Geschichte ohne Gesetze Ⓐ selber machen!

Das monumentale Bronze-Fresco der ehemaligen Karl-Marx-Universität wurde verständlicherweise nach 1990 vom Hauptgebäude der Leipziger Uni abgebaut. Sich ganz der Geschichte entledigen konnte man aber doch nicht und so fand es seinen Platz auf dem Campus der Sport- und Erziehungswissenschaften an der Jahnallee. Was für ein massives Gerät!, dachten wir bereits Monate vor der Durchführung der Tagung, als wir die Räume dort beantragt hatten. Und so war es naheliegend, dass es uns als Kulisse für das Gruppenfoto der Tagung diente. Ja, es waren mehr Leute auf der Tagung als die im Bild – und ja, wenige anarchistische Personen haben Lust auf Gruppenfotos. Das ist okay. Aber es ist auch okay, mal etwas festzuhalten – für die eigenen Geschichtsschreibung…

Der Slogan „Geschichte ohne Gesetze Ⓐ selber machen!“ war nicht zufällig gewählt. Vielmehr ergab er sich aus Anschauung des bronzenen Kunstobjekts. Marx erhält seine Bedeutung als Denker nicht zuletzt als Geschichtsphilosoph. Im Aufsatz „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ von 1852 schreibt er die berühmten Zeilen:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.“

Wunderlich ist, das die altehrwürdige Verkleidung und erborgte Sprache heute zum wiederholten Mal von autoritären Neoleninist*innen verwendet wird, um ihre aus der Zeit gefallenen Parolen zu dreschen, sich als kommunistische Opposition zu inszenieren und dabei den Werken radikaler Sozialist*innen einen Bärendienst zu tun. Oder stehen sie doch in deren Tradition und verhalten sich lediglich dogmatisch-renitent im starrsinnigen Beharren darauf, das eine Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung doch möglich sein sollte? Eine Gesellschaft in der Menschen ihre Geschichten selber schreiben? Das sie dies unter vorgefundenen Bedingungen tun, die es daher genau zu analysieren und strategisch zu diskutieren gilt, versteht sich dabei eigentlich von selbst. Wobei sich einige Anarchist*innen in ihrem Idealismus von dieser Einsicht auch eine Scheibe abschneiden könnten…

Wie auch immer, auf dem Campus Jahnallee fand die Tagung zu anarchistischen Studien statt. Dort waren wir und schrieben dieses winzig kleine Stück Geschichte, indem wir drei Tage zusammenkamen, diskutierten, uns bildeten, begegneten und vernetzten. Die meisten bornierten Leipziger Szene-Linken fehlten – was uns aufgrund ihrer Selbstbezüglichkeit nicht überraschte. Weit wichtiger war uns, dass um die 200 Leute aus verschiedenen Städten der BRD zusammenkamen und sich austauschen konnten…

Das klobige Fresco im Hintergrund wirkt vor diesem Hintergrund doch sehr starrsinnig und unflexibel. Fast ist es, als müsste man Mitleid mit den großen Denkern wie Marx haben – aber auch mit dem Proletariat, welches durch die sozialistischen Staaten weltweit – und vor Ort – eben nicht befreit wurde und seine eigene Geschichte schreiben konnte. Es schrieb Parteigeschichte mit Parteibüchern und Parteibeschlüssen und Parteilebensformen. Eine Geschichte, in der Anarchist*innen ausradiert oder als Irre dargestellt wurden.

Dabei schrieb Marx – wie schon Johann Most sarkastisch bemerkte – doch selbst viel ab. Zum Beispiel von Adam Smith und David Ricardo, was seine Werttheorie anging. Und bekanntlich entfaltete Karl seine eigene Theorie in Auseinandersetzung mit dem weithin bekannten Autodidakten Pierre-Joseph Proudhon (den er später verhöhnte), mit dem Eigenbrötler Max Stirner (dem er eine hundertseitige Polemik widmete, die er jedoch vorsichtshalber nie veröffentlichte) und mit dem Sozialrevolutionär Michail Bakunin (der aufgrund seiner Tätigkeiten und Knastaufenthalte kein großer Autor war, aber von Marx wohl aufgrund seiner Netzwerkerei gehasst wurde). Bis heute wird Marx von linken Intellektuellen als Riese dargestellt, auf dessen Schultern wir – andächtig – stehen müssten. Doch täten wir Marx‘ Theorie damit wirklich recht?

„Geschichte ohne Gesetze Ⓐ selber machen!“ hat eine dreifache Bedeutung. In Zeiten der Beliebigkeit und des gleichermaßen zunehmenden Irrationalismus und von fundamentalistischen Denkweisen ist dies möglicherweise noch mal herauszustellen. Erstens: Selbstverständlich lässt sich Geschichte nur selbst machen, wenn man die gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert und beachtet, statt idealistisch oder humanistisch aus dem Kopf oder Bauch heraus für die vermeintlich immer richtige und gute Sache einzutreten. Aber die Gesetzmäßigkeiten der geschichtlichen Entwicklung theoretisch zu erkennen – wie es Marx zu können meinte – erscheint doch recht anmaßend und erstaunlich naiv. Die historische Entwicklung selbst strafte ihn ab. Dabei ist ihr Verlauf weiterhin offen, wie wir zunehmend im Zuge der multiplen gesellschaftlichen Krise erfahren, die einen Neuanfang unvermeidlich macht. Der Anarchismus steht nicht zuletzt für das Insistieren der Menschen darauf, das die Dinge nicht festgelegt sind; das es Handlungsfreiheit gibt; das der Lauf der Dinge beeinflusst werden kann. Statt fatalistisch die Hände in den Schoß zu legen, fordert er uns auf, unsere Leben in unsere eigenen Hände zu nehmen – und damit einzugreifen; trotz und gegen den rasenden Stillstand der Herrschaftsordnung.

Zweitens ist da die Geschichte ohne Gesetze. Also: die Geschichte des Anarchismus. Auf der Myzelium-Tagung gab es mehrere Beiträge aus dem Fachbereich der Geschichtswissenschaften. Das ist sehr schön, sollte jedoch nicht (wieder) zum Fehlschluss verleiten, dass der Anarchismus vor allem ein historische Phänomen ist. Vielmehr lehrt uns Geschichte, das Gewordene zu begreifen und seine potenziell zukünftige Entwicklung zu antizipieren. Damit verbunden lohnt es sich, die Geschichten des Anarchismus weiter zu entdecken und zu würdigen. In den Universitäten kam sie allerdings hierzulande, aber auch sonst, kaum vor. Man muss sie selber machen. Unter anderem ein Vortrag zur Mexikanischen Revolution verdeutlichte, dass hier viel historische Bildung in den eigenen Reihen notwendig ist.

Drittens handelt es sich um die Geschichte der kommunalen Selbstorganisation und Solidarität; der Freiheit und Gleichheit; der Revolten und Revolutionen; der kleinen Ungehorsamkeiten und alltäglichen gegenseitigen Unterstützung gegen die Zumutungen der Herrschenden. Anarchist*innen haben die Geschichte der Unterdrückten, Ausgebeuteten und Entfremdeten nicht gepachtet. Vielmehr regt sich überall wo es Herrschaft gibt auch Widerstand. Im Zeitalter von digitaler Gesichtserkennung, KI-gestützter Überwachung, hybriden und asymmetrischen Kriegen, nationaler Abschottung und Klimakollaps, reaktionären Backlashs und zunehmenden Konformismus ist diese Nachricht nicht selbstverständlich. Menschen können sich ohne (staatliche) Gesetze selbst organisieren und in vielerlei Hinsicht ein besseres Leben führen, wenn sie sich selbst Regeln geben (Autonomie). Diese Möglichkeit erscheint als „unrealistisch“, weil sie sich gegen die Realität der Herrschenden stellt. Doch die herrschende Realität ist die uns aufgezwungene Realität, die nicht die einzige Geschichte ist – und daher durchbrochen werden kann.

In ihrer kleinen Alltäglichkeit stellte die Myzelium-Tagung einen Ausbruch aus dem allzudeutschen Nihilismus dar, der die gesellschaftliche Linke im ewigen Jammertal wandern lässt – anstatt das sie aufrechten Hauptes für ihre Vision einsteht. Damit stellt ein zeitgemäßer Anarchismus auch ein Gegenpol zur sozialdemokratischen Linkspartei, linksintellektuellen Pseudoradikalen und den autoritären Neoleninist*innen dar. Ob ein erneuerter Anarchismus Gestalt gewinnen kann, wirft komplexere Fragen nach Bewusstseinsbildung und Organisation auf. Diese müssen hier verschoben werden…

Wenn diese Ansicht als „voluntaristisch“ verstanden wird, soll es so sein. Wir aber wollen Geschichte ohne Gesetze Ⓐ selber machen!

Die Audio-Mitschnitte der meisten Beiträge werden voraussichtlich demnächst veröffentlicht. Einen Überblick über das Programm gibt es hier: myzelium-tagung.de