Gefangen in der alten Wohnung: Ein Umzug wäre für die meisten Leipziger zu teuer

In Leipzig ziehen viele Menschen auch dann nicht um, wenn sich ihre Lebenssituation stark verändert. Der Grund sind hohe Mieten bei immer weniger freien Wohnungen. Sie kosten heute oft über 50 Prozent mehr als 2022, warnt eine neue Studie der Stadt.

Wer mit offenen Augen durch Leipzig geht, sieht immer öfter Zettel mit Wohnungsgesuchen an Laternen oder Haustüren. Zum Beispiel bietet derzeit eine „verbeamtete Lehrerin mit sechsjährigem Sohn“ 1000 Euro Finderlohn für eine bezahlbare Wohnung in der Südvorstadt.

Ein paar Schritte weiter hängen gleich mehrere Aushänge an einem Spätverkauf. „Zuhause gesucht! Wir – eine Mama mit zwei wundervollen Kindern – suchen eine Drei-Raum-Wohnung im Leipziger Süden oder Markkleeberger Norden“, heißt es da. „Wir sind zuverlässig, ordentlich und wünschen uns einfach einen Ort, an dem wir als kleine Familie weiter ankommen dürfen.“

Fläche folgt nicht mehr der Lebenssituation

Doch der Wunsch nach einem passenden Zuhause bleibt in der größten Metropole Ostdeutschlands (nach Berlin) immer öfter ein Wunschtraum. Das geht aus einer umfassenden Studie hervor, die das Statistikamt im Rathaus soeben veröffentlicht hat. Sehr klar werden dort Ursachen des Problems benannt.

Autor Martin Waschipky warnt unter anderem: „Steigende Mieten und ein rückläufiges Angebot führen dazu, dass ein Wohnungswechsel für viele Haushalte nicht mehr mit einer Verbesserung der Wohnsituation einhergeht, sondern häufig mit erheblichen Mehrkosten verbunden ist. In der Folge verliert der Wohnungsmarkt eine zentrale Funktion: die Möglichkeit, Wohnraum flexibel an veränderte Lebenssituationen anzupassen.“

Entwicklung der Kaltmieten in Leipzig

Das untersetzt er mit statistischen Daten. Demnach lagen die Bestandsmieten bei den laufenden Mietverträgen letztmalig im Jahr 2014 gleichauf mit den Preisangeboten für freie Wohnungen – bei 5,38 Euro kalt pro Quadratmeter. Im Jahr 2020 betrug der Kostenunterschied bei einem Umzug stadtweit schon 90 Cent pro Quadratmeter: Damals lagen die Bestandsmieten bei 6,20 Euro kalt und die Angebote für freie Quartiere bei 7,10 Euro kalt pro Quadratmeter.

Die Schere ging jedoch immer weiter auf. Im vergangenen Jahr betrug der Unterschied schon 2,68 Euro pro Quadratmeter. Nun lagen die Bestandsmieten in Leipzig bei durchschnittlich 7,32 Euro kalt, hingegen die Angebote für Umzugswillige bei 10 Euro kalt pro Quadratmeter. Eine Verteuerung in dieser Größenordnung könnten sich immer mehr Haushalte schlicht nicht leisten, schreibt Waschipky. Und bringt Rechenbeispiele für typische Haushaltsgrößen.

935 Euro Kaltmiete für Paare noch leistbar

Ein Single, der im Jahr 2022 auf 50 Quadratmetern lebte, bezahlt für diese Wohnung heute etwa 320 Euro Kaltmiete. Wenn er eine gleich große Wohnung heute frisch anmietet, wären es 500 Euro, also mehr als die Hälfte obendrauf. Bei solchen Spannen ziehen immer weniger Menschen um. Die Wissenschaft nennt das Lock-in-Effekt, was übersetzt „einsperren“ bedeutet.

Noch stärker bemerkbar macht sich der wachsende Abstand zwischen Angebots- und Bestandsmieten bei größeren Haushalten. Für eine vierköpfige Familie mit 90 Quadratmetern steigt die Kaltmiete bei einem Umzug in Leipzig von im Mittel 576 Euro im Jahr 2022 auf derzeit 900 Euro. Das sind 324 Euro zusätzlich – jeden Monat. Und ebenfalls mehr als die Hälfte obendrauf.

Natürlich weichen die realen Werte je nach Lage, Baualter und Ausstattung ab, betont der Autor. Doch zweifelsfrei würden immer mehr Leute auf einen Umzug aus Kostengründen verzichten – auch wenn sich die Lebenssituation ändert, weil Kinder dazukommen oder ein Partner stirbt oder sich trennt.

Als leistbar und angemessen für einen Single-Haushalt (mittleres Nettoeinkommen 1939 Euro) gilt in Leipzig derzeit eine Kaltmiete von maximal 582 Euro. Für einen Zwei-Personen-Haushalt (3118 Euro Nettoeinkommen) sind es maximal 935 Euro. Bei drei Personen (3837 Euro Nettoeinkommen) wäre eine Kaltmiete von bis zu 1151 Euro nach Ansicht der Fachleute noch angemessen und leistbar. Bei vier Personen (5002 Euro Nettoeinkommen) wächst der Rahmen auf bis zu 1501 Euro Kaltmiete.

Wenig Chancen für kinderreiche Familien

Gemessen an dieser Elle kommt derzeit nur noch für 67 Prozent der Leipziger Zweipersonenhaushalte ein Umzug finanziell infrage – obwohl es im Stadtgebiet historisch bedingt besonders viele Zwei- und Dreiraumwohnungen gibt. Für Dreipersonenhaushalte sinkt der Anteil derer, die sich den Umzug leisten könnten, auf 29 Prozent, so die Statistik.

Bei den Vierpersonenhaushalten sei lediglich für 8 Prozent ein Umzug wirtschaftlich leistbar. Für Haushalte mit fünf Personen betrifft es nur noch unter 1 Prozent. Mit anderen Worten: Gerade für Familien mit mehreren Kindern oder Mehrgenerationenhaushalte fehlt das bezahlbare Angebot fast völlig.

Praktiker wie Timo Pinder führen das Problem aber nicht nur auf steigende Kaltmieten zurück. „Die Heiz- und Betriebskosten sind in den letzten Jahren stärker gestiegen als die Kaltmieten“, erinnert der Chef von Pisa-Immobilien, dem größten Vermittler von Mietwohnungen in Leipzig. Auch das spiele eine Rolle.

Außerdem dürfe die Zunahme der Wohnkosten nicht losgelöst von den seit einigen Jahren deutlich steigenden Einkommen in Leipzig gesehen werden. „Bei unseren Gesprächen mit Suchenden merken wir oft, dass das Hauptproblem weniger der Preis ist, sondern das fehlende Angebot“, sagt Pinder. In stark nachgefragten Vierteln fehle das Angebot nicht selten komplett.

Zahl der jährlichen Inserate mehr als halbiert

Das bestätigen die Daten der Rathaus-Statistiker. Seit 2015 habe sich das Angebot an freien Wohnungen mehr als halbiert: „Allein im Vergleich zu 2022 ergibt sich ein Rückgang von rund 14.800 auf 9700 Inserate pro Jahr.“ Zwar würden im Stadtgebiet seit 2015 wieder mehr Wohnungen gebaut, doch das reiche bei Weitem nicht, um die Zunahme der Einwohnerzahlen aufzufangen.

„Wir wohnen schon in der Südvorstadt und möchten so gerne bleiben!“ Etliche Zettel mit dieser Botschaft von vier jungen Frauen hängen seit Wochen im Leipziger Süden aus. Offenbar handelt es sich um eine WG, die ihre bisherige Unterkunft verlassen muss. Um für ihre Bitte mehr Aufmerksamkeit zu finden, haben sich die vier Frauen selbst gezeichnet.

Die Rettung wäre eine Unterkunft mit mindestens vier Zimmern, schreiben sie – und natürlich möglichst bezahlbar. Doch wer so eine Wohnung in Leipzig hat, zieht nur im äußersten Notfall aus. Die Zettel mit den Hilfsgesuchen dürften eher mehr als weniger werden, sagt die Statistik.