Kulturmeile Boulevard Heine wächst – Millionenprojekt: Schaubühne Lindenfels baut neues Probenhaus am Felsenkeller in Leipzig
Der moderne Fünfgeschosser soll nicht nur vier Probenräume bieten. Auch ein kleiner Saal, Depots, Werkstatt, Wohnbereiche für Residenzkünstlerinnen und ein Geschichtskabinett gehören zum Konzept für die Karl-Heine-Straße 30. Es ist ein besonderer Ort.
Die Schaubühne Lindenfels bekommt einen Neubau für Probenarbeit, Workshops und künstlerische Residenzen. Das passiert nicht irgendwann und irgendwo. Vielmehr sollen vorbereitende Arbeiten noch 2026 beginnen, teilte das Theaterhaus im Leipziger Westen am Freitagabend mit.
Für das dringend benötigte Probenhaus fehlte lange ein passendes Grundstück. Schon vor sechs Jahren bemühten sich die Theaterleute um eine Baulücke gleich neben der Schaubühne: Sie bildet heute den Parkplatz vom frisch sanierten Josephkonsum.
Grundstück mit Erbpacht-Vertrag
Als schließlich klar war, dass es nebenan nicht klappt, begann die Suche im größeren Radius, berichtete am Freitagabend der künstlerische Leiter René Reinhardt. „Wir stellen das Projekt erstmals öffentlich vor, weil seit Kurzem sowohl das Grundstück als auch die Finanzierung gesichert sind. Es ist wunderbar für uns Glückliche, dass wir diesen dringenden Raumbedarf jetzt klären können.“
Der Bauplatz befindet sich genau gegenüber vom Felsenkeller und gehört dem städtischen Wohnungsunternehmen LWB. Die Schaubühne hat das Grundstück für 99 Jahre als Erbbaurecht übernommen. „Wir erhalten dadurch regelmäßig eine Pacht und können zugleich die Kultur in Leipzig unterstützen“, sagte LWB-Sprecherin Samira Sachse.
Die Fläche in der Karl-Heine-Straße 30/Ecke Zschochersche Straße hat eine besondere Geschichte. Einst stand dort ein prachtvolles, aber ruiniertes Gründerzeithaus. Weil angeblich ein Einsturz durch Erschütterungen von Straßenbahnen drohte, ließ es die LWB im Oktober 2004 abreißen. Der viel kritisierte Vorgang führte zur Gründung des „Leipziger Stadtforums“, das sich seither für den Erhalt historischer Bauten einsetzte.
Einer, der damals erfolglos gegen den Abriss protestierte, war René Reinhardt. Er konnte zumindest mit der damaligen LWB-Leitung aushandeln, dass die Brache mit wichtigen Elementen und Sandsteinblöcken des Abrisshauses gestaltet wird – das geschah tatsächlich recht zeitnah.
Memorial zum 18. April 1945
2020 schuf die Schaubühne Lindenfels auf der Abrissfläche außerdem ein künstlerisches Memorial. Es erinnert an den 18. April 1945. An diesem Tag hatten zwei jugendliche Volkssturmkämpfer einen amerikanischen Panzer genau vor dem Eckhaus per Panzerfaust beschossen. Fünf US-Soldaten starben so für die Befreiung Leipzigs. Auch die beiden Angreifer überlebten die sinnlose Tat nicht.
Auf eben diesem besonderen Grundstück wird nun die Schaubühne Lindenfels ihren „SchauBau“ errichten, sagte Reinhardt. Geplant sei ein in Sachen Umweltschutz vorbildlicher Fünfgeschosser, der fast komplett mit erneuerbaren Energien auskommt. Dafür stünden unter anderem Erdwärme, Photovoltaik, recycelte Klinker und Holzelemente.
Auch ein bewegliches, künstlerisches Element auf dem Dach ist vorgesehen. Es soll Strom erzeugen und diesen Vorgang weithin sichtbar machen. In einem Modell wurden als Platzhalter kleine Windmühlen eingesetzt, doch die konkrete Form sei noch offen. Reinhardt sagte dazu salomonisch: „Es gibt noch viele Dinge, an die Menschen noch nicht glauben.“
Der Neubau wird die Form des früheren Gründerzeithauses aufnehmen, aber nicht historisierend nachbilden, erläuterte Architekt Falk Saalbach vom Leipziger Büro RKW Architektur +. „Es wird ein selbstbewusster Kulturbau. Er bildet gemeinsam mit dem Felsenkeller ein städtebauliches Tor an der Kulturmeile Boulevard Heine.“
Holzfuge und ein großer Garten
Den Abstand und Übergang zum benachbarten Erich-Zeigner-Haus in der Zschocherschen Straße bilden eine flache Fuge aus Holz (mit Raum für eine Werkstatt), begrünte Fassaden sowie ein großer Garten. Die erhaltenen Sandsteine bleiben in dem Garten. Alte Ornamente und das Memorial werden in die neue Fassade integriert: Dazu kommt nahe der Kreuzung ein öffentlich zugängliches Geschichtskabinett, das an den Wandel des Ortes erinnert.
Der 6,6 Millionen Euro teure Neubau löse für die Schaubühne den seit Jahren drängenden Platzmangel, erklärte Reinhardt. Geplant seien auf 600 Quadratmetern Proben-, Arbeits- und Aufenthaltsräume, die es im bisherigen Theaterhaus kaum gibt.
Der „SchauBau“ werde kein zweiter Veranstaltungsort. Dennoch soll ein zweistöckiger Quartiersraum unter anderem Workshops, Treffen und kleine Aufführungen ermöglichen. Hinzu kommen Depots, Werkstatt, Archiv sowie ein gemeinschaftlicher Wohnbereich für internationale Residenzkünstlerinnen und Künstler, die wenige Wochen oder einige Monate in Leipzig arbeiten.
Ziel ist die Eröffnung 2029. Finanziert wird das Bauwerk im Wesentlichen aus Fördermitteln von Bund und Land mit jeweils rund 2,5 Millionen Euro. Die Stadt steuert 800.000 Euro für die Planungskosten bei. „Vor wenigen Tagen durften wir zu Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nach Berlin fahren, der uns mit vielen Grüßen nach Leipzig den Fördermittelbescheid übergab.“
Fördergeld für Kultur gesichert
Außer dem CDU-Minister hatten auch andere Politiker wesentlichen Anteil, dass die Leipziger Kulturszene nun erstmals einen Teil jener 21 Millionen Euro Fördermittel nutzen kann, die vor langer Zeit für ein Filmkunsthaus auf dem Leipziger Feinkost-Areal vorgesehen waren.
Bund und Freistaat wollten diesen Betrag jeweils zur Hälfte finanzieren, Leipzig die Planungskosten von über zwei Millionen Euro tragen. Weil das Projekt auf der Feinkost scheiterte, wurde die Summe für das Filmkunsthaus verkleinert – dafür kamen andere Projekte hinzu wie ein Haus der Festivals im früheren Skala-Theater an der Gottschedstraße.
Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke), Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) sowie die Landtagsabgeordnete Claudia Maicher (Grüne) standen nun in der ersten Reihe der Politiker, bei denen sich die Schaubühne-Leute für ihren Einsatz bedankten. Sie alle wiesen darauf hin, dass es wichtig sei, auch in Zeiten sehr knapper Kassen Neues zu beginnen.
Rings um den Leipziger Felsenkeller entwickle sich eine fantastische Kulturlandschaft. Die Plagwitzer Stadtteilbibliothek und das Erich-Zeigner-Haus sind bereits saniert. Noch 2026 wird der alte Gewölbekeller in der Zschochersche Straße 12 wieder nutzbar – früher als Studentenklub „Victor Jara“ bekannt. Bald kommt der moderne „SchauBau“ dazu.