Als Punks und Neonazis paktierten: Die irre Geschichte des Brückenkopfs in Torgau

Anfang der 90er-Jahre teilten Punks und Neonazis in Torgau ein Problem: Sie hatten keinen Raum für sich. Aus einer kuriosen Zweckgemeinschaft und besetzten Häusern entstand schließlich der Brückenkopf. Ein Blick zurück auf wilde Anfangsjahre, Nächte ohne Strom und eine Szene, die bis heute wie eine Familie funktioniert.

Straßenschlachten, besetzte Häuser und die ständige Flucht vor dem Ordnungsamt: In den frühen 1990er-Jahren kämpfte die Torgauer Punkszene buchstäblich um ihren Platz in der Stadt. Um endlich nicht mehr auf der Straße zu landen, griffen die Rebellen zum äußersten, unpunkigsten Mittel – sie gründeten aus der Not heraus einen bürgerlichen Verein.

Was damals als reine Überlebensstrategie im alten „Brückenkopf“ begann, wuchs dank bedingungslosem Do-it-yourself-Spirit zu einer Anlaufstelle für Bands aus aller Welt heran. An diesem Samstag feiert das provisorische Zuhause von einst einen Meilenstein, den ihm damals wohl niemand zugetraut hätte: 30 Jahre Brückenkopf.

30 Jahre Brückenkopf: Punk in Torgau

„Du bist mit den Leuten in den Kindergarten und in die Schule gegangen und dann hast du angefangen, dir auf die Fresse zu hauen“, erinnert sich Mario an seine Jugend in Torgau. Anfang der 1990er-Jahre gehörten Gewalt und Auseinandersetzungen mit Neonazis zum Alltag. Einen festen Treffpunkt hatte die Torgauer Punkszene damals nicht.

„Dann gab es ein legendäres Treffen mit den städtischen Neonazis, weil die die gleiche Problematik hatten wie wir. Und es war für alle unerträglich, die Situation mit Gewalt. Wir haben dann die Flucht nach vorn angetreten, uns zusammengesetzt und alle miteinander geredet“, erzählt Mario. „Wir hatten noch diesen die „Kids are United“-Gedanken.“ Einen Tag später besetzten sie gemeinsam einen alten DDR-Jugendklub in Torgau.

Wie die Torgauer Punkszene ihren Ort fand

Mario kam Ende der 1980er-Jahre in die Punkszene und schließlich auch zum Brückenkopf, in dem ein Freund mit seiner Metal-Band probte. „Da stand ja alles leer. Und dann kam halt die Idee: Wir nisten uns hier einfach ein. Dann haben wir einfach den nächsten Raum aufgebrochen, neben diesem Proberaum, und uns da häuslich niedergelassen.“

Bis Ende 1992 ging das gut. Dann gab es wieder ein Ordnungsamt und die Punks mussten raus. Zwei Jahre lang gab es keinen festen Ort. „Dann war zwei Jahre Straße“, sagt Mario. Für eine Szene, die lieber Musik machte, schraubte, probte und zusammen herumhing, war das keine besonders attraktive Dauerlösung. „Was ich gar nicht abkonnte, war, an einer Bushaltestelle rumzulungern oder in der Innenstadt. Klischee-Scheiß“, erzählt Mario.

Vom Piratenhaus zur IG Rock in Torgau

Im sogenannten Piratenhaus fanden sie vorübergehend ein neues Zuhause. Strom und Wasser gab es dort nicht. Dafür Proberäume und bald auch Konzerte. 1996 war auch damit Schluss. Der Tag der Sachsen stand in Torgau bevor, die Szene musste raus und diesmal gab es kein neues Gebäude.

Deshalb gründeten 1996 fünf Leute die IG Rock. Nicht, weil sie unbedingt einen Verein gründen wollten, sondern weil sie einen Ort brauchten und Vereine ein Recht auf Räume haben. „Wir haben uns praktisch dazu selbst genötigt, einen Verein zu gründen“, erinnert sich Mario. Der Brückenkopf war bekannt, die Szene hatte dort schon einmal Räume gehabt und vor allem lag das Gebäude außerhalb des Stadtzentrums. „Weg vom Schuss, wo wir der Stadt nicht auf den Sack gingen und laut Musik machen konnten.“

Murmel prägte den Brückenkopf entscheidend

Einer der Gründer war Murmel, für die Torgauer Szene eine prägende Figur. Kurz vor einem Konzert am 1. September 1999, dem Punks Picnic, verunglückte er tödlich. Für den Brückenkopf war das ein schwerer Schlag. Gleichzeitig sei Murmel jemand gewesen, der Dinge möglich machte, die sich andere nicht zugetraut hätten. „Der hat viele Steine so ins Rollen gebracht, die wir uns selbst nie getraut hätten“, erinnert sich Mario. „Der konnte zwei Wörter Englisch und hat jede Band auf peinlichste Art und Weise vollgequatscht. Aber er hat es immer geschafft, eine Verbindung herzustellen“, sagt Mario.

Aus dem Brückenkopf wurde über die Jahre eine Konzertadresse, die durch Netzwerke in der Szene weit über Torgau hinaus bekannt ist. Bands aus Frankreich, Belgien, England, Amerika, Kanada, Südamerika und sogar Japan haben bereits in den Räumen gespielt. Als Punkrock-Band gibt es keine Tour im klassischen Sinne. „Das ist alles privat geregelt“, erzählt Mario. Eine Band wird von Leuten vor Ort eingeladen, die sich um die Konzerte und die Übernachtung kümmern. „Du kannst eine Woche dort Spaß haben und im Gegenzug lädst du die Leute später zu dir ein“, sagt er.

DIY-Konzerte: Bands aus aller Welt in Torgau

Der Brückenkopf lebt von einem Prinzip, das tief in der Punkkultur verwurzelt ist: Do it yourself („Mach es selbst“). Es geht darum, nicht darauf zu warten, dass jemand anderes einen Ort schafft, ein Programm aufstellt oder entscheidet, was dort passieren darf. Das gilt bis heute. Wer ein Konzert veranstaltet, kümmert sich um die Bands. Wer eine Bühne braucht, baut sie auf. Wer den Raum nutzt, übernimmt Verantwortung dafür. Technik, Einlass, Getränke, Reinigung, Reparaturen und Organisation gehören genauso dazu wie die Musik. Alles funktioniert ehrenamtlich. Das ist auch der Unterschied zum Jugendclub. „Dort bist du halt nur Gast“, sagt Mario. „Hier ist es was anderes, wenn du mit deinen eigenen Händen irgendwas erschaffst.“

In den vergangenen 30 Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen viele junge Leute nachkamen, und andere, in denen kaum jemand neu dazukam, erinnert sich Mario. „Es ist scheißegal, wie du aussiehst, solange du kein Arschloch bist“, sagt er. Menschen zogen weg, gründeten Familien oder haben Jobs. Trotzdem ist jeden Tag jemand im Brückenkopf. „Der Grundhaufen von hier ist wie eine Familie“, sagt Olli, der seit 2016 dabei ist. „Menschen, die sich hier kennengelernt haben, wissen, dass sie aufeinander zählen können.“

Jubiläumsfeier: 30 Jahre Brückenkopf

Am Samstag wird dieses Miteinander gefeiert. Ab 14 Uhr öffnen die Türen, um 15 Uhr beginnen die Konzerte. Tickets gibt es an der Abendkasse. Die Hausbands spielen diesmal bewusst nicht. Stattdessen kommen befreundete Bands von außerhalb. Darunter mit „Fliehende Stürme“ und „Garden Gang“ auch zwei seit Jahrzehnten im Punk-Underground etablierte Größen.

„Wir versuchen, humane Preise umzusetzen und einfach einen guten Abend zu haben. Ein bisschen was zu essen und zu trinken. Ein bisschen Rock’n’Roll. Ein bisschen Diashow und alte Fotos gucken“, erzählt Anti, der ebenfalls seit der Gründung dabei ist. Rund 400 Gäste werden erwartet, darunter auch viele altbekannte Gesichter. „Wir freuen uns drauf, die Leute freuen sich drauf. Und das ist das Wichtigste“, sagt Mario.

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Christian Wendt
23.02.2026

Torgau: Brand zerstört Proberaum im Brückenkopf

Ein Feuer im Torgauer Brückenkopf zerstörte am Samstag einen Proberaum. Die Feuerwehr konnte die Flammen relativ schnell eindämmen. Welche Folgen hat der Vorfall für die lokale Musikszene?

Ein Bandproberaum im Torgauer Brückenkopf ist am Samstag durch einen Brand stark beschädigt worden. Das Feuer war in den Morgenstunden ausgebrochen. „Gegen 2.40 Uhr wurden wir alarmiert“, sagt Thomas Bein. Über die Brandursache konnte Torgaus Stadtwehrleiter noch nichts mitteilen.

30 Feuerwehrleute aus Torgau, Beckwitz und Loßwig waren im Brückenkopf im Einsatz. Nach etwa eineinhalb Stunden konnte die Feuerwehr Entwarnung geben.

Nach Halle-Auftritt in Torgau Notruf gewählt

Laut Angaben von Oliver Haugk, Vorstandsmitglied der IG Rock, sind neben dem Proberaum, in dem das Feuer ausgebrochen war und sämtliche Technik vernichtet wurde, noch zwei weitere Proberäume (darüber und daneben) in Mitleidenschaft gezogen worden. Hier müsse jetzt geschaut werden, inwieweit der feine Ruß die Technik nachhaltig geschädigt habe.

Haugk hatte die Feuerwehr alarmiert, als er mit seinen Bandkollegen von „Sick Boys“ im Brückenkopf nach einem Auftritt in Halle die Konzerttechnik wieder verstauen wollte und dabei das Feuer wahrnahm.

Zweiter Einsatz wegen angebranntem Essen

Vertreter der Stadtverwaltung waren am Montagvormittag vor Ort, um sich ein erstes Bild vom Ausmaß des Brandschadens zu machen. Das erklärte Rathaussprecherin Eileen Jack. Noch könne man nicht abschätzen, wie groß der Schaden sei.

Ein zweiter Einsatz ließ die Kameraden am Sonntagmorgen gegen 2 Uhr in Richtung Spielplatzweg ausrücken. Angebranntes Essen hatte hier in einer Wohnung zu einer starken Rauchentwicklung geführt. Laut den Feuerwehrangaben waren die beiden Bewohner durch einen Rauchmelder rechtzeitig geweckt worden. Nach einem starken Querlüften konnten sie wieder zurück in ihre Wohnung.

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Silke Kasten
15.10.2025

Torgau Brückenkopf: Neue Gedenkstätte entsteht an historischer NS-Baracke

In Torgau entsteht ein neuer Gedenkort für die Opfer der NS-Militärjustiz im Brückenkopf. Er soll an die Gräuel erinnern, die Gefangene dort erlitten. Was geplant ist, was noch fehlt und wann die Eröffnung ist.

Der Torgauer Brückenkopf soll einen neuen Gedenkort bekommen. „Wir wollen an diesem Ort an die Gefangenen und das Unrecht des NS-Militärgefängnisses erinnern“, sagt Elisabeth Kohlhaas, die Leiterin des Erinnerungsortes Torgau. Im Brückenkopf wurden nicht nur unzählige Häftlinge der Wehrmacht festgehalten, sondern auch einige hingerichtet. Die Gedenkstättenchefin geht von einer „niedrigen zweistelligen Anzahl“ aus – und somit von weit weniger Hinrichtungen als im Fort Zinna.

Die Baracke im Innenhof der Defensionskaserne Brückenkopf ist nur noch teilweise erhalten. Der ruinöse nördliche Teil wurde seit Anfang September abgerissen. Stehen geblieben sind nur noch die Sockel der Grundmauern.

Erinnerung an die Hingerichteten

„Es fehlen noch die Informationstafeln und die Bänke“, erläutert Kohlhaas auf Anfrage. So soll namentlich an die sieben Inhaftierten der NS-Militärjustiz erinnert werden, die im Brückenkopf hingerichtet wurden. Dies gilt auch für sieben weitere Inhaftierte, die vom Brückenkopf aus direkt zu anderen Exekutionsorten gebracht worden waren.

So weit bekannt, soll es biografische Informationen zu den Exekutierten geben. „Es ist möglich, dass die Zahl noch höher ist“, so Kohlhaas. „Gegebenenfalls werden also noch weitere Namen ergänzt.“ Offiziell eröffnet werden soll der Gedenkort Mitte April 2026, anlässlich des Jahrestages, an dem das NS-Militärgefängnis 1945 zum Kriegsende geräumt wurde.

Waschräume und Entlausungsstation

Die Baracke wurde 1940/41 errichtet und ein Jahr darauf im Inneren umgebaut. Sie beherbergte im inzwischen abgerissenen nördlichen Teil Waschräume und eine Entlausungsstation. Im südlichen Teil befanden sich Räume für die Verwaltung (Zahlmeisterei, Schreibstuben) sowie Lebensmittelvorräte.

Finanziert wird der neue Gedenkort dank einer Zuweisung in Höhe von 150.000 Euro vom Freistaat Sachsen. Die Mittel stammen aus dem Vermögen der ehemaligen Parteien und Massenorganisationen der DDR.

Bau des Reichsarbeitsdienstes

Die besser erhaltene, südlich gelegene Hälfte der Baracke steht inzwischen unter Denkmalschutz. Was macht sie besonders? „Es handelt sich um ein Gebäude des Typs RAD-Baracke“, erläutert Eckhard Rexroth, der Dezernent für Bau und Umwelt im Landratsamt Nordsachsen.

Der RAD war der Reichsarbeitsdienst der Nationalsozialisten. Im gesamten Deutschen Reich wurden damals Baracken ähnlichen Typs gebaut, meist allerdings aus Holz – weshalb viele nicht mehr erhalten sind.

„Die Torgauer Baracke zeigt prägende Elemente der industriellen Standardisierung der RAD-Baracken“, erläutert Rexroth. Als Beispiele nennt er „den markanten Grundriss und die einfache Bauweise des Daches“. Errichtet wurde sie explizit für die Nutzung innerhalb des Wehrmachtgefängnisses, also nicht für den RAD.

Die Torgauer Baracke wurde im Gegensatz zur üblichen Holzbauweise größtenteils als Massivbau errichtet. „Der originale Baukörper samt Türen, Fenstern und Zwischenwänden aus der Zeit des Wehrmachtgefängnisses ist erhalten geblieben“, betont Rexroth. „Damit wird er als besonderes Geschichtszeugnis wahrnehmbar.“

Die Baracke könne die damaligen Räume des Militärgefängnisses sowie deren Nutzung bezeugen und direkt erlebbar machen, so der Dezernent. „Zudem prägt sie das Erscheinungsbild des ehemaligen Gefängnishofes, während der Hofbereich sonst von den älteren Bauten der Defensionskaserne gekennzeichnet ist.“ Ziel sei es, die erhaltenen Bereiche des Gebäudes künftig museal zu nutzen und als Zeitzeugnis zugänglich zu machen. Konkrete Details stünden aber noch nicht fest.

„Das Gebäude ist vor allem als Geschichtszeugnis für die Zeit des NS-Militärgefängnisses erhaltenswert“, meint auch Kohlhaas. Das Wehrmachtsgefängnis im Brückenkopf war Bestandteil der in Torgau eingerichteten Zentrale des NS-Militärstrafsystems.

Die Kaserne Brückenkopf war im Zweiten Weltkrieg neben Fort Zinna das zweite große Militärgefängnis in Torgau. Tausende Häftlinge wurden hier gedrillt, misshandelt, sie litten Hunger und mussten Zwangsarbeit leisten.

Torgau kam mit den beiden Militärgefängnissen Fort Zinna und Brückenkopf sowie mit dem Sitz des Reichskriegsgerichts eine einzigartige Bedeutung für die NS-Militärjustiz zu. Der Erinnerungsort Torgau der Stiftung Sächsische Gedenkstätten arbeitet diese Geschichte von NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg seit vielen Jahren auf.

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13.12.2019

Punk in der DDR: Geralf Pochop widmet Subkultur ein Buch

Geralf Pochop war zu DDR-Zeiten Punk. Über seine Erlebnisse berichtet der Torgauer in einem Buch. Außerdem erzählt der 55-Jährige regelmäßig in Lesungen, wie er damals ständig mit dem Staat und vor allem mit der Stasi aneinandergeriet.

Für Geralf Pochop ist es die 28. Lesung zum Thema „Punk in der DDR“. „Ich bin natürlich nicht als Punk auf die Welt gekommen“, erzählt er den Zuhörern im ehemaligen Torgauer Jugendwerkhof. „Ich war ein normaler Junge. Doch auch zu dieser Zeit sind Sachen passiert, wo man ins Grübeln kam.“

Er erinnert sich an eine Situation in seiner Schulzeit: „In der dritten Klasse, an einem Montag im Jahr 1973, lernte ich, wie das Leben mit Lügen in der DDR funktionierte. Am Sonntag davor eroberte ein kleines schwedisches Mädchen mit Superkräften und einem anarchistischen Geist die Herzen aller deutschen Kinder, die die Möglichkeit hatten, Westfernsehen zu schauen. Der Name des Mädchens: Pippi Langstrumpf.“ Es gab in der Schule kaum ein anderes Thema. Die Lehrerin fragte, was die Schüler am Wochenende gesehen haben. Alle riefen „Pippi Langstrumpf“.

„Nur die drei Stasikinder erzählten irgendwas von Pittiplatsch. Erst war Totenstille. Kurz darauf brach ein Donnerwetter vom Ausmaß eines größeren Tsunamis über uns her. Was wir uns einbilden würden, Fernsehen vom kapitalistischen, imperialistischen, kriegstreibenden Klassenfeind zu sehen, wo wir doch alle wüssten, dass in der BRD alle Kinder hungern und Pippi Langstrumpf die kapitalistischen Kinder nur darauf vorbereiten würde, unser friedliebendes, sozialistisches Heimatland DDR, das so viel für seine Kinder tut, anzugreifen.“

Das Fazit der Schüler: Nie über Westfernsehen erzählen. Und: „Irgendwas kann mit dem Sozialismus nicht stimmen, wenn ein so tolles Mädchen wie Pippi Langstrumpf ein Aggressor gegen die DDR sein soll.“ Fortan wurde auf die Frage, was denn geschaut wurde, nur noch „Pittiplatsch“ geantwortet.
Punk erobert 1977 auch realsozialistische Kinderzimmer

1977 gilt als Geburtsstunde des Punk. Punkrock kam ins Westradio und so auch in die Kinderzimmer in der DDR. Auch Geralf Pochop, der ursprünglich aus Halle stammt, konnte so seine ersten zwei Lieder von den Sex Pistols aufnehmen – und war begeistert. Es war was Verrücktes und Neues.

1982 hieß es dann, dass in der Lutherkirche Punkbands spielen. Geralf Pochop konnte es nicht glauben. Vor der Kirche saßen Jugendliche mit langen Haaren – wie immer bei solchen kirchlichen Veranstaltungen. Es sah nichts nach Punk aus. Bis er etwa ein Dutzend Jugendliche erblickte, die eindeutig zur Punk-Szene gehörten.

Im Gemeinderaum erlebte er dann sein erstes Punkkonzert. Während des Konzerts der Leipziger Band Wutanfall wurde etliche Male der Strom der Anlage gekappt und dem Sänger mehrfach das Mikrofon entrissen. Die Punks wurden aufgefordert, sich im Schneidersitz vor die Bühne zu setzen. So war es bei den Liedermacher-Abenden üblich. Alle ließen sich nach und nach auf dem Boden nieder, doch sprangen schnell wieder auf, als die Band weiterspielte. Dasselbe Spiel erneut. „Ich war der glücklichste Mensch der Welt.“

Teenager als Staatsfeinde

Mehr und mehr eroberten die Punks die Bühne. Pochop: „Der Chef der Staatssicherheit empfand ab Mitte 1983 die Punks als die Hauptbedrohung der DDR und stufte Punk als Staatsfeind Nummer eins ein. Die Punkszene bestand damals aus pubertierenden Kids zwischen 13 und 19 Jahren und die waren sehr spaßorientiert. Sie wollten fetzig aussehen und cool sein.

Die Szene war zudem extrem klein. Sie wollten Punk-Musik hören und auffallen. Sich mit dem Staat anzulegen, war nicht das Hauptziel. Es gab aber einen Befehl, mit dem Härte gegen Punk befohlen wurde. Man solle die Samthandschuhe ausziehen und mit diesen ,Figuren’ nicht zimperlich umgehen.“
Staatliche Repressionen gegen die Szene

Auch aus Geralf Pochops Bekanntenkreis verschwanden drei Personen in den Jugendwerkhof. Und das alleine wegen ihres Aussehens. Öffentliche Räume waren für Punks gesperrt. Als Punk konnte man bis zu 500 Mark Ordnungsstrafe pro Sichtung bekommen. „Das konnte natürlich keiner bezahlen. Wenn man im Monat zehnmal gesehen wurde, hatte man schon 5000 Mark Ordnungsstrafe am Hals“, so der Autor.

Auch Konzerte wurden versucht zu verhindern. „Wir wurden ständig verhört. Damals haben wir die alten Männer in ihren hässlichen Klamotten, die uns gegenübersaßen und nicht mal das Wort Punk richtig aussprechen konnten, nur belächelt. Wenn ich heute in meinen Akten lese, wer dort vor mir saß, ausgebildete Geheimdienstoffiziere, kommt mir nachträglich das Grauen.“
DDR sieht Sicherheit und Ordnung in Gefahr

Ende 1983 sollte ein nächstes Punk-Festival in der Christuskirche stattfinden. Es wurde mit allen Mitteln versucht, dies zu verhindern. Die Stasi sammelte jeden ein, der irgendwie nach „Subkultur“ aussah. Jeder wurde einzeln zum Verhör gerufen. „Mir wurde vorgeworfen, dass ich am Samstag die öffentliche Sicherheit und Ordnung der DDR gefährden wolle, weil ich plane, eine illegale Veranstaltung in der Christusgemeinde zu besuchen.

Das Verhör war mehr als Warnung gedacht. Zum Schluss gab er mir einen vorbereiteten Wisch zum Unterschreiben, in dem ich versichern sollte, dass ich am Sonnabend nicht in die Christusgemeinde gehen würde. Ich fragte, was wäre, wenn ich nicht unterschreibe?“ Die Antwort kam prompt: Vorbeugehaft bis nach der Veranstaltung. Pochop unterschrieb. „Zu unterschreiben, dass ich nicht hingehen würde, war die einzige Möglichkeit, um hingehen zu können.“

Der Samstag kam. Mit Freunden versuchte er, zum Festival zu gelangen. Doch als sie aus der Straßenbahn an der Christusgemeinde aussteigen wollten, lauerten dort Stasi-Leute und hielten die Straßenbahntüren zu. Sie kamen nicht raus. Auch an den nächsten Stationen war dies so. Es ging zum Bahnhof. Auch da war alles voller Volkspolizei, Transportpolizei und Staatssicherheitsmitarbeiter. Jeder, der aussah wie ein Punk, wurde geschnappt.

Orgel als Deckmantel

Auch mit dem Taxi dorthin zu fahren, war schwierig. Die Taxifahrer in Halle hatten den Auftrag, nicht zur Christusgemeinde zu fahren. Mit einem Trick und einer anders genannten Adresse gelang es ihnen schließlich doch noch. Alle haben sich gefreut. Doch diese Euphorie endete schnell. Denn es war niemand da. Weder Bands noch Besucher. „Es war sozusagen ein voller Erfolg der Staatssicherheit“, so der heutige Torgauer.

Später ließ man sich diesbezüglich etwas einfallen. Es wurde ein „Orgelkonzert“ veranstaltet. Keine Punks waren auf der Straße. Aber dafür ziemlich viele Bauarbeiter – an einem Samstag. Nach ein paar Orgelklängen gehörte die Bühne den Punkbands und unter den Bauarbeiterhelmen kamen die bunten Haare zum Vorschein.
Entführung durch Stasi

Die Staatssicherheit versuchte massiv, durch IM-Anwerbung in die Szene reinzukommen. „Bei mir wurde das Ende 1986 auch versucht“, erinnert sich Geralf Pochop. Neben ihm hielt ein Auto mit quietschenden Reifen. Vier Männer zerrten ihn hinein und fuhren ihn in einen Wald am Rande der Stadt. Dort musste er aussteigen. Er hatte schon viele Stasiverhöre erlebt, doch das war eine völlig neue Dimension. Er hatte Angst.

Zuerst versuchten sie, ihn im ruhigen Ton als Informanten für die Stasi anzuwerben. Als er verneinte begannen die Männer, ihm mit Haft oder dem Einzug in die NVA zu drohen, und wollten ihm auch danach das Leben weiter schwermachen.

Und obwohl er am ganzen Körper zitterte, unterschrieb er nicht. Er hoffte, nicht zusammengeschlagen zu werden. Nach einer gefühlten Ewigkeit stiegen die Männer wieder ins Auto und fuhren davon. Aus Angst vor den Männern versteckte er sich im Wald und lief erst in der Dämmerung nach Hause.

Isolationshaft nach Ausreiseantrag

Doch das war erst der Anfang. Er wurde mehrfach bedrängt und auch ein weiteres Mal in ein Geheimdienstbüro in einem Abrisshaus entführt. Als sie ihn schließlich gehen ließen, entschloss er sich, einen Ausreiseantrag zu stellen.

Somit katapultierte er sich selbst an die Spitze der verfolgungswürdigen Punks in Halle. Er sollte für sechs Monate in Haft. Mehrere Wochen verbrachte er in einer Isolationszelle, schließlich kam er in eine Zelle mit Schwerverbrechern. Mit etwas Glück überstand er diese Zeit halbwegs unversehrt.
Raus aus der DDR

Als er wieder aus dem Gefängnis kam, wollte er nach wie vor raus aus der DDR. Sein Ausreiseantrag wurde aber nicht bearbeitet. Er fragte einen Freund, der inzwischen in der BRD lebte, ob er ihm nicht ein Mädel rüberschicken könne, das ihn rausheiratet.

„Tatsächlich kam die Antje aus Braunschweig, die mich heiraten wollte“, erinnert er sich heute mit einem Lachen. Zuerst gab es ein paar „Beweisfotos“ von den „frisch Verliebten“, die in den Westen geschickt wurden, damit keiner eine Scheinehe vermutete.
Plötzlich war die Grenze offen

Doch bis zur Hochzeit kam es gar nicht, denn die letzte DDR-Wahl stand bevor. Und so kam es, dass er schließlich in einem Sonderzug in den Westen saß. „Man wollte so viele Oppositionelle wie möglich loswerden, damit die Wahl nicht gestört wurde. Damit wir nicht beweisen konnten, dass ihre Wahl gefälscht wurde. Diese krasse Grenze, an der Leute erschossen wurden, war plötzlich ganz leicht zu überwinden. Und dann war ich im Westen!“

Für Geralf Pochop war dies alles eine sehr aufregende Zeit mit vielen schönen, aber auch angsteinflößenden Erinnerungen. Die Besucher der Lesung – eine Gemeinschaftsveranstaltung vom Dokumentations- und Informationszentrum und von der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau – waren begeistert und kamen auch im Anschluss mit ihm ins Gespräch.

Geralf Pochops Buch „Untergrund war Strategie. Punk in der DDR: Zwischen Rebellion und Repression“ erschien im Hirnkost Verlag (ISBN: 978-3-945398-83-8) sowie in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung.

Von Kristin Engel