Bezüge zu Neonazis und NS-Zeit – die auffällige Musikauswahl zur Wahlparty bei „AfD-TV“
Die AfD lässt den Wahlabend auf YouTube vom Musikprojekt eines Ex-Funktionärs der Identitären Bewegung begleiten. Dabei wird etwa ein Lied gespielt, vor dem die Parteispitze kürzlich wegen eines SS-Bezuges warnte.
Mehr als viereinhalb Stunden sendete „AfD-TV“ am Sonntag live von der Wahlparty in Magdeburg. Der offizielle YouTube-Kanal der AfD-Bundespartei hat über 388.000 Abonnenten, über 814.000 Mal wurde der Livestream vom Abend der sachsen-anhaltischen Landtagswahl bislang geklickt. Bei der stundenlangen Übertragung blieb neben Reden und Interviews viel Zeit für Musik.
Eine WELT-Recherche für den „Politico“-Podcast „Inside AfD“ zeigt, dass die Rechtsaußen-Partei in dem Videostream zahlreiche Lieder abgespielt hat, die dem Projekt eines der bekanntesten Gesichter der Identitären Bewegung (IB) entstammen. Darunter war auch ein Titel, vor dessen öffentlicher Verwendung die AfD-Spitze noch in diesem Jahr selbst gewarnt hatte. Als Interpret wurde jeweils „Die Fiedel“ genannt.
Dabei handelt es sich um ein Projekt von Alexander Kleine, in dem mittels Künstlicher Intelligenz (KI) unter anderem deutsche Volkslieder neu komponiert und etwa als „Techno Edit“ veröffentlicht werden.
Kleine wurde 2018 Regionalleiter der Identitären Bewegung in Sachsen, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bewegung eingestuft wird. Im sächsischen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2020 heißt es: „Der Leipziger IB-Aktivist Alexander Kleine engagiert sich bundesweit für diese Gruppierung. Über verschiedene eigene Video- und Audioformate im Internet verbreitet er seine verfassungsfeindlichen Überzeugungen und erreicht damit ein überregionales Publikum.“
Nach eigenen Angaben gründete Kleine Ende 2019 die Agentur Tannwald Media und ist seitdem „aus Altersgründen“ nicht mehr in der Identitären Bewegung aktiv, wie er am Dienstag WELT sagte. Innerhalb der AfD besteht ein Unvereinbarkeitsbeschluss zur IB. Wer dort Mitglied war, kann nur in Ausnahmefällen in die AfD eintreten. Zahlreiche aktuelle und ehemalige IB-Aktivisten arbeiten allerdings für AfD-Abgeordnete.
Teil der AfD-Sendung war etwa ein „New Wave Edit“ des Songs „Deutsche Verzweiflung“. Der Text enthält Fragmente von Hoffmann von Fallersleben sowie von Marie von Ebner-Eschenbach, wurde allerdings vom Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke zusammengestellt.
Auch der Songtitel „Deutsche Verzweiflung“ stammt nicht von Hoffmann von Fallersleben, sondern von Rennicke, der 2009 und 2010 bei der Bundespräsidentenwahl für die NPD kandidiert hatte. Rennickes Song wurde 1993 auf einem später indizierten Album veröffentlicht.
Damit konfrontiert, sagte Kleine: „Das wusste ich tatsächlich nicht. Es könnte uns ein Fehler passiert sein. Ein Lied von Frank Rennicke hätten wir nicht originär aufgearbeitet.“ Rennicke hatte 2003 den „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ mitgegründet, der 2008 aufgrund einer „Verherrlichung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ vom Bundesinnenministerium verboten wurde.
Teil des AfD-Livestreams war auch ein „Techno Edit“ des Gedichts „Wenn alle untreu werden“ von Max von Schenkendorf aus dem Jahr 1814. Die SS hatte das Gedicht als Treuelied verwendet. In der AfD sorgte es in diesem Jahr für Ärger, dass der Jugendfunktionär Kevin Dorow die Zeile „Und wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu“ bei einer Veranstaltung zum Volkstrauertag genutzt hatte.
In einem WELT vorliegenden Antrag des AfD-Bundesvorstands für ein Parteiausschlussverfahren gegen Dorow aus dem März ist von einer „Verwendung des Liedes durch die SS“ die Rede. Weiter heißt es: „Selbst wenn man der Einlassung des Antragsgegners folgt, wonach dieses Lied im verbindungsstudentischen Milieu gesungen wird, entbindet dies den Antragsgegner nicht davon, die naheliegende Gefahr einer negativen Auslegung als ‚SS-Lied‘ von unserer Partei fernzuhalten und bei öffentlichen Bekundungen im Namen der Partei jede Bezugnahme darauf tunlichst zu unterlassen.“
Die AfD-Parteispitze um Alice Weidel und Tino Chrupalla hatte also „jede Bezugnahme“ auf das Lied gerügt – und nun wurde es in einem Livestream des eigenen YouTube-Kanals abgespielt. Alexander Kleine von „Die Fiedel“ sagte, ihm sei die Verwendung durch die SS „nicht bewusst“ gewesen. „Ich halte es für falsch, dass alles kontaminiert sei, was die Nationalsozialisten vereinnahmt haben.“ Den Ausschlussantrag gegen Dorow hatte die AfD-Bundesspitze nach einem Proteststurm aus dem besonders radikalen Lager zurückgezogen.
„Hinter dem Song steckt NS-Propaganda“
Während der Zeit des Nationalsozialismus entstanden ist das Marschlied „Erika“ von Herms Niel, im Jahr 1938. Es wurde ebenfalls im AfD-Livestream abgespielt, als „New Wave Edit“. Der Komponist Niel war 1933 in die NSDAP eingetreten und dirigierte bei den Reichsparteitagen die Musikzüge des Reichsarbeitsdiensts. In den vergangenen Jahren erlebte „Erika“ ein Revival unter Schülern und wurde zum Meme.
An einigen Schulen wurde das Abspielen verboten. „Hinter dem Song steckt NS-Propaganda“, teilte der nordrhein-westfälische Lehrerverband im Mai dieses Jahres mit. „‚Erika‘ wurde gezielt genutzt, um deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu motivieren.“ Kleine hingegen spricht von einem „unideologischen Wehrmachtslied“, in dem es um eine Blume und ein Mädchen gehe, „nicht um Aufrufe zu Straftaten, Drogen oder Gewalt“.
Wer am Wahlabend „AfD-TV“ schaute, hörte etwa auch die Zeilen „Frisch auf den Feind, frisch in das Feld, fürs deutsche Vaterland!“ aus dem „Jägerlied“ von Theodor Körner. Dabei waren auch ein „New Wave Edit“ des „Ostpreußenlieds“, das ursprünglich 1933 vom Nationalsozialisten Herbert Brust („Ich glaube an Adolf Hitler“) komponiert worden war, sowie zwei mithilfe von KI vertonte Gedichte des 1914 verstorbenen völkischen Nationalisten Hermann Löns. Radikale Rechte versuchen bereits seit Jahren, an den Lönskult der Nationalsozialisten anzuschließen. Löns ist aber auch in der Mitte der Gesellschaft beliebt.
Die AfD-Bundespartei ließ eine WELT-Anfrage zu ihrem Livestream am Dienstag unbeantwortet. In Mecklenburg-Vorpommern ist Kleines Musikprojekt „Die Fiedel“ am 18. September kurz vor der dortigen Landtagswahl als „musikalische Begleitung“ des AfD-Wahlkampfabschlusses mit der AfD-Bundesspitze und dem Sachsen-Anhalt-Wahlsieger Ulrich Siegmund angekündigt.
Siegmund hatte bereits Ende August bei einer Wahlkampfveranstaltung im Kreis Mansfeld-Südharz für das KI-Projekt des früheren Identitären-Funktionärs geworben. „‚Die Fiedel‘ mit dabei, große Klasse“, sagte er in einem Videoclip. „Macht euch einen eigenen Eindruck, hört gerne mal rein, danke für eure tolle Arbeit.“