Nach Anschlag auf Stromkabel in Berlin: Sind Sachsens Linksextreme auch dazu fähig?

Stromkabel, Mobilfunkmasten, Bahnverbindungen: Seit einigen Jahren greifen Linksextreme vermehrt kritische Infrastruktur an. In Berlin sind die Folgen mit tagelangem Stromausfall besonders gravierend. Wie groß ist die Gefahr, dass das auch in Sachsen passiert?

Am Mittwoch kam der Strom für Zehntausende Haushalte in Berlin zurück:

Linksextremisten sollen den tagelangen Ausfall mit einem Brandanschlag verursacht haben. Die Gruppe, die verantwortlich sein soll, ist seit Jahren im Großraum Berlin aktiv. So groß wie bei der jetzigen Attacke waren die Auswirkungen noch nie. Greifen Linksextremisten nun öfter zu diesem Mittel – auch in Sachsen, wo es in Leipzig eine der aktivsten linksextremen Szenen der Republik gibt?

Jedes Jahr verursachen Linksextremisten dem Verfassungsschutz zufolge Millionenschäden mit Anschlägen auf die kritische Infrastruktur. „In der Form, wie wir das jetzt in Berlin gesehen haben, ist das in Deutschland aber relativ neu“, sagt Tom Mannewitz, der Leipziger Volkszeitung und der Sächsischen Zeitung. Mannewitz ist Professor an der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung, forscht zu Linksextremismus. Man sehe solche Attacken vermehrt seit zehn bis 15 Jahren. Sogenannte Vulkangruppen, die sich auch zum jüngsten Anschlag bekannt haben, sind um Berlin seit 2011 aktiv.

Auch in Sachsen Brandanschläge von extrem links

Auch in Sachsen gibt es immer wieder Brandanschläge – sowohl auf geparkte Autos in Leipzig, als auch auf Infrastruktur. Bundesweit beachtet wurde etwa der Angriff auf mehrere Baukräne in Leipzig 2019.

Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: In Markkleeberg wurde 2022 ein Brandanschlag auf einen 30 Meter hohen Funkmast der Deutschen Bahn verübt. Einem auf einer linksextremen Plattform veröffentlichten Bekennerschreiben zufolge sollte der Anschlag die Deutsche Bahn als angeblichen Teil der europäischen Kriegslogistik treffen. Verdächtige wurden jeweils nicht ermittelt.

Soko Linx soll linksextreme Gewalt zurückdrängen

Im Landeskriminalamt arbeitet seit 2021 die sogenannte Soko Linx mit dem Ziel, den „gewaltorientierten Linksextremismus in Sachsen, insbesondere im Raum Leipzig“ zurückzudrängen und kriminelle Strukturen aufzuhellen, wie das sächsische Innenministerium zuletzt in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Landtagsfraktion schrieb.

Das Haus von Minister Armin Schuster (CDU) wertet die Arbeit als Erfolg: 2024 sei im Zehn-Jahres-Verlauf der niedrigste Stand bei linksmotivierten Gewaltdelikten verzeichnet worden. Anlass der Einschätzung: Anfang November hatten zwei Lkw eines Leipziger Unternehmers gebrannt, auch hier gab es ein Bekennerschreiben auf einer von Linksextremen genutzten Plattform.

Die Attacken, die den Vulkangruppen zugeordnet werden, haben meist größere Ausmaße, auch schon vor dem jetzigen Stromausfall. Etwa 2018 bei einem Anschlag auf Leitungen in Berlin-Charlottenburg: Tausende Haushalte waren stundenlang ohne Strom. Der Anschlag auf die Stromversorgung der Tesla-Fabrik in Grünheide, der ebenfalls den Vulkangruppen zugerechnet wird, führte vor zwei Jahren zum Produktionsstopp im Werk und zu Stromausfällen bei Privatleuten.

Wer steckt hinter den Berliner Vulkangruppen?

Ob hinter den Anschlägen immer dieselben Leute stecken, ist unklar. Von kleinen Gruppen über lose Zusammenschlüsse bis zu netzwerkartigen Strukturen sei vieles denkbar, so Extremismusforscher Mannewitz. Mit Blick auf das jüngste Bekennerschreiben vermutet er, dass die Verfasser tief in ideologischen Debatten stecken, schon länger in der Szene sind. Der Berliner Verfassungsschutz ging zeitweise davon aus, dass zumindest teilweise die gleichen Täter am Werk waren. Konkrete Tatverdächtige oder Festnahmen gab es aber nie.

Die Begründungen der Vulkangruppen für ihre Anschläge variieren. „In den 2010er-Jahren ging es stärker um Anti-Repression – also darum, sich vermeintlich gegen staatliches Handeln zu wehren“, sagt Extremismusforscher Mannewitz. Heute zeigten die Texte eine Mischung aus klassisch anarchistischen, öko-anarchistischen und anarcho-primitivistischen Positionen. „Diese ideologische Heterogenität ist auffällig und erschwert eine klare Einordnung.“

Gerade diese Mischung spricht aus Sicht von Mannewitz dagegen, dass solche Anschläge in der linksextremen Szene viele Nachahmer finden. Etwa in Leipzig, wo Mannewitz die Szene aus seiner Forschung gut kennt: „Ich sehe nicht, dass das in der linksextremen oder linksautonomen Szene auf größeren Anklang stößt.“ Tatsächlich werden die Aktionen der Vulkangruppen in der linksextremen Szene schon immer auch kritisch gesehen, nach dem jüngsten Anschlag etwa wurden mehrere Distanzierungen veröffentlicht.

Auf die Frage, wie groß nach dem Berliner Anschlag die Gefahr für Nachahmungstaten in Sachsen ist, gibt das hiesige Innenministerium keine Einschätzung ab. Nur so viel teilt es mit: „Verbindungen der sogenannten Vulkangruppe nach Sachsen sind nicht bekannt.“

Die Linken-Fraktionschefin im sächsischen Landtag, Susanne Schaper, verurteilt den Anschlag durch mutmaßliche Linksextremisten: „Es gibt keine Rechtfertigung dafür, wenn Kinder oder Ältere frieren müssen oder armen Leuten das Essen im Kühlschrank vergammelt.“

In Berlin sprachen Politiker schon kurz nach dem Anschlag von Linksterrorismus. Nun ermittelt auch der Generalbundesanwalt wegen des Verdachts einer terroristischen Vereinigung. Für Forscher Tom Mannewitz ist die Einstufung des Anschlags in Berlin gerechtfertigt. „Es handelt sich um eine systematische Form der Gewalt durch nichtstaatliche Akteure mit konkreter politischer Motivation“, sagt er.

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Franziska Höhnl, Andreas Debski, Fabian Deicke und Andreas Dunte
05.01.2026

Berliner Stadtteile tagelang ohne Versorgung: Könnte so ein Stromausfall auch Sachsen treffen?

In Teilen Berlins gibt es nach einem Brandanschlag auf eine Kabelanlage seit Tagen keine Elektrizität. Könnte so ein tagelanger Stromausfall mit Zehntausenden Betroffenen auch Sachsen ereilen? Und ist der Freistaat darauf vorbereitet?

Mitten im Winter tagelang ohne Strom und Wärme: Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik können nicht ausschließen, dass ähnlich wie in Berlin auch in Sachsen gezielt die Versorgung gekappt werden könnte. Gleichzeitig bereiten sie sich nach eigenen Angaben darauf vor, solche Notfälle zu verhindern oder schnell zu beheben.

„Eigentlich sind wir schon resilient“, sagte der sächsische Innenminister Armin Schuster (CDU) am Montag in Dresden. „Allerdings: Täter, die hochprofessionell und auch mit purer krimineller Energie vorgehen, denen wird es schon gelingen, solche Taten zu begehen.“ Er verwies darauf, dass Sachsen Schwachstellen bei der Infrastruktur genauer in den Blick nimmt: „Wir werden sachsenweit eine Risikogefahrenanalyse machen.“

Sachsen will 2027 Analyse aller Schwachstellen vorlegen

Diese soll nach bisherigen Angaben im Jahr 2027 vorliegen und neben den Gefahren eines lang anhaltenden Stromausfalls auch Szenarien für Dürre, Waldbrand und Hochwasser abdecken. Es wäre der erste vollständige landesweite Überblick, wie aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der BSW-Fraktion hervorgeht.

In Berlin waren nach einem Brandanschlag an einer Kabelbrücke am Teltowkanal im Südwesten Berlins 45.000 Haushalte und 2200 Betriebe ohne Strom. Zu dem Anschlag hat sich eine linksextremistische Gruppierung bekannt. Die Berliner Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hält das Bekennerschreiben für authentisch und spricht von Linksterrorismus. Am Montag übernahm die Berliner Generalstaatsanwaltschaft die Ermittlungen. Zudem konnten einige Haushalte und Unternehmen laut Betreiber wieder angeschlossen werden. Die übrigen Kunden müssen womöglich bis Donnerstag warten.

Notstromaggregate aus Sachsen für Berlin

Aus Sachsen kam Hilfe für die betroffene Hauptstadt: Sowohl Mitnetz-Strom als auch Sachsen-Netze haben Notstromaggregate nach Berlin geschickt. Beide Netzbetreiber betonen, dass sie sich auf Krisensituationen vorbereiten und in stabile Netze, einen Ausbau der Kapazitäten und Sicherheitsmaßnahmen investieren. Es gibt sogenannte Redundanzen und Back-ups, also Leitungen und Lösungen, die ungeplante Ausfälle abfangen.

So erhöhe man kontinuierlich die Sicherheit und Widerstandsfähigkeit der Infrastruktur, heißt es von Sachsen-Netze-Sprecherin Nora Weinhold. Neben Zäunen, Überwachungssystemen und Zugangskontrollen etwa an Umspannwerken zählt sie auch die Sicherheit für die IT-Systeme dazu. Aufgrund der immensen Länge des Stromnetzes könne dieses aber nicht komplett rund um die Uhr geschützt werden.

Das ist aus Sicht von Jens Teuscher, Experte für Energie- und Hochspannungstechnik an der TU Chemnitz, auch gar nicht nötig. Neuralgische Netzknoten sollten überwacht werden.

Doch für die meisten Versorgungsleitungen gebe es eine Ausfalloption. „Man sollte nicht panisch werden“, sagte Teuscher der Sächsischen Zeitung und der Leipziger Volkszeitung.

Schuster: Sachsens Behörden sind vorbereitet

Das deutsche Stromversorgungssystem sei sehr sicher und die Situation in Berlin speziell. So sei die Bundeshauptstadt nicht nur dichter besiedelt. Die beschädigte Kabelbrücke habe auch besonders viele Leitungen gefasst. „Mir fällt jetzt in Sachsen kein Beispiel ein, wo man eine ähnlich große Leitungsbündelung über einen Fluss hat“, so der Energieexperte der TU Chemnitz weiter.

Einen Stromausfall in der Berliner Größenordnung hält Teuscher in Sachsen vor diesem Hintergrund für unwahrscheinlich.
Sollte es zu größeren Notfällen wie einem regional begrenzten Stromausfall kommen, sind die Behörden laut Innenminister Schuster vorbereitet: „Das üben wir ja ständig, leider auch in der Realität, wenn Sie an die Gohrischheide und den Brand denken.“

Andere Landespolitiker sind da nicht so optimistisch: Der Grünen-Innenexperte im Landtag, Valentin Lippmann, pochte auf eine eindringliche Prüfung, wie Betriebe besser unterstützt werden könnten, um Netzausfälle zu verhindern.

„Zu Szenen wie in Berlin darf es nicht kommen.“ Und Linken-Fraktionschefin Susanne Schaper mahnte: „Auch in Sachsen muss ständig alles vorbereitet sein, um schnellstens so viele Menschen wie möglich wieder zu versorgen, allen voran in den Krankenhäusern.“