Leipzigerin landet nackt im Netz: „Nur weil ich nicht mit ihm schlafen wollte“
Intime Aufnahmen im Internet, anzügliche Kommentare, gefälschte Social-Media-Accounts. Sarah Schneider* aus Leipzig erlebt immer wieder sexualisierte Gewalt im digitalen Raum. Sie ist nicht die einzige.
„Das bist nicht du, oder?“ Auf Sarah Schneiders* Handy leuchtet eine Nachricht von einem Freund auf. Darin ist ein Link zu ihrem angeblichen Instagram-Profil, wie sie berichtet. Schneider entdeckt dort ihre privaten Fotos. Die Bilder zeigen sie unter anderem im Badeoutfit.
Schnappschüsse, die nur 24 Stunden lang auf ihrer privaten Social-Media-Story online waren. Die waren eigentlich nur für ihre Follower bestimmt. Jetzt sind sie Teil eines gefakten Accounts und für jeden sichtbar. Darunter anzügliche Kommentare, auch sexuelle Inhalte.
Die 34-Jährige erstattet Anzeige bei der Polizei in Leipzig. Die Unterlagen liegen der LVZ vor. Schneider, ist nun „ein Teil der Statistik“, wie sie sagt. Das sächsische Landeskriminalamt hat im vergangenen Jahr 29 Fälle registriert, bei denen der höchstpersönliche Lebensbereich durch Bildaufnahmen verletzt wurde. „Die Dunkelzahl ist weitaus höher“, ordnet Ulrike Mey von der Leipziger Beratungsstelle „Bellis“ gegen sexuelle Gewalt ein.
Viele Betroffene, die sexuelle Übergriffe im Netz erleben, würden diese anders als Schneider gar nicht erst zur Anzeige bringen. Falls doch, liefen die oft ins Leere. So hat das Landeskriminalamt in 76 Prozent der im vergangenen Jahr erfassten Fälle einen Verdächtigen ermitteln können. Die Anonymität im Internet erschwere es laut Mey, die Täter ausfindig zu machen.
Betroffene leiden unter psychischen Folgen
Auch Schneider stellt erst einmal eine Anzeige gegen Unbekannt. Wer könnte das gewesen sein? Sie weiß es zu diesem Zeitpunkt – Anfang 2024 – noch nicht. Schneider fängt an, selbst online zum Fake-Profil zu recherchieren. „Ein Gesicht springt mir damals direkt ins Auge, aber: „Es hätte jeder sein können, den ich in Leipzig auf der Straße treffe“, beschreibt sie.
Schneider bekommt Angst, die Wohnung zu verlassen. Fängt an, Menschen in ihrem Umfeld zu misstrauen, depressive Gedanken werden präsenter. Ulrike Mey von der Leipziger Beratungsstelle erklärt:
„Das, was da vorgefallen ist, ist Gewalt. Diese kann genauso traumatisierend sein, auch wenn sie online stattfindet. Betroffene erleben Scham, Angst, ein Gefühl von Hilflosigkeit und Kontrollverlust.“ Besonders belastend sei die digitale Komponente: „Die Gewalt ist dadurch omnipräsent.“ Jederzeit könnte etwas Neues passieren.
Wieder erreicht Schneider eine Nachricht. „Das bist nicht du, Sarah, oder?“ Ein Bekannter zeigt einen Chatverlauf. Gleiches Profilbild. Fotos von Schneider. Wieder ist es nicht sie, sondern ein Fake, der anscheinend Menschen aus ihrem Umfeld anschreibt. „Oversexed“, so beschreibt Schneider die Nachrichten. „Eindeutig wollte mich damit jemand in Verruf bringen“, ist sie sich sicher. Wieder geht sie zur Polizei. Anzeige gegen Unbekannt. Doch die Wortwahl im Chat kommt Schneider bekannt vor. Sie hat eine Vermutung.
Intime Fotos landen im Netz
Später findet die 34-Jährige Bilder von sich, geklaut aus ihrem privaten Social-Media-Profil, auf einer Webseite. Wieder handelt es sich eigentlich um gewöhnliche Fotos. Schneider erzählt: Online habe der mutmaßliche Täter die Bilder in einen sexuellen Zusammenhang gestellt, ihr Aussehen abwertend kommentiert. Andere Männer tun es ihm in den Kommentaren gleich und äußern ihre sexuellen Fantasien, wie Schneider berichtet. Sie entdeckt, dass sie nicht die einzige Frau ist, die auf der Webseite angegriffen wird. Wieder Polizei. Anzeige gegen Unbekannt.
Wenige Monate später landet eine Mail in ihrem Postfach. „Da sind freizügige Fotos von dir im Netz“, schreibt ein Fremder. Auf einer Social-Media-Plattform findet sie erneut ihre Bilder. Und dieses Mal noch mehr: Jemand hat Nacktfotos von ihr gepostet. „Maximal erniedrigend“, findet Schneider.
„Komplett fremde Menschen haben mich nackt gesehen – ohne mein Einverständnis.“ Der Schock sitzt tief. Doch der Vorfall bringt auch einen kleinen Lichtblick: „Nur eine Person kann diese Fotos überhaupt haben“, weiß Schneider. Sie habe die Bilder vor Jahren in einem Chat verschickt. Schneider ahnt nun, wer hinter den Fakes steckt. Wieder geht sie zur Polizei. Dieses Mal steht in der Anzeige jedoch ein konkreter Name.
„Es geht um Macht“
Schneider erinnert sich an einen Flirt vor über sieben Jahren: Die 34-Jährige berichtet, sie habe mit einem Bekannten Nachrichten ausgetauscht. Auch intime Inhalte – einvernehmlich. Die beiden hätten sich bereits gekannt, sie wollte demnächst bei ihm übernachten. Doch Schneider sagt die geplante Verabredung ab. In der Folge soll er sie verbal erniedrigt und ignoriert haben.
„Dass er so weit gehen und Fotos von mir verbreiten würde, hätte ich nicht gedacht“, sagt sie. Ulrike Mey von der Beratungsstelle „Bellis“ erkennt das Muster: Täter würden häufig aus dem sozialen Umfeld stammen. Partner. Ex-Partner. Verletzte Egos. „Bei solchen Fällen geht es um Kontrolle, um Demütigung. Die Täter nutzen die digitalen Medien, um Macht auszuüben und auszuweiten. Das ist Gewalt.“
„Und das passiert nur, weil ich vor sieben Jahren keinen Sex mit ihm haben wollte.“
Gesetzeslücke erschwert strafrechtliche Verfolgung
Schneider wird aktiv. Von den Plattformen bekommt sie die IP-Adresse, die hinter den Fake-Profilen steckt, geht damit zu Anwälten und erneut zur Polizei. Die können damit laut Schneider jedoch nur wenig anfangen. „Digitale Gewalt – das ist für alle ja noch Neuland.“ Ein befreundeter Anwalt zeigt die Tat parallel in einem Nachbarland an. „Dort ist die Rechtslage besser als in Deutschland“, so Schneider.
Unterdessen gibt es den nächsten Fake-Account von ihr. Dann meldet sich ein Fremder bei Schneider. Angeblich hätte sie sexuelle Nachrichten mit ihm ausgetauscht. „Das war wieder er, ein Fake-Profil, nicht ich“, berichtigt die 34-Jährige. Der mutmaßliche Täter scheint sich sicher zu fühlen. „Größenwahnsinnig“, verhält er sich, findet Schneider. Für Ulrike Mey von der Beratungsstelle keine Überraschung: „Täter brauchen in Deutschland aktuell keine Angst zu haben, strafrechtlich verfolgt zu werden“, findet sie.
Schneider vernetzt sich mit weiteren Betroffenen. Insgesamt trommelt sie zehn Zeugen zusammen. Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft. Was rechtlich wohl passiert? „Eine Verurteilung sei wahrscheinlich“, bescheinigen Anwälte gegenüber Schneider. Doch die Gesetzgebung hinsichtlich digitaler Gewalt ist lückenhaft, wie der Deutsche Juristinnenbund moniert.
Dabei ist die Bandbreite an Sexualdelikten im digitalen Raum groß. Das Thema rückte in den vergangenen Wochen, ausgelöst durch die schweren Vorwürfe der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Partner Christian Ulmen medial und gesellschaftlich in den Vordergrund.
Erpressung mit Nacktfotos, Cyberstalking, Deepfakes. Das größte Problem sei die Verbreitung intimer Aufnahmen, fasst Mey zusammen. Eigene Straftatbestände würden im deutschen Recht größtenteils fehlen.
Insbesondere bei Deepfakes gibt es eine Lücke, erklärt der Leipziger Strafrechtler Tommy Kujus. Viele Straftatbestände, wie beispielsweise die Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereiches, würden zwar für Aufnahmen gelten, nicht jedoch für KI-generierte Bilder. Man verhandle in solchen Fällen daher über Urheberrechtsfragen, nicht über Sexualstraftaten. „Aber das trifft nicht den Kern des Problems“, meint Kujus. „Eigentlich geht es ja um die sexuelle Selbstbestimmung“, so der Anwalt.
Justiz verhandelt über Bildrechte, nicht Sexualstraftaten
Auch bildbasierte Gewalt, der reale Aufnahmen zugrunde liegen, wird bisher laut der Leipziger Juristin Nadine Maiwald eher zufällig und nur teilweise in unterschiedlichen Straftatbeständen erfasst. „Das relativiert, was passiert ist“, findet Schneider.
„Es geht um sexualisierte Gewalt, nicht um Bildrechte.“ Und trotzdem: „Die Strafverfolgungsbehörden tun sich schwer damit, zeitnah und zielführend zu ermitteln.“ Täter könnten sich regelrecht austoben.
Lohnt sich also überhaupt eine Anzeige? Ja, sagen die Juristen. Es kommt darauf an, heißt es von der Beratungsstelle, die Betroffene zu Vor- und Nachteilen einer Anzeige berät. Die Beweisführung sei langwierig und könne Betroffene re-traumatisieren.
Außerdem komme es nur selten zu einer Verurteilung. „Betroffene erleben zudem häufig eine Täter-Opfer-Umkehr“, erläutert Mey. Was hattest du an? Wieso postest du überhaupt Fotos von dir? „Die Schuld liegt aber nie bei Betroffenen“, stellt Mey klar.
Schneider hat sich bei jedem einzelnen Vorfall für eine Anzeige entschieden. Sie will sichtbar machen, was, wie Studien zeigen, fast jeder fünften Frau passiert. Die Leipzigerin fordert, dass sich rechtlich und gesellschaftlich etwas ändert. Sie findet: „Sexualisierte Gewalt ist kein privates Problem, es ist ein politisches.“ Die Ermittlungen in ihren Fällen dauern weiter an.
*Name und Alter zum Schutz der Person und aufgrund laufender Ermittlungen geändert. Die Daten sind der LVZ bekannt.