aus den von Ihnen übermittelten Informationen erkennbar werden«, heißt es weiter. Man prüfe die Fälle nun. Die Gruppe Weimar antwortete auf die Fragen des SPIEGEL nicht.
Offizielle Videos und Bilder gelöscht
Die Universal Music Group teilt mit, dass »Christian P.« laut Auskunft von Weimar kein Mitglied der Band sei. Zu den anderen Musikern äußert sich das Unternehmen nicht. Allerdings sei die »nun zur Kenntnis gelangte Situation absolut inakzeptabel« und widerspreche den Werten des Unternehmens.
Man habe die Beziehung zur Band deshalb sofort beendet und den Vertrieb ihres Albums eingestellt. »Mit dem heutigen Wissensstand hätten wir das Album selbstverständlich niemals veröffentlicht«, sagte eine Sprecherin. Tatsächlich sind nach der Anfrage des SPIEGEL am Dienstag alle Videos und Lieder der Band von offiziellen Seiten des Unternehmens und bei Musik- und Videoplattformen gelöscht worden.
Eine Fangruppe dürfte der Band aber treu bleiben: Lieder von Weimar waren bereits auf »Querdenker«-Demonstrationen zu hören. In einem ihrer Szeneblätter, »Demokratischer Widerstand«, gab es im Juni 2022 eine ausführliche Rezension. Die »systemkritischen Texte« seien »Mut machend«, hieß es da, und »einfach genial«.
Anmerkung der Redaktion: Nach Veröffentlichung dieses Beitrags haben Konstantin P. und Christian P. in einer Erklärung auf Facebook ihre »politisch rechtsmotivierte Vergangenheit« eingeräumt, betonen aber, nicht mehr »in der rechtsextremen Szene aktiv« zu sein.
Die Band selbst hat an gleicher Stelle mitgeteilt, sie distanziere sich »ausdrücklich von Gewalt, Extremismus jedweder Form, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie und dem … Irrglauben …, dass manche Menschen besser seien als andere«, und spricht vom »hohen Wert einer Demokratie«. Man habe sich von Beginn des Bestehens der Band an »für Vielfalt und Toleranz eingesetzt«. Über diese nachgeschobenen Stellungnahmen haben wir in einem Folgebeitrag näher berichtet.
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Ann-Katrin Müller, Maik Baumgärtner und Andreas Borcholte
16.02.2023
Neonazi-Vorwürfe gegen Band Weimar – Universal-Chefs unter Druck
Der Milliardenkonzern Universal hat das Album einer Band vertrieben, von deren Mitgliedern mehrere aus der Neonaziszene stammen. Wurde das wirklich nie geprüft – oder wusste doch jemand Bescheid?
-> https://archive.ph/caOFO (text kann nicht komplett kopiert werden)
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laut . de
Weimar – “ Auf Biegen & Brechen“
VÖ: 20. Mai 2022 (Weimar Kollektiv (Universal Music))
laut.de-Kritik
Goethe und Schiller hätten sich im Grabe umgedreht.
Review von Toni Hennig
Weimar sorgen seit Mitte letzten Jahres mit ihrer Mischung aus rasanten Riffs, bissigen Texten, rotzigem Gesang, Rap-Einlagen und Synthie-Einsprengseln in Deutschrock-Kreisen für Furore. Ihre Identität verschleiern sie mit reptilienartigen Schwarz/Weiß-Masken. In „Bester Feind“, dem Opener ihres nun veröffentlichten Debütalbums „Auf Biegen & Brechen“, stellen sie eingangs die Frage: „Was sind das denn für Spasten mit Masken?“ Darüber lässt sich ziemlich munkeln.
Musikalisch fasst „Bester Feind“ sämtliche Trademarks der Band zusammen und mündet in einem Onkelz-artigen Refrain, in dem es mit lauter Reibeisenstimme heißt: „Ich habe liebеr tausend Feinde, als nur einen falschen Freund / Und was ihr Opfer von uns haltet, interessiert uns einen Dreck.“ Im weiteren Verlauf teilen Weimar gegen alles und jeden aus. So geht es in „Geistige Minen“ ideologischen „Propheten“ und Schwätzern an den Kragen, und in „Zahme Vögel“ knöpfen sie sich die Konsumgesellschaft vor. Mit „Alles Lüge“ sprechen sie auch noch die letzten aus der braunen und der Querdenker-Szene an, wenn sie die „Medien“ als „gekaufte Marionetten“ darstellen, die „allesamt manipuliert“ sind.
Leider denkt die Formation nicht auch nur eine einzige Sekunde daran, tendenziell kritisches Gedankengut zu hinterfragen. Vielmehr dürfte sich die Querdenker-Klientel eine Zeile wie „holt euch die Straße zurück“, wie man sie im Abschlusstrack „Zur Freiheit“ hört, zurechtbiegen, bis sie ins eigene Weltbild passt. Das dürfte der Band aber ohnehin herzlich „egal“ sein, wie sie in „Anders Als Die Andern“ selbstbewusst betont. Hauptsache, man trägt die „Wahrheit stets im Herzen“, wie auch immer die aussehen mag. Das ist schade, hat die Scheibe auch ein paar spaßige Leadgitarren-Einschübe und das ein oder andere gelungene Solo zu bieten. Nur geraten die musikalischen Fähigkeiten bei so einem fraglichen Gesamtpaket zur Nebensache.
Neben viel Opfermentalität und plumper Provokation gibt es auch noch Sprüche, die man täglich auf der Facebook-Timeline der Heckscheibenaufkleberfraktion findet, denn „die Welt“ ist für Weimar „schön“, auch wenn sie alles als „ultrascheiße“ erachten, wie sie in „Zusammen“ beteuern. So trinken sie in „Als Gäb’s Kein Morgen Mehr“ auf das „Leben“, egal wie „hart es auch ist“. „Aufstehen, Krone richten und dann wird weitergetanzt“, lautet schließlich das Lebensmotto.
Daneben frönt die Band in „Weimar“ noch lautstark dem Lokalpatriotismus. Doch Goethe und Schiller hätten sich gewiss im Grabe umgedreht, wenn sie von dieser Platte etwas mitbekommen hätten.
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Interview mit Matze (Gesang), Ramin (Gitarre), Chris (Bass) und Yuri (Drums) von Engst
Ein Interview von Stormrider vom 19.11.2024
Vor dem Konzert im Aschaffenburger Colos-Saal trafen wir ENGST zu einem ausführlichen Interview. Die ganze Band hat es sich im Backstagebereich gemütlich gemacht. Da das aktuelle Album „Irgendwas Ist Immer“ schon vor einer ganzen Weile veröffentlicht wurde, haben wir uns über die laufende Tour, Zivilcourage, Politik und Musik, Castingshows und so dies und das unterhalten.
Ich verfolge euch nun schon eine ganze Weile und habe euch schon damals in Frankfurt im „Elfer“ gesehen. Dann ging es über das „Kesselhaus“ in Wiesbaden in „Das Bett“ in Frankfurt und nun seid ihr im „Colos-Saal“ hier in Aschaffenburg. Die Venues wurden immer ein klein wenig größer. Wie läuft denn die Tour aktuell? Es ist ja schon die zweite Rundreise zu „Irgendwas Ist Immer“.
Matze: Oh ja, damals im Elfer, das war krass. Der Club ist ja auf dieser Partymeile in Frankfurt, und an dem Tag hat Frankfurt gegen Bayern München gespielt und die haben irgendwie 5:1 gewonnen. Da war ja kompletter Ausnahmezustand an dem Abend. Zur aktuellen Tour kann man sagen, dass wir letztes Jahr eher die Kernstädte gespielt haben, wie Hamburg, Düsseldorf oder auch Frankfurt. Die Shows waren extrem gut besucht. Jetzt sind wir mehr in ein paar Städte gegangen, wo wir vorher noch nicht so stark aktiv waren. Und wir sind sehr, sehr positiv überrascht. Bis jetzt sind wieder alle Shows sehr gut besucht. Auch heute Abend sind hier wieder rund 500 Leute. Ich glaube, da ist der Saal knackig gefüllt. Wir merken halt einfach, dass es gut nach oben geht, gesund wächst und mehr wird und nicht stagniert. Das ist ja immer so ein Kriterium, was ja wichtig ist, wenn du weiterkommen willst.
Ja, heute Abend wird es heiß hier drinnen werden, davon kannst du ausgehen. Aber es ist gut zu hören, dass es für euch beständig nach oben geht. Lasst uns aber mal ein wenig auf eure Anfänge schauen. Wie war denn euer allererstes Konzert, was ihr gespielt habt? Erzählt mal so ein bisschen, ich schätze es waren noch keine 500 Leute da.
Ramin: Da gab es uns doch erst drei Monate, oder?
Yuri: Ich glaube das muss Januar 2016 gewesen sein. Irgendwo in Süchteln? Und da haben wir sogar noch geprobt!! [Allgemeines Gelächter]
Matze: Stimmt, da haben wir noch geprobt. Aber wie heißt es: „Ohne Proben ganz nach oben!“ Der Abend war witzig, es dürfte die einzige Show gewesen sein, bei der wir einen Keyboarder, einen zweiten Gitarristen und anderen Bassisten dabeihatten. Du weißt ja, wie das immer ist bei einer Bandgründung. Am Anfang sind natürlich alle ganz hyped und so nach dem Motto: „Ja na klar, wir ziehen richtig durch und hast du noch nicht gesehen“. Und wenn es dann größer wird und wächst und die Shows mehr werden und natürlich auch der ganze Stress größer wird, dann sondert sich das relativ schnell raus, wer wirklich diesen Weg mitgeht. Und die Band jetzt, das ist so der harte Kern, der sich dann rauskristallisiert hat und der einfach auch bis zum Ende bleiben wird. Das war im Vergleich zu heute aber noch relativ softe Musik. Wir haben aber ein paar Songs, die wir beim ersten Gig gespielt haben und die auch heute immer noch da sind. Vielleich in ein bisschen anderer Form. Ich glaube ‚Auf Die Freundschaft‘ haben wir da schon gespielt und ‚Alle Tragen Schwarz‘ und auch ‚Raumschiff‘. Aber ja, wenn man jetzt so zurückguckt, ist jetzt noch mal eine ganz andere Hausnummer.
Ramin: Aber der Gig war echt gut! Da gibt’s doch auch noch irgendwo einen Mitschnitt.
Chris: Hast du damals noch diesen Lederhut getragen?
Matze: Ja, würde ich aber immer noch gerne tragen.
Chris: Red lieber nicht drüber! [Wieder allgemeines Lachen!]
Matze: Stimmt, da warst du doch noch gar nicht in der Band! Da war noch unser erster Bassist dabei. Das lief aus Marketinggesichtspunkten sowieso eher suboptimal damals. Wir haben nämlich die Bilder für das erste Album, „Flächenbrand“, gemacht, und einen Tag bevor das Album rausgekommen ist, hat er bei mir geklingelt und gesagt: „Du Matze, ich glaube, ich will aussteigen, ich schaff das nicht mehr.“ Super! Das war für Chris natürlich ein bisschen scheiße, denn auf der Tour musste er dann immer bei seinem Foto signieren.
Chris: Das war für mich ganz witzig. Ich bin dann direkt reingekommen in die Band und man meinte so: „Okay, du hast einen Monat Zeit, wir gehen jetzt auf Tour.“ War sportlich!
Ramin: Und so langsam kann er die Songs sogar spielen. [Gelächter]
Na dafür bist du nach den fünf Jahren ja nun integriert. Ihr habt erwähnt, dass ihr damals schon Sachen gespielt habt, die auch heute noch gespielt werden. Ihr habt jetzt für den zweiten Teil der Tour auf der Setlist doch relativ viel umgestellt im Vergleich zur ersten Rundreise. Wie entscheidet ihr denn, was fliegt raus, was kommt rein und wie ist denn da so der Prozess? Ist das mehr so eine Basisdemokratie oder gibt es harte No-gos und Vetos?
Ramin: Wir diskutieren so ein wenig darüber, und dann gucken wir uns die Spotify-Sachen auch an, welche Songs am häufigsten gestreamt werden. Jetzt war zum Beispiel für uns eine Überraschung, dass vom zweiten Album ‚Denkst Du Noch An Mich‘ ziemlich gut läuft. Das war uns nicht so bewusst. Dann haben wir den Track geprobt, geschaut, ob der uns beim Spielen Spaß macht und dann mit ins Set genommen.
Und wie schwer fällt es euch, sich von einem Song zu trennen, den man eigentlich lange gespielt hat?
Matze: Schwer! Sehr schwer!
Chris: Also nach drei Alben hat man einfach so ein Potpourri an Songs. Dass man immer mit einem weinenden Auge irgendwas streichen muss. Auch wenn es schwerfällt. Aber ‚Optimisten‘ wird zum Beispiel nicht gestrichen. Aber klar, man will ja auch mal was Neues oder anderes spielen, nicht immer nur die gleichen Sachen.
Matze: Und es kommt ja auch immer ein wenig auf die Thematik an. Da schauen wir natürlich auch so ein bisschen drauf. Nicht nur welche Songs machen uns Spaß? Beispielsweise haben wir jetzt im Set auch ‚Erwachsen Werden‘ drin. Der hat jetzt einfach einen Platz im Set gefunden, weil wir mittlerweile ja auch viele Familien im Publikum haben. Also tatsächlich Leute, die wirklich mit ihren Kids kommen. Teilweise wirklich Mutti, Papa und die siebenjährigen Mädels dann mit Mickey Mäusen auf. Das sind dann auch Songs, die für uns einfach eine Relevanz haben, einfach gespielt zu werden. Und die werden super angenommen. Und ich glaube, es ist eben auch für Fans wichtig, die oft kommen. Diese verrückten Leute, die wirklich bei jeder Show sind. Wir hatten jetzt vor zwei Tagen eine dabei, die hat ihr hundertstes Konzert bei uns mitgemacht. Fast ein Running Gag, dass sie mehr ENGST-Konzerte besuchen als ich. Also das ist wirklich irre. Und für die versuchen wir natürlich auch mal eine Abwechslung reinzubringen. Das macht uns auch Spaß und ist auch mal gut, so ein bisschen aus der Comfort Zone rauszukommen.
Yuri: Absolut. Aber wir spielen auch trotzdem noch alte Songs, wie die ‚Hymne Der Verlierer‘. Das war ja einer der allerersten Songs und auf der EP drauf. Und der ist immer noch gesetzt und immer noch aktuell. Von daher macht er immer noch Spaß.
Na dann haut mal raus. Jeder von euch vier nennt mal seinen Lieblingssong aus der aktuellen Setlist. Was macht euch derzeit am meisten Spaß auf der Bühne zu spielen?
Ramin: Bei mir ist es ‚Alle Wollen Alles‘.
Yuri: ‚Keinen Meter‘.
Chris: Ebenfalls ‚Keinen Meter‘.
Matze: Ich bin auch bei ‚Alle Wollen Alles‘. Der geht straight nach vorne. Ich war am Anfang überhaupt nicht überzeugt von dem Song und dann haben wir den live gespielt und dann war so: alles klar, der geht ab. Nach dem Track sind die Leute auch meistens echt kurz am Arsch.
Ich muss sagen, dass ich mit dem Track zunächst ein wenig gefremdelt habe, aufgrund der Intros. In der zweiten Hälfte hingegen ist er ein klassischer ENGST-Track. Und mittlerweile mag ich ihn echt gerne.
Matze: Das ging mir an Anfang auch so. Aber wir wollten bei der Nummer einfach mal ein bisschen was ausprobieren. Es ist für Bands aus dem deutschen Punkrock ja auch immer eine große Gefahr, dass du irgendwann anfängst dich selber zu covern. Dann bleibst du so in deinem Einheitsbrei drinnen. Trotzdem muss man natürlich immer auch ein wenig vorsichtig sein, sodass man nicht sagt: „Das war jetzt vielleicht ein bisschen zu weit weg von dem, was die Leute hören wollen.“ Aber dadurch, dass der Refrain die alten ENGST-Vibes aufgreift, funktioniert er und die Leute feiern es sehr.
Yuri: Ja, war schon ein kleines Experiment. Aber es ist geglückt.
Chris: Neues Studio, neuer Produzent und einfach mal geguckt wohin es geht und es hat funktioniert.
Ist das ist schon ein Ausblick, in welche Richtung es musikalisch zukünftig geht?
Matze: Wir werden nun natürlich keine Jazzplatte machen. Einfach weil wir es nicht können. [Allgemeines Lachen] Aber die große Stärke bei uns sind einfach wirklich diese eingängigen melodiebehafteten Refrains. Die werden definitiv bleiben. Da stehen wir ja alle drauf. Aber wir sind schon auch daran interessiert, immer so ein bisschen Dinge auszuprobieren und mal austesten, wie sich manches anfühlt.
Ist ja auch spannend und definitiv Punk, sich nicht in seinem eigenen Songkreis nur ewig immer wiederholen. Was habt ihr für Rituale, die ihr so vor dem Gig macht?
Yuri: Wir hören Technomusik. Also tatsächlich Technomusik. Kein Spaß!
Ramin: Wir müssen uns ein bisschen warm machen. Wir haben gelernt, dass wir uns ein bisschen hypen müssen vorher. Auf Tour ist fit bleiben schwierig, wach bleiben ist schwierig, gut schlafen ist schwierig. Daher auf jeden Fall eine halbe Stunde bevor es losgeht vorher mal ein bisschen laute Mucke anmachen. Bisschen anfangen zu tanzen, ein paar Liegestützen machen.
Chris: Wir geben uns vorher noch ein High Five, aber wir stehen jetzt nicht irgendwie im Kreis und brüllen uns alle irgendwie mit irgendwas an. High Five und ab auf die Bühne!
Matze: Ramin und ich schauen uns vorher noch kurz an und sagen: Heute wird es richtig scheiße! Denn dann werden es meistens richtig grandiose Shows!
Wie seid ihr denn zum gemeinsamen Musikmachen gekommen?
Matze: Wir machen ja alle schon Musik, seit wir Jugendliche sind. Und das Lustige ist tatsächlich, dass wir uns ja alle schon lange bevor die Band ENGST gegründet wurde im Berliner Kosmos über den Weg gelaufen sind. Also ich habe mit Ramin und unserem Tonmann in einer – was war das? – in einer Metalband gespielt. Ramin hat Gitarre gespielt, unser Tonmann hat Drums gespielt und ich war damals noch Shouter, also richtig mit richtig brüllen und so. Und Yuri war auch in verschiedenen Metalcore-Bands. Und in der Region kannten wir uns eben alle. Von Chris war ich Fan. Chris war halt so der der Star in Berlin. Er war elf Jahre Sänger bei den 5BUGS. Das war die Skate Punk-Band, die jeder irgendwie gehört hat. Da bin ich tatsächlich dann auch ganz oft als Teenie auf Konzerten gewesen und war totaler Fanboy.
Ramin: Und jetzt spielt Chris bei uns Bass – Verlierer! [Gelächter]
Matze: Letztes Jahr haben die 5BUGS nach zehn Jahren noch mal einen Gig gespielt – und es war total geil. Es war so wie Klassentreffen, alle um die 40 rum. Nicht nur die Band, die Fans auch. Und alle haben irgendwie Rücken mittlerweile. War aber ein total geiles Konzert. Und das erste, was Chris sagt, als er von der Bühne kommt und mich ansieht ist: „Ich will nie wieder Sänger sein.“
Chris: Das war der anstrengendste Job. Man hat einfach immer die Arschkarte.
Matze: Aber daher ist es halt total geil. Wir kommen alle aus dem gleichen Kosmos, sind uns vorher schon hundertmal über den Weg gelaufen und haben alle parallel den gleichen Werdegang gemacht.
Naja, so ganz den gleichen Werdegang habt ihr nicht. Denn zwei von euch [Matze und Yuri] haben ja damals an dieser Castingshow „Die Band“ teilgenommen. Welchen Impact hat das denn heute noch? Also ist das heute noch ein Thema oder war einfach so: „Nee, danke?!“
Yuri: Also nur wenn wir in Interviews drauf angesprochen werden. [Grinst]
Matze: Man muss sagen, ich war jetzt letzte Woche beim SAMU HABER-Konzert in Berlin gewesen, weil wir einfach tatsächlich immer noch befreundet sind. Ich bin da mal hingegangen und hab mir sein Soloprojekt angeguckt. Da kommen dann noch vereinzelte Hausfrauen an, die sagen: „Och, du bist doch der tätowierte Popsänger“, und so. Aber ansonsten ist das mittlerweile relativ wenig. Am Anfang, als wir ENGST gegründet haben, da gab es ein paar Interviewpartner, die haben schon relativ krass versucht uns so ein bisschen vorzuführen. So von wegen, das ist doch kein Punk! Du warst in einer Castingshow und blabla. Den Zahn konnten wir den Leuten immer relativ schnell ziehen. Wir sind da ja sowieso eher zufällig in dieser Sendung gelandet und ich war zu dem Zeitpunkt halt noch Sozialarbeiter, also Streetworker, hab auch nicht so viel Kohle verdient. Es war daher eine gute Chance auch ein wenig was zu verdienen. Wir haben da einfach drei Monate in einer Villa auf einem Berg abgehangen, wo es den ganzen Tag zu saufen gab, einen riesigen Pool, eine Sauna. Es war aber wirklich verrückt zu sehen, dass da Leute waren, die 2015 noch wirklich dran geglaubt haben, dass sie mit einer Castingshow der große Hit werden. Und qualitativ, muss man immer sagen, war die Sendung eine Vollkatastrophe. Musikalisch war das komplett Unsinn. Wir haben uns dabei einfach nur eine gute Zeit gemacht. Dass der Quatsch dann am Ende gewonnen worden ist, war ehrlich gesagt auch gar nicht so geil. Ich musste da halt ein Vertragsalbum machen. Das ist aber nie rausgekommen. Die Songs liegen bei der Sony, werden aber wahrscheinlich nie veröffentlicht werden.
Yuri: Wir haben ja vorher schon eine Band gehabt, und unsere ursprüngliche Intention war, dass wir da hingehen und quasi Werbung für unsere eigene Band machen. Das war der Plan. Dass der Typ den Bums gewinnt, hatte keiner auf dem Schirm.
Matze: Wir kamen nach drei Monaten zurück und die alte Band hatte sich aufgelöst. Wir haben dann gesagt: „Wir machen das jetzt noch einmal. Einmal richtig. Einmal richtig Vollgas!“ Und dann war wirklich so Rumtelefoniererei. Yuri war klar, dass wir zusammen auf jeden Fall was machen. Und ich habe dann so ein bisschen gebrainstormt, wer würde noch mal in Frage kommen für so ein Projekt. Dabei war mir gar nicht so wichtig, wo der musikalische Background liegt, sondern ich wollte, dass Leute zusammenfinden, die auch wirklich Biss haben. Auch mit Ü30 nochmal. Die auch ganz genau wissen, was sie wollen und die nicht sagen: „Kann ich nicht touren, da hat meine Tante Gerda aus Wuppertal Geburtstag.“ Ja und da war Ramin zum Beispiel gleich gesetzt. Weil bei Ramin war mir immer klar, der kommt eher aus dem Metal-Bereich, aber der war halt schon immer so ein totaler Beißer. Gleiches gilt für Chris. Bei Chris wusste man auch, als der in die Band gekommen ist, wenn der sich dafür entscheidet, zieht er es durch. Und deswegen sind wir aber auch immer in dieser Viererkombination geblieben, haben uns keine zweite Gitarre geholt. Der Vibe ist so gut und wir sind so geschlossen. Da braucht es keinen mehr in diesem Kosmos.
Yuri: Das ist einfach hundertprozentiger Verlass, da kann kommen, was wolle.
Also das, was man so als die klassische Band aus den GUNS ‚N ROSES-Videos kennt, wo sich Freunde im Arm liegen?
Matze: Wenn die Frage kommt, sind wir Freunde, dann sage ich mal so, also das kann man so nicht sagen. Wenn ich zum Beispiel in Berlin in eine Kneipe gehen will, dann rufe ich die Jungs jetzt nicht an. Es ist aber einfach dem geschuldet, dass wir natürlich alle einen anderen Lebenskosmos haben. Wir haben Leute mit Kindern, Ramin arbeitet extrem viel. Das Ding ist aber, wir teilen halt noch mal was ganz anderes. Diese Band steht ganz oben in unserem Lebenskosmos. Da müssen natürlich auch unsere Frauen und Partner und alle um uns herum, die müssen ja alle da auch mitziehen. Ich glaube, das ist noch mal was viel Tiefergehendes als eine Freundschaft. Wir teilen wirklich unseren Traum, unsere Leidenschaft. Wir haben alle zusammen alles auf eine Karte gesetzt und ziehen das durch. Und wir lieben das auch, zusammen auf Tour zu sein. Ist dann aber auch schön, wenn wir uns mal nicht sehen. Also das braucht man auch, das Detoxen.
Lasst uns mal ein wenig über eure Lyrics sprechen. Ihr macht viele sozialkritische Texte, ihr macht politische Texte wie zum Beispiele ‚Alle Tragen Schwarz‘, ‚Blut Auf Dem Asphalt‘, ‚Hymne Der Verlierer‘, ‚Herr Meier Von Der AfD‘. Wo kommen da eure Inspirationen her?
Chris: Grundsätzlich kommen die Texte alle von Matze. Die Musik machen wir alle zusammen, aber das ist halt Matzes Background. Er ist in Hellersdorf-Marzahn groß geworden, hat sag ich mal so gesehen die Scheiße gefressen, hat mit den Leuten immer noch zu tun und schreibt da autobiografisch.
Matze: Ja, ich bin im Osten von Berlin aufgewachsen. Das war zu der Zeit noch eine braune Hochburg. Zu der Zeit als ich noch Teenie war, da war das Gang und Gäbe, dass du da halt nach Hause gejagt worden bist, wenn man wie ich lange Dreads hatte. Da gab es wirklich noch die Glatzen mit den Bomberjacken und Baseballschlägern, die da rumgelaufen sind. Es gab mehr als einen Übergriff wo man von Neonazis verdroschen worden ist. Hab da viel „Wir legen dich um“-Sprüche und so eine Scheiße miterlebt. Später habe ich dann meine Ausbildung in der Psychiatrie gemacht und dort gearbeitet. Da hast du natürlich auch mal eine ganz andere Komponente übers Leben gelernt. Ich war in meinem Leben schon immer in sozialen Bereichen unterwegs und bin auch immer dort wohnen geblieben. Letztens war ich mit Sebastian, dem Sänger von MADSEN, bei einem WEIMAR-Konzert. Es gab ja einen großen Beef mit dieser Band, weil die ja so einen Nazi-Background haben. Und dann haben wir halt den Dialog gesucht und sind dann einfach in Berlin zu einem Konzert gefahren. Wir waren vor dem Konzert da, haben uns mit der Band unterhalten, weil die Band die ganze Zeit im Vorfeld rumgejammert hat, „Ja, wir sind ja nicht mehr rechts und Pipapo und trallala.“ Dann haben wir gesagt, okay, alle sagen immer, man soll den Leuten auch eine Möglichkeit geben, rauszurutschen aus dem rechten Spektrum. War am Ende totaler Quatsch, also die Band ist sowas von dermaßen hart rechts, das ist totaler Bullshit, was die da erzählen. Und Sebastian ist dann nach Hause gefahren und ich bin dageblieben und hab mich auf dem Konzert zwischen locker 700 oder 800 krassen Neonazis wiedergefunden. Aber ich gehe da gerne rein und ich rede auch gerne mit den Leuten. Und das ist auch immer das, was wir den Menschen bei unseren Konzerten sagen. Wir sind jetzt nicht die klassische Band, die durchgestrichenes Hakenkreuz auf die Bühne hängt. Aber da würde ich ziemlich krass mein Hand für ins Feuer legen, wer wirklich intensiv ENGST hört, der kann mit diesem ganzen Nazipiss nichts anfangen. Aber wir wollen den Leuten eigentlich eher so ein bisschen ans Herz legen, dass sie miteinander reden, also dass man auch anderen Leuten zuhören muss. Mir geht die AfD auch tierisch auf den Sack. Aber sich jetzt nur hinzustellen, „Fuck die AfD“, das wird jetzt keinen AfD-Wähler wirklich beeindrucken. Das wird nichts verändern. Wir versuchen immer so ein bisschen eine Dialogband zu sein, bis zu gewissen Punkten zumindest. Klar, irgendwann ist es natürlich auch mal gut. Und ich glaube, das ist ein wenig auch die Kernkompetenz unserer Songs, dass wir immer sehr autobiografisch in unseren Texten sind, aber auch nicht unbedingt immer den erhobenen Zeigefinger hochhalten wollen.
Chris: Matze ist natürlich auch weiterhin im sozialen Spektrum tätig, führt einen Jugendclub und hat halt auch mit Kids zu tun, wo es jetzt gerade um Depressionen geht und nicht nur immer Nazis oder rechts oder links, sondern auch um Leute mit psychischen Problemen. Und von daher kommen auch solche Texte wie ‚Alle Tragen Schwarz‘ oder ‚Blut Auf Dem Asphalt‘. Wenn man abends nach Hause geht und hat in den Nachrichten gehört ein Mann wurde angezündet oder sowas. Ja, man ist da, man hat es gesehen.
Findet ihr, dass Musiker grundsätzlich politische Aussagen treffen sollten? Oder sagt ihr: Wir machen das für uns, aber ich kann auch gut mit einem RONNIE JAMES DIO leben, der hauptsächlich über Regenbogen und Einhörner singt.
Ramin: Also wir haben gerade gestern im Bus mit SCHIMMERLING sehr lange über METALLICA gequatscht und irgendwie sind wir auch dahin gekommen. Es ging dann um Hetfield, der angeblich so ein Waffennarr ist und seine eigene Ranch hat, wo er Leute einlädt und die können da irgendwie rumballern. Da dachte ich mir zum Beispiel auch, die müssen sich von mir aus jetzt nicht politisch äußern. Also ich bin grundsätzlich schon dafür, dass sich Bands politisch äußern und positionieren, aber bei manchen muss es einfach nicht sein.
Matze: Ja, ich sehe es ein bisschen anders. Ich bin schon der Meinung, jetzt auf den Kosmos Deutschland bezogen, sind die Zeiten einfach so, dass jeder Künstler echt die Verantwortung hat, sich schon zu positionieren.
Ramin: Ja, aber im Beispiel von METALLICA meinte ich das ja so, dass es zu erwarten wäre, dass jetzt Hetfield halt rauskommt und sagt, er findet halt vielleicht Trump ganz geil. Du redest jetzt vom Positionieren, alle gegen rechts positionieren und so. Ich rede vom Positionieren, egal wo jemand steht. Und dann brauch ich von gewissen Bands einfach nichts hören. Ich würde METALLICA immer noch hören, aber wenn Bands so eine Reichweite haben, muss man sich nicht unbedingt so aussprechen.
Matze: TAYLOR SWIFT hats gemacht und ich fands geil. Ist halt wirklich ein schwieriges Thema, Es ist halt immer eine Gratwanderung. Jetzt auch in unserer Szene hat man schon bei einigen Bands manchmal so ein bisschen das Gefühl, das geht mir persönlich jedenfalls so, das ist auch ein ganz gutes Marketing-Tool. Es werden diese woken linken Themen aufgegriffen und da dreht sich dann halt um nichts anderes mehr. Da wird der komplette linke Katalog runtergearbeitet. Da denke ich relativ schnell, das finde ich jetzt irgendwie ein bisschen zu platt. Es gibt aber eben auch Bands, ob man die jetzt mag oder nicht, nimm zum Beispiel ZSK, die halt einfach schon super lange mit „Keinem Bock auf Nazis“ am Start sind, also die schon immer an vorderster Front dabei waren und so weiter. Und dann halt eben die DONOTS, auch MADSEN. das sind so Bands, wo ich sage, das ist authentisch. Die sind immer wieder aktiv, auch bei Veranstaltungen. Die haben sich schon immer positioniert und auch wirklich was gemacht. Aber es gibt halt eben auch andere Bands, finde ich, wo es dann wirklich so ein bisschen einfach gestrickt ist. Also wie gesagt, auf dem Konzert irgendwie „Nazis raus“ zu brüllen, ist mir zu einfach in meiner Welt. Und da sollte man dann vielleicht manchmal auch mal einfach die Fresse halten. Mich nervt es tatsächlich auch, dass zum Beispiel deutsche Mainstream-Künstler, also eben so ein SKI AGGU, eine SHIRIN DAVID und so weiter, also Künstler, die viele junge Leute erreichen, und junge Leute sind ja momentan das absolute Kernziel-Publikum der AfD, weil die AfD ja extrem stark auf Social Media ist und junge Leute abgreift. Und bei solchen Leuten, da fehlt es mir einfach. Die leben in ihren Musikvideos ein bisschen dieses bunte, weltoffene Weltbild und so weiter. Die haben eine unfassbare Reichweite und die machen es einfach nicht. Und das ist einfach ganz, ganz oft, weil einfach deren Managements dahintersteht und sagt: „Ey, wer das macht, dem muss klar sein, die AfD ist im Mainstream angekommen, dann bricht euch auf jeden Fall auch eine Hörerschaft weg.“ Und das Ding ist, die Plattenindustrie spielt da leider auch teilweise ein ziemlich beschissenes Spiel mit.
Chris: Also ich wollte sagen, grundsätzlich ist keine Band unpolitisch. Du kannst keine unpolitische Musik machen. Sobald du in der Öffentlichkeit bist, musst du dich positionieren. Das ist meine Meinung. Also du kannst jetzt nicht sagen, ich mache jetzt gar nichts und singe über Einhörner und Regenbogen. Geht schon, aber ich meine, für mich persönlich, das ist ja meine Meinung, gibt es keine Unpositionierung. Politik ist ja nicht nur links und rechts. Ich denke, das ist einfach auch mal okay, wenn man sagt: „Liebe jeden und seid immer nett.“ Das ist auf eine Art auch eine politische Aussage und bei manchen Parteien trifft es zu, bei manchen wiederum nicht. Aber es ist eine Grundlebenseinstellung. Wirklich kein einfaches Thema offensichtlich. Mach mal die nächste Frage. [Allgemeines lachen!]
In dem Zusammenhang ist immer die Frage nach Zivilcourage spannend. Denn das kommt ja in den Texten dann auch ganz oft vor, die Forderung nach Zivilcourage. Was bedeutet das denn in dem Zusammenhang jetzt für dich? Wenn du die Texte schreibst, Nimm ‚Schöne Neue Welt‘ als Beispiel, da ist ja eine harte Message drin oder auch ‚Alle Tragen Schwarz‘. Jeder weiß es und jeder schaut weg. Es wäre eigentlich nötig, dass was getan wird. Wie sollte man die Zivilcourage deiner Meinung nach besser leben?
Matze: Ich glaube, jeder hat die Möglichkeit, auf ganz, ganz vielen Ebenen diese Welt ein Stück besser zu machen. Und wir machen auch immer eine Ansage auf den Shows, dass wir sagen: „Ey Leute, wenn ihr nach Hause geht und ihr habt irgendwie Leute um euch rum, das können die Eltern sein, Geschwister sein, Freunde sein, nicht immer nur SMS und WhatsApp schicken.“ Wir legen den Leuten halt schon ans Herz und sagen: ruft einfach mal durch, fragt auch einfach mal die Leute um euch rum, wie es denen geht und so weiter. Auch einfach im Alltag, den wir alle haben. Wir leben alle sehr, sehr privilegiert hier in diesem Land und das vergessen wir immer ganz, ganz schnell. Nimm die Corona-Zeit, muss man einfach sagen. Natürlich hat uns das als Künstler hart gefickt, aber im Endeffekt, wir leben in einem Land, wo es eine Krankenversicherung gibt, wo du nicht verhungerst, du hast hier ein Dach über dem Kopf und so weiter. Dass es Ungerechtigkeit gibt – keine Frage, aber wir sind immer sehr, sehr schnell dabei, irgendwie über alles zu meckern und denken gar nicht drüber nach, dass es Menschen gibt, den es wirklich beschissen geht. Menschen, die irgendwie wirklich ganz unten angekommen sind und das vielleicht sogar noch unverschuldet und so weiter. Und es sind meistens die Kleinigkeiten. Im politischen Rahmen ist es eben auf die Straße gehen, irgendwie bei Demonstrationen einfach seine Fresse hinzuhalten, um einfach zu zeigen, es sind mehr Leute, es sind immer noch Leute da. Das sind auch Signale. Sich eben einfach zu engagieren. Wir machen bei uns im Jugendzentrum auch immer regelmäßig kleine Konzerte mit diesem Background, wo wir die Leute einladen, mit ihnen reden oder Ende des Jahres spielen wir immer Konzerte, sammeln dann Kohle für ein Kinderhospiz und so weiter. Und ich glaube, jeder kann so in seinem Lebenskosmos kleine Dinge tun, die die Welt besser machen. Wenn ganz viele Leute ganz viele kleine Dinge tun, dann ist es schon was Cooles. Also keiner erwartet jetzt, dass sich jetzt irgendwie 600 Fans von uns morgen auf die Straße kleben, wäre jetzt auch irgendwie viel zu viel. Aber ich glaube, wenn man manchmal so ein bisschen den Arsch hoch bekommt, dann ist das schon viel. So wie es in ‚Schöne Neue Welt‘ auch besungen ist, also den Arsch hoch oder hast du einfach keinen Bock drauf gerade? Und ich glaube, jeder kann sich so ein bisschen hier und da an die eigene Nase fassen und ein wenig mehr machen. Also auch uns eingenommen.
Chris: Ich denke, der Schlüssel ist, den Leuten ein Bewusstsein dafür zu geben oder zu sagen so „Hey, guck mal, meld dich doch mal bei dem.“ Du hast jetzt seit einem halben Jahr nichts mehr von ihm gehört, denkst wahrscheinlich alles klar, wenn er sich nicht meldet, geht es ihm gut. Die Gesellschaft heutzutage ist sowieso eher so, dass jeder im eigenen Kosmos guckt, dass es ihm gut geht. Aber ich denke, dass es einfach auch eine gewisse Awareness geben muss, dass man sagt, ey, weißt du was, Familie, deine Freunde, das ist das Wichtigste, das ist das Einzige, was du hast, wenn es mal hart auf hart kommt. Und da ein Bewusstsein für zu entwickeln und zu sagen, so melde dich mal persönlich.
Matze: Es sind viele kleine Sachen. Bei uns gibt es ein paar junge Leute, die haben sich über eine Facebook-Gruppe gefunden, die gehen regelmäßig einfach bei uns Müll sammeln. Die sind einmal im Monat da am Start und dann gehen dann komplett überall in den Kindergärten vorbei, sammeln den Müll zusammen, weil sie sagen, „Ey, kannst du auch ein Bierchen bei trinken.“ Aber sie wollen halt irgendwie was Gutes machen, was Sinnvolles machen. Mega. Sowas reicht doch oft schon.
Noch mal ein bisschen in Richtung Musik. „Irgendwas Ist Immer“ ist schon eine ganze Weile draußen. Jetzt spielt ihr schon den zweiten Tourzyklus dazu. Wie geht es denn weiter? Wann gibt es denn neues Material außerhalb von einzelnen Songs auf YouTube?
Chris: Also wir werden auf jeden Fall demnächst noch mal was raushauen, aber ich weiß gar nicht, was jetzt so spruchreif ist. Eigentlich ist noch nichts spruchreif. Aber es wird was geben.
Matze: Also gerade, wenn man uns lange verfolgt hat, weiß man ja, dass wir eigentlich immer was machen. Wir lassen ja nie lange große Pausen, weil wir ja auch selber so viel Output immer haben. Wir haben selbst zwischen den Alben noch unsere EP rausgebracht und eine Standalone-Single und so weiter, weil es uns selber immer unter den Fingernägeln brennt, wir immer Bock haben. Also wir werden jetzt hier keine Dreijahrespause machen, bis die nächste Platte kommt.
Chris: Ja, zumal ja auch jetzt für nächstes Jahr bestätigt wurde, dass wir den HÄMATOM-Support spielen. Von daher werden wir den Rückenwind entsprechend mitnehmen und was hinterherhauen. Man darf auch nicht vergessen, nächstes Jahr werden wir zehn Jahre alt. Da müssen wir uns auch noch was Schickes ausdenken. Also keine Sorge, es wird auf jeden Fall Nachschub geliefert!
Die Fans werde sich bestimmt jetzt schon drauf freuen. Apropos Fans! Habt ihr ein besonderes Erlebnis mit Fans, das euch ganz speziell in Erinnerung geblieben ist?
Yuri: Ohhhh!!!!
Matze: Naja, also läuft hier irgendeine Aufnahme. [Allgemeines Gelächter]
Ramin: Du hast bei unseren Gigs eigentlich immer so ein Erlebnis. Denn dass die Fans immer so eine geile Show für uns mitorganisieren, das ist jeden Abend ein Erlebnis. Diese ganzen Specials, die passieren, die kommen ja eigentlich von denen. Wenn die Luftballons fliegen und sowas. Die Show das ist eigentlich immer das geile Erlebnis mit den Fans.
Chris: Ja, also unsere Moshpit-Crew, so der harte Kern, was die immer bei den Konzerten veranstalten, finden wir eigentlich immer toll. Es ist immer irgendwie eine Überraschung. Okay, jetzt auf der Tour weiß ich, was mich erwartet, aber bei den ersten Shows war das so: „Okay, jetzt fliegen hier 150 Ballons durch die Gegend, riesige Bälle, jetzt sind Knicklichter an, dann kommen auf einmal Seifenblasen.“
Yuri: Also mich kickt immer noch, wenn am beim letzten Song die Fahnen hochgehen. Man weiß es zwar, aber das ist einfach so cool. Man fühlt sich wie in einem Stadion. Mir bleibt dann immer die Spucke weg.
Matze: Es gibt immer viele Momente mit Fans, die einen berühren. In Münster war jetzt eine Situation, da war meine Frau am Merchandise und da ist ein Typ mit seiner Frau zu meiner Frau gegangen und hat gesagt: „Du drück mal deinen Mann ganz lieb. Vor zwei Jahren ging es mir so schlecht, dass ich hier mit Suizidgedanken am Start war. Sag Matze mal danke dafür, weil mir die Musik den Arsch gerettet hat!“ Und er hatte total Tränen in den Augen. Und das hat meine Frau mir dann am nächsten Morgen erzählt und da war dann so: „Ui!“, also das geht dann schon nicht so an einem vorbei. Das haben wir schon ein paar Mal gehabt. Da stehen ja teilweise wirklich Zwei-Meter-Kawenzmänner vor dir, die dann anfangen zu weinen, und das geht nicht so spurlos an dir vorbei. Man merkt dann doch schon, dass man da bei den Leuten irgendwas auslöst, was in mir eben auch was auslöst.
Ramin: Gestern hatte ich nach dem Gig noch ein schönes Erlebnis. Ich stand ja ziemlich lange vorne am Merch, und dann war da so eine Gruppe von etwas älteren Herrschaften. Es war ein Kerl und drei Frauen und beim Tschüss-Sagen hat er so angehalten und gesagt: „Ich habe vor achtunddreißig Jahren das erste Mal METALLICA live gesehen. Aber ihr wart heute mindestens genauso geil.“ Vor achtunddreißig Jahren bin ich geboren. Fand ich krass, weil das ist halt schon, ich würde mich niemals in dieser Band in die Liga von METALLICA verfrachten. Jetzt nicht vom Bekanntheitsgrad, sondern auch von der Innovation der Musik her. Denn die haben halt eine ganze Musikrichtung begründet, und wir machen hier so ein bisschen Pop Punk. Wenn dann sowas von so einem jemand etwas älteren kommt, dann denke ich mir so, das ist ein krasses Kompliment.
Und was berührt euch neben der Musik, oder anders gefragt, welche Hobbys habt ihr sonst noch?
Yuri: Fotografieren und Inlineskaten.
Matze: Ich drehe Videos für andere Bands. Das ist aber vom Nebenjob eigentlich so zum mega Hobby geworden. Ich liebe das. Also wenn ich noch mehr Zeit hätte, wäre es mein Traum mal einen Kurzfilm zu drehen. Horror-Genre oder so, da fahre ich voll drauf ab.
Ramin: Arbeiten!
Matze: Du lebst dein Hobby ja wirklich aus. [Gelächter]
Chris: Ich hab Musik. Neben der Musik mache ich Musik.
Musik ist ja auch das coolste aller Hobbys. Was ist euch denn wichtiger, wenn ihr Songs schreibt, eher die Lyrics oder die Musik?
Ramin: Also mir persönlich ist Text ehrlich gesagt relativ egal. Auch wenn ich selber Musik höre, achte ich null auf die Texte. Gar nicht. Für mich sind Melodien alles. Aber das ist nur ganz subjektiv so. Ich könnte selber nie einen Text schreiben.
Chris: Ja, aber du hörst auch fast nur englische Musik, oder? Ich finde, bei deutscher Musik ist es essenziell, dass der Text eine Aussage hat. Wir Leben im Land der Poeten und Dichter. Wir brauchen einen vernünftigen Text.
Ramin: Uns ist in den Reviews zu unserem letzten Album irgendwann aufgefallen, dass keiner Bezug auf die Komposition nimmt. Also ja meistens sowas wie: Geiler Refrain, geht ins Ohr. Aber niemand hat zu den Kompositionen auch nur ein Wort verloren, es geht nur um die Texte. Da habe ich gedacht, ja gut, da können wir irgendeine Scheiße zusammenschreiben, komponieren. Hauptsache der Text ist halt irgendwie gut.
Chris: Nee, grundsätzlich ist uns natürlich die Musik extrem wichtig. Denn wir schreiben natürlich auch nur die Musik, die uns gefällt. Wir sind alle Musiker und können alle Songs schreiben. Natürlich ist die Musik meistens auch immer der erste Baustein eines neuen Tracks. Aber grundsätzlich steht und fällt der Song mit den Lyrics. Wenn der Text kacke ist, dann kannst du den Song in die Tonne treten. Dann kannst du den besten Instrumental-Song schreiben, den du willst. Du musst musikalisch die Energie transportieren, den der Text irgendwie rüberbringen will.
Und was wollt ihr mit guter Musik und guten Texten, also mit ENGST, noch erreichen?
Yuri: Ich würde mir ein Nummer-Eins-Album wünschen. Ich komme aus einer Zeit, wo die Charts noch einen großen Stellenwert hatten. Und das ist nur nostalgisch betrachtet, aber das fände ich ganz schön.
Matze: Also für mich wäre es einfach, das zu packen, dass wir einfach nur die Musik machen können. Es geht mir gar nicht darum, jetzt irgendwie reich zu werden oder so ein Quatsch, aber einfach mein normales Leben zu leben und uns nur darauf konzentrieren zu können. Eine Tour zu fahren, ohne dass man nach Hause kommt und denkt: Um Gottes Willen, ich bin um 50 Jahre gealtert und muss jetzt gleich wieder auf Arbeit. Also wir sind natürlich auch einfach keine zwanzig mehr. Und das ist schon für uns so der Traum zu sagen, dass wir einfach nur noch das machen können, um diese Qualität der Musik auch einfach zu erhalten. Auch die Live-Shows so zu erhalten und man sich einfach nur noch darauf konzentriert und eben dann auch dadurch gesehen Zeit hat für ein Privatleben, weil das ist teilweise wirklich ein hartes Brot, wenn man neben der Band noch vierzig Stunden arbeiten geht.
Ramin: Ja, wenn wir nur Musik machen könnten, würden wir vielleicht schon ein wenig weiter sein.
Chris: Also die Arbeit, die hindert uns eigentlich mit der Band komplett zu florieren. Aber es zeigt, wie krass wir beißen! ]Alle reißen die Arme hoch und schreien laut JAAAAAA!!!]
Dann drücken wir mal die Daumen, dass ihr dieses Ziel bald erreicht. Zum Abschluss hab ich noch ein paar Quickies. Haut einfach raus, was euch einfällt. Welches Album hast du dir zuletzt als physischen Tonträger gekauft?
Matze: ALEX MOFA GANGs neues Album „Euphorie Am Abgrund“.
Chris: Was ist ein physischer Tonträger? [Allgemeines Gelächter] Ich glaube, das muss zwanzig Jahre her sein. Also seit MP3s draußen sind, habe ich mir nichts mehr gekauft. Wie lange ist das her?
Ramin: Vor zwanzig Jahren habe ich erst angefangen Alben zu kaufen. Das Erste, was mir jetzt einfällt, ist von einem meiner Alltime-Lieblings-Metal-Band SYMPHONY X, das vorletzte Album. Das letzte habe ich schon nicht mehr gekauft.
Yuri: „Fortress“ von PROTEST THE HERO. Die habe ich mir sogar im Media Markt bestellen lassen damals.
Chris: Jetzt weiß ich es wieder! Ich habe auf einem Konzert ein Album gekauft, weil mir die Band so gut gefallen hat. Deswegen wollte ich die supporten. Aber ich habe es halt nie eingelegt und es liegt immer noch im Schrank. Das muss 2016 gewesen sein bei ANIMALS AS LEADERS und deren Support INTERVALS haben mich damals so begeistert, dass ich deren Album vor Ort mitgenommen habe.
Okay, machen wir es ein bisschen einfacher. Was war das beste Album, dass du in den letzten zwölf Monaten gehört hast?
Ramin: Glaube für mich ist es LORNA SHAW. Das ist eine Death Metal-Band.
Chris: „The Crucible Of Life“ von THE HOME TEAM.
Matze: Die Neuauflage von „Pocket Rock“ von den DONOTS. Die haben jetzt nach zwanzig Jahren die Platte noch mal neu gemacht und das war damals meine Jugendzeit.
Wir werden immer einfacher. Was ist denn euer aktueller Lieblingssong?
Matze: ‚Atlantic City‘ von BRUCE SPRINGSTEEN.
Chris: Ich glaube ich habe fünfzig Lieblingssongs. Es kommt immer auf die Stimmung an und auf die Lebenslage. Aber den, den ich mir immer anhören kann, ist der Song von EVERYTHING EVERYTHING. Ich weiß noch nicht mal den Namen. Siehst du, krasser Lieblingssong. Ah jetzt! Er heißt ‚Cold Reactor‘.
Yuri: ‚Falschrum‘ von TELE, falls vielleicht TELE jemand kennt.
Ziehen wir das Level noch mal ein wenig an. Wenn du aussuchen könntest, was der letzte Song ist, den du jemals hörst. Welcher sollte das sein? Weil, in der Regel weiß man das ja nun nicht, dass es der letzte ist.
Chris: ‚Bohemian Rhapsody‘.
Ramin: Die Main-Theme von JURASSIC PARC.
Yuri: ‚Careless Whisper‘ von GEORGE MICHAEL. [Gelächter]
Matze: ‚She Drives Me Crazy‘ von den FINE YOUNG CANNIBALS.
Erklär doch mal in einem Satz einem Alien, warum er ENGST hören sollte. Deswegen lohnt es sich, auf die Erde zu kommen, und bitte höre ENGST.
Chris: Wow!???
Matze: Weil du nicht nur Musik bekommst, sondern wenn du ein Konzert von uns besucht hast, wirst du sehr, sehr viele neue Freunde haben.
Chris: Ich würde sagen, guck dir fünfzig andere Bands an außer uns. [Gelächter]
Yuri: Ich glaube Karussell der Emotionen. Du wirst alle menschlichen Emotionen bei unserem Konzert erleben und bekommst das Potpourri der Gefühle.
Matze: Du kriegst auch einfach alle Musikrichtungen. Geh ich mal zu Punk? Oder Metal? Oder Pop? Ich weiß nicht. Ach, geh zu ENGST!
Kommen wir doch wieder zu was Irdischerem. Zusammenstellung der Wunschband. Jeder von euch schickt seinen Lieblingsmusiker an seinem Instrument in eine Band. Los geht’s!
Yuri: Dann bin ich Lars Ulrich! Neee! [Lacht]
Matze: Ach, eine Sache mit wenig Talent und viel Überzeugung durchziehen, oder wie? [Allgemeines Gelächter]
Ramin: Victor Smolski.
Matze: Tom Petty.
Chris: Lemmy.
Yuri: Im Ernst, dann nehme ich Joey Jordison.
Wenn ihr mit einem beliebigen Künstler zusammenarbeiten könntet, egal ob er noch lebt oder nicht, mit wem würdest du gerne mal arbeiten?
Matze: Und noch mal Tom Petty!
Yuri: Mozart, mit dem würde ich gerne chillen.
Chris: Oh ja, Mozart. Doch, das war ein Ferkel. Mit dem würde ich gerne mal abhängen.
Ramin: Ich würde eher so mit Hans Zimmer gerne mal quatschen.
Chris: Ehrlich? Ich eher lieber John Williams. Ja, ich bin bei Mozart und John Williams.
Gibt es denn ein Zitat, was euch so durch eure Leben begleitet? Und wo ihr sagt, das hängt immer so überm Bett?
Ramin: Also bei mir hing früher über dem Bett immer: Hast du heute schon Gitarre geübt? [Gelächter]
Chris: Ich glaube, mich begleitet immer: behandle die Menschen so, wie du selber behandelt werden willst.
Matze: Am Ende wird alles gut.
Das ist doch ein schönes Schlusswort! Am Ende wird immer alles gut. Wir sind damit auch schon beim Ende unseres kleinen Interviews. Viel Spaß beim Gig nachher und danke für die Zeit, die ihr euch für das Bleeding4Metal genommen habt!