Mehr Proletariat und weniger Totenanzeigen: Vom Ende der Arbeiterklasse bis zu ihrem Wiederaufbau
Gefunden auf portal oaca, die Übersetzung ist von uns. Dieser Text von Agustín Guillamón öffnet viele interessante und wichtige Fragen die in der Debatte und in der Praxis überprüft werden müssen. Dort wo das Proletariat als tot, oder nicht-existent erklärt wurde, gibt Guillamón antworten auf diese falsche Position und unterstreicht wieder, sowie andere weltweit auch, die Gründe warum die Klassenfrage enormer Bedeutung ist und für die Abschaffung des Kapitalismus und aller Staaten-Nationen zentral ist.
Wir sind an dem Punkt wo Guillamón Gewerkschaften/Syndikate eine kämpfende Rolle zuspielt – Punkt Nr. 5 – anderer Meinung. Der Syndikalismus/Gewerkschaftswesen, auch mit dem Adjektiv ‚revolutionär‘ ist nur ein Organ für die Verhandlung zwischen Arbeit und Kapital und nicht ein Instrument der Selbstbefreiung des Proletariats, ergo eine Organisationsform für die Zerstörung kapitalistischer Verhältnisse. Mehr dazu in der Textreihe Kritik am Syndikalismus/Gewerkschaftswesen/Gewerkschaften/Syndikate. Dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann und nicht irgendeiner Partei/Avantgarde/Gewerkschaft/Syndikat, dass diese Ausdruck der Organen sein wird, die nur dem Zweck der Zerstörung der Klassengesellschaft dienen, die das Proletariat aus ihrer Autonomie heraus erschafft. Nicht eine neue oder alternative Verwaltung des Kapitals ist das Ziel, sondern seine Endgültige Abschaffung.
„Die gewerkschaftlichen/syndikalistischen Organisationen sind keineswegs eine Waffe im Kampf gegen das Kapital, sondern ein perfekt in das System integriertes Instrument, das als Vermittler und Schlichter zwischen der herrschenden Klasse und den Ausgebeuteten dient, um den Preis der Arbeitskraft zu regulieren und zu verhindern, dass sich die Arbeiterklasse zu einer revolutionären Kraft formiert. Ein weiteres widerwärtiges Merkmal ist, dass sie die Aufgabe erfüllen, die massive Kraft der Klasse in sektorale Interessen einzugrenzen, was zur Spaltung und Zersplitterung des Kampfes beiträgt und die Illusion nährt, dass jeder Beschäftigungssektor, jede Rasse und jede ethnische Gruppe eigene Interessen habe, die vom Rest losgelöst seien.“ Materiales x la emancipación.
Auch überrascht uns am Ende des Textes ein Zwinkern das Guillamón an drei „anarchistischen“ Organisationen im spanischen Staat macht, die unserer Meinung, trotz der jetzigen pathetischen Lage anarchistischer Kreise dort, die ranzigste Variante dieser sind.
Nicht desto trotz sind die Thesen und die Fragen die hier im Text aufgeworfen aktuell und auch für uns sehr interessant um sie zu diskutieren.
Lang lebe die Anarchie
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Mehr Proletariat und weniger Totenanzeigen: Vom Ende der Arbeiterklasse bis zu ihrem Wiederaufbau
2026
Einleitung
Seit Jahrzehnten vertritt ein Teil des kritischen Denkens die Ansicht, dass das Proletariat nicht mehr die historische Rolle einnimmt, die es während des langen Zyklus der Arbeiterbewegung – etwa von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Krise des fordistischen Kapitalismus in den 1970er Jahren – gespielt hat. Die Deindustrialisierung der westlichen Ökonomien, die Fragmentierung der Arbeit, die Ausweitung des Dienstleistungssektors, die Prekarisierung der Beschäftigung, die Individualisierung der Arbeitsbeziehungen und die zunehmende Integration des sozialen Lebens in die Logik des Konsums haben dazu geführt, dass die Gültigkeit der Klassenpolitik als strategischer Horizont der Emanzipation in Frage gestellt wird.
Im libertären Milieu ist die Diskussion besonders intensiv. Autoren wie Tomás Ibáñez und Miquel Amorós argumentieren, dass die tiefgreifenden Veränderungen des Kapitalismus die historischen Bedingungen untergraben haben, die die klassische Arbeiterbewegung erst möglich gemacht haben. Das Verschwinden der Arbeiterkultur, die institutionelle Integration der Gewerkschaften/Syndikate, die Auflösung der alten Arbeits- und Nachbarschaftsgemeinschaften sowie die zunehmende kommerzielle Kolonisierung des Lebens hätten dem Proletariat die politische Zentralität genommen, die es über mehr als ein Jahrhundert hinweg innehatte. Es ginge nicht mehr nur um die Niederlage bestimmter Organisationen, sondern um das Ende eines historischen Zyklus, in dem sich die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt konstituieren konnte.
Diese Einschätzung enthält Elemente, die schwer zu bestreiten sind. Es ist offensichtlich, dass der heutige Kapitalismus die Produktionsbedingungen, die Zusammensetzung der Lohnarbeit und die traditionellen Organisationsformen der Arbeiterklasse tiefgreifend verändert hat. Es scheint auch unbestreitbar, dass die historischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung – sozialdemokratische, kommunistische, rätekommunistische, revolutionär-gewerkschaftliche/syndikalistische und anarchistische – zu einem historischen Kontext gehören, der sich nicht mechanisch reproduzieren lässt. Wer versucht, die Organisationsformen des 20. Jahrhunderts wiederherzustellen, ohne die Veränderungen des globalen Kapitalismus zu berücksichtigen, wird unweigerlich in Anachronismus verfallen.
Aus diesen Feststellungen lässt sich jedoch nicht zwangsläufig der Schluss ziehen, dass das Proletariat nicht mehr das potenzielle Subjekt einer revolutionären Umwälzung ist. Zwischen der Anerkennung einer historischen Niederlage und der Feststellung einer historischen Unmöglichkeit besteht ein entscheidender Unterschied. Dass die politischen Formen, mit denen das Proletariat während einer bestimmten Periode handelte, in eine Krise geraten sind, bedeutet nicht, dass die sozialen Verhältnisse, die ihr Entstehen ermöglichten, verschwunden sind. Noch weniger lässt sich daraus schließen, dass der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit seinen strukturierenden Charakter im heutigen Kapitalismus verloren hat.
Die Hypothese, von der dieser Artikel ausgeht, ist genau das Gegenteil. Die in den 1970er Jahren begonnene weltweite Neuordnung des Kapitalismus hat die materielle Grundlage des Proletariats nicht beseitigt, sondern sie in einem bis dahin unbekannten Ausmaß verändert und erweitert. Die relative Deindustrialisierung Europas und Nordamerikas fiel mit einer außergewöhnlichen Ausweitung der Lohnarbeit in Asien, Lateinamerika, Afrika und Osteuropa zusammen; die Zersplitterung der Produktionsprozesse ging mit einer immer intensiveren Integration des Weltmarktes einher; und die Diversifizierung der Beschäftigungsformen hat die Lohnabhängigkeit nicht verringert, sondern auf neue Bevölkerungsgruppen ausgeweitet.
Es ist entscheidend, zwei Ebenen zu unterscheiden: Krise des Klassenbewusstseins, Arbeiterorganisationen und historische Formen der proletarischen Politik einerseits und andererseits das Fortbestehen objektiver Bedingungen, die die Existenz einer Klasse ermöglichen, die dadurch definiert ist, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen muss, um zu überleben.
Das Ziel dieser Arbeit ist es daher weder, das Ausmaß der Niederlage zu leugnen, die die Arbeiterbewegung in den letzten Jahrzehnten erlitten hat, noch Organisationsformen zu idealisieren, deren Krise offensichtlich ist. Sie will auch keine essentialistische Auffassung vom Proletariat als vorbestimmtem Subjekt der Geschichte verteidigen. Ihr Ziel ist begrenzter, aber auch präziser: zu untersuchen, ob die Veränderungen, die der Kapitalismus durchlaufen hat, wirklich die Schlussfolgerung rechtfertigen, dass die Arbeiterklasse endgültig jegliches revolutionäre Potenzial verloren hat, oder ob die Krise im Gegenteil vor allem die historischen Organisationsformen der Arbeiterklasse betrifft und nicht die strukturelle Position, die sie weiterhin innerhalb der Produktionsverhältnisse einnimmt.
Um diese Frage zu beantworten, muss man die Analyse aus dem begrenzten Rahmen der westlichen Gesellschaften auf den real existierenden Weltkapitalismus ausweiten. Nur aus dieser Perspektive lässt sich beurteilen, inwieweit die weltweite Ausbreitung der Lohnarbeit, die neuen internationalen Migrationsströme, die Neuordnung globaler Produktionsketten und das Aufkommen neuer Ausbeutungsformen die klassische Hypothese verändern – oder bestätigen –, wonach der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit nach wie vor den Dreh- und Angelpunkt kapitalistischer Gesellschaften bildet.
Der Spätkapitalismus, dessen Versprechen des allgemeinen Wohlstands überholt ist, klammert sich durch eine Abdrift in Richtung Kriegsökonomie an sein Überleben. Wenn die Rentabilität der zivilen Produktion versiegt, werden Zyklen aus Militärausgaben, Sicherheitspriorisierung und permanentem Ausnahmezustand wiederbelebt, die die Gesellschaft disziplinieren und die öffentlichen Prioritäten neu ordnen. Dieses Regime, das in seinen Auswirkungen kriminell ist, lagert Kosten – ökologische, menschliche und demokratische – aus, während es Angst und Konflikt in neue Nischen der Akkumulation verwandelt. Vor diesem Hintergrund sind die Prekarisierung der Arbeit und die Auflösung der Rolle des Proletariats als politisches Subjekt keine Systemfehler, sondern Voraussetzungen für ein Modell, das eine verfügbare, unorganisierte und überwachte Bevölkerung benötigt – im Dienste einer Maschinerie, die durch Zerstörung Wert schafft.
Das Proletariat als soziales Verhältnis und nicht als historische Figur
Die Debatte über die Aktualität des Proletariats geht meist von den Veränderungen des zeitgenössischen Kapitalismus aus, um daraus dann soziologische Schlussfolgerungen zu ziehen. Zunächst sollte man aber den Begriff klären: Das Proletariat ist keine bestimmte historische Figur – der fordistische Fabrikarbeiter –, sondern eine Position innerhalb der sozialen Produktionsverhältnisse.
Aus dieser Perspektive ist es bezeichnend, dass ein Großteil der Thesen zur Krise des Proletariats eine ganz konkrete historische Figur als Bezugspunkt nimmt: den Industriearbeiter, der in großen Fabriken konzentriert war, gewerkschaftlich/syndikalistisch organisiert, in relativ homogenen Arbeitervierteln integriert und Träger einer kollektiven Kultur, die im Laufe von mehr als einem Jahrhundert sozialer Kämpfe entstanden ist. Diese Figur gab es tatsächlich und sie spielte eine entscheidende Rolle in der Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung. Sie jedoch mit dem Proletariat als solchem gleichzusetzen, bedeutet, eine bestimmte historische Erfahrung zu einer universellen Definition zu machen.
Marx ist so nie vorgegangen. In Das Kapital wird der proletarische Zustand nicht durch einen Beruf, einen Industriezweig oder eine bestimmte Form der Arbeitsorganisation charakterisiert. Was den Proletarier definiert, ist seine Stellung innerhalb der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. Der Arbeiter ist Proletarier, weil ihm die eigenen Mittel zur Produktion und Reproduktion seiner Existenz fehlen und er daher gezwungen ist, seine Arbeitskraft an den Besitzer des Kapitals zu verkaufen. Diese Definition ist abstrakt genug, um außerordentlich vielfältige Arbeitsformen zu erfassen, und erklärt gerade deshalb die enorme Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus an sich wandelnde historische Kontexte.
Die Distinktion ist kein bloßes terminologisches Problem. Von ihr hängt die gesamte weitere Interpretation ab. Wenn man das Proletariat mit der großen industriellen Arbeiterklasse gleichsetzt, die im fordistischen Kapitalismus entstanden ist, ist es relativ einfach zu dem Schluss zu kommen, dass wir heute vor seinem Niedergang stehen. Wenn man das Proletariat hingegen als ein soziales Verhältnis versteht, das durch Lohnabhängigkeit und die Enteignung der Produktionsmittel bestimmt ist, dann ändert sich die Frage grundlegend. Es geht nicht mehr darum, ob die alte Figur des Industriearbeiters weiterhin die Mehrheit bildet, sondern darum herauszufinden, ob die Entwicklung des Kapitalismus die Zahl der Menschen, deren Existenz vom Verkauf ihrer Arbeitskraft abhängt, verringert oder vergrößert hat.
Die Antwort scheint ziemlich klar zu sein. In den letzten fünf Jahrzehnten hat der Kapitalismus eine außergewöhnliche Ausweitung der Lohnverhältnisse erlebt. Nicht, weil sich die Lebensbedingungen der Arbeitenden verbessert hätten, sondern weil ganze Regionen der Erde, die bis dahin teilweise am Rande der Warenproduktion standen, in diese integriert wurden. Der Prozess der rasanten Urbanisierung, der mit der ökonomischen Globalisierung einherging, stellt wahrscheinlich die größte Bewegung der Proletarisierung in der gesamten Geschichte dar.
Es lohnt sich, einen Moment bei diesem Aspekt innezuhalten, denn er wird oft durch einen Blick verdeckt, der sich zu sehr auf die europäische Erfahrung konzentriert. Seit Ende der 70er Jahre haben Hunderte Millionen Bauern die ländlichen Ökonomien nerlassen, um in die kapitalistische Produktion einzusteigen. Die Industrialisierung Chinas ist das bekannteste Beispiel, aber nicht das einzige. Ähnliche Prozesse, wenn auch in geringerem Ausmaß, lassen sich in Vietnam, Bangladesch, Indien, Indonesien, Mexiko oder Äthiopien beobachten. In all diesen Fällen erleben wir die Entstehung riesiger Konzentrationen von Lohnarbeitern, deren soziale Existenz genau der klassischen Definition des Proletariats entspricht.
Was auch verschwindet, ist nicht das Proletariat, sondern eine bestimmte industrielle Geografie. Die Verlagerung der Produktion wird von Europa aus oft als Phänomen der Deindustrialisierung interpretiert, obwohl es sich in Wirklichkeit um eine internationale Umverteilung der Produktion handelt. Die Fabriken, die im Norden des Kontinents geschlossen wurden, tauchten – oft in erweiterter Form – im Perlflussdelta, in den chinesischen Sonderwirtschaftszonen, in den Industriekorridoren Südostasiens oder in den zentralamerikanischen Maquilas wieder auf. Das Kapital verließ bestimmte Gebiete, um sich in anderen niederzulassen, war aber weiterhin auf Lohnarbeit als unverzichtbare Voraussetzung für seine Wertsteigerung angewiesen.
Diese geografische Verlagerung hat wichtige Konsequenzen für die gesellschaftliche Theorie. Bleibt die Analyse auf die europäischen Grenzen beschränkt, ist der Eindruck, dass das Proletariat verschwindet, verständlich. Die alten Arbeiterviertel verschwinden, die großen Fabriken bauen Personal ab, die Gewerkschaften/Syndikate verlieren Mitglieder und die Industriebeschäftigung weicht Aktivitäten ab. Dieses Bild ändert sich jedoch radikal, wenn der Beobachtungsrahmen nicht mehr national oder kontinental ist, sondern global wird. Was sich dann zeigt, ist kein Rückgang der Arbeiterklasse, sondern ihre außergewöhnliche Ausweitung, begleitet von einer tiefgreifenden Neuordnung der internationalen Arbeitsteilung.
An dieser Stelle sollte man eine wichtige Nuance einbringen. Zu erkennen, dass das Proletariat zahlenmäßig gewachsen ist, bedeutet nicht, zu leugnen, dass sich die Bedingungen geändert haben, unter denen es sich als politisches Subjekt konstituieren kann. Es wäre absurd zu ignorieren, dass die Fragmentierung der Produktion, die Prekarisierung der Beschäftigung, die Individualisierung der Arbeitsbeziehungen oder die räumliche Zerstreuung den Aufbau stabiler Organisationen und kollektiver Identitäten, wie sie die klassische Arbeiterbewegung geprägt haben, enorm erschweren. Aber gerade deshalb ist es notwendig, sorgfältig zwischen der objektiven Existenz einer Klasse und den historischen Formen ihrer politischen Organisation zu unterscheiden.
Die Verwechslung/Verwirrung dieser beiden Ebenen hat die Diskussionen der letzten Jahrzehnte oft begleitet. Dort, wo die alten Arbeiterorganisationen verschwinden, neigt man dazu zu folgern, dass auch die Klasse verschwunden ist, die sie erst möglich gemacht hat. Die Beziehung lässt sich jedoch genau umgekehrt formulieren. Vielleicht ist nicht das Proletariat in die Krise geraten, sondern die Organisationsformen, die aus einer bestimmten Phase der kapitalistischen Entwicklung stammen. Wäre diese Hypothese richtig, bestünde das politische Problem nicht mehr darin, ein neues revolutionäres Subjekt zu finden, sondern darin zu verstehen, wie sich eine Klasse neu organisieren kann, die unter tiefgreifend veränderten Bedingungen weiterhin existiert.
Diese Frage führt uns direkt zum Kern der Debatte. Denn in der Realität dreht sich die Diskussion nicht nur um die Soziologie der heutigen Arbeit. Was auf dem Spiel steht, ist die Interpretation der historischen Niederlage, die die Arbeiterbewegung in den letzten Jahrzehnten erlitten hat. Und genau hier zeigen die Thesen von Ibáñez und Amorós meiner Meinung nach ihre größten Grenzen.
Die Niederlage der Arbeiterbewegung und die Illusion von ihrem Verschwinden
Die Frage erhält eine andere Bedeutung, wenn man nicht mehr nur die Entwicklung der Lohnarbeit betrachtet, sondern den historischen Werdegang der Arbeiterbewegung untersucht. Hier liegt wahrscheinlich der Ursprung der pessimistischen Einschätzung, die einen Großteil des zeitgenössischen kritischen Denkens durchzieht. Denn es lässt sich kaum leugnen, dass die Organisationen, die über mehr als ein Jahrhundert hinweg die politische Erfahrung der Arbeiterklasse geprägt haben, eine Krise von enormer Tiefe durchleben. Die großen Gewerkschaften/Syndikate haben sich institutionalisiert, die Arbeiterparteien haben schon lange jegliche Perspektive auf gesellschaftlichen Wandel aufgegeben, die proletarische Kultur, die weite Teile der Industriegebiete prägte, ist praktisch verschwunden, und die seit Ende der 70er Jahre erlittenen Niederlagen haben das Vertrauen in die Fähigkeit sozialer Konflikte, den Lauf des Kapitalismus zu verändern, geschwächt.
All das ist eine historische Tatsache, die keine ernsthafte Interpretation ignorieren kann. Diese Niederlage anzuerkennen, bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass man die Schlussfolgerungen akzeptieren muss, die oft daraus abgeleitet werden. Zwischen der Feststellung einer politischen Niederlage und der Behauptung, das Proletariat spiele im Kapitalismus keine zentrale Rolle mehr, liegt ein argumentativer Sprung, der selten ausreichend begründet wird.
Vielleicht sollte man sich eine grundlegende Tatsache in Erinnerung rufen. Soziale Klassen verschwinden nicht, nur weil sie besiegt werden. Wenn das so wäre, müsste man zu dem Schluss kommen, dass die Bourgeoisie jedes Mal aufgehört hätte zu existieren, wenn sie in einem revolutionären Prozess die politische Macht verloren hätte, oder dass der Adel unmittelbar nach den liberalen Revolutionen verschwunden wäre. Klassen definieren sich nicht durch den Erfolg oder Misserfolg ihrer Organisationen, sondern durch die Position, die sie innerhalb der sozialen Produktionsverhältnisse einnehmen. Niederlagen verändern das Kräfteverhältnis, zerstören Institutionen, unterbrechen politische Traditionen und verändern sogar das kollektive Bewusstsein tiefgreifend, aber sie verändern nicht von selbst die grundlegende Struktur der sozialen Beziehungen.
Diese Beobachtung ist besonders relevant, wenn man die Entwicklung des Kapitalismus seit den 1970er Jahren analysiert. Die neoliberale Offensive bestand nicht nur aus einer Reihe von ökonomischen Reformen. Sie war vor allem eine gigantische politische Operation, die darauf abzielte, die Macht zu brechen, die die Arbeiterbewegung in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hatte. Die Niederlagen der britischen Bergarbeiter, die industrielle Umstrukturierung in weiten Teilen Europas, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Verlagerung von Produktionsstätten oder die zunehmende Unterordnung der Ökonomie unter die Finanzwelt waren keine voneinander unabhängigen Prozesse. Sie waren Teil einer Strategie zur Neuordnung des Kapitalismus, deren Ziel genau darin bestand, die Verhandlungs- und Widerstandsfähigkeit der Arbeiterklasse zu schwächen.
Es ist paradox, dass der Erfolg dieser Offensive letztendlich manchmal als Beweis dafür interpretiert wurde, dass das Proletariat nicht mehr existiert oder jegliche historische Relevanz verloren hätte. In der Realität könnte man genau das Gegenteil behaupten. Wenn das Kapital solche Anstrengungen unternommen hat, um die Arbeitsorganisation zu verändern, die Produktion in andere Regionen der Welt zu verlagern, die Belegschaften zu zersplittern und die Beschäftigungsverhältnisse zu prekarisieren, dann gerade deshalb, weil es die Arbeiterkonzentration weiterhin als eines der größten Hindernisse für seinen Akkumulationsprozess betrachtete. Die Neuordnung des Kapitalismus beweist nicht das Verschwinden des Konflikts zwischen Kapital und Arbeit; sondern ist eine Antwort auf diesen Konflikt.
An dieser Stelle lohnt es sich, einen Moment bei den Implikationen des Begriffs der kapitalistischen Neuordnung selbst haltzumachen. Der Kapitalismus verändert seine Produktionsformen nicht ständig aus reinem Streben nach technologischer Innovation. Jeder bedeutende Wandel entspricht – zumindest teilweise – der Notwendigkeit, Hindernisse zu überwinden, die im vorangegangenen Akkumulationszyklus entstanden sind. Die Mechanisierung war eine Antwort auf die Notwendigkeit, die Produktivität zu steigern; der Fordismus ermöglichte die Organisation der Massenproduktion; die Auslagerung von Produktionsstätten erleichterte die Senkung der Arbeitskosten; die globale Logistik machte es möglich, geografisch verstreute Produktionsprozesse zu koordinieren. Keine dieser Veränderungen beseitigt die Lohnarbeit. Sie alle zielen darauf ab, sie so umzugestalten, dass sie der Kapitalakkumulation besser dient.
Vielleicht ist es deshalb passender, von einer Krise der historischen Formen der Arbeiterbewegung zu sprechen als von einer Krise des Proletariats als Klasse. Die Organisationen, die rund um die große fordistische Industrie entstanden, entsprachen ganz bestimmten Bedingungen: relative Beschäftigungsstabilität, Konzentration von Tausenden von Arbeiterinnen und Arbeitern an einem einzigen Produktionsort, Kontinuität der Arbeitsverhältnisse und das Vorhandensein relativ geschlossener Arbeitergemeinschaften. Wenn diese Bedingungen verschwinden oder sich tiefgreifend verändern, funktionieren die überlieferten Organisationsformen nicht mehr mit derselben Effizienz. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass die Klasse verschwindet, deren Existenz diese Organisationen überhaupt erst hervorgebracht hat.
Die Geschichte bietet zahlreiche Beispiele für diesen Unterschied. Der revolutionäre Gewerkschaftswesen/Syndikalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts war nicht identisch mit dem englischen Chartismus, und dieser wiederum stimmte nicht mit den handwerklichen Organisationsformen vor der Industriellen Revolution überein. Jeder Wandel des Kapitalismus brachte neue Konfliktformen hervor und erforderte neue organisatorische Antworten. Niemand hätte deshalb daraus geschlossen, dass die Arbeiterklasse jedes Mal aufhörte zu existieren, wenn eine dieser historischen Formen in eine Krise geriet. Es ist seltsam, dass eine solche Schlussfolgerung heute relativ leicht akzeptiert wird.
All das zwingt dazu, die ursprüngliche Frage neu zu überdenken. Vielleicht lautet die relevante Frage gar nicht, ob das Proletariat noch dasselbe ist wie das, das die großen Arbeiterkämpfe des 20. Jahrhunderts angeführt hat. Offensichtlich ist es das nicht. Auch der heutige Kapitalismus ähnelt nicht dem Kapitalismus, den Marx im viktorianischen England analysiert hat. Die eigentliche Frage ist, ob die Veränderungen der letzten Jahrzehnte das grundlegende Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit verändert haben oder ob sie im Gegenteil sie lediglich die Formen verändert haben, in denen sich dieses Verhältnis weiterhin reproduziert.
Um diese Frage zu beantworten, muss man den eurozentristischen Blickwinkel aufgeben und die Entwicklung des Kapitalismus als weltweites System betrachten. Erst dann lässt sich einschätzen, inwieweit das scheinbare Verschwinden des Proletariats ein reales Phänomen ist oder eher ein perspektivischer Effekt, der sich daraus ergibt, dass man nur einen Teil des Prozesses betrachtet. Die Klasse stirbt nicht: Das Kapital formt sie neu.
Nun, die Tiefe dieses Wandels anzuerkennen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Möglichkeit einer Klassenpolitik an sich verschwunden ist. Es bedeutet vielmehr, dass die Bedingungen, unter denen sich diese Politik neu formieren muss, sich radikal von denen unterscheiden, die während eines Großteils des 20. Jahrhunderts herrschten. Der Unterschied ist wichtig, weil er den Kern des Problems verschiebt. Es geht nicht mehr darum, zu entscheiden, ob das Proletariat existiert oder nicht, sondern zu verstehen, warum eine objektiv zahlenmäßig größere Klasse so große Schwierigkeiten hat, sich als solche zu erkennen und sich stabile Organisationsformen zu geben.
In der Realität sollte diese Frage nicht überraschen. Die Geschichte des Kapitalismus lässt sich zu einem großen Teil als eine Geschichte der Bemühungen des Kapitals lesen, zu verhindern, dass sich die im Produktionsprozess auferlegte Assoziation in eine politische Zusammenarbeit gegen das Kapital selbst verwandelt. Auf jeden wichtigen Fortschritt der Arbeiterbewegung folgten Versuche, die Produktion so umzugestalten, dass neue Formen der Solidarität erschwert wurden. Die Einführung von Maschinen, die wissenschaftliche Arbeitsteilung, die Dezentralisierung der Produktion, die Automatisierung, die Auslagerung oder die Plattformwirtschaft sind nicht nur technische Notwendigkeiten. Sie sind auch Formen der Arbeitsorganisation, die die Fähigkeit der Arbeiter, gemeinsam zu handeln, verändern.
Aus dieser Perspektive bekommt die heutige Fragmentierung der Arbeit eine andere Bedeutung. Sie bedeutet nicht das Ende des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, sondern eine bestimmte Art, damit umzugehen. Das Kapital fragmentiert die Arbeit nicht, weil sie nicht mehr konfliktreich wäre; es fragmentiert sie gerade deshalb, weil sie es nach wie vor ist. Die Zersplitterung der Belegschaften, die Verbreitung von Zulieferbetrieben, befristete Arbeitsverträge oder die Individualisierung der Arbeitsverhältnisse schwächen die Verhandlungsmacht der Arbeitenden und erschweren den Aufbau kollektiver Identitäten. Die Fragmentierung ist kein Beweis dafür, dass das Proletariat verschwunden ist, sondern eine Strategie zur Beherrschung eines Proletariats, dessen potenzielles Widerstandsvermögen vom Kapital selbst weiterhin als Problem wahrgenommen wird.
An dieser Stelle wird ein Unterschied in der Herangehensweise deutlich, der sich durch die gesamte Debatte zieht. Während manche Analysen die Fragmentierung der Arbeit als Sterbeurkunde des Proletariats betrachten, könnte man sie im Gegenteil als historische Antwort des Kapitalismus auf das Fortbestehen des Klassenkonflikts interpretieren. Im ersten Fall ist die Schlussfolgerung unweigerlich pessimistisch: Ist das Subjekt verschwunden, bleiben nur noch vereinzelte Widerstände und partielle Kämpfe übrig. Im zweiten Fall nimmt das Problem einen ganz anderen Charakter an. Die Frage dreht sich nicht mehr um die Nichtexistenz der Klasse, sondern um die Suche nach neuen Organisationsformen, die in der Lage sind, auf die durch die kapitalistische Umstrukturierung geschaffenen Bedingungen zu reagieren.
Dieser Unterschied ist nicht nur theoretischer Natur. Er wirkt sich direkt auf die politische Praxis aus. Die Kategorien, mit denen die Realität interpretiert wird, bestimmen auch die Möglichkeiten, die als offen angesehen werden. Geht man von der Prämisse aus, dass das Proletariat endgültig der Vergangenheit angehört, ist es logisch, die Aufmerksamkeit auf andere soziale Subjekte zu richten und die Perspektive einer Klassenpolitik aufzugeben. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass die Arbeiterklasse – wenn auch tiefgreifend verändert – weiterhin die materielle Grundlage des zeitgenössischen Kapitalismus bildet, ändert sich die strategische Frage komplett. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, das Proletariat durch neue historische Subjekte zu ersetzen, sondern zu verstehen, wie sich ein kollektives Bewusstsein dort wiederherstellen lässt, wo das Kapital alles getan hat, um dies zu verhindern.
Diese Beobachtung ermöglicht es, endlich zum Ausgangspunkt des Artikels zurück. Die entscheidende Frage besteht nicht darin, die tiefgreifenden Veränderungen zu leugnen, die der Kapitalismus seit den 1970er Jahren durchlaufen hat. Diese Veränderungen sind real und haben die soziale Landschaft, in der die klassische Arbeiterbewegung agierte, radikal verändert. Umstritten ist jedoch, diese Veränderungen als Beweis dafür heranzuziehen, dass die grundlegenden Verhältnisse des Kapitalismus nicht mehr existieren. Denn gerade in einer Zeit, in der die Lohnarbeit eine beispiellosen weltweiten Ausmaßes erreicht, scheint die Behauptung, die Kategorie des Proletariats sei erschöpft, weniger die objektive Realität des Kapitalismus zu beschreiben als vielmehr die historische Erfahrung einer politischen Niederlage, deren Bedeutung niemand unterschätzen sollte, deren Erklärung sich aber nicht im angeblichen Verschwinden der Klasse suchen lässt, die sie erlitten hat.
Diese Hypothese ist nicht rein abstrakt. Die Erfahrungen der Arbeiterautonomie in Italien zwischen Ende der 1960er und den 1970er Jahren – vom „heißen Herbst“ bis hin zur weit verbreiteten Selbstorganisation in Fabriken und Regionen – sowie die vollversammlungsorientierten und anarchosyndikalistischen Zyklen in Spanien während der Transition zeigten, dass die in der Produktion auferlegte Assoziation zu politischer Teilhabe ohne Vermittlung durch Parteien werden kann, und zwar durch Organisation von unten in Werkstätten, Stadtvierteln und Logistikketten.
Die politischen Konsequenzen einer Diagnose
Bisher wurde argumentiert, dass die Veränderungen, die der Kapitalismus seit den 1970er Jahren durchlaufen hat, es nicht rechtfertigen, vom Verschwinden des Proletariats als soziale Klasse zu sprechen. Die weltweite Ausbreitung der Lohnarbeit, die geografische Neuordnung der Produktion und das Fortbestehen des Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit scheinen eher in die entgegengesetzte Richtung zu weisen. Die Bedeutung dieser Diskussion liegt jedoch nicht nur in einer Frage der begrifflichen Genauigkeit. Wirklich relevant sind die politischen Konsequenzen, die sich aus der einen oder anderen Diagnose ergeben.
Theoretische Kategorien sind niemals neutral. Sie sind keine bloßen beschreibenden Instrumente, sondern Formen, die historische Erfahrung zu ordnen und damit den Horizont des politisch Möglichen abzugrenzen. Wenn sich die Art und Weise ändert, wie man eine soziale Realität versteht, ändern sich auch die Strategien, die man für sinnvoll hält, um in sie einzugreifen. In diesem Sinne geht die Diskussion über das Proletariat weit über den Bereich der Soziologie hinaus und bewegt sich voll und ganz im Bereich der politischen Theorie.
Wenn man akzeptiert, dass das Proletariat im heutigen Kapitalismus keine strukturelle Rolle mehr spielt, ist die logische Konsequenz, jede Strategie aufzugeben, die auf Klassenorganisation basiert. Emanzipation wird dann nicht mehr als Ergebnis eines Konflikts verstanden, der aus den Produktionsverhältnissen, und hängt nun von einer Vielzahl von Widerständen ab, deren Verknüpfung immer ein offenes Problem bleibt. Die revolutionäre Politik verliert so den Anknüpfungspunkt, der die Arbeiterbewegung historisch geprägt hat, und tendiert dazu, sich in Richtung einer Vielzahl von Teilkämpfen zu verlagern, die an sich zweifellos wertvoll sind, deren Zusammenführung jedoch keine offensichtliche materielle Grundlage mehr findet.
Es geht nicht darum, die Legitimität oder die Bedeutung dieser Kämpfe in Frage zu stellen. Feminismus, Umweltschutz, antirassistische Mobilisierungen, Konflikte um Wohnraum oder die Verteidigung öffentlicher Dienstleistungen bringen echte Widersprüche des heutigen Kapitalismus zum Ausdruck und haben den Horizont der Gesellschaftskritik erheblich bereichert. Das Problem entsteht, wenn diese Kämpfe als Ersatz für den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit verstanden werden, und nicht als spezifische Dimensionen einer Gesellschaft, deren Struktur weiterhin um den Prozess der Kapitalakkumulation herum organisiert ist.
In der Realität ist der Kapitalismus keine bloße Summe voneinander unabhängiger Herrschaftsformen. Die Ausbeutung der Arbeit bleibt der Mechanismus, durch den sich das gesamte System reproduziert. Das bedeutet nicht, dass sich alle Formen der Unterdrückung mechanisch auf ökonomische Ausbeutung reduzieren lassen, aber es bedeutet, anzuerkennen, dass die Kapitalakkumulation weiterhin den Raum strukturiert, in dem diese ihre konkreten historischen Formen annehmen. Diese Beziehung außer Acht zu lassen, birgt die Gefahr, die verschiedenen Erscheinungsformen der Herrschaft so zu analysieren, als existierten sie losgelöst von der Produktionsweise, die sie prägt.
Vielleicht ist das einer der Hauptunterschiede zwischen einer Kritik am Kapitalismus und einer Kritik an bestimmten Folgen des Kapitalismus. Erstere versucht, die Logik zu verstehen, die die Gesamtheit der sozialen Beziehungen organisiert; letztere läuft Gefahr, sich darauf zu beschränken, einige ihrer sichtbarsten Auswirkungen zu bekämpfen, ohne den Ursprung zu erreichen, der sie hervorbringt. Das Problem liegt also nicht darin, das Feld der emanzipatorischen Kämpfe zu erweitern, sondern darin, zu verhindern, dass diese Erweiterung letztendlich dazu führt, dass die Analyse der Klassenverhältnisse in einer Vielzahl von Konflikten aufgeht, die nichts miteinander zu tun haben.
Aus dieser Perspektive gewinnt die theoretische Verschiebung, die sich in einem Teil des libertären Denkens in den letzten Jahrzehnten beobachten lässt, eine besondere Bedeutung. Die Krise der traditionellen Arbeiterbewegung hat ein verständliches Misstrauen gegenüber den aus dem 20. Jahrhundert übernommenen Organisationsformen begünstigt. Dieses Misstrauen hat eine ständige Suche nach neuen Akteuren, neuen Praktiken und neuen Formen des politischen Handelns angeregt. Manchmal scheint diese Suche jedoch mit einer fortschreitenden Abkehr von der Analyse der Produktionsverhältnisse einherzugehen. Die Kritik an der Arbeit hat letztendlich die Kritik am Kapital abgelöst, und die Reflexion über die kulturellen Veränderungen des Kapitalismus hat den Platz eingenommen, der zuvor der Untersuchung seiner ökonomischen Struktur zustand.
Es ist schon paradox, dass diese Verlagerung gerade dann stattfindet, wenn das Kapital einen bisher unbekannten Grad an Konzentration und Zentralisierung erreicht. Noch nie hatten große Konzerne so viel ökonomische Macht angesammelt, noch nie hatten Produktionsketten eine so globale Dimension angenommen und noch nie betraf die Lohnabhängigkeit einen so großen Teil der Weltbevölkerung. Unter diesen Umständen kommt der Verzicht auf die Klassenanalyse in gewisser Weise dem endgültigen Akzeptieren eines der wichtigsten ideologischen Siege des Neoliberalismus gleich: die Vorstellung, dass der Kapitalismus die Gesellschaft nicht mehr um den Konflikt zwischen denen, die die Produktionsmittel besitzen, und denen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, herum organisieren würde.
Es scheint kein Zufall zu sein, dass sich diese Interpretation gerade nach der historischen Niederlage der westlichen Arbeiterbewegung verbreitet hat. Jede bedeutende Niederlage führt unweigerlich zu einer Krise der Kategorien, mit denen die Besiegten die Welt interpretiert hatten. Die Geschichte des revolutionären Denkens bietet zahlreiche Beispiele für dieses Phänomen. Nach jedem großen Scheitern entsteht die Versuchung, die Niederlage nicht dem historischen Kräfteverhältnis zuzuschreiben, sondern der Unzulänglichkeit des Subjekts selbst, das sie erlebt hat. Eine solche Erklärung verwandelt jedoch ein historisches Ereignis in eine vermeintliche strukturelle Notwendigkeit und macht aus einer zufälligen Niederlage eine dauerhafte theoretische Schlussfolgerung.
Vielleicht ist dies der Punkt, an dem es angebracht ist, eine letzte Überlegung einzubringen. Keine soziale Klasse hat von vornherein eine historische Mission garantiert. Die Existenz des Proletariats sichert an sich noch keine Revolution, genauso wenig wie die Existenz der Bourgeoisie automatisch den Triumph der liberalen Revolutionen garantierte. Die Geschichte kennt keine von der Vorsehung bestimmten Akteure. Diese Tatsache anzuerkennen bedeutet jedoch nicht, dass man leugnen muss, dass bestimmte soziale Klassen strukturelle Positionen einnehmen, von denen aus sie die bestehende Ordnung in Frage stellen können. Die revolutionäre Kraft entspringt nicht einem metaphysischen Wesen, das dem Proletariat zugeschrieben wird, sondern dem objektiven Widerspruch, der das Kapital mit jenen konfrontiert, die den gesellschaftlichen Reichtum produzieren, aber dennoch von den Mitteln getrennt bleiben, die ihn ermöglichen.
Deshalb besteht das zentrale Problem unserer Zeit nicht darin, ein Subjekt zu finden, das das Proletariat ersetzt, sondern darin, die konkreten Formen zu verstehen, in denen das Proletariat des 21. Jahrhunderts seine Fähigkeit zur kollektiven Aktion wiederaufbauen kann. Die strategische Frage hat sich nicht so sehr verändert, wie manchmal behauptet wird. Was sich verändert hat, sind die historischen Bedingungen, unter denen diese Strategie entwickelt werden muss.
Internationale Migrationen und die Entstehung eines neuen globalen Proletariats
Es gibt ein Phänomen, das allein schon ausreicht, um die Thesen über das angebliche Verschwinden des Proletariats in Frage zu stellen: die großen internationalen Migrationsströme von Arbeitskräften, die den heutigen Kapitalismus prägen. Hätte das Proletariat aufgehört, die Grundlage des ökonomischen Systems zu bilden, wäre es schwer zu erklären, warum Hunderte Millionen Menschen ihre Länder verlassen, um – fast immer unter äußerst prekären Bedingungen – in die Arbeitsmärkte der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften oder der neuen Akkumulationszentren einzutreten.
Die heutigen Migrationsströme sind weder ein Randphänomen noch eine bloße humanitäre Folge von Kriegen oder Naturkatastrophen. Sie sind Teil der Funktionsweise des globalen Kapitalismus selbst. Der freie Verkehr von Waren, Kapital und Investitionen geht Hand in Hand mit einer strengen Kontrolle der Mobilität der Arbeitskräfte. Dieser Widerspruch ist kein Zufall. Das Kapital braucht mobile Arbeitskräfte, aber nicht unbedingt solche mit Rechten. Die Existenz einer großen Masse von Migranten, die ständiger Rechtsunsicherheit ausgesetzt sind, ist einer der grundlegenden Mechanismen, durch die die Löhne nach unten gedrückt und die Verhandlungsmacht der gesamten Arbeiterklasse geschwächt werden.
Seit Ende des 20. Jahrhunderts haben Westeuropa, die USA und Kanada immer wieder Migrationswellen aus Lateinamerika, dem Maghreb, Subsahara-Afrika, Osteuropa, dem Nahen Osten und Asien aufgenommen. Diese Arbeitskräfte konzentrieren sich vorwiegend auf Branchen, die durch hohe Arbeitsintensität, niedrige Löhne und geringen Arbeitsschutz gekennzeichnet sind: intensive Landwirtschaft, Baugewerbe, Gastgewerbe, Reinigungsdienste, Pflege, Hauszustellung, Logistik, Hausarbeit oder bestimmte Bereiche der Lebensmittel- und Fertigungsindustrie.
Die Wahl dieser Branchen hat nichts mit kulturellen Vorlieben oder einem angeblichen Mangel an Qualifikationen zu tun. Sie ergibt sich aus der strukturellen Stellung, die der Kapitalismus einer Arbeitskraft zuweist, deren rechtliche Schutzlosigkeit Formen der Ausbeutung ermöglicht, die viel intensiver sind als die, denen der Rest der Arbeiter ausgesetzt ist. Der fehlende Aufenthaltsstatus, die Abhängigkeit der Aufenthaltsgenehmigung vom Arbeitsvertrag, die ständige Angst vor der Abschiebung oder die permanente Gefahr der Arbeitslosigkeit machen den Migranten zu einer besonders disziplinierten Arbeitskraft.
In diesem Sinne stellt die Figur des Arbeiters „ohne Papiere“ eine der vollendetsten Ausprägungen des heutigen Proletariats dar. Ihm fehlt in vielen Fällen nicht nur das Eigentum an den Produktionsmitteln, sondern sogar die elementarsten Bürgerrechte, die es ermöglichen würden, den Verkauf seiner Arbeitskraft unter halbwegs gleichberechtigten Bedingungen auszuhandeln. Seine Situation macht die dem Lohnverhältnis im Kapitalismus innewohnende Asymmetrie besonders deutlich.
Die USA bieten ein besonders aussagekräftiges Beispiel. Millionen von Arbeitskräften aus Mexiko, Mittelamerika und anderen lateinamerikanischen Ländern halten ganze Sektoren der Landwirtschaft, des Baugewerbes, der Gastronomie oder der Fleischindustrie am Laufen. Doch genau diese Arbeitskräfte leben unter der ständigen Drohung der Abschiebung. Die regelmäßigen Kampagnen gegen irreguläre Einwanderung, die Militarisierung der Grenze zu Mexiko, die Polizeirazzien oder die Verschärfung der Einwanderungsgesetze beseitigen diese Arbeitskräfte nicht. Im Gegenteil, sie tragen dazu bei, sie in einer Situation der Verletzlichkeit zu halten, von der zahlreiche Unternehmensbranchen direkt profitieren. Die Kriminalisierung der Migranten erfüllt somit neben einer politischen auch eine ökonomische Funktion: Sie schafft leicht ausbeutbare Arbeitskräfte durch die ständige Angst, das Recht auf den Aufenthalt im Land zu verlieren.
Eine ähnliche Logik lässt sich in weiten Teilen Europas beobachten. Die Außengrenzen der Europäischen Union haben sich zu Räumen zunehmender Militarisierung entwickelt, während zahlreiche ökonomische Sektoren strukturell auf Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund abhängig sind. Die intensive Landwirtschaft in Südspanien und Italien, die Gewächshausbetriebe, die Obsternte, das Baugewerbe, die Hausarbeit oder die Pflege pflegebedürftiger Menschen könnten ohne Arbeitskräfte aus Afrika, Lateinamerika, Osteuropa oder Asien kaum aufrechterhalten werden.
Der Widerspruch ist offensichtlich. Genau die Staaten, die Mauern errichten, die Grenzkontrolle auslagern und eine Politik der Verfolgung irregulärer Einwanderung betreiben, müssen gleichzeitig Hunderttausende von Arbeitskräften aufnehmen, um ganze Bereiche ihrer Ökonomie am Laufen zu halten. Die Einwanderung wird offiziell als Sicherheitsproblem dargestellt, während sie in Wirklichkeit ein wesentlicher Bestandteil des Arbeitsmarktes ist.
Noch extremer ist die Situation in den Ländern am Persischen Golf. Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait oder Bahrain haben einen sehr wichtigen Teil ihres ökonomischen Wachstums durch die Arbeit von Millionen von Migranten aus Indien, Pakistan, Bangladesch, Nepal, den Philippinen oder Sri Lanka aufgebaut. Jahrzehntelang hat das als Kafala bekannte Patenschaftssystem den Arbeiter rechtlich seinem Arbeitgeber untergeordnet – und zwar so weit, dass er weder frei den Arbeitsplatz wechseln noch das Land ohne Genehmigung verlassen konnte. Auch wenn einige Staaten in den letzten Jahren Teilreformen eingeführt haben, dokumentieren zahlreiche internationale Organisationen und Gewerkschaften/Syndikate weiterhin zermürbende Arbeitszeiten, ausbleibende Lohnzahlungen, die Einbehaltung von Pässen, unwürdige Unterkünfte und schwerwiegende Einschränkungen der Rechte, die viele Arbeiter in Verhältnisse bringen, die der Schuldknechtschaft oder modernen Formen der Zwangsarbeit nahekommen.
Die Vorbereitungen für die Fußball-WM in Katar haben diese Realität ins internationale Rampenlicht gerückt. Tausende von Wanderarbeitern waren unter extrem harten Bedingungen am Bau von Stadien, Straßen, U-Bahn-Linien und großen Infrastrukturprojekten beteiligt. Für die hier entwickelte Argumentation ist nicht nur die Schwere dieser Missstände relevant, sondern auch, was sie über die Funktionsweise des globalen Kapitalismus offenbaren: Die Großprojekte des 21. Jahrhunderts beruhen nach wie vor auf riesigen Massen von Arbeitern, denen die tatsächliche Möglichkeit fehlt, die Bedingungen für den Verkauf ihrer Arbeitskraft auszuhandeln.
Die Migrationsströme aus Asien bieten ein weiteres Beispiel für dieselbe Dynamik. Millionen von Arbeitskräften wandern jedes Jahr aus den ländlichen Gebieten Chinas in die großen Industriezentren an der Küste ab; aus Indonesien, den Philippinen oder Vietnam in die weiter entwickelten Volkswirtschaften Ostasiens; oder aus Bangladesch und Nepal in die Ölmonarchien am Golf. In all diesen Fällen ist die Mobilität der Arbeitskräfte ein zentrales Element der heutigen kapitalistischen Akkumulation.
Auch die Situation des palästinensischen Volkes darf nicht vergessen werden. Die Besatzung, die territoriale Zersplitterung und die systematische Zerstörung eines Großteils der palästinensischen Ökonomie haben über Jahrzehnte hinweg eine Masse von Arbeitskräften hervorgebracht, die stark vom israelischen Arbeitsmarkt oder von prekären Beschäftigungsverhältnissen in den besetzten Gebieten abhängig sind. Der Entzug nationaler Rechte geht hier mit einer starken ökonomischen Unterordnung einher und zeigt einmal mehr, wie sich politische Herrschaft und Ausbeutung der Arbeitskräfte gegenseitig verstärken können.
Insgesamt machen diese Prozesse deutlich, dass der heutige Kapitalismus nicht nur ständig neue Formen des Proletariats hervorbringt, sondern diese auch internationalisiert. Die massive Mobilität von Arbeitskräften ist eine strukturelle Voraussetzung des Akkumulationsprozesses. Dort, wo das Kapital die Arbeitskosten senken muss, findet es in der Migrantenbevölkerung eine besonders schutzbedürftige Arbeitskraft, deren prekäre Rechtslage verstärkte Formen der Ausbeutung begünstigt.
Deshalb widerlegen internationale Migrationsbewegungen die Theorie der sozialen Spaltung in antagonistischen sozialen Klassen nicht; sie bestätigen sie vielmehr auf besonders eindrucksvolle Weise. Der Kapitalismus ersetzt die Lohnarbeit nicht durch eine andere Form der sozialen Organisation. Er erweitert den globalen Arbeitsmarkt, bindet ständig neue Gruppen von Arbeitskräften ein und schafft bewusst Situationen rechtlicher Ungleichheit, die es ermöglichen, den Ausbeutungsgrad zu erhöhen.
Die Figur des Migranten ohne Papiere, des Saisonarbeiters in der Landwirtschaft, der ausländischen Hausangestellten, des Lieferfahrers einer digitalen Plattform, des asiatischen Bauarbeiters oder des palästinensischen Arbeiters unter Besatzung drückt vielleicht besser als jede andere die proletarische Situation des 21. Jahrhunderts aus. Sie stellen keine Ausnahme vom normalen Funktionieren des Kapitalismus dar; sie sind vielmehr eine seiner charakteristischsten Erscheinungsformen. Ihre Existenz ist genau deshalb einer der stichhaltigsten empirischen Gegenbeweise für die These, dass das Proletariat verschwunden sei. Wenn der globale Kapitalismus irgendetwas beweist, dann genau das Gegenteil: Nie zuvor musste er eine so riesige Masse von Lohnarbeitern auf globaler Ebene mobilisieren, verschieben und ausbeuten.
Aktionsprogramm: Zwölf Leitlinien für den Wiederaufbau des Proletariats.
Wenn das Proletariat nicht verschwunden ist, sondern zerstreut, prekarisiert und internationalisiert wurde, besteht die strategische Aufgabe darin, seine Fähigkeit zur autonomen Organisation wiederherzustellen. Das erfordert, sowohl die Nostalgie für die Formen der Vergangenheit als auch die defätistische Resignation aufzugeben, die jede Klassenpolitik für unmöglich erklärt. Es gibt kein einheitliches Modell, aber es lassen sich einige grundlegende Leitlinien aufzeigen.
1. Den proletarischen Gemeinschaftssinn wiederaufbauen.
Die erste Aufgabe besteht darin, Räume der Begegnung, der Debatte und der Solidarität in Stadtvierteln, an Arbeitsstätten, in Bildungseinrichtungen und Regionen zurückzuerobern. Ohne dauerhafte soziale Beziehungen gibt es kein kollektives Bewusstsein, und ohne dieses kann sich keine Organisation gegenüber dem Kapital behaupten.
3. Die Zersplitterung der Arbeitswelt überwinden.
Die Trennung zwischen Festangestellten und Zeitarbeitern, Einheimischen und Migranten, Lohnempfängern und Scheinselbstständigen, Beschäftigten im öffentlichen und privaten Sektor ist eines der wichtigsten Instrumente der unternehmerischen Herrschaft. Die Klassenorganisation muss auf der gemeinsamen materiellen Realität neu aufgebaut werden und nicht auf den vom Markt oder vom Staat auferlegten Verwaltungskategorien.
4. Das migrantische Proletariat voll einbinden.
Die Gleichberechtigung in Bezug auf arbeitsrechtliche, soziale, gewerkschaftliche/syndikalistische und politische Rechte zwischen einheimischen und zugewanderten Arbeitern ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um zu verhindern, dass das Kapital rechtliche Ungleichheit als dauerhaften Mechanismus zur Lohnsenkung und zur Durchsetzung kollektiver Disziplin nutzt.
5. Den Gewerkschaftswesen/Syndikalismus der direkten Aktion zurückgewinnen.
Das Gewerkschaftswesen/Syndikalismus muss wieder zu einem Werkzeug des alltäglichen Konflikts werden und darf kein institutioneller Verwaltungsapparat sein. Die Vollversammlung, die Abberufbarkeit der Delegierten, der Föderalismus, die Autonomie gegenüber dem Staat und die direkte Aktion sind nach wie vor voll und ganz gültige Prinzipien.
6. Eigene Institutionen der gegenseitigen Hilfe aufbauen.
Widerstandskassen, Konsumgenossenschaften, Arbeitsberatungsstellen, Ateneos (Kulturvereine), soziale Bibliotheken, Betreuungsnetzwerke, Kulturzentren, Volksschulen und Gemeinschaftsräume bilden die unverzichtbare materielle Infrastruktur, um langwierige Konflikte durchzuhalten und die Autonomie der Klasse zu stärken.
7. Die Kämpfe auf internationaler Ebene koordinieren.
Angesichts eines global organisierten Kapitals reichen rein nationale Antworten nicht aus. Die Zusammenarbeit zwischen Arbeitern derselben Logistik- oder Produktionskette, internationale Kampagnen und echte Solidarität müssen zur festen Praxis werden.
8. Soziale Kämpfe miteinander verknüpfen, ohne die Klassenfrage zu verwässern.
Der Kampf um Wohnraum, das öffentliche Gesundheitswesen, Bildung, Feminismus, sozialer Umweltschutz, Antirassismus oder der Widerstand gegen Militarismus sind Teil desselben historischen Konflikts, wenn sie sich an der Kritik am Kapitalismus orientieren und nicht als voneinander isolierte Forderungen auftreten.
9. Politische Bildung und historisches Gedächtnis zurückgewinnen.
Das Vergessen ist einer der wichtigsten Erfolge des Neoliberalismus. Es ist unerlässlich, eine kritische Kultur wiederaufzubauen – durch ständige Weiterbildung, das Studium der historischen Erfahrungen der Arbeiter- und libertären Bewegung und die Weitergabe von Organisationswissen von einer Generation zur nächsten.
10. Die Kriegsökonomie und den Autoritarismus bekämpfen.
Die zunehmende Militarisierung, steigende Verteidigungsausgaben, der Ausbau von Überwachungssystemen und die Normalisierung von Ausnahmezuständen sind Instrumente, die auch dazu dienen, die Arbeit zu disziplinieren. Der Widerstand gegen Militarismus und die Kriegsökonomie ist ein untrennbarer Teil des Kampfes gegen das Kapital. Den Kriegen des Kapitals kann nur der Klassenkampf entgegenstehen.
11. Die Produktion und die gesellschaftliche Reproduktion demokratisieren.1
Die libertäre Perspektive darf sich nicht darauf beschränken, die Bedingungen für den Verkauf der Arbeitskraft zu verbessern. Sie muss auf die direkte Kontrolle der Produktion durch die Arbeitenden, die kollektive Verwaltung der Gemeingüter, die Vergesellschaftung der Pflege sowie die Entwicklung kooperativer und föderaler Formen der ökonomischen Organisation ausgerichtet sein.
12. Volksmacht von unten aufbauen.2
Das strategische Ziel besteht nicht darin, den Staat zu erobern, um den Kapitalismus mit anderen Verwaltern zu verwalten, sondern darin, ein wachsendes Netzwerk autonomer Organisationen aufzubauen, die in der Lage sind, dem Kapital ökonomische, soziale, kulturelle und politische Funktionen streitig zu machen. Selbstorganisation, Genossenschaftswesen, Föderalismus, direkte Demokratie und gegenseitige Hilfe sind nicht nur ethische Grundsätze; sie stellen auch die materiellen Voraussetzungen für eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft dar.
Diese zwölf Leitlinien stellen weder ein festes Programm noch einen umfassenden Katalog von Forderungen dar. Sie sollen vielmehr eine strategische Richtung aufzeigen. Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts hat die Zusammensetzung des Proletariats tiefgreifend verändert, aber den grundlegenden Widerspruch zwischen denen, die die Produktionsmittel besitzen, und denen, die nur ihre Arbeitskraft besitzen, nicht beseitigt. Solange dieser Widerspruch die Gesellschaft weiterhin prägt, besteht die Aufgabe der libertären Bewegung nicht darin, nach einem alternativen Subjekt zu suchen, sondern zur bewussten, autonomen, föderalen und internationalistischen Neugestaltung der Arbeiterklasse beizutragen. Weniger Grabreden und mehr Organisation.
Schlussfolgerungen: Die Niederlage der Arbeiterbewegung und die Grenzen des Defätismus
Der auf diesen Seiten unternommene Überblick lässt eine Schlussfolgerung zu, die zwar einfach formuliert ist, aber wichtige theoretische und politische Konsequenzen hat. Die tiefgreifenden Veränderungen, die der Kapitalismus seit den 1970er Jahren durchlaufen hat, rechtfertigen für sich genommen nicht die Schlussfolgerung, dass das Proletariat nicht mehr das potenzielle Subjekt einer revolutionären Umwälzung darstellt. Was diese Veränderungen vor allem deutlich machen, ist vor allem die Krise der historischen Formen, durch die sich die Arbeiterklasse während des langen Zyklus der Arbeiterbewegung organisieren konnte.
Diese Unterscheidung sollte man sorgfältig bewahren. Die Niederlage der europäischen Arbeiterbewegung, der Zerfall der traditionellen Arbeiterkultur, die institutionelle Integration eines Großteils der Gewerkschaften/Syndikate, die Zersplitterung der Produktionsprozesse oder die zunehmende Individualisierung der sozialen Beziehungen sind umfassend dokumentierte historische Tatsachen. Sie zu leugnen hieße, ein halbes Jahrhundert der Entwicklung des Kapitalismus zu ignorieren. Allerdings aus dieser Feststellung lässt sich nicht zwangsläufig ableiten, dass die sozialen Beziehungen, die das Entstehen des Proletariats als Klasse ermöglichten, verschwunden sind, geschweige denn, dass jede Möglichkeit einer Politik, die auf dem Konflikt zwischen Kapital und Arbeit basiert, ausgelöscht wäre.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen diesem Artikel und einem Teil des zeitgenössischen libertären Denkens. Autoren wie Tomás Ibáñez und Miquel Amorós haben mit bemerkenswerter Klarheit beschrieben, wie tiefgreifend die Niederlage der Arbeiterbewegung war und wie gut es dem Kapitalismus gelungen ist, die Formen der Gemeinschaftlichkeit zu zerschlagen, die das Klassenbewusstsein nährten. Ihre Analysen enthalten äußerst wertvolle Beobachtungen zur Kommodifizierung des Alltags, zur Krise traditioneller Organisationen, zum Verschwinden der alten Arbeiterviertel oder zur Integration sozialer Konflikte in die Steuerungsmechanismen des Systems. All das ist ein unverzichtbarer Beitrag zum Verständnis der Gegenwart.
Die Diskrepanz entsteht, wenn diese historische Diagnose zu einer strategischen Schlussfolgerung wird. Denn es ist eine Sache zu behaupten, dass das Proletariat bislang die politische Zentralität verloren hat, die es in einer bestimmten Phase der kapitalistischen Entwicklung einmal besaß, und eine ganz andere zu behaupten, dass dieser Verlust eine unumkehrbare Veränderung darstellt oder dass der Kapitalismus aufgehört hat, die materiellen Bedingungen zu schaffen, auf denen sich eine Klassenpolitik wieder aufbauen ließe. Zwischen diesen beiden Aussagen liegt ein theoretischer Sprung, den die in dieser Arbeit untersuchten Fakten nicht zu rechtfertigen scheinen.
Die weltweite Neuordnung des Kapitalismus zeigt im Gegenteil eine komplexere Realität. Noch nie zuvor gab es eine so zahlreiche, so internationalisierte und so stark in einen einzigen Weltmarkt integrierte Arbeiterklasse. Die Ausweitung der industriellen Produktion in Asien, das Wachstum der globalen Logistik, die Proletarisierung großer Teile des Dienstleistungssektors, die Ausbreitung prekärer Arbeit und digitaler Plattformen sowie die großen Arbeitsmigrationsströme rund um den Globus deuten darauf hin, dass der Kapitalismus den proletarischen Zustand weiterhin massiv reproduziert. Was sich geändert hat, ist nicht die Existenz dieser Klasse, sondern ihre Zusammensetzung, ihre Konzentrationsräume, ihre gemeinsamen Erfahrungen und die Bedingungen, unter denen sie ein kollektives Bewusstsein entwickeln kann.
Gerade die internationalen Migrationsströme sind einer der deutlichsten Ausdrucksformen dieses Prozesses. Millionen von Arbeitern überqueren jedes Jahr Grenzen, um in Arbeitsmärkte einzutreten, wo sie die prekärsten und am schlechtesten bezahlten Stellen besetzen. Von den Landarbeitern in Südeuropa bis hin zu den lateinamerikanischen Arbeitern, die in den USA verfolgt und kriminalisiert werden; von den zugewanderten Hausangestellten bis hin zu den asiatischen Arbeitern, die jahrelang dem Sponsoring-System der Golfmonarchien unterworfen waren; von den durch die Besatzung benachteiligten palästinensischen Arbeitern bis hin zu denen, die die großen globalen Logistik- und Vertriebsnetze am Laufen halten – der heutige Kapitalismus bringt immer wieder neue Formen des Proletariats hervor, deren rechtliche Schutzlosigkeit geradezu zu einer zusätzlichen Quelle der Ausbeutung. Weit davon entfernt, das Ende des proletarischen Daseins anzukündigen, zeigen diese Realitäten dessen Ausweitung und Diversifizierung auf globaler Ebene.
Der prekäre Rechtsstatus, ein staatliches Instrument zur Arbeitsdisziplinierung, bestätigt, dass der Klassenkampf untrennbar mit dem Kampf gegen Grenzen, institutionellen Rassismus und die Arbeitspolizei verbunden ist.
Deshalb geht es nicht mehr darum, festzustellen, ob es das Proletariat überhaupt gibt. Diese Frage gehört größtenteils in den Bereich der empirischen Evidenz. Die eigentliche Frage ist eine andere: Warum erscheint eine Klasse, die objektiv gesehen größer ist als je zuvor, politisch zersplittert, und welche historischen Bedingungen könnten eine neue Neugestaltung ihrer kollektiven Aktion ermöglichen?
Um diese Frage zu beantworten, muss man zwei gegensätzliche Vereinfachungen hinter sich lassen. Die erste besteht darin, sich vorzustellen, es reiche aus, die Organisationsformen der klassischen Arbeiterbewegung wiederaufzubauen. Die Geschichte dreht sich nicht zurück, und der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts reproduziert nicht die sozialen Bedingungen, unter denen die revolutionären Organisationen der Vergangenheit entstanden sind. Die zweite besteht darin, zu folgern, dass – da diese historischen Formen besiegt wurden – auch die Möglichkeit einer proletarischen Politik endgültig besiegt sei. Diese zweite Vereinfachung verwandelt eine historische Niederlage in eine strukturelle Unmöglichkeit und macht aus einer noch so tiefgreifenden Situation ein Gesetz der Geschichte.
Die Geschichte des Kapitalismus lehrt jedoch genau das Gegenteil. Die Organisationsformen der Arbeiterklasse sind nie unveränderlich geblieben. Der Gewerkschaftswesen/Syndikalismus des Widerstands, die Arbeiterräte, die revolutionären Kollektivitäten, die Affinitätsgruppen, die anarchosyndikalistischen Organisationen, die abwählbaren Arbeiterkommissionen, die Ateneos der Arbeiter, die Genossenschaften, die revolutionären Komitees, Verteidigungs- oder Versorgungskomitees, die rationalistischen Schulen, die Vereine für gegenseitige Hilfe und die Arbeiterkoordinierungsgremien entstanden immer als spezifische Antworten auf bestimmte historische Bedingungen. Keine von ihnen wurde aus einer vorgefertigten Theorie abgeleitet oder entsprach einem universellen Modell. Sie alle entstanden aus der Begegnung zwischen einer objektiven Ausbeutungsstruktur und der Fähigkeit der Arbeiter selbst, ihrer Zeit angepasste Institutionen aufzubauen.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dieser historische Prozess endgültig abgeschlossen ist. Was die Niederlage der Arbeiterbewegung uns erkennen lässt, ist nicht das Ende des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit, sondern die Notwendigkeit, die Formen neu zu überdenken, durch die sich dieser Widerspruch wieder in Organisation, Solidarität und ein emanzipatorisches Projekt umsetzen lässt. Der Kapitalismus hat die Arbeit tiefgreifend verändert; es wäre seltsam, wenn sich die Formen des Widerstands nicht ebenfalls verändern müssten.
In diesem Sinne ist philosophischer Defätismus eine verständliche, aber politisch unfruchtbare Versuchung. Jede große Niederlage verleitet zu der Annahme, der Feind habe die Widersprüche, die zuvor den Widerstand befeuert haben, endgültig gelöst. Dennoch ist der Kapitalismus heute wie gestern weiterhin auf die lebendige Arbeit angewiesen; er organisiert die Produktion weiterhin über Lohnverhältnisse; er konzentriert weiterhin den Reichtum an einem Pol und die ökonomische Abhängigkeit am anderen; er verlagert weiterhin Millionen von Arbeitern dorthin, wo es die Akkumulation erfordert, und greift weiterhin auf Prekarität, Fragmentierung und rechtliche Ungleichheit als Instrumente zur Disziplinierung der Arbeitskraft zurück. Keine dieser Tendenzen deutet darauf hin, dass die soziale Frage verschwindet. Vielmehr zeigen sie, dass sie neue Formen annimmt – komplexere und internationalere als jene, die die klassische Arbeiterbewegung kannte.
Aus libertärer Sicht erfordert diese Zersplitterung flexible Organisationsformen: Netzwerke der gegenseitigen Hilfe zwischen Wohnviertel und Arbeitsplatz, unbürokratisierte gewerkschaftliche/syndikalistische Sektionen, Gruppen der Arbeiterautonomie, die nicht an die Stelle der Klasse treten, sowie eine föderale Koordination zwischen Logistikzentren, Lieferfahrern, Subunternehmern und Pflegekräften.
Die Aufgabe einer kritischen Theorie besteht daher nicht darin, das Ende des Proletariats als historisches Subjekt zu besiegeln, sondern die Metamorphosen zu verstehen, die der Kapitalismus selbst der Zusammensetzung der Arbeiterklasse und ihren Organisationsmöglichkeiten aufzwingt. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob das Proletariat des 21. Jahrhunderts dem von vor hundert Jahren ähnelt. Natürlich sieht es nicht so aus. Die Frage ist vielmehr, welche Formen des Bewusstseins, der Solidarität und der Organisation aus den spezifischen Bedingungen entstehen können, die der globale Kapitalismus geschaffen hat.
Weit davon entfernt, die Perspektive einer Klassenpolitik zu begraben, zwingt der heutige Kapitalismus dazu, sie auf einer neuen Grundlage neu zu überdenken. Die Niederlage der Arbeiterbewegung gehört der Geschichte an. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit gehört noch immer der Gegenwart an. Beides zu verwechseln bedeutet, eine historische Erfahrung – so dramatisch sie auch gewesen sein mag – in eine theoretische Schlussfolgerung zu verwandeln, die durch die Fakten nicht gestützt wird. Und vielleicht ist genau diese Verwechslung eines der größten Hindernisse, wenn es darum geht, über die emanzipatorischen Möglichkeiten unserer Zeit nachzudenken.
Aktuelle historische Beispiele bestätigen diese Ausrichtung. Die italienische Arbeiterautonomie (1969–1977) und die vollversammlungsorientierte und anarchosyndikalistische Erfahrungen im Spanien der Transition haben gezeigt, dass sich die Klasse außerhalb der Vormundschaft von Parteien und Staaten neu formieren kann: Selbstorganisation an den Orten der Produktion und Reproduktion, territoriale und föderale Koordination sowie Politisierung der Arbeiter ohne Avantgarde.
Die Aufgabe besteht nicht darin, das Proletariat durch ein neues, von oben eingesetztes Subjekt zu ersetzen oder es Parteien oder Staaten unterzuordnen, sondern seine autonome, horizontale und föderale Kraft wiederherzustellen, um das Kapital in allen Lebensbereichen zu überwinden. Wenn das Kapital global und in seiner Totalität vorhanden ist, muss es unsere Organisation auch sein.
Nichts von all dem verleiht dem Proletariat eine garantierte „historische Mission“. Die Existenz der Klasse sichert nicht ihren Sieg; sie zeigt lediglich das Terrain auf, auf dem der Kampf ausgetragen werden kann. Die Alternative zum Defätismus besteht nicht darin, den Aufstand zu versprechen, sondern die Bedingungen dafür wiederherzustellen: Soziabilitäten, Konfliktinfrastrukturen, widerrufbare Koordinierungen, wirksame Internationalismen, Kampfgemeinschaften. Darin besteht heute die Aufrechterhaltung einer libertären Klassenperspektive: nicht darin, sie zu verkünden, sondern sie vorzubereiten. Und genau da scheinen Liza, Embat, Batzac und so viele andere zu stehen, die mehr Protagonismus für das Proletariat und weniger defätistische Nachrufe fordern.3
„Revolution oder Barbarei“ ist keine Parole mehr: Es ist eine reale Alternative – mittelfristig – zwischen zwei antagonistischen Zukünften.
Agustín Guillamón
Barcelona, Juli 2026
1A.d.Ü., an dieser Stelle ist nicht klar warum der Begriff der Demokratie positiv verwendet wird, wo doch Guillamón die Demokratie als bourgeoise Herrschaft in der Regel kritisiert und nicht den leninistischen jonglieren mit Begriffen auf dem Leim geht.
2A.d.Ü., auch an dieser Stelle ist es unverständlich warum Guillamón ständig von der Notwendigkeit der Klassenfrage um danach den klassenübergreifenden Begriff der Volksmacht (Poder Popular) verwendet, der sich komplett von jeglicher Klassenposition losreißt.
Denn was Guillamón an dieser Stelle beschreibt sind Initiativen die aus dem Proletariat in der Iberischen Halbinsel ab den 19. Jahrhundert ausging, vor allem dem Teil der die Ideen der Anarchie hochhielt, abgesehen von der ‚direkten Demokratie‘.
3A.d.Ü., hier die in der Anleitung gemeinten „anarchistische“ Gruppen.
https://panopticon.noblogs.org/