The Last Day Of Summer – Für Achim [Part l] Grandezza 

The last day of summer

Never felt so cold

The last day of summer

Never felt so old

The Cure

***

“Und wenn, wie Nietzsche selbst andeutete, der vollendete und als solcher begriffene Nihilismus die große Chance der Menschheit ist, ihrem tödlichen Schicksal zu entkommen, wenn also, wie Benjamin dachte, der Nihilismus zur Methode einer neuen Politik werden kann, dann lautet die Frage, die wir uns stellen müssen: “Warum wurde diese Chance nicht ergriffen, was hat uns daran gehindert, unsere Sache wirklich auf das Nichts zu gründen und darin, anstatt es zu unserem Normalzustand zu machen, einen Ausweg aus dem Schicksal des Westens zu finden?“

Giorgio Agamben – Gib uns heute unser tägliches Nichts [1]

Es gibt Wörter, die ins Deutsche zu übersetzen, ja selbst sich ihnen anzunähern, keinerlei Sinn machen würde. Man kann ihre geschichtliche Herkunft erläutern, sie mit subtextueller Bedeutung aufladen, sie förmlich kontextuell einkreisen. All dies ist ein völlig sinnloses Unterfangen. Aber wer dich einmal hat reden hören, diese Poesie einer grandiosen Intellektualität, die sich selbst genügt und nicht ihren Boten narzisstisch ins rechte Licht zu setzen versucht, wer das erleben durfte, der hat begriffen, was ‘Grandezza’ bedeutet. Du hättest alle bürgerlichen Titel ohne jegliche Anstrengung einheimsen können, sie hätten dir an jeder Uni den roten Teppich ausgerollt, du hättest sie alle an die Wand diskutieren können, all diese aufgeblasenen Dozenten, Doktoren und Professoren, deren Intellektualität purer Habitus um der Wirkung willen ist, völlig frei von eigenen Gedankengänge und Durchdringung der Wirklichkeit.

Du hast nicht davon gehalten. Du wolltest in dunklen Clubs auflegen, verrückte Musik produzieren und vor allem hast du den Dreck der Straße geliebt. Du wußtest, dass nur dort die Konfliktualität des gesellschaftlichen Antagonismus wirklich ausgetragen wird. Nun also sind es fast zwei Jahre, dass du nicht mehr bei uns bist, und ich hatte dir vor einem Jahr versprochen, dass ich dir zu deinem Todestag wieder schreiben werde und da dieser naht, hier nun der erste Brief an dich.

Wo soll ich anfangen? Man sagt in der therapeutischen Arbeit, man solle mit dem Schwierigsten anfangen, jedenfalls sagen dass die klugen Leute, und da unser Dialog der Dialog zweier Gespenster ist, genau genommen ja der Monolog eines verzweifelt Liebenden, handelt es sich bei meinen Briefen an dich ohne Zweifel um ein therapeutisches Unterfangen.

Also fangen wir mit dem Schwierigsten an. Die Aufstände, die die Epoche der letzten zwei Dekaden geprägt haben, in purer Lust an der Zerstörung des Bestehenden und in völliger Abgrenzung von der historisch gescheiterten Linken und ihrem Jakobinismus, die selbst die Begrenzungen des weltweiten Corona Ausnahmezustand aufgebrochen, ja durch diesen selbst noch angeheizt wurden (man denke nur an die explosionsartige Ausbreitung der Riots im staatskapitalistischen China, die die kompromisslose totalitäre ‘Zero-Covid’ Politik der KPCh in nur wenigen Tagen hinweg fegten), diese Aufstände sind an ihre historische Begrenzung gestoßen. Unfähig, den revolutionären Horizont jenseits ihrer selbst aufzureißen, haben sie sich in sich selbst erschöpft, oder wie französische Gefährten jüngst schrieben:

“In Zeiten, in denen die Aufstände an Schwung verlieren, befinden sich die Revolutionäre in einer Position scheinbarer Schwäche. Unsere Seite sieht sich heute mit konstituierenden Prozessen konfrontiert, die dann entstehen, wenn sich neue Möglichkeiten nur schwer abzeichnen; sie stärken die demokratische Hegemonie und verschleiern das Wesen des andauernden Krieges. Wir müssen von dieser Schwäche angesichts dessen ausgehen, was man als Konterrevolution bezeichnen muss, und die Aufstände unserer Zeit auf der Suche nach dem erforschen, was in der Verweigerung der Macht als Unbeugsames fortbesteht.”

Groupe Révolutionnaire Charlatan [2]

Da nun stehen wir. Und du hast keine Vorstellung davon, wie mir der Austausch mit dir genau dazu fehlt. Um uns herum ergehen sich fast alle in geradezu lustvollen Defätismus, die Apokalypse zeichnet nicht mehr den Untergang all unserer Hoffnungen, Sehnsüchten und Anstrengungen an die Wand, sondern wird geradezu herbei gesehnt. Sich endlich gehen lassen, den eigenen Hedonismus schamlos ausgelebt, jegliche geschichtliche Verantwortung als Bürde weit hinter sich lassend bleibt nur noch der regressive Rückzug in eine pure Konsumentenpolitik, allein oder mit der engsten Blase, die nur noch als Echokammer für die immer gleichen Glaubenssätze und die moralische Selbstbeweihräucherung dient. Und jegliche Droge soll den allgegenwärtigen Schmerz betäuben, den gesellschaftlichen wie den der verlorenen Subjekte. Nun da Gott tot ist, was ja Agamben als Ausgangspunkt für ‘Gib uns heute unser tägliches Nichts’ nimmt, kehrt der Glaube sofort durch die Hintertür wieder zurück in den gesellschaftlichen Diskurs, der einzige Unterschied ist der, dass in der religiösen Auslegung der Grundfesten der Welt die eigenen Glaubenssätze noch einem Allmächtigen als Worte in den Mund gelegt wurden, bzw. seinen Propheten, während der moderne Kollaps-Gläubige einfach seine eigene Resignation zur Ultima Ratio erklärt.

“Die Apokalypse in unserem heutigen Alltagsverständnis zeigt, dass es keine Alternative zu dieser Welt gibt; in ihr manifestiert sich lediglich das, was Kant das Ende aller Dinge nannte. Die Ordnung des zeitgenössischen apokalyptischen Diskurses sieht in der Apokalypse nichts anderes als das Ende dieser Welt, deren Alternative das Nichts ist. Es ist daher verständlich, dass eine solche Perspektive versteinert, eine wahre Lähmung des Denkens: ‘Das Ende der Welt wird zum Ende des Handelns.’“

Gianluca De Fazio [3]

Du siehst, es gibt so vieles zu denken und zu schreiben gegen die Ohnmacht und die gezielte Platzierung dieser Ohnmacht im gesellschaftlichen Denken, und dies gilt auch für große Teile des Lagers, was sich ideologisch als Antagonismus des Bestehenden begreift, aber ohne jeglichen materialistischen analytischen Zugriff auf die zugespitze weltweite Verschärfung des Klassenantagonismus durch die eigene Orientierungslosigkeit taumelt.

Im April dieses Jahres hat das deutsche Verteidigungsministerium ein militärstrategisches Dokument mit dem Titel „Verantwortung für Europa“ veröffentlicht. Die Bundeswehr soll zur stärksten konventionellen Armee Europas ausgebaut werden. In drei Phasen soll in gut 10 Jahren eine “technologische Überlegenheit” gegenüber Russland erreicht werden, oder anders ausgedrückt, die Möglichkeit der Kriegsführung Westeuropa gegen Russland ohne US-amerikanische Unterstützung. Und es ist schon sehr bezeichnend, dass man bei italienischen Genossen [4] suchen muss, um auf eine analytische Betrachtung dieser deutschen Hochrüstungspolitik, die sich in diesem Strategiepapier manifestiert, zu stoßen. Was für eine Schmach für eine deutsche Linke, zu deren Geschichte der Versuch gehört, eine “westeuropäische Front gegen den imperialistischen Krieg” aufzubauen. Was man auch immer von den konkreten Umsetzungen dieser “Frontpolitik” halten mag.

Also keine Analysen zu den gegenwärtigen Strategien unserer Gegner, keine Anstrengung wieder auf der Höhe der Zeit handlungsfähig zu werden, stattdessen den ganzen Sommer über eine Flut von Anmerkungen zu den nächsten Hitzewellen, um neue Jünger für die Kollaps-Bewegung einzuwerben, die Frage der Hochrüstungspolitik überlässt man der totgeglaubten Kampagnenlinken, die schon an der Begrenzung der klimatischen Grundbedingungen der Lebensbedingungen grandios partizipativ gescheitert ist und nun hocherfreut ihrer eingerosteten “Rheinmetall-Entwaffnen”-Kampagne neues Leben einhauchen darf.

Aber da nun stehen wir. Mit einer Niederlage im Nacken, der Last der gefallenen Genoss*innen, denen wir mindestens eine Handlung der allgemeinen Rache schulden. Auf den zweiten Blick ist unsere Position vielleicht gar nicht so aussichtslos, man muss nur eine grundsätzlich andere taktische und strategische Ausrichtung des grundlegenden Problems vornehmen. Die völlige und vorbehaltlose Anerkennung der geschichtlichen Niederlage als Ausgangspunkt aller weiteren Überlegungen. Sich nun endlich endgültig und vollständig von der Ballast der falschen Prämissen befreien.

“Die jüngsten Aufstände lehren uns, dass das Fehlen einer eigenen Sprache und eines positiven Projekts mittlerweile das größte Hindernis für revolutionäres Handeln und sogar für revolutionäres Denken darstellt. Das revolutionäre Lager muss sich diesem Widerspruch stellen, indem es den Stier bei den Hörnern packt: Einerseits muss es die Negativität benennen, die in der Gesellschaft noch immer am Werk ist; andererseits muss es revolutionäre Potenziale jenseits der Ohnmacht der Gegenwart, jenseits des Mangels an Leitmotiven, jenseits der Überholtheit der Vergangenheit und jenseits der Nostalgie nach der Arbeiterklasse und ihrer historischen Mission zum Vorschein bringen. Kurz gesagt: anzuerkennen, dass die Hypothese einer von jeglichem Fetischismus befreiten Geschichte, einer Geschichte als bewusstes Werk des Menschen, sich von ihren Ursprüngen lösen und zu einer reinen Negativität werden muss, um eines Tages in der Lage zu sein, ein positives Projekt für die Menschheit zu formulieren.”

Groupe Révolutionnaire Charlatan [5]

Doch dazu mehr in meinem nächsten Brief. Im Herbst erscheint ein neuer Text des Unsichtbaren Komitees mit dem wunderbaren und bezeichnenden Titel ‘Manuel de survie’, ich bin mir sicher, wir hätten so viel zu diskutieren. Nun aber bin ich gezwungen weiter zu monologisieren, und mir und uns allen fehlt die Schärfe deiner analytischen Klarheit so schmerzhaft. Du warst ein Geschenk. In Liebe, bis bald.

Sebastian Lotzer, Berlin Kreuzberg – 29. August 2026

Anmerkungen

[1] https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/08/27/gib-uns-heute-unser-taegliches-nichts/

[2] https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/08/08/wird-es-zu-einem-1793-kommen-kritische-kommentare-zum-chilenischen-aufstand-und-zu-den-gelbwesten/

[3]

https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/06/26/lachen-ueber-die-apokalypse/

[4]

https://bonustracks2.noblogs.org/post/2026/08/04/die-deutsche-aufruestung/

[5] siehe [2]