RE: ein myzel-faden. Danke für die netten Worte…
Die Myzelium-Tagung war ein Wissenschaftskongress. Daran ändert sich auch nichts dadurch, dass Initiator*innen auf der Website schreiben: „Wir veranstalten keine Wissenschaftskonferenz, beziehen uns aber auf wissenschaftliche Debatten, Erkenntnisse und Formate.“
Dass Akademiker*innen oder Menschen, die es werden wollen, miteinander über Anarchismus in der Sprache sprechen, die sie in der Uni gelernt haben, ist offensichtlich genauso legitim wie jedes andere Gespräch, das in einer anderen Sprache geführt wird. Dabei hätte es auch bleiben können, wenn im Nachgang der Myzelium-Tagung nicht doch noch ein paar Sticheleien darüber verteilt worden wären, dass „die meisten bornierten Leipziger Szene-Linken fehlten – was uns aufgrund ihrer Selbstbezüglichkeit nicht überraschte.“
Richtig cool wenn Leute sich zusammentun und eine Veranstaltung organisieren, um gemeinsam mit Anderen über anarchistische Themen oder aus anarchistischer Perspektiven über Sachen zu reden. Nervig wird es erst, wenn aus allem was diese Veranstaltung umgibt ein Anspruch von Allgemeingültigkeit abgeleitet wird.
Es ist wichtig und empowernd über Dinge nachzudenken und zu sprechen, die in unserem Alltag aus Lohn- und Care-Arbeit, Existenz- und Zukunftsangst, gegenseitiger Hilfe und eigenem klar kommen, häufig keinen Platz mehr haben. Nur wenn wir das Hamsterrad der ständigen Scheiße genauer angucken, können wir individuell und gemeinschaftlich daraus ausbrechen.
Für manche Menschen ist das aber schwieriger als für andere.
Einige müssen mehr lohnarbeiten und entwürdigenderen Tätigkeiten nachgehen als Andere.
(Oft unsichtbare) Care- und Reproduktionsarbeit ist für Einige gezwungenermaßen Alltag, für Andere „Aktivismus“.
Für viele hängt unter finanzieller Unsicherheit kein Sicherheitsnetz.
Je mehr ich mich im Alltag damit beschäftige, dass ich und die Menschen für die ich sorge, alles haben was sie brauchen, desto dringender ist es für mich, dass meine „theoretischen Überlegungen“ einen direkten Bezug zu meiner alltäglichen Lebensrealität haben. Das ist nicht romantisch gemeint. Alle Dinge, die trotz des Alltags Platz haben können sind schön und es ist furchtbar, dass so vieles „nützlich“ sein muss.
Wenn der Alltag voll ist, mehr aus Zwang heraus als selbstgewählt, wird _anders_ über „Theorie“ gesprochen als in der Sprache der universitären Wissenschaft. Diese _andere_ Art darüber zu sprechen ist deshalb nicht besser. Viele Sprachen bilden viele verschiedene Realitäten ab.
Ihr habt einen großen Wissenschaftskongress auf die Beine gestellt, zu dem offensichtlich eine ganze Menge Menschen gerne gekommen sind. Es gab ein paar Vorträge zu super spannenden Themen, aus denen die Teilnehmenden auf dem Kongress hoffentlich einiges für ihren eigenen Alltag oder ihre Hobbys mitnehmen konnten. Die Leute, die ihr angesprochen habt, sind gekommen. Kein Grund also darüber zu pöbeln, dass andere Menschen, die ihr auch gerne da gehabt hättet, nicht gekommen sind.
Für einige Menschen ist das was ihr „Selbstbezüglichkeit“ nennt, nichts anderes als sich alltäglich den Herausforderungen eines Alltags zu stellen, der auch daraus besteht, euch eure online bestellten Bücher zuzustellen.
Antwort auf: Geschichte ohne Gesetze Ⓐ selber machen!