„Würden Sie jemanden töten?“ Was Soldaten sächsischen Schülern antworten

Hundertfach kommen Jugendoffiziere jedes Jahr in sächsische Schulen. Was passiert dort im Unterricht? Wir haben einen Bundeswehrsoldaten begleitet, der das Wort „Zeitenwende“ vermeidet.

Hauptmann Franz Conrad trägt Dienstanzug und exakt gestutzten Vollbart. Der Langbinder sitzt akkurat unter dem zugeknöpften Kragen. Wegen der sommerlichen Wärme hat er nur ein Diensthemd ohne Jacke an. Sein einnehmendes Lächeln wird er in der nächsten Stunde nur zweimal kurz ablegen.

An diesem Morgen steht er bequem vor einer 10. Klasse am Romain-Rolland-Gymnasium in der Dresdner Neustadt. Statt Lehrerin Senta Winkler bestreitet heute hauptsächlich Hauptmann Conrad die GRW-Stunde, also Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft. Vor ihm lehnen sich einige Jugendliche lässig auf ihren Schulstühlen zurück. Gelangweilt ist niemand. Eher erwartungsvoll blicken alle nach vorn – auf Kreidetafel und Flatscreen.

Stille im Klassenraum

Schon bei seiner Vorstellung löst der Bundeswehr-Offizier den Frontalunterricht auf. „Ihr könnt fragen, was ihr möchtet, auch Persönliches“, sagt Conrad. Als er Fotos von sich in der Ausbildung zeigt, fragt ein Schüler: „Wie real fühlt sich eine Übung bei der Bundeswehr an?“

Der Lärm von Schüssen und Fahrzeugen sei enorm, schildert Conrad energisch, ohne zu zögern. Mit Ausrüstung durchs Gelände zu rennen, stresse gehörig. Als er mal gestürzt sei und sich fast verletzt habe, sei er froh gewesen, dass die Übung nicht real war.

„Würden Sie jemanden töten?“, fragt eine Schülerin mit gebührendem Ernst. Jetzt bewegt sich niemand mehr in den Schulbänken. Stille im Raum. Hauptmann Conrad ist auf die Frage gefasst. Sie werde oft gestellt, sagt er hinterher.

Bevor er antwortet, schiebt er sich halb auf den Lehrertisch, stützt den Ellenbogen auf den entspannten Oberschenkel und wendet sich direkt der Fragestellerin zu. Sein Lächeln schwindet jetzt zum ersten Mal. Diese Vorstellung sei „natürlich nicht angenehm“, sagt er. Im Zweifelsfall gehöre das Töten aber nun einmal zum Job.

Real diskutiertes Thema

Weshalb sind solche Dialoge Teil des Unterrichts in einer 10. Klasse? „Die Schulen fragen uns an“, sagt Hauptmann Conrad. Und Lehrerin Senta Winkler sagt, es sei ein Vorteil, wenn „Praktiker“ von ihrer Arbeit berichten. Thema der Unterrichtsstunde ist Sicherheitspolitik und der neue Wehrdienst. „Das ist ja kein abstraktes Thema, sondern ganz real“, sagt Lehrerin Winkler. Die Jugendlichen könnten direkt ihre Fragen stellen, ausdrücklich auch die kritischen.

Seit diesem Jahr gilt das neue Wehrdienstgesetz. Junge Männer ab 18 Jahren sind demnach verpflichtet, Fragebögen der Bundeswehr zu beantworten. Auch junge Frauen bekommen diese Fragebögen zugeschickt. Sie sind aber nicht verpflichtet, zu antworten. Die Bundeswehr soll aufgestockt werden. Melden sich nicht genügend Freiwillige, um den Bedarf der Bundeswehr zu decken, müsste der Bundestag neu entscheiden, ob es eine Wehrpflicht geben soll.

Hauptmann Conrad erklärt, dass die Grundidee des Fragebogens und der verpflichtenden Musterung für junge Männer ab dem Jahrgang 2008 sei, wieder ein Register aufzubauen, auf wen die Bundeswehr im Krisenfall überhaupt zurückgreifen könnte. Seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 fehlen dazu jegliche Daten.

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 nannte der damalige SPD-Kanzler Olaf Scholz die Neuausrichtung der Militärpolitik eine „Zeitenwende“. Im Unterricht verzichtet Hauptmann Conrad auf den aufgeladenen Begriff. „Die Bundesregierung empfiehlt, heute nicht mehr von Zeitenwende zu sprechen“, sagt er im Dresdner Gymnasium. Ein Rückfall hin zum Wehrunterricht, wie er zu DDR-Zeiten praktiziert wurde, sei nicht zu befürchten. Mit dem, was er tue, sei das nicht annähernd vergleichbar.

Bilder vom Häuserkampf

Auf dem Bildschirm über der grünen Kreidetafel zeigt Hauptmann Conrad jetzt Fotos von sich bei Übungen im Häuserkampf und am Maschinengewehr. Er erzählt, dass er einen Sohn und einen Kleingarten hat und in der Kreisliga Fußball spielt. „Soldaten sind ganz normaler Teil der Gesellschaft.“

Eine Schülerin fragt, ob ein Soldat bei einem gefährlichen Einsatzbefehl wieder zurückziehen könnte, etwa wenn ein Bündnisfall in der Nato ausgerufen würde und man tatsächlich kämpfen müsste. Jetzt spricht Conrad etwas langsamer, bedachter, ernster. Nein, sagt er, wenn man fernbliebe, wäre das wie Fahnenflucht. „Eine Abschreckung, die das Militär ja darstellen soll, würde sonst nicht funktionieren.“ Weitere Fragen? Keine.

Dann lenkt Hauptmann Conrad selbst die Diskussion in die Kontroverse: „Ist etwas negativ daran, dass Deutschland drittgrößter Rüstungsexporteur der Welt ist?“ Da müssen die Schüler nicht lange grübeln. Das Geld, das für Rüstung ausgegeben werde, könne nicht woanders investiert werden, kritisiert eine Schülerin sofort. Eine andere erklärt: „Aufrüstung ist uncool und könnte unmoralisch sein.“

Was hier besprochen wird, ist regulärer Unterricht und fällt unter die Schulpflicht. Benotet wird von dieser Schulstunde jedoch nichts. Es gibt auch keine Vorgabe der Schulleitung, Jugendoffiziere in den GRW-Unterricht einzubinden.

Debatte lieber ohne Soldaten

Die Debatte über Sicherheitspolitik will auch der zweite GRW-Lehrer an der Schule führen, aber ohne Jugendoffizier. „Was öffentlich diskutiert wird, muss auch Thema im Unterricht sein“, sagt Andreas Kirchberg. „Das können wir aber ohne Soldaten.“ Dem Pädagogen, der auch noch katholische Religion unterrichtet, ist es wichtig, alle Seiten einzubeziehen, auch Kriegsdienstverweigerer. Diese Rollen sollen sich die Schüler selbst erarbeiten.

„Wir würden uns auch gern in Schulen zu Wort melden“, sagt Torsten Schleip. Der Leipziger engagiert sich ehrenamtlich im Verein Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen. Er selbst habe schon auf Einladung von Schulen in Leipzig oder Meißen mitdiskutiert. „Wir stehen als Ehrenamtler zwar nicht so leicht zur Verfügung wie Bundeswehr-Offiziere, aber unsere Bereitschaft wäre da.“ Bei Bedarf könne man sich gern an den Landesverband Sachsen wenden.

Protest in Leipzig

Protestaktionen an Schulen hat Hauptmann Conrad noch nicht erlebt. Bekannt geworden ist in Sachsen lediglich ein Fall an der Humboldtschule in Leipzig. Als Protest gegen den Besuch eines Jugendoffiziers legten sich Schüler zwei Tage vorher auf den Pausenhof und stellten sich tot – ein sogenanntes Die-In. Initiiert und auf Social Media gepostet wurde die Aktion von der Internationalen Jugend. Sie bezeichnet sich selbst als „klassenkämpferische und sozialistische Jugendorganisation“ und erklärte, die Schulleitung habe einen protestierenden Jugendlichen an der Meinungsäußerung hindern wollen.

Gegen diese Darstellung verwahrte sich die Schule. In einer öffentlichen Stellungnahme schrieb sie, dass „zu keinem Zeitpunkt die Meinung des Schülers sanktioniert wurde“. Die Schule sei stattdessen aufgerufen, Schülerinnen und Schüler vor politischer Instrumentalisierung zu schützen. In der Diskussion mit den Jugendoffizieren seien ausdrücklich alle Meinungen willkommen.

Positive Umfrage zur Bundeswehr

Wie die Bevölkerung zu Informationsveranstaltungen der Bundeswehr an Schulen steht, zeigt eine repräsentative Umfrage des Meinungsinstituts Civey. Die ergab für Deutschland, dass zwei Drittel der Befragten solche Veranstaltungen „sehr positiv“ oder „eher positiv“ bewerten, 20 Prozent „eher oder sehr negativ“. Der Rest konnte sich nicht entscheiden.

Auch in Sachsen sehen das zwar mehr Menschen positiv als negativ, doch der Abstand ist mit 45 zu 35 Prozent viel geringer.

Die Partei Die Linke unterstellt der Bundeswehr gar, die Schulbesuche für Werbung und Rekrutierungen zu nutzen. „Schulen und öffentliche Räume sind keine Rekrutierungsorte. Wir brauchen unabhängige Bildung und politische Aufklärung, keine Werbekampagnen der Bundeswehr“, sagt Zada Salihović, Linken-Bundestagsabgeordnete aus Pirna und Fraktionssprecherin für Bundeswehrpolitik.

Statt immer mehr Geld für Rekrutierung auszugeben, sollte in die Schulen selbst investiert werden. „Junge Menschen brauchen mehr Lehrerinnen und Lehrer, nicht mehr Soldatinnen und Soldaten im Klassenzimmer“, so die 26-jährige Politikerin.
Nachwuchswerbung ist verboten

„Von Rekrutierung könne überhaupt keine Rede sein“, verteidigt dagegen Lehrerin Senta Winkler. In Sachsen gibt es wie in anderen Bundesländern auch eine Kooperationsvereinbarung des Kultusministeriums mit der Bundeswehr. Darin ist festgehalten, dass die Referenten im Unterricht nicht um Nachwuchs für die Truppe werben dürfen. Tatsächlich hat Hauptmann Conrad keinerlei Werbematerial mit in die Schule gebracht, wie man es etwa auf Messen zur Berufswahl sieht. Auch Kontakte vermittelt er nicht.

In der sächsischen Vereinbarung heißt es unter anderem, dass Jugendoffiziere „nicht als Nachwuchswerber auftreten dürfen“. Schulen entscheiden „eigenverantwortlich und freiwillig“, ob sie Jugendoffiziere einladen. Eine Altersgrenze ist nicht explizit festgelegt. „Wir haben für uns festgelegt, dass die Jugendlichen mindestens 14 Jahre alt sind“, sagt Jugendoffizier Conrad. Deshalb sage er Einladungen ab 9. Klasse aufwärts zu.

Gewerkschaft lehnt ab

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen lehnt die Kooperationsvereinbarung trotzdem ab, weil das „immer eine herausgehobene Stellung des betreffenden Akteurs“ vermittle. Das politische Bildungsangebot der Bundeswehr sei aus Sicht der GEW nicht unabhängig. Die kommunikativ geschulten Jugendoffiziere würden dazu angehalten, die sicherheitspolitischen Positionen des Bundesministeriums für Verteidigung zu vermitteln. „Dies ergibt sich aus ihrem Dienst- und Treueverhältnis zwangsläufig“, heißt es in einer Erklärung der GEW Sachsen.

Die Bundeswehr sei in dem Diskurs nur ein einzeln handelnder Akteur. „Eher angebracht wäre es, die zuständigen Politikerinnen und Politiker zu den Themen Verteidigung, Militär und Außenpolitik einzuladen“, heißt es von der GEW.

Das passiere doch längst, erklärt Jens Lehmann, CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Verteidigungsministerium. „Ich bin regelmäßig an Schulen in Leipzig und dem Umland zu Gast“, sagt er. Entscheidend sei, dass respektvoll und auf Grundlage von Argumenten diskutiert werde. Lehmann sieht die Veranstaltungen von Jugendoffizieren häufig missverstanden. Das sei keineswegs Nachwuchsgewinnung, sondern politische Bildungsarbeit. „Entscheidend ist, dass junge Menschen Zugang zu sachlichen Informationen erhalten und sich selbst ein Urteil bilden können.“

Das hat Jugendoffizier Conrad an diesem Tag in Dresden offenbar geschafft. Am Ende der Schulstunde gibt es unaufgefordert einen höflichen Beifall aller Schüler. „Ich fand gut, dass es kein Überreden war“, sagt eine Jugendliche danach. Die Mitschülerinnen nicken.

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27.04.2026

Bundeswehr machte im vergangenen Jahr 374 Besuche an Sachsens Schulen

Planspiele, Vorträge, Truppenbesuche – die Bundeswehr ist an Sachsens Schulen regelmäßig präsent. Doch daran gibt es auch Kritik.

In Sachsen besucht die Bundeswehr jährlich Hunderte Schulklassen. Im vergangenen Jahr gab es 374 Termine an Schulen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervorgeht. Das waren etwa 50 Besuche weniger als 2024.

Im Vergleich zu 2021 ergab sich jedoch ein Anstieg um etwa 40 Prozent. Im laufenden Jahr fanden in Sachsen bereits 35 Termine statt, 46 weitere sind geplant.

Linke kritisiert Ausbau der Auftritte als Irrweg

Bundesweit gab es im vergangenen Jahr in Flächenländern wie Bayern (1114), Nordrhein-Westfalen (862) und Niedersachsen (844) die meisten Besuche von Bundeswehr-Vertretern an Schulen. Der Leipziger Bundestagsabgeordnete Sören Pellmann (Linke) kritisierte jedoch, Sachsen rangiere im Verhältnis zur Anzahl an Schülerinnen und Schüler seit Jahren auf den vorderen Plätzen.

Den Ausbau der Präsenz der Bundeswehr an Schulen bezeichnete Pellmann als gefährlichen Irrweg. „Kinder und Jugendliche dürfen nicht schrittweise an Militär und Krieg als Normalität gewöhnt werden“, so der Bundestagsabgeordnete. Wenn Soldaten im Unterricht auftreten würden, brauche es gleichberechtigt zivile Stimmen, etwa von Kriegsdienstverweigerern und Friedensinitiativen.

GEW fordert verschiedene Perspektiven

Dieser Forderung schloss sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen an. Gerade in Krisenzeiten sei es wichtig, dass Schüler verschiedene Perspektiven kennenlernten, daher müssten zivilgesellschaftliche Akteure in Schulen stärker gehört werden, forderte die stellvertretende Vorsitzende der GEW Sachsen, Claudia Maaß. „Statt „kriegstüchtiger Bildung“ brauchen wir eine Bildung, die auf Frieden, Demokratie und diplomatische Konfliktlösungen ausgerichtet ist.“ Schule sei kein Ort für Militärwerbung.

Jugendoffiziere besuchen Schüler ab der 9. Klasse

Für die Besuche an Schulen sind bei der Bundeswehr Jugendoffiziere zuständig. Sie sind speziell ausgebildet, um vor Schülerinnen und Schülern ab der neunten Klasse bis hin zur gymnasialen Oberstufe sowie an Berufsschulen etwa Vorträge über Sicherheitspolitik zu halten oder den Auftrag der Bundeswehr zu erläutern. Sie organisieren auch Planspiele zu internationaler Politik und Sicherheit oder Truppenbesuche für Schulklassen.

In Sachsen sind diese Besuche über eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Kultusministerium und der Bundeswehr geregelt. Die Referenten dürfen im Unterricht nicht um Nachwuchs für die Truppe werben. Zudem müssen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Themen auch entsprechend im Unterricht behandelt werden. Schulen können selbst entscheiden, ob und wie sie das Angebot in den Unterricht einbauen.

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Bastian Fischer
15.11.2024

„Militarisierung“ an der Schule? – Zoff um Bundeswehrbesuch an Leipziger Gymnasium

Bundeswehrsoldaten besuchen Schulklassen, sprechen vor Jugendlichen über ihre Arbeit und die Aufgaben der Armee. Was ein relativ normaler Vorgang sein sollte, sorgt an einer Leipziger Schule für reichlich Unruhe. Ein Schüler hatte einen Protest gegen den Besuch initiiert – und muss nun mit Konsequenzen rechnen.

Es ist eine Zeile, die direkt aufhorchen lässt: „Schüler droht Suspendierung“ ist die E-Mail überschrieben, die die LVZ-Redaktion der vergangenen Woche erreichte. Weil er gemeinsam mit anderen Schülern einen Protest gegen einen geplanten Bundeswehrbesuch an seiner Schule organisierte, solle ein Jugendlicher erst für einen Tag vom Unterricht ausgeschlossen werden und ihm anschließend mit einem Schulverweis gedroht worden sein, heißt es.

Die Vorwürfe in Richtung der Schulleitung haben es in sich: Von Unverhältnismäßigkeit und skandalösem Verhalten ist die Rede. Schüler, die ihre politische Meinung äußerten, würde kurzerhand mit Konsequenzen gedroht, die von der Schule gepriesene „Anregung und Entwicklung von kritischem Denken“ gelte nur solange, bis es den Überzeugungen der Schule widerspreche. Starker Tobak – doch was ist dran an dem Fall?

Video zeigt Protest an Leipziger Gymnasium

Versandt wurde die E-Mail im Auftrag der Leipziger Ortsgruppe der Internationalen Jugend, eine „sozialistische Organisation für Schüler:innen, Studierende, junge Arbeiter:innen und Erwerbslose“, so die Selbstbeschreibung auf der Website. Auf dem Instagramkanal der Gruppe existiert ein Video des Vorfalls: Es zeigt mehrere Jugendliche, die mit geschlossenen Augen auf dem Pausenhof liegen, ein Schüler spricht in ein Megaphon. „Habt ihr Lust an die Ostfront zu ziehen und da für Deutschland zu sterben?“, fragt er. Er habe jedenfalls „keinen Bock mit 18 in einem Schützengraben zu liegen und mich zu fragen: Komme ich hier mit meinem Leben raus, oder ist es nur ein Bein und meine Menschlichkeit, die ich verliere.“ Kurz darauf tritt eine Frau ins Bild, nimmt dem Schüler das Megaphon ab, das Video endet.

Die Internationale Jugend vermittelt den Kontakt zu dem betreffenden Schüler, am Telefon meldet sich ein Jugendlicher. 16 Jahre ist er alt, seinen Namen in der Zeitung lesen möchte er nicht, Auskunft gibt er trotzdem bereitwillig: Gemeinsam mit anderen Schülern und Schülerinnen habe er sich gefragt, was man gegen den geplanten Bundeswehrbesuch unternehmen könne, erklärt er. Seit dem Schuljahresstart sei dieser bekannt gewesen, habe die Schülerschaft darüber debattiert. Letztlich habe man sich für einen sogenanntes „Die-in“ – eine Protestform, bei der die Teilnehmer ihren Tod vortäuschen – zwei Tage vor dem avisierten Termin entschieden. Aus seiner Sicht sei die Bundeswehr immer stärker an Schulen vertreten, auch die Debatte um eine Wiedereinführung der Wehrpflicht werde konkreter geführt. Mit der Aktion habe man sich aktiv gegen eine „Militarisierung“ einsetzen wollen, sagt er.

Schule droht mit Verweis

Direkt nach der Aktion seien ihm auf dem Schulhof Ordnungsmaßnahmen angedroht worden, in der folgenden Schulstunde habe seine Lehrerin den Vorfall erneut thematisiert. Es folgte ein Gespräch bei der Schulleitung: Er habe den Schulfrieden gestört, so der Vorwurf. Durch das entstandene Video und sein voriges Engagement im Umfeld der Internationalen Jugend sei die Aktion noch mal neu zu bewerten, habe es geheißen, letztlich wurde mit einem Verweis gedroht. Ein Unterrichtsverbot am Tag des Besuchs habe es jedoch nicht gegeben: Vielmehr hätten ihn seine Eltern an diesem Tag aus der Schule genommen.

Konkret betreffen die Vorwürfe die Humboldtschule, ein städtisches Gymnasium in Reudnitz-Thonberg. Zu dem Fall werde man keine Stellungnahme abgeben, heißt es beim Anruf im Sekretariat, die Schule verweist direkt ans Landesamt für Schule und Bildung (Lasub).

Schulamt spricht von „massiver Störung des Schulfriedens“

Die Behörde stärkt der Schulleitung den Rücken. Durch das Verbreiten von „Parolen“ per Megaphon habe der Schüler nach Ansicht der Leitung „massiv den Schulfrieden gestört“, unmittelbar die „erfolgreiche Unterrichts- und Erziehungsarbeit“ beeinträchtigt und andere Schüler am Lernen gehindert, so Lasub-Sprecherin Christiane Zichel. Entsprechend stehe es der Schule zu, über passende Ordnungsmaßnahmen zu entscheiden – dies werde derzeit schulintern geprüft. Von Sanktionen gegen weitere beteiligte Schüler sei dem Amt indes nichts bekannt.

Von einer Unterdrückung unliebsamer Meinungen könne indes keine Rede sein, betont Zichel. Vielmehr sei demokratischer Diskurs ausdrücklich erwünscht – und werde durch die Schule auch ermöglicht. „Es ging nicht um die Meinungsäußerung, sondern um die Störung des Schulfriedens“, betont sie. Auch gegen den Vorwurf, die Bundeswehr betreibe mit ihren Schulbesuchen gezielt Werbung für einen Berufseinstieg in der Armee, verwehre man sich beim Lasub.

Bundeswehrbesuche: Informieren, aber nicht werben

So existiert seit 2010 eine Kooperationsvereinbarung zwischen Schulen und Bundeswehr, auf deren Basis sogenannte Jugendoffiziere in Schulklassen über verschiedene Themen informieren. Jeder Besuch finde dabei auf Basis des „Beutelsbacher Konsens“ statt, so Zichel. Dieser schließe Nachwuchswerbung im Zuge von Unterrichtsbesuchen explizit aus. Generell sei kommerzielle Werbung in Schulen bundesweit nicht erlaubt – und zwar weder von Firmen oder Konzernen, noch von der Bundeswehr.