Nach 26 Angriffen in drei Jahren: Leipziger Café „Stay“ der Zeal Church schließt
Für das Café in Leipzig-Reudnitz ist bald Schluss. Betreiber und Pastor René Wagner kündigte das Aus beim Gottesdienst seiner freikirchlichen „Zeal Church“ an. Vorausgegangen war eine Serie von 26 Angriffen auf das Lokal, darunter Buttersäure, Graffiti und zerschlagene Scheiben.
Das Café „Stay“ in der Dresdner Straße in Leipzig-Reudnitz stellt Ende Juni seinen Betrieb ein. Das kündigte René Wagner, Betreiber des Cafés und Pastor der freikirchlichen Zeal Church, am Sonntag beim Gottesdienst seiner Gemeinde an. Gegenüber der LVZ bestätigte er am Dienstag das Aus des Cafés.
Hinter der Schließung steht ein Konflikt, der das Café seit seiner Eröffnung 2023 begleitet. Es ist organisatorisch mit der Zeal Church verbunden. Kritiker werfen der Gemeinde vor, queerfeindlich zu sein, die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare abzulehnen und sich über das Café zu finanzieren. Seither gab es 26 Angriffe auf das Café: eingeschlagene Scheiben, Farbschmierereien, zweimal Buttersäure im Verkaufsraum. In Bekennerschreiben begründeten mutmaßliche Täter diese Angriffe mit den Vorwürfen gegen die Gemeinde.
Die Schließung erfolge nun aus finanziellen Gründen, sagte Wagner. Nach über zwei Jahren mit Angriffen, Sachschäden, wiederholten Schließungen und einem digitalen Shitstorm sei sie unausweichlich, leicht gefallen sei sie nicht. Sieben Mitarbeitenden habe er kündigen müssen, sagte er der LVZ. Das fände er besonders schade. Zuerst über die Schließung berichtete die evangelische Nachrichtenagentur „IDEA“. Die Predigt vom 31. Mai ist auf YouTube abrufbar.
Die Gemeinde und die Anschläge
Trotz der Café-Schließung hätten Linksextreme in Leipzig in seinen Augen nicht gewonnen, betonte Wagner vor seiner Gemeinde mehrfach. Mit den Linksextremen meint Wagner die mutmaßlichen Täter, die er dem linksextremen Spektrum zuordnet. Hintergrund dürfte sein, dass die Bekennerschreiben auf Indymedia erschienen sind. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft den deutschsprachigen Ableger seit 2022 als wichtiges Informations- und Propagandamedium der linksextremistischen Szene im deutschsprachigen Raum ein.
Der schwerste Angriff sei ein Buttersäureanschlag in der Nacht zum ersten Weihnachtstag gewesen, so Wagner. Es seien rund 20.000 Euro Schaden entstanden. Etwa 1,5 Liter Säure seien es gewesen, schätzt er. Bis heute rieche es im Café streng, vor allem jetzt bei den sommerlichen Temperaturen. Dabei habe man alles versucht: einen neuen Bodenbelag verlegt, sogar ein Tatortreiniger sei da gewesen.
Café und Kirche organisatorisch verbunden
Die Verbindung zwischen Zeal Church und Café ist formal geregelt: Die Gemeinde ist ein Verein, der als Gesellschafter die betreibende GmbH hält. Gegründet wurde die Zeal Church 2014 von René und seiner Ehefrau Deborah Wagner. Die Kirche ist im evangelikal-charismatischen Umfeld der Pfingstbewegung verortet und ging aus dem internationalen ICF-Movement hervor, von dem sie sich 2020 offiziell trennte.
Wagner hat die Vorwürfe der Queerfeindlichkeit stets zurückgewiesen. Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Segnungen sei von der Religionsfreiheit gedeckt, die Gemeinde vertrete ein „traditionelles Familienbild“. Im Café seien alle willkommen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Dem Vorwurf, über das Café flössen Gelder in die Kirche, widersprach Wagner. Die Einnahmen blieben im Café.
Der Leipziger Kirchenhistoriker Klaus Fitschen hatte die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Trauungen im Februar gegenüber der LVZ als in solchen Freikirchen weitverbreitet eingeordnet. Zugleich verwies er, ohne sich speziell auf Zeal zu beziehen, auf ein strukturelles Problem charismatischer Gemeinden: Leitungsfiguren seien oft weder theologisch noch pädagogisch ausgebildet, ihre Autorität wiege schwer. Für Jugendliche könne es deshalb schwer sein, die Leitung kritisch zu hinterfragen.
OBM Jung lud zum Gespräch
Der Konflikt hatte die Stadtpolitik erreicht. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) verurteilte im Februar die Angriffe öffentlich, warnte vor wachsender Polarisierung und lud Wagner zum Gespräch ein. Dieser hatte sich an Jung und Vertreter mehrerer Parteien gewandt, vermisst nach eigenen Angaben aber bis heute eine klare öffentliche Stellungnahme der Stadt.
Auf eine Anfrage der BSW-Fraktion hatte die Stadt erklärt, die Angriffe gefährdeten nicht die grundsätzliche Religionsausübung, sondern seien vor allem ein wirtschaftliches Problem. Dem widersprach die Gemeinde: Die Taten richteten sich ihrer Meinung nach gegen ihre religiöse Identität und Glaubenspraxis.
Wie es mit der Fläche in der Dresdner Straße weitergeht, ließ Wagner offen. Was mit den Räumen passiert, werde sich zeitnah entscheiden.
—————————————————————————–
Vincent Ebneth
27.02.2026
Nach 24 Attacken auf Leipziger Café: Jetzt schaltet sich OBM Burkhard Jung ein
Die Gewaltserie gegen das Café Stay ist Thema im Stadtrat. 24 Vorfälle seit der Eröffnung, darunter zerschlagene Scheiben und Buttersäure. Oberbürgermeister Jung warnt vor Polarisierung und zunehmender Gewalt – und macht ein Angebot, das der Café-Betreiber annimmt.
Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) hat die mutmaßlich politisch motivierten Angriffe auf das Café Stay in Leipzig-Reudnitz verurteilt. Er mache sich Sorgen über eine wachsende Polarisierung, über zunehmenden Extremismus und Gewalt in der Stadt, aber auch im ganzen Land, sagte er vor dem Stadtrat am Mittwochabend.
Hintergrund von Jungs Aussagen sind 24 polizeilich dokumentierte Angriffe auf das Café in der Dresdener Straße seit der Eröffnung im Herbst 2023: eingeschlagene Fensterscheiben, Graffiti und zweimal Buttersäure im Verkaufsraum.
Jungs Einladung an Caféinhaber
„Es ist unerträglich, dass dieses Café so mit Straftaten zu kämpfen hat. Man kann unterschiedlicher Meinung zu Glaubensfragen sein. Man kann sich darüber streiten und diskutieren. Aber was hier passiert, sind eindeutig kriminelle Machenschaften, die ein Café in der Existenz gefährden“, sagte Jung. „Ich habe den Caféinhaber eingeladen, dass wir uns auch mal zusammensetzen und überlegen, was man gegebenenfalls tun kann.“
In Bekennerschreiben begründen mutmaßliche Täter ihre Aktionen mit Vorwürfen gegen die Zeal Church, die organisatorisch mit dem Café verbunden ist. Die Gemeinde sei queerfeindlich, lehne gleichgeschlechtliche Trauungen ab und finanziere sich über das Café.
René Wagner, Cafébetreiber, Pastor und Gründer der Zeal Church, erklärte im LVZ-Gespräch, die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Segnungen sei von der Religionsfreiheit gedeckt. Man vertrete ein „traditionelles Familienbild“. Im Café Stay seien alle Gäste unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung willkommen. Dem Vorwurf, Café-Einnahmen flössen in die Kirche, widersprach er.
Kritik an Verwaltung
Die Aussagen des Oberbürgermeisters begrüßt Wagner und bewertet sie als „wichtiges Zeichen“. Entscheidend sei, dass Jung die Gewalttaten klar benennt und den direkten Austausch sucht. „Wir haben die Einladung zum Gespräch dankend angenommen und ihn in unser Café eingeladen, damit er sich selbst ein Bild machen kann.“
Zugleich kritisiert Wagner die Stadtverwaltung und Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Linke). Dessen mündliche Antwort auf eine CDU-Anfrage im Stadtrat sei „wenig zielführend“ gewesen. „Aus unserer Sicht wurden erneut weder die Religionsfreiheit noch der Schutz unserer Organisation ausreichend berücksichtigt.“
Darüber hinaus vermisse Wagner „die umfassende Anerkennung unserer Gesamtsituation“. Wenn Behörden erklärten, sie hätten „keine politische Meinung“, greife das zu kurz. „Hier geht es nicht um parteipolitische Positionen, sondern um die Wahrung von Grundrechten“, so Wagner.
Fraktionen befragen Stadtverwaltung
Nach einer Anfrage des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) im Januar hakte zuletzt die CDU nach. Die Fraktion wollte von der Verwaltung wissen, welche Motive hinter den Angriffen vermutet werden, ob die Religionsfreiheit für Christen in Leipzig ausreichend geschützt ist – und warum es ein städtisches Konzept gegen antimuslimischen Rassismus gibt, aber kein vergleichbares Schutzkonzept für Christen.
Die Stadt verwies bei der Bewertung möglicher Tatmotive auf Polizei und Staatsanwaltschaft. Hinweise auf eine Einschränkung der Religionsfreiheit für Christen in Leipzig gebe es nicht. Das Präventionskonzept gegen antimuslimischen Rassismus gehe auf einen Stadtratsbeschluss zurück. Grundlage seien Studien, die eine besondere Betroffenheit muslimischer Menschen belegten. Für Christen wurde bislang keine vergleichbare strukturelle Benachteiligung festgestellt.
——————————————–
Vincent Ebneth
12.02.2026
Kaffee für alle, Segnungen nicht: Warum wurde ein Café in Leipzig 24-mal angegriffen?
Das Café Stay in Leipzig wird immer wieder attackiert. Hintergrund sind Vorwürfe gegen die freikirchliche „Zeal Church“, die mit dem Café in Verbindung steht. Der Konflikt schürt Ängste und wirft Fragen der Religionsfreiheit auf – doch die Betreiber wollen weitermachen.
Die Scheiben des Café Stay sind noch immer mit Rissen durchzogen. Zerschlagen, mutmaßlich von Gegnern einer Freikirche: der „Zeal Church“.
Seit der Café-Eröffnung im Herbst 2023 hat es nach Angaben der Polizei 24 Angriffe auf die Räume in der Dresdner Straße in Reudnitz gegeben, meist im Schutz der Dunkelheit: Farbschmierereien, zerstörte Schaufensterscheiben, zweimal wurde Buttersäure in den Innenraum geschüttet – zuletzt Anfang Januar.
Zu einigen der Angriffe gibt es Bekennerschreiben. Darin begründen die mutmaßlichen Täter ihre Aktionen mit Vorwürfen gegen die Zeal Church: Die Gemeinde sei queerfeindlich, homophob, lehne Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare ab und finanziere sich über das Café.
Kritiker sehen im Café Stay einen öffentlichen Ort, der mit einer religiösen Gemeinschaft verbunden ist, deren Haltung zu Sexualität sie ablehnen. Die Verbindung sei für Gäste nicht sofort ersichtlich.
Moderne Einrichtung, konservative Haltung
Auch jenseits der Sachbeschädigungen erleben die Betreiber Kritik und Anfeindungen: online, aber auch persönlich im Verkaufsraum. Drinnen wirkt das Café wie ein Gegenbild zu den Spuren der Gewalt: heller Raum, große Fenster, moderne Einrichtung. Keine religiösen Symbole oder Hinweise auf die Gemeinde. Was auffällt, ist ein leichter, beißender Geruch – Reste der Buttersäure.
Während das Café auslüftet und für Gäste geschlossen ist, öffnen Deborah und René Wagner die Eingangstür und bitten herein. René Wagner betreibt das Café und ist Pastor der von ihm und seiner Frau Deborah gegründeten Zeal Church, Deborah Wagner ist ebenfalls Pastorin und arbeitet im Café als Barista. Die vergangenen Monate hätten sie stark belastet, sagen beide. Sie wirken angespannt und wählen ihre Worte mit Bedacht.
„Unsere Mitarbeitenden haben Angst“, sagt Deborah Wagner besorgt. Für beide ist das ein Grund mehr, öffentlich über die Situation zu sprechen. Sie möchten sich nicht einschüchtern lassen. Gleichzeitig hätten mediale Berichte und Diskussionen in sozialen Netzwerken die Lage teilweise verschärft.
Durch die Attacken fühlen sie sich in ihrer Religionsausübung angegriffen, sehen einen Angriff auf ihre Grundrechte. Sie fordern mehr Unterstützung und Schutz von Politik und Stadt.
Gemeinde beruft sich auf Religionsfreiheit
Im Zentrum des Konflikts steht die Haltung der Zeal Church zu homosexuellen Beziehungen. Ja, es sei korrekt, dass die Gemeinde „derzeit“ keine Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare durchführe, sagt Pastor René Wagner. Warum? „Das ist eine theologische Überzeugung und durch die Religionsfreiheit geschützt. Man darf das falsch finden – aber es ist unser Recht.“
In der Zeal-Gemeinde vertrete man ein „traditionelles Familienbild“. Verbindungen zu Konversionstherapien weisen sie entschieden und deutlich zurück. Ihre religiöse Überzeugung habe keine Auswirkungen darauf, wer im Café willkommen sei. „Hier kommen homosexuelle Paare, trans* Personen und ganz unterschiedliche Menschen ins Café“, betont Deborah Wagner. „Alle sind willkommen.“
Dem Vorwurf, über das Café flössen Gelder in die Kirche, widersprechen sie. „Alle Einnahmen bleiben im Café“, sagt Mitbetreiber Tobias Röhner. Gastronomie werfe kaum Gewinn ab. „Wir sind froh, wenn wir auf null rauskommen.“
Es gibt auch noch eine Ferienunterkunft, deren Einnahmen laut Röhner ebenfalls ans Café gehen, nicht an die Kirche. Die Zeal Church selbst finanziere sich ausschließlich über Spenden, während kein Mitgliedsbeitrag erhoben werde.
Verbindung zwischen Gemeinde und Café
Organisatorisch sind Café und Gemeinde dennoch verbunden: Die Kirche ist ein Verein, der Gesellschafter einer GmbH ist, die das Café betreibt. Und auch die gelebten Werte stellen eine Verbindung dar. „Liebe, Annahme, Vergebung und Hoffnung“, zählt Deborah Wagner auf. Die Verbindung zwischen Café und Gemeinde werde offen kommuniziert und nicht verheimlicht, auch wenn sie auf den ersten Blick für Gäste nicht ersichtlich ist.
Das Café sollte ursprünglich ein neutraler Treffpunkt im Viertel sein. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem Menschen ankommen können“, sagt sie. Bewusst habe man auf religiöse Symbole verzichtet.
Wissenschaftliche Einordnung
Nach außen präsentiert sich die Zeal Church bewusst modern, sagt der Leipziger Professor für Kirchengeschichte Klaus Fitschen. Gottesdienste, sogenannte „Celebrations“, sind auf Youtube als hochwertig produzierte Videos abrufbar, mit Musik und professioneller Lichttechnik. Über Instagram spricht die Gemeinde ein junges Publikum an und gibt Einblicke in Gemeindeleben und Cafébetrieb.
„Zeal nur als Freikirche zu bezeichnen, ist wenig hilfreich, da das Spektrum sehr weit ist.“ Auch der Begriff „Sekte“ sei wissenschaftlich ungeeignet, so Fitschen. Von der Ausrichtung her sei die Zeal Church im evangelikal-charismatischen Umfeld der Pfingstbewegung zu verorten. Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Trauungen sei in solchen Gemeinden weit verbreitet.
Gegründet wurde die Zeal Church 2014 von René und Deborah Wagner. „Sie sind die treibenden Kräfte geblieben“, sagt Fitschen. Hervorgegangen ist Zeal aus dem weltweit aktiven ICF-Movement (International Christian Fellowship), das von einigen Experten kritisch gesehen wird – insbesondere wegen Leitungsstrukturen mit viel Autorität bei einzelnen Pastoren sowie konservativer Positionen im Umgang mit Homosexualität. 2020 trennte sich Zeal offiziell vom ICF. Es besteht weiterhin eine freundschaftliche Verbindung.
Fitschen spricht ein strukturelles Problem vieler charismatischer Gemeinden an, ohne sich speziell auf Zeal zu beziehen: Leitungsfiguren seien oft weder theologisch noch pädagogisch ausgebildet, gleichzeitig spiele persönliche Autorität eine große Rolle. Für Jugendliche könne es deshalb schwer sein, die Leitung kritisch zu hinterfragen. Debatten über „geistlichen Missbrauch“, wie sie in den großen Kirchen geführt werden, seien in evangelikalen Bewegungen weniger präsent.
Über interne Dynamiken der Zeal Church sei wenig bekannt. Vorwürfe müssten deshalb sorgfältig geprüft werden, betont Fitschen – auch im Hinblick auf mögliche Vorurteile gegenüber konservativen Christen.
Die Angriffe auf das Café Stay sieht der Kirchenhistoriker als Teil eines größeren Konflikts. „In der Ablehnung von Zeal Church und Café Stay vermischen sich möglicherweise Kritik an der Haltung der Gemeinde zur sexuellen Selbstbestimmung und eine generelle Religionsfeindschaft.“
Auch konservative religiöse Überzeugungen stünden unter staatlichem Schutz, sagt Fitschen, Kritik müsse möglich sein. Mit den Angriffen auf das Café hätten die Täter die Grenzen legitimer Kritik überschritten. Warum sich die Aggression ausgerechnet gegen Zeal in Reudnitz richte, lasse sich nicht eindeutig erklären. Möglich sei, dass die Gemeinde in sozialen Netzwerken stärker in den Fokus geraten sei und in einem eher links-alternativ geprägten Umfeld besonders polarisiere.
Finanzielle Verluste durch Attacken
Die Angriffe haben wirtschaftliche Folgen. Mehrfach schloss das Café für Reparaturen, zuletzt für fast mehrere Wochen. Verdienstausfälle, Personalkosten und Renovierungen summieren sich. Unterstützer starteten eine Spendenkampagne, bei der mehr als 30.000 Euro zusammenkamen. „Diese Solidarität hat uns sehr ermutigt“, sagt René Wagner.
Der Konflikt hat inzwischen die Politik erreicht. Das Bündnis Sahra Wagenknecht stellte im Leipziger Stadtrat eine Anfrage zu den Angriffen. Die Stadtverwaltung verurteilte die Taten, sieht jedoch keinen direkten Angriff auf die Religionsausübung, da ein „kommerziell geführtes Café“ betroffen sei. René und Deborah Wagner widersprechen: Sie könnten ihre Gottesdienste zwar weiterhin ungestört ausüben, trotzdem sei eine indirekte Bedrohung ihrer freien Religionsausübung spürbar.
Während der Konflikt weiter brodelt, die Polizei laut eigenen Angaben ermittelt – bisher ohne Erfolg –, wollen Deborah und René Wagner mit dem Café Stay weitermachen. Sie bekämen viel Zuspruch von Stammkunden und aus der Nachbarschaft. „Jeder ist an unserem Tisch willkommen“, sagen sie. Auch jene, die für die Attacken verantwortlich sind.
Der Alltag in Café, Gemeinde und Nachbarschaft geht also weiter – doch der grundlegende Konflikt bleibt: Kaffee gibt es für alle, Segnungen nicht.
Ein Kommentar von Vincent Ebneth
12.02.2026
24 Angriffe auf ein freikirchliches Café in Leipzig: Buttersäure ist kein Argument
In Leipzig häufen sich Angriffe auf das „Café Stay“, das zur freikirchlichen „Zeal Church“ gehört. Gewalt gegen das Café ist kein legitimes Mittel der Auseinandersetzung, meint LVZ-Reporter Vincent Ebneth. Warum die Kritik an der Kirche dennoch wichtig ist.
24 Angriffe auf ein Café in Leipzig: eingeschlagene Scheiben, Farbschmierereien, Buttersäure. In dieser Häufung ist das neu für Leipzig – und besorgniserregend.
Die Attacken richten sich gegen das „Café Stay“ in Reudnitz und gegen die dahinterstehende freikirchliche „Zeal Church“.
Kern der Kritik
Gewalt ist kein politisches Argument. Wer sie einsetzt, greift die demokratische Auseinandersetzung an. Ein Café darf kein Ort werden, an dem Mitarbeitende Angst vor der nächsten Schicht haben müssen. Und trotzdem bleibt die Kritik an der Kirche wichtig.
Die Gemeinde segnet keine gleichgeschlechtlichen Paare und richtet sich gezielt an junge Menschen. Wenn Jugendlichen vermittelt wird, dass bestimmte Identitäten nicht gleichwertig sind, kann das Druck erzeugen – gerade für diejenigen, die ihre Sexualität erst entdecken.
Einschüchterung statt Argumenten
Aber: Die Ablehnung gleichgeschlechtlicher Segnungen ist im konservativen Christentum kein Sonderfall. Auch die katholische Kirche erlaubt Segnungen nur in sehr eingeschränkter Form. Dass sich die Wut in Leipzig ausgerechnet gegen eine kleine Freikirche und ein Café richtet, hat auch mit dem Ort zu tun: Im eher alternativ geprägten Leipziger Osten wird ein Café schnell zum politischen Symbol – sichtbarer und angreifbarer als große Kirchen.
Wenn Aggression sich aber direkt gegen Menschen richtet, ist eine Grenze überschritten. Wer Scheiben einschlägt, Räume unbenutzbar macht und Drohungen ausspricht, ersetzt Argumente durch Einschüchterung.
Der Konflikt in Reudnitz zeigt, wie schwierig es ist, unterschiedliche Überzeugungen auszuhalten. Religionsfreiheit schützt auch Ansichten, die andere ablehnen. Gleichzeitig bleibt es wichtig, Ausgrenzung zu kritisieren – deutlich und öffentlich. Aber ohne Gewalt.
—————————————————————————-
Nico Schmook
10.03.2025
Erneuter Angriff? Feuerwehr rückt zu Gefahrguteinsatz im Leipziger Café „Stay“ aus
Im Reudnitzer Café „Stay“ kam es zu einem Gefahrguteinsatz, nachdem vermutlich Buttersäure ausgetreten ist. Ein erneuter Angriff ist nicht ausgeschlossen.
Das Café „Stay“ auf der Dresdner Straße wurde möglicherweise Ziel eines weiteren Angriffs. Am Montagmorgen wurde die Feuerwehr alarmiert, weil ein unbekannter Stoff ausgetreten war. Vor Ort stellten Einsatzkräfte einen starken Geruch fest, der laut Feuerwehr an Buttersäure erinnerte.
Da die Menge der ausgetretenen Substanz anfangs nicht bekannt war, wurde vorsorglich ein Gefahrguteinsatz ausgelöst. Spezialkräfte überprüften das Café und lüfteten die Räume. Verletzt wurde niemand, größere Verschmutzungen gab es nicht. Da laut eines Sprechers der Feuerwehr ein technischer Defekt als Ursache ausgeschlossen werden kann, ist es nicht ausgeschlossen, dass das Café erneut Opfer eines Angriffs geworden ist.
Das Café wird seit 2023 von der Zeal Church, einer evangelischen Freikirche, betrieben und war in der Vergangenheit bereits mehrfach Ziel von Vandalismus. Die Betreiber berichteten vor einem Jahr selbst von 15 Vorfällen.
Die Zeal Church traut aktuell keine homosexuellen Paare und ist eng mit anderen offen konservativen Kirchen verbunden. In sozialen Medien gibt es immer wieder Kritik an der Kirche – ihr wird eine konservative Haltung und Queerfeindlichkeit vorgeworfen. Die Gemeinde selbst weist diese Anschuldigungen zurück.
Ob es sich tatsächlich um einen erneuten gezielten Angriff handelt, ist derzeit noch unklar. Die Polizei ermittelt.
————————————————————————-
Nora Kneer
25.10.2023
Angriff auf umstrittenes Café „Stay“ – Bekennerschreiben veröffentlicht
Eingeschlagene Glasscheiben und wütende Graffiti: Unbekannte haben das Café „Stay“ im Leipziger Stadtteil Reudnitz beschädigt. Warum das Lokal schon seit Wochen in der Kritik steht.
Die Sprühfarbe an der Frontscheibe des Café „Stay“ in Leipzig haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon entfernt. Eine helle Platte aus Pressholz und schwarzes Klebeband auf dem Glas zeugen aber noch von der Nacht auf Dienstag.
Unbekannte haben Steine auf die Scheiben geworfen und das Gebäude mit Graffiti beschmiert. „Don’t stay, be gay“, ist dort unter anderem in lila Großbuchstaben zu lesen gewesen. Zu deutsch: „Bleibe nicht, sei homosexuell.“
Hinter dieser Anspielung auf den Namen des Cafés versteckt sich die Hauptkritik am „Stay“. Betreiber ist die Freikirche „Zeal Church“, die aktuell keine homosexuellen Paare traut und eng mit anderen offen konservativen Kirchen verbunden ist. Dazu zählt unter anderem die „International Christian Fellowship“, auf deren Veranstaltungen schon Vertreter der Konversionstherapien zu Wort kamen.
Dabei handelt es sich um eine umstrittene Methode, bei der Abweichungen von heterosexueller Identität als krankhaft angesehen wird. Laut Bundesgesundheitsministerium kann eine Konversionstherapie „schweres körperliches und seelisches Leid“ verursachen. Der Leitende Pastor René Wagner betont, dass die Zeal Church Derartiges nicht durchführe.
„Es ist extrem schmerzhaft“
Wagner äußert sich betroffen über den Angriff auf das Café im Stadtteil Reudnitz. „Es ist einfach extrem schmerzhaft. Wir sind höchst schockiert, dass Leute, die Toleranz fordern, rohe Gewalt anwenden.“
Die Kritik, die Freikirche sei nicht inklusiv genug für Personen aus der LGBTQIA+-Community, weist er zurück: „Bei uns ist jeder willkommen. Wir haben auch homosexuelle und transgender Menschen in der Kirche.“
Die Zeal Church sei nicht homophob, sagt Wagner. Dass keine homosexuellen Paare getraut werden, sei eine Grenze, mit der sich die Freikirche kontinuierlich auseinandersetze.
Auf sozialen Medien wird die Kirche bezichtigt, erzkonservativ zu sein. Die mutmaßlichen Täterinnen und Täter haben auf der linken Plattform „Indymedia“ ein Bekennerschreiben veröffentlicht. Darin kritisieren sie „Queerfeindlichkeit und Misogynie“. Sie werfen den Mitgliedern der Zeal Church vor, „dass sie keinen Bock haben, homosexuelle Paare zu trauen.“
Kritik bereits vorm Start des Cafés
Auf Instagram hatte es schon vor der Eröffnung des Café „Stay“ am 24. September kritische Kommentare gehagelt. Als alleiniger Gesellschafter werde die Freikirche alle zukünftigen Gewinne des Lokals erhalten. Für Kundinnen und Kunden im Café sei nicht offensichtlich, wer hinter dem „Stay“ steckt.
Wagner betont aber, dass es kein Geheimnis sei: „Wenn jemand fragt, geben wir Auskunft. Wir sind nicht als Kirche präsent, weil es kein religiöser Laden ist.“
Das Café sei offen für konstruktive Kritik und persönliche Gespräche, steht auf dessen Instagramseite. Darum bittet auch Wagner: „Es ist okay, uns nicht gut zu finden. Ich würde mir einfach wünschen, dass man wieder reden kann.“ Auf seine Gesprächsangebote sei noch niemand eingegangen.
Die Leipziger Polizei ermittelt nun wegen Sachbeschädigung. Die Höhe des Schadens sei noch unbekannt. Wagner schätzt ihn auf mehrere Tausend Euro.
———————————————————————-
Milena Wurmstädt
30.09.2023
Neues Café Stay im Leipziger Stadtteil Reudnitz: Wer steht dahinter?
Auf Instagram wird den Betreibern des neuen Cafés Stay im Leipziger Stadtteil Reudnitz vorgeworfen, Teil einer erzkonservativen Freikirche zu sein. Fest steht: Alleiniger Gesellschafter des Cafés ist die Freikirche Zeal Church. Sie traut aktuell keine homosexuellen Paare.
Es riecht nach Kaffee und Zimtschnecken. Die Kellnerin fragt eine Kundin, ob sie normale Milch, Hafermilch oder laktosefreie Milch für ihren Kaffee möchte. Das neue Leipziger Café Stay trägt den einladenden Untertitel „Bleib doch noch“. Geschäftsführer Réné Wagner sagt: „Das Stay soll wie ein Wohnzimmer für unsere Besucherinnen und Besucher sein.“
Einige wussten, dass sie der Einladung lieber nicht folgen wollen, noch bevor das Café zum ersten Mal öffnete. Es hagelte kritische Kommentare, als das Café am vergangenen Wochenende die Eröffnung auf Instagram ankündigte. Das Stay gehöre zu einer erzkonservativen Freikirche, die Homosexualität und Geschlechtsverkehr vor der Ehe ablehne. Was ist dran an den Vorwürfen?
Alleiniger Gesellschafter des Cafés ist die Freikirche Zeal Church e.V.“, zu deutsch „Eifer Kirche“, die auch die 2019 verschwundene Yolanda K. besuchte. Geschäftsführer sind Réné Wagner und Tobias Röhner. Wagner leitet gemeinsam mit seiner Frau die Freikirche, die auch in Dresden, Halle und im Erzgebirge Standorte hat. Bevor das Stay einzog, haben Zeal-Mitglieder in den Räumen Gottesdienste gefeiert und Workshops gehalten. Im Stay plant die Kirche laut eigener Aussage, erstmal keine Veranstaltungen durchzuführen. Gottesdienste feiert Zeal aktuell in der Torgauer Straße. Im Café selbst deutet nichts auf die Verbindung zur Zeal Church hin.
Zeal traut keine homosexuellen Paare
Fragt man Réné Wagner nach den Werten der Kirche, betont er immer wieder „auf dem Weg“ zu sein. Die Kirche sei grundsätzlich für alle Menschen offen – unabhängig von der sexuellen Orientierung, dem Alter oder der Einstellung zur Ehe. Doch er sagt auch: „Die Zeal Church traut aktuell keine homosexuellen Paare.“ Man habe ein konservatives Erbe, setze sich aber mit LGBTQI+-Themen auseinander. Grundsätzlich sei die monogame Ehe ein sehr hoher Wert für die Kirche.
„Die Zeal Church wirkt wie eine typische Lifestyle Church, ähnlich wie beispielsweise Hillsong“, sagt Theologe Harald Lamprecht, der sich bei der Evangelischen Landeskirche Sachsen mit Weltanschauungen und Sekten beschäftigt. Typisch für diese Art von Kirchen sei eine ausgeprägte Wohlfühlkultur. Lifestyle-Kirchen wirken nach außen oft sehr hip, vertreten im Inneren jedoch konservative Werte. Die Hillsong Church erhielt viel Aufmerksamkeit, weil unter anderem Justin Bieber die Gottesdienste besuchte. Wie viele evangelikale Freikirchen lehnt Hillsong Homosexualität und Geschlechtsverkehr vor der Ehe ab. Die Ähnlichkeit zwischen Zeal und Hillsong kommt nicht von ungefähr: Zeal-Pastor Réné Wagner arbeitete für Hillsong im südafrikanischen Pretoria, wie er im Interview mit einem christlichen Medienportal erzählte.
Partnerkirche von Zeal empfing Vertreter von Konversionstherapien
Sehr viel offener mit ihren konservativen Werten sind enge Partner der Zeal Church, zum Beispiel die International Christian Fellowship (ICF). Bis 2020 gehörte Zeal zu der Kirche mit Hauptsitz in der Schweiz. Die Verbindung besteht nach wie vor. Wagner hat noch immer eine ICF-Website in seinem Facebook-Profil verlinkt. Auch arbeitete Zeal noch 2022 mit ICF bei einem missionarischen Projekt in Kambodscha zusammen. Ein Vertreter des Münchener Ablegers von ICF behauptete 2013, Homosexualität entstünde, wenn Menschen schwierige Erfahrungen in der Kindheit machten. ICF-Chefpastor Leo Bigger forderte Menschen öffentlich dazu auf, ihre Homosexualität nicht auszuleben. Gelebte Homosexualität nennt er einen „Lifestyle“. Auf Veranstaltungen von ICF sprachen auch schon Vertreter sogenannter Konversionstherapien, die behaupten, Homosexualität sei eine heilbare Störung.
Auch die amerikanische Partnerkirche der Zeal Church „Traders Point Christian Church“ (TPCC), vertritt eine extrem konservative Sexualmoral. Die Kirche schreibt auf ihrer Website, dass sie Homosexualität ablehnt. Sex außerhalb der Ehe ist in den Augen der amerikanischen Kirche Sünde. TPCC wirbt für das christliche Zölibat oder ein Leben in einer monogamen Ehe. Die amerikanische Freikirche spendete 47 850 Euro im Jahr 2022 an Zeal.
Wieso betreibt die Zeal Church das Café ?
Bekehren will Zeal im Stay nach der Darstellung von Réné Wagner niemanden. „Reudnitz ist ein sehr spannender Stadtteil – uns hat hier nur ein schöner Ort zum Kaffeetrinken gefehlt“, sagt er. Wieso die Kirche das Café betreibt und nicht er als Privatperson? „Wir wollen der Stadt mit dem Café etwas zurückgeben“, sagt er.
Was sicherlich auch eine Rolle spielen dürfte: Die Zeal Church erhält die Gewinne des Stay, weil der Verein der alleinige Gesellschafter des Cafés ist. Anders als die beiden großen christlichen Kirchen hat die Zeal Church keine festen Mitglieder, die verpflichtend einen Beitrag zahlen. Stattdessen finanziert sich Zeal vor allem über Spenden. Sie ruft Besucherinnen und Besucher offensiv dazu auf, ein Zehntel ihres Gehaltes zu spenden – in Anlehnung an den sogenannten biblischen Zehnten.