Wenn Selbstoptimierung zur Sucht wird: Leipzigerinnen Maria und Anabel Glocker berichten
Die Leipziger Zwillingsschwestern Maria und Anabel Glocker wollten ihren Körper optimieren. Daraus entwickelte sich eine Essstörung. Der einst geliebte Sport wurde zum Zwang. Der LVZ erzählen sie von ihrem gemeinsamen Weg der Selbstoptimierung und der Probleme, die sie mit sich brachte.
4.30 Uhr. Während die meisten Menschen noch schlafen, begann für die beiden Leipzigerinnen Maria und Anabel Glocker der Tag. Nicht aus einem äußeren Zwang, sondern aus einem inneren Anspruch heraus: besser werden, disziplinierter sein, den eigenen Körper optimieren. Zwei Stunden Training auf nüchternen Magen, jeder Schritt wurde gezählt, jede Kalorie kontrolliert. Was nach viel Ehrgeiz und Disziplin klingt, war für die Zwillinge über Monate Alltag – und schließlich eine Belastung.
Selbstoptimierung gilt oft als Schlüssel zum Erfolg, zur Gesundheit und zur Attraktivität. Moderne Trainingspläne, Fitness-Apps und Ernährungstracking versprechen Kontrolle über den eigenen Körper wie nie zuvor. Doch wann kippt der Wunsch nach Verbesserung in Zwang? Und wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Disziplin und einem Leben, das sich nur noch um Zahlen, Leistung und Verzicht dreht?
Tracken, Verzichten, Kontrollieren
„Hätten wir gewusst, was das in uns auslöst, hätten wir nie damit angefangen“, sagt Maria rückblickend. Sie und Anabel waren schon immer sportlich, schlank und seit ihrer Kindheit in Vereinen aktiv. Von Schwimmen über Reiten bis Handball, dazu zwölf Jahre Akrobatik. Als sie in der Jugend mit Fitness begannen, wurde dieser Sport schnell Teil eines konsequenten Selbstoptimierungsprojekts.
„Wir wollten unseren Körper gezielt verändern. Dafür haben wir unsere Ernährung getrackt, um schneller ans Ziel zu kommen“, sagt die heute 23-jährige Maria. Denn trotz des vielen Sports waren sie nie zufrieden. In der intensivsten Phase trainierten sie sieben bis acht Mal pro Woche, wogen ihr Essen ab und kontrollierten jeden Schritt.
Mit Beginn ihrer Ausbildungen zu Justizfachwirtinnen 2019 in Leipzig strukturierte sich ihr Alltag vollständig um dieses Ziel herum. Der Tag begann für die Zwillinge zwischen 4.30 Uhr und 5 Uhr. Zwei Stunden Training auf nüchternen Magen waren gesetzt, „sonst war es kein gutes Training“, erinnert sich Maria. Danach ging es zu Fuß zur Arbeit, um weitere Schritte zu sammeln. Ernährung wurde zur reinen Funktion: Proteinpulver mit Wasser zum Frühstück, mittags einen Salat und einen Apfel. Keine Fette, nur Proteine und kaum Kohlenhydrate. „Wir dachten, wir haben keine Essstörung, sondern dachten, es wäre bewusstes Essen“, erzählt Anabel. Und dann sind sie nach der Arbeit manchmal erneut ins Fitnessstudio gegangen.
Selbst an trainingsfreien Tagen bestimmten Zahlen den Alltag. Mindestens 10.000 Schritte waren Pflicht. „Wenn wir abends noch nicht genügend Schritte hatten, sind wir im Kreis gelaufen oder Treppen gestiegen. Das war krank“, sagt Maria heute. Auch das Training selbst unterlag Kontrolle: Dauer, Kalorienverbrauch, alles wurde gemessen. Schlaf war ebenfalls Teil der Optimierung – acht Stunden, strikt eingehalten. Über anderthalb Jahre funktionierte ihr Leben nach diesem System. „Wir leben ja in einer Leistungsgesellschaft. Alles, was Disziplin erfordert, dafür wird man gelobt und bekommt Anerkennung. `Ihr seht so definiert aus, so gut aus` – das hat angespornt“, erinnert sich Maria.
Wendepunkt: Periode bleibt aus
Anfang 2020 blieb dann die Periode der beiden Leipzigerinnen aus. Zunächst haben sie sich darüber gefreut, haben es nicht als Warnsignal ihres Körpers betrachtet. Nach eineinhalb Jahren haben sie schließlich auf ihren Social-Media-Kanälen von dem Wegfall ihrer Periode erzählt. Erst durch Rückmeldungen aus ihrer Community begann ein Umdenken. „Wir wussten, wir müssen was verändern. Aber wenn man in der Essstörung und in der Sportsucht ist, ist es schwierig, daran etwas zu verändern – deshalb haben wir erstmal weitergemacht“, sagt Maria.
Der Wendepunkt kam durch den Austausch mit einem Fitness-Influencer, der ihnen riet, mehr zu essen und weniger zu trainieren. Sie begannen, ihr Verhalten schrittweise anzupassen. „Wir haben wieder mehr Lebensqualität gehabt, weil wir mehr Energie hatten. In einer Unterernährung ist alles anstrengend. Dadurch gingen dann auch langsam die Essstörungsgedanken zurück. Man heilt dann auch innerlich“, sagt Maria.
„Wir haben damals gegen unseren Körper gearbeitet. Wir dachten, das wäre normal und dass es sich so anfühlen muss. Erst im Nachhinein haben wir gemerkt, wie kraftlos wir waren, wie schwach und träge“, ergänzt Anabel.
Auch falsche Annahmen, die sie aus sozialen Medien übernommen hatten, mussten sie hinterfragen. Strikte Regeln wie spätes Essen, der Verzicht auf Fette oder die Angst vor Kohlenhydraten. „Unsere Selbstoptimierung bestand aus einem Mix aus viel Training, großem Kaloriendefizit und viel falschem Wissen“, sagt Anabel.
Besonders schwierig sei es gewesen, den Sport zu reduzieren. „Sport gibt einem auch Glücksgefühle. Gleichzeitig hatten wir Angst, weniger essen zu dürfen, wenn wir weniger trainieren“, ergänzt ihre Zwillingsschwester.
Expertin über Grenze der Selbstoptimierung
Sportpsychologin Dr. Nadja Walter von der Universität Leipzig forscht sowohl zu den psychologischen Aspekten des Sporttreibens, als auch zu Ernährung und mentaler Gesundheit im Leistungssport. Selbstoptimierung im Sport beschreibt sie als Strategien der Selbstregulation, also als Versuch, gesetzte Ziele konsequent zu verfolgen. Trainingspläne, Disziplin und Kontrolle seien dabei zunächst nichts Negatives. Das Tracken von Daten könne hilfreich sein, solange sie der Orientierung dienen.
Problematisch werde es, wenn sich dieses Verhältnis umkehre: „Die Grenze ist erreicht, wenn nicht mehr die Person ihr Verhalten steuert, sondern das Verhalten die Person“, erklärt Walter. Dann könne exzessives Training Züge einer Sportsucht annehmen. Diese sei zwar selten, gehe aber mit hohem Leidensdruck einher. Etwa eine von 10.000 Sportlerinnen und Sportlern leide unter einer Sportsucht.
Betroffene könnten nicht einfach mit dem Sporttreiben aufhören, selbst dann nicht, wenn gesundheitliche Gründe dagegensprechen. Kritisch wird es aber auch schon davor, wenn das eigene Körpergefühl in den Hintergrund tritt. „Wenn ich trainiere, weil die Uhr es sagt, nicht weil es sich gut anfühlt, verliere ich die Verbindung zu mir selbst“, so Walter.
Ein zusätzlicher Faktor ist der Einfluss sozialer Medien. Permanente Bilder von durchtrainierten Körpern können den eigenen Anspruch erhöhen und das Selbstwertgefühl unter Druck setzen. Warnsignale für eine Sportsucht sind laut Walter unter anderem zwanghafte Gedanken („Ich muss trainieren“), das Ignorieren von Schmerzen oder Unruhe und Stimmungsschwankungen bei Trainingspausen.
Auch soziale Kontakte leiden oft: Verabredungen werden abgesagt, wenn sie nicht mit dem Trainingsplan vereinbar sind. Walter rät Menschen, die sich unsicher sind, ob ihr Verhalten noch gesund ist, sich Hilfe von Experten zu holen.
Reflexion danach – Zusammen rein und zusammen raus
Maria und Anabel haben es fast ohne externe Hilfe aus ihrer Essstörung herausgeschafft. Ein entscheidender Faktor war die gegenseitige Unterstützung. „Alleine hätten wir das niemals geschafft.
Allein ist es schwer drauszukommen, fast unmöglich. Wir haben zusammen keinen Sport gemacht und uns zusammen den Angstlebensmitteln gestellt“, erinnert sich Maria. Heute sind sie überzeugt: „Es gibt keine guten oder schlechten Lebensmittel“, sagt Maria. Entscheidend sei neben einer ausgewogenen Ernährung, sich nichts zu verbieten und keinen mentalen Druck aufzubauen.
Auch zum Sport haben sie heute einen anderen Zugang. Training ist für sie kein Mittel zur Selbstoptimierung mehr, sondern Teil ihres Wohlbefindens. „Für mich ist gutes Training, wenn es Spaß macht“, sagt Maria. Rückblickend beschreiben sie ihre damalige Sporthochphase als Zustand permanenter Unzufriedenheit. „Wir waren so definiert wie nie, aber nie zufrieden“, sagt Maria.
Damit ziehen sie eine klare Grenze: Solange ihnen Sport Spaß bereitet und Raum für Flexibilität lässt, bleibt er gesund. „Ich freue mich, wenn ich einen neuen Skill, wie neuen Handstand oder einen Klimmzug mehr schaffe“, sagt Maria. Sobald der Sport jedoch zum Zwang wird, soziale Kontakte verdrängt und das eigene Wohlbefinden bestimmt, kippt Selbstoptimierung ins Gegenteil. „Wenn man daraus ist, sieht man erstmal, was das Leben so bietet. Die Welt ist nicht mehr grau, sondern bunt“, sagt Maria.