Leipzig: Beratungsstelle startet Spendenkampagne nach Angriff auf geflüchteten Kurden

Nach einem mutmaßlich islamistischen Angriff auf einen geflüchteten Kurden in Leipzig ruft die Beratungsstelle Pena.ger zu Spenden auf, um die juristische Unterstützung des Betroffenen zu ermöglichen. Ein Tatverdächtiger ist derweil wieder auf freiem Fuß.

Nach dem mutmaßlich islamistisch motivierten Angriff auf einen kurdischen Geflüchteten in Leipzig hat die Beratungsstelle Pena.ger e.V. eine Spendenkampagne gestartet, um die juristische Unterstützung des Betroffenen zu ermöglichen. Zugleich warnt die Organisation vor systemischen Schutzlücken für Geflüchtete in Deutschland.

Der Übergriff ereignete sich am Abend des 26. Januar in der Nähe des Leipziger Bayerischen Bahnhofs. Nach Angaben von Pena.ger führte der Betroffene, Hozan Wilat (Name anonymisiert), ein Gespräch mit einem Freund auf Kurdisch, unter anderem über Rojava. Im Zuge dessen kam es mit zwei Personen zu einer zunächst verbalen Auseinandersetzung rassistischer Natur. Kurz darauf wurde Wilat aus der Straßenbahn gedrängt und mit einer Klingenwaffe angegriffen.

Tatverdächtiger auf freiem Fuß

Laut Zeug:innen versuchte der 30-Jährige, die Situation zu deeskalieren und einen der Angreifer bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten. Er erlitt dabei schwere Verletzungen an Händen und Füßen, wurde in der Folge operiert, sein Zustand ist stabil. Auch mehrere Augenzeug:innen mussten medizinisch betreut werden. Eine Anzeige wurde erstattet. Die Polizei ermittelt derzeit gegen einen 21-jährigen Tatverdächtigen mit syrischer Staatsangehörigkeit, der mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist. Ein zweiter mutmaßlicher Täter konnte fliehen und wird weiterhin gesucht.

Beratungsstelle spricht von systemischer Gefährdung

Wilat lebt seit rund dreieinhalb Jahren in Deutschland. Er stammt aus Ostkurdistan und flüchtete vor dem iranischen Regime. Aktuell befindet er sich im Anerkennungsprozess seiner Bildungsabschlüsse und verfügt über eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Pena.ger e.V., eine bundesweit tätige Online-Beratungsstelle für Geflüchtete, begleitet ihn dabei. In ihrem Spendenaufruf verweist sie auf die Mehrfachgefährdung von Exilierten: „Menschen wie Hozan Wilat sind doppelt vulnerabel: Sie tragen die Folgen von Flucht und politischer Verfolgung und werden zugleich Ziel rassistischer und ideologisch motivierter Gewalt.“

Trotz der Schwere des Angriffs verfüge Wilat bislang über keinen rechtlichen Beistand und keine institutionelle Unterstützung, heißt es in der Mitteilung. Die Organisation ruft deshalb zur finanziellen Unterstützung auf. „Wir fordern eine konsequente strafrechtliche Aufarbeitung sowie wirksame Schutzmaßnahmen für geflüchtete Menschen, in Deutschland. Auch sie sind hier von islamistischen Bedrohungen betroffen und benötigen konkrete Handlungsmöglichkeiten und Unterstützung!“

Zudem benennt Pena.ger eine alarmierende Entwicklung: „Neben dem Mangel an Schutz für Geflüchtete, die vor Islamismus fliehen, erleben wir zugleich eine politische und gesellschaftliche Normalisierung islamistischer Gewaltstrukturen. Wenn Regime wie in Syrien oder Afghanistan faktisch geduldet oder relativiert werden, sendet das ein fatales Signal auch nach innen.“

Spendenkonto eingerichtet

Zur Finanzierung des rechtlichen Beistands bittet Pena.ger um Spenden. Eingezahlt werden kann unter dem Verwendungszweck „Rechtsbeistand Minifond Penager“ auf das Vereinskonto oder via PayPal.

Spendeninformationen:
Verwendungszweck: Rechtsbeistand Minifond Penager
IBAN: DE69 2805 0100 0096 3621 99
BIC: SLZODE22XXX
PayPal: paypal.me/penagerev

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27.Januar 2026

Messerangriff auf Kurden in Leipzig

In der Straßenbahn in Leipzig haben zwei Männer aus mutmaßlich antikurdischen Motiven am Montagabend einen Kurden beleidigt und bedroht. Im weiteren Verlauf seien sie ihm aus der Bahn gefolgt und hätten ihn außerhalb mit einem Messer mehrfach verletzt.

Aktuell häufen sich körperliche und bewaffnete Angriffe auf Kurd:innen aus offenbar antikurdischen und islamistischen Motiven in Deutschland und Europa. Ein jüngster Vorfall hat sich am Montagabend in Leipzig ereignet. Nach Beleidigungen und einer verbalen Auseinandersetzung in der Straßenbahn attackierten zwei Männer ihr kurdisches Opfer am „Bayerischen Bahnhof“ außerhalb der Bahn mit einem Messer. Das Opfer wurde im Krankenhaus behandelt, ein Täter festgenommen, der andere konnte fliehen.

Der Angegriffene ist Anfang 30 und stammt aus Ostkurdistan. Mit einem Freund soll er sich am Leipziger Hauptbahnhof zunächst auf Kurdisch unterhalten und dabei über Rojava gesprochen haben. Wahrscheinlich wurden die späteren Täter bereits auf dieses Gespräch aufmerksam.

Hass auf Rojava als möglicher Tathintergrund

Nachdem sein Begleiter sich entfernt hatte, soll der Kurde durch die beiden Männer auf Türkisch und Arabisch beleidigt worden sein. Zudem sollen sie Drohungen geäußert und erklärt haben, Rojava sowie alle Personen, die dieses Projekt unterstützten, „vernichten“ zu wollen.

Die beiden mutmaßlichen Anhänger des selbsternannten syrischen Übergangspräsidenten Al-Scharaa folgten ihrem Opfer an der Haltestelle „Bayerischer Bahnhof“ aus der Straßenbahn und griffen es im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung mit einem Messer an. Der Kurde erlitt mehrere Stichwunden und wurde von Rettungskräften in ein nahegelegenes Krankenhaus zur Behandlung gebracht. Er schwebte nicht in Lebensgefahr.

Einer der mutmaßlichen Täter konnte von der Polizei festgenommen werden. Der 21-Jährige sei syrischer Abstammung und nach einer erkennungsdienstlichen Behandlung wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Der zweite Tatbeteiligte befinde sich hingegen bisher weiterhin auf der Flucht.

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Vincent Ebneth
31.01.2026

Kurdische Menschen in großer Sorge
„Ich dachte, sie töten mich“: Opfer spricht über anti-kurdischen Messerangriff in Leipzig

Ein Kurde wird in Leipzig mit Messern attackiert und schwer an seinen Händen verletzt. Er sagt, die Täter hätten ihn wegen seiner Herkunft angegriffen. Freunde und Vertreter der kurdischen Community berichten von wachsender Angst und Bedrohungen.

Hozan (Name geändert) ist im Krankenhaus. Vor ihm sein Abendessen. Doch allein essen kann er nicht. Seine Hände sind bandagiert. Am Montagabend hat der 30-Jährige einen Messerangriff überlebt. Einen Daumen hat er dabei verloren. „Ich dachte, sie töten mich“, sagt er über die Angreifer. Für ihn ist es eindeutig: Er wurde attackiert, weil er Kurde sei.

Die Polizei ermittelt gegen zwei aus Syrien stammende Männer wegen gefährlicher Körperverletzung und eines möglichen politischen Motivs. Sie sollen ihr Opfer in einer Straßenbahn attackiert haben. Einer der Tatverdächtigen, ein 21-jähriger Syrer, wurde in Tatortnähe festgenommen, später aber wieder freigelassen, der zweite ist flüchtig.

Konflikt in Syrien, Auswirkung in Leipzig

Drei Tage nach der blutigen Tat scheinen grelle Neonlampen auf Hozans müde Augen. Ein Patientenkittel, ein Körper, der Ruhe bräuchte. Stattdessen will der kurdische Iraner reden, seine Version erzählen: Am späten Montagabend habe er sich am Leipziger Hauptbahnhof mit einem Freund über die Lage in Rojava unterhalten.

In der nordostsyrischen Region eskaliert seit Kurzem ein vielschichtiger Konflikt, der die kurdischen Selbstverwaltungsstrukturen und die Menschen vor Ort bedroht. Syrische Militärtruppen rücken vor, erzeugen massiven Druck, Versorgungswege brechen weg. Medien berichten von bewaffneten Kämpfen, Belagerungen und Toten. Die angespannte Lage sorgt für Konflikte in anderen Teilen der Welt – wie in Leipzig.

Hozan und sein Freund sprechen am Montagabend am Hauptbahnhof Kurdisch, zwei Männer belauschen das Gespräch, erzählt er. Er steigt allein in die Straßenbahn Richtung Süden. In der Tram beleidigen und bedrohen die beiden Männer ihn.

Hozan erinnert sich an viele Details. „Wir töten alle Kurden“, sollen sie auf Deutsch gesagt haben. „Ich habe sie ignoriert, bin nach hinten gegangen.“ Doch die Beschimpfungen hören nicht auf. Sie richten sich jetzt auch gezielt gegen kurdische Frauen, gegen ihre Würde. Die Männer wechseln die Sprachen: Türkisch, Arabisch, Kurdisch. „Sie wollten sichergehen, dass ich sie verstehe“, meint Hozan.

„Bist du Kurde?“, hätten sie gefragt und Messer gezogen, einer aus der Jacke, der andere aus der Socke. „Groß wie Macheten“, sagt Hozan. „Lass uns reden, ohne Gewalt“, habe er gefordert.

Aber an der Haltestelle Bayerischer Bahnhof eskaliert es. Einer habe die Tür aufgehalten und gesagt: „Komm raus.“ Dann Gerangel. Hozan flieht aus der Bahn, rennt über die Gleise. Ein Angreifer holt aus, zerschneidet Hozans Jacke auf Bauchhöhe. Dann der Schmerz. „Ich habe auf meine Hand geschaut und gedacht: Wo ist mein Daumen?“ Der ist abgetrennt.

Opfer: „Ich habe Angst“

Fahrgäste leisten Erste Hilfe. Die Täter verschwinden, kehren wenig später zurück. Sie fordern Geld. Hozan vermutet, dass der Angriff im Nachhinein wie ein Raub aussehen sollte – nicht wie ein politisch motivierter Übergriff.

Dann trifft die Polizei ein, kann einen Tatverdächtigen stellen, der andere entkommt. Hozan kommt ins Krankenhaus. Sein Daumen wird operativ wieder angenäht. Ob er gerettet werden kann, ist unklar. Ob er Schmerzen habe? „Ja“, sagt Hozan. „Sehr starke.“
Leipzig habe sich für ihn immer sicher angefühlt. Beleidigungen und Alltagsrassismus habe er als Kurde zwar schon früher erlebt, „aber das hier ist eine neue Dimension.“ Seit die Lage in Syrien eskaliert, spüre er auch in Deutschland eine starke Aggression. Dass der festgenommene Tatverdächtige wieder auf freiem Fuß ist, kann er nicht verstehen. „Er ist eine Gefahr. Ich habe Angst.“

Kurdische Community in Aufruhr

Mit im Krankenhaus zur Unterstützung sind Freunde von Hozan, ebenfalls Kurden. Sie leben und arbeiten in Leipzig als Ingenieure, Sozialarbeiter, Übersetzer oder sind Studenten. „Wir fühlen uns hier zu Hause“, sagt einer von ihnen. „Es verletzt mein Herz, dass ich in Leipzig, meiner zweiten Heimat, Angst um mein Leben haben muss, nur weil ich Kurde bin.“

Kurdische Symbole würden sie aus Angst nicht mehr öffentlich tragen. „Meinen Schal in kurdischen Farben lasse ich zu Hause.“ Kurdisch sprechen sie nur noch in sicheren Umgebungen. „Die ganze kurdische Community hat Panik“, sagt einer der Freunde. Dabei stehe die kurdische Gesellschaft für Lebensfreude, für Freiheit, Zusammenleben und Gleichberechtigung.

Diese neue Angst spürt auch Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der „Kurdischen Gemeinde Deutschland“, einem Verein, gefördert vom Bundesinnenministerium und der Bundeszentrale für Politische Bildung. In den vergangenen Wochen habe es vermehrt Provokationen und Angriffe bei kurdischen Demonstrationen gegeben. Toprak spricht von gezielt herbeigeführten Eskalationen durch arabische oder türkische Nationalisten.

„Wir appellieren ständig an unsere Leute, sich nicht provozieren zu lassen“, sagt er. Gewalt lehne man strikt ab. Beleidigungen, Bedrohungen gegen Kurdinnen und Kurden würden spürbar zunehmen. Auch er selbst erhalte Morddrohungen, der Staatsschutz ermittle.

Unter Kurden herrsche derzeit eine Mischung aus Angst, Enttäuschung und Wut, so Toprak. Viele hätten das Gefühl, „vom Westen im Stich gelassen zu werden“ – trotz ihres Einsatzes im Kampf gegen den IS. „Die Angst, die viele Kurden gerade spüren, ist berechtigt.“

Die Polizei Leipzig erklärt auf LVZ-Anfrage, eine spezielle Gefährdungslage für kurdische Menschen lasse sich in Leipzig derzeit nicht erkennen – auch deshalb, weil anti-kurdische Motive nicht gesondert erfasst und statistisch ausgewertet werden. In Hozans Fall werde noch ermittelt.

Pro-kurdische Demo am Samstag

In Leipzig und anderen Städten gibt es kurdische Solidaritätsdemonstrationen für die Menschen in Rojava. Rund 2000 Teilnehmer kamen am vergangenen Samstag in Leipzig zusammen. An diesem Samstag, 31. Januar, folgt die nächste Demonstration um 16 Uhr am Markt.

Für Hozan ist der Konflikt in Syrien keine abstrakte politische Debatte mehr, sondern lebensbedrohliche Realität geworden. Ob er seinen Daumen je wieder bewegen kann, ist offen. Fest steht: Das Gefühl von Sicherheit, das er in Leipzig stets hatte, ist verschwunden.