„Beschämend und nicht tolerierbar“ – Trotz Café-Aus: Leipziger Freikirche bleibt Ziel von Attacken – Stadt sieht Religionsfreiheit berührt

27 Attacken auf ein Café in Leipzig-Reudnitz: eingeschlagene Scheiben, Farbschmierereien, Buttersäure. Ende Juni machte das „Stay“ dicht – doch die Angriffe halten an. Was die Stadtverwaltung jetzt zur Religionsfreiheit sagt.

„Schweine“ steht seit der Nacht zum Montag in großen Buchstaben auf den Schaufenstern des Café „Stay“ in der Dresdner Straße. Daneben „Verpisst euch“, ein anarchistisches „A“ und der Spruch „Stonewall was a riot“, eine Anspielung auf den Aufstand queerer Menschen 1969 in New York.

Die Schriftzüge richten sich gegen die Betreiber des Cafés in Leipzig-Reudnitz, die eng mit der freikirchlichen „Zeal Church“ verbunden sind. Dabei hat das Café seinen Betrieb vor rund einer Woche eingestellt, doch die Attacken gehen weiter.

27 Attacken auf das Café

Maßgeblich für das Café-Aus seien die Angriffe gewesen und die damit verbundenen finanziellen Schäden, sagte Betreiber und „Zeal-Church“-Pastor René Wagner der LVZ Anfang Juni. Ende Mai hatte er die Schließung beim Gottesdienst seiner Gemeinde angekündigt.

Die neuen Schmierereien sind Angriff Nummer 27 seit der Eröffnung im Herbst 2023. Zuvor gab es eingeschlagene Scheiben, Farbschmierereien, zweimal wurde Buttersäure in den Verkaufsraum geschüttet.

Pastor weist die Vorwürfe zurück

In Bekennerschreiben auf der Plattform „Indymedia“ begründeten mutmaßliche Täter ihr Vorgehen mit Vorwürfen gegen die „Zeal Church“. Die Gemeinde sei queerfeindlich, lehne gleichgeschlechtliche Trauungen ab und finanziere sich über das Café.

Pastor Wagner wies und weist die Vorwürfe zurück, beruft sich auf die Religionsfreiheit. Im Café seien alle willkommen gewesen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Kein Geld aus dem Café sei in die Kirche geflossen.

Café-Betreiber sieht Kirche als Ziel

In den Attacken sieht er einen Angriff auf die freie Religionsausübung. Die jüngste Tat bestätigt ihn darin. „Es ging nie um ein Café. Das Ziel ist unsere Kirche“, sagt er der LVZ. Wer Christen aus dem öffentlichen Raum dränge, greife nicht nur eine Gemeinde an, sondern die Religionsfreiheit selbst, so Wagner.

Der Konflikt ist längst in der Politik angekommen. Der Stadtrat beschäftigte sich mit den Angriffen, Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) verurteilte sie im Februar öffentlich und lud Wagner zum Gespräch ein.

Stadt sieht Religionsfreiheit berührt

Zuvor hatte die Stadtverwaltung erklärt, die Angriffe seien vor allem ein wirtschaftliches Problem, keine Frage der Religionsfreiheit. Nun rückt sie davon ab und nähert sich Wagners Sichtweise an. „Die zahlreichen Angriffe der Vergangenheit sind beschämend und nicht tolerierbar. Verschärfend kommt hinzu, dass diese Anschläge auch die im Grundgesetz verbürgte Religionsfreiheit berühren“, sagt Stadtsprecher Matthias Hasberg.

Was aus den Räumen in der Dresdner Straße wird, ist weiter offen.